Die un_kritische Theorie Judith Butlers – Der Audiomitschnitt zum Download.

Mit einer Woche Verspätung hier der lange versprochene Audiomitschnitt zu Lars Quadfasels Vortrag: „Die Schöne Seele des Poststrukturalismus – Die Un_kritische Theorie Judith Butlers“.
Vortrag.
Diskussion.

Aufruf zur Frankfurter Buchmesse

Im Folgenden dokumentieren wir einen Aufruf zur Protestkundgebung gegen die Beteiligung des iranischen Regimes an der Frankfurter Buchmesse. Wir unterstützen diesen Aufruf und bitten um rege Beteiligung.

Keine Bühne für das iranische Regime!
Kein Platz für Antisemiten und die Mörder der iranischen Opposition auf der Buchmesse!

Anfang der 1990er-Jahre wurde der Iran als Reaktion auf die Todesfatwa gegen Salman Rushdie völlig zu Recht von der Buchmesse verwiesen. Heute hingegen, da die Fatwa gegen Rushdie weiterhin in Kraft ist, das Kopfgeld auf ihn vor wenigen Wochen nochmals erhöht wurde, eine neue Todesfatwa gegen den in Deutschland lebenden Sänger Shahin Najafi verkündet wurde, zahlreiche oppositionelle Schriftsteller im Iran verfolgt werden und das Regime seine Vernichtungsdrohungen gegen Israel beständig wiederholt, weigert sich die Messeleitung, das iranische Regime auszuschließen. Von den Teheraner Machthabern, die in der Vergangenheit ihren Auftritt in Frankfurt zur Verbreitung von offen antisemitischer Literatur genutzt haben, wurde im Vorfeld der Buchmesse klargestellt, dass es ihnen um mehr geht als nur die Präsentation von regimekonformer iranischer Literatur: Neben regimetreuen Verlagen wird auch die iranische Botschaft auf der Messe vertreten sein, von der eine unmittelbare Bedrohung für in Deutschland lebende Exiliraner ausgeht. Die Teheraner Machthaber wollen ihre zunehmende internationale Isolation durch ihren Auftritt in Frankfurt durchbrechen und die iranische „Kulturpolitik“ präsentieren, die eine Zensur- und Mordpolitik ist. Ali Esmaeli vom iranischen „Ministry of Culture and Islamic Guidance“ hat angekündigt, man wolle einen „Holy Prophet“-Stand errichten, um gegen den Mohammed-Film zu protestieren, für den er „die Vereinigten Staaten und das zionistische Regime“ verantwortlich macht. Selbst die Ankündigung eines Regimes, das Israel regelmäßig mit der Vernichtung droht und Konferenzen zur Leugnung des Holocaust organisiert, bei der Buchmesse gegen den als „zionistisches Regime“ ins Visier genommenen Staat der Shoahüberlebenden zu agitieren, konnte die Messeleitung nicht dazu bewegen, den Auftritt des Iran zu untersagen.

Der massive Terror nach innen und außen, die Verfolgung von oppositionellen Schriftstellern, Journalisten und Gewerkschaftern gehören ebenso zum Charakter des iranischen Regimes wie die systematische Verfolgung von religiösen Minderheiten wie den Bahai, die Hinrichtungen von Homosexuellen sowie die allgegenwärtige Repression gegen Frauen, die sich dem islamistischen Sittenkodex nicht unterwerfen wollen. Das Regime arbeitet offensichtlich an der Entwicklung nuklearer Waffen, die für Israel eine existenzielle Bedrohung darstellen und auch Europa erreichen könnten. Was dieses Regime auch von anderen islamisch geprägten Despotien unterscheidet, ist die Kombination aus einer messianistisch-apokalyptischen islamischen Ideologie, Antisemitismus und dem Streben nach der Technologie der Massenvernichtung.

Wir fordern, das iranische Regime von der Buchmesse auszuschließen und den Stand des Iran Exilschriftstellern und Oppositionellen zu überlassen, die für einen Sturz der antisemitischen Diktatur eintreten!

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Infotisch: 8:30-16:00 Uhr,

Kundgebung: 13:00 Ludwig-Ehrhard-Anlage (gegenüber Messe City-Eingang)

Veranstaltung: Die schöne Seele des Poststrukturalismus – Die un_kritische Theorie Judith Butlers

Am 7.10.2012 um 19 Uhr lädt die Association Antiallemande:Berlin in die Schankwirtschaft Laidak (Boddinplatz, Neukölln), wo Lars Quadfasel zum Thema „Die schöne Seele des Poststrukturalismus – Die un_kritische Theorie Judith Butlers“ vortragen wird. Der Eintritt ist frei.

Die schöne Seele des Poststrukturalismus – Die un_kritische Theorie Judith Butlers

Die Verleihung des diesjährigen Adorno-Preises der Stadt Frankfurt an die Ikone der ›Queer‹-Bewegung, Judith Butler, hat zu einigen Protesten Anlass gegeben. Butlers Unterstützung für antiisraelische Boykottkampagnen und ihre Nobilitierung von Hamas und Hisbollah als »Teil der globalen Linken« widersprechen allzu deutlich all dem, wofür der Namensgeber des Preises zeit seines Lebens einstand. Butlers Fürsprecher verlegten sich daher gerne auf die Formel, man dürfe über ihre politischen Dummheiten doch nicht ihre brillante Philosophie übersehen. Es wird daher auf der Veranstaltung darum gehen, den grundlegend affirmativen Zug der als so radikal gefeierten Gender-Theorie und Moralphilosophie Butlers darzulegen – zu welcher die antizionistischen Ausfälle eben passen wie die Faust aufs Auge.

Zu zeigen wird im einzelnen sein

dass die so populär gewordene Vorstellung, das menschliche Natursubstrat sei nichts als ›diskursiv konstruiert‹, d.h. rein durch Sprache erschaffen, eine groteske Neuauflage des alten bürgerlichen Idealismus darstellt – eines Idealismus allerdings, dessen (nunmehr als »Gesetz«, »Norm« oder »Diskurs« fungierender) Geist so allmächtig wie geistlos ist;

dass die queere Subversion der Geschlechterdualität exakt der Logik des Kapitals folgt, unter dessen Herrschaft längst auch von Frauen mannhaftes Durchsetzungsvermögen und von Männer ‚weibliche Tugenden‘ (Empathie, Teamfähigkeit, Kommunikationskompetenz) gefordert wird;

dass die »Dekonstruktion« von Körper und Geschlecht daher bloß nachvollzieht, dass den Menschen ihre eigene Leiblichkeit mehr und mehr zum Störfaktor mutiert – und zugleich, in der Verleugnung des menschlichen Natursubstrats, exakt das dem kritischen Blick entzieht, was die Menschen der Herrschaft so gefügig macht: das Ineinander von Gesellschaft und Leib, erster und zweiter Natur, in Gestalt von Entbehrung, Schmerz und Leid;

dass Butlers Strategie, lieber von Performanz und Diskurs zu reden statt von Hunger und Ausbeutung, von Vergewaltigung, Folter und Massenmord, daher nicht nur, zur Freude ihrer akademischen Anhängerschaft, die Spießerweisheit bestätigt, Worte seien mächtiger als Waffen – sondern vielmehr auch systematisch das Grauen verharmlosen und verniedlichen muss, das Menschen tagtäglich angetan wird;

dass in der postmodernen Puppenstubenidylle, als welche die Welt in der Butler’schen Theorie erscheint, nichts vorkommen kann, was nicht durch ein bisschen Treu und Redlichkeit wieder ins Lot zu bringen wäre – nicht Auschwitz also, die vollendete Barbarei, und auch nicht diejenigen Kräfte, die heute das Werk des Vernichtungsantisemitismus fortzuführen und zu vollenden trachten;

dass also, kurz und bündig, Butlers Gedankenwelt weder, wie von ihren linksradikalen Adepten behauptet, revolutionär noch, wie von ihr selbst intendiert, reformistisch ist, sondern schlicht und einfach die zeitgemäße Ideologie des akademischen Kleinbürgertums: die Einladung zum bedingslosen Mitmachen, ohne je selber dafür Verantwortung übernehmen zu müssen.

Lars Quadfasel ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek und der Gruppe Les Madeleines. Er publiziert in verschiedenen Zeitschriften (u.a. konkret, Jungle World, Extrablatt) und Sammelbänden, zuletzt in: Annika Beckmann u.a. (Hg.), Horror als Alltag. Texte zu »Buffy the Vampire Slayer« (Verbrecher Verlag 2010).

Eine Veranstaltung der Association Antiallemande:Berlin.
Eintritt frei.

Kalkulierte Kränkung – Zur Verleihung des Adornopreises an Judith Butler

Dass die Adorno-Preisverleihung an Judith Butler skandalös sei, wie von einigen Beobachtern behauptet wurde, ist einer ehrbaren Intention geschuldet, aber noch zu kurz gedacht: Zu verstehen wäre sie nur als verspätete Rache an einem, dem nun endlich und ein für allemal die Replik versagt bleibt. Schon die Begründung der Entscheidung legt das nahe:

“Als Vordenkerin eines neuen Verständnisses von Kategorien wie Geschlecht und Subjekt, aber auch der Moral, ist sie immer dem Paradigma der kritischen Autonomie verpflichtet. Spurenelemente von Butlers Theoriegebäude finden sich in den Werken der zeitgenössischen Literatur, dem Film, dem Theater und der Bildenden Kunst.”

Unweigerlich ähneln sich selbst die ernsthaftetesten Ehrungen des Kulturbetriebes der Werbung, das Spurenelement der kritischen Autonomie gerät zum Vitaminpräparat, mit dem die abgehalfterte Branche in Schwung gehalten werden soll. Das neue Verständnis, das nicht einmal mehr der Explikation bedarf, darf darin die Rolle der zu verhökernden Novelty spielen.

Die Verleihung des Adorno-Preises unter Angabe solcher Gründe leistet gleich zweierlei: Einerseits die Historisierung der Person Adorno als Genie der Stadt Frankfurt, andererseits die dezente Anmeldung von Einspruch gegen die Kritische Theorie: in Adornos eigenem Namen wird so der kritische Gehalt von Schriften wie “Kultur und Verwaltung” oder “Neues als Immergleiches” mit seinem Segen wieder einkassiert.

Fernab davon “Neue Verständnisse” von diesem oder jenem zu liefern, war in ihnen noch gegen ebenjene der Einwand nachzulesen: “Auch Lockerungen der Kulturkontrolle dürften ökonomisch zu begreifen sein. Man wirft den mit trostlosen Zuständen am Rande des Hungers unzufrieden und ihre Kritik artikulierenden Intellektuellen Brocken geistiger Freiheit als Ersatz zu; die geringste Lockerung profitiert von der grauen Folie, als verhieße sie Humanität.”

Adorno, den Intellektuellen, hassen die Intellektuellen dafür, dass er ihnen ihre Spielwiese madig macht und ihren neuesten Schrei als Ladenhüter denunziert. Und da er nicht auszutreiben ist, gemeindet man ihn ein. Als Kulturprodukt unter zahllosen, als Preis neben anderen im Regal und gegebenenfalls als Gedenkmünze neben Adenauer ist er weitaus wirksamer erledigt, als wenn man seine Schriften schlicht mit Verbot belegte. Den Nerv solchen Denkens spricht ungewollt Micha Brumlik aus, wenn er sich müht die Preisverleihung an Butler zu rechtfertigen:

“Wie keine anderer hat der Philosoph Theodor W. Adorno im restaurativen Deutschland die Lage des Denkens nach Auschwitz reflektiert, nur wenige taten es ihm gleich, wenn es galt, sich als öffentlicher Intellektueller mit dem Antisemitismus auseinanderzusetzen(…)
Wie keine andere auch hat die Philosophin Judith Butler in der atlantischen Welt die Lage des Denkens im Zeitalter des Neoliberalismus reflektiert; nur wenige tun es ihr gleich, wenn es gilt, sich als öffentliche Intellektuelle mit Sexismus, Homophobie und Rassismus auseinanderzusetzen.”

Die Art der Darstellung gibt zu verstehen, dass hier alles beim Alten bleibt und man es mit dem je spezifischen Inhalt des Denkens doch nicht gar zu eng sehen sollte. Es ist daher auch gar nicht so entscheidend, ob man zur negativen Dialektik greift oder zum Unbehagen der Geschlechter, ob Auschwitz oder Neoliberalismus die Reflexion bestimmen, die nahtlose Ersetzbarkeit einer Ware durch die Nächste wird zum höheren Ruhm, wenn die Ware Adorno heißt.

Nach Adorno, der sich noch in einem Brief an Celan zu Theodor Haeckers Wort „Alles offizielle sei Schmack“ bekannte, einen Preis zu benennen, ist unweigerlich dazu bestimmt, seinem Denken und Handeln zuwider zu sein. Weniger böser Wille als vielmehr unvermeidliches Schicksal des “Klassikers” widerfährt den Suhrkamp-Bänden diejenige Verdinglichung und Fetischisierung, gegen die ihr Inhalt heute noch anrennt.
Ist dies das Problem und Schicksal jeglicher Würdigung als “Kulturgut” und die Kränkung angesichts der Bekanntheit des Haeckerzitates je schon einkalkuliert, gewinnt der Preis durch die Verleihung an Butler jedoch eminent politischen Gehalt.

Butlers Verteidiger Brumlik macht für sie geltend, sie habe, wie Adorno schon vor ihr, Bewegungen inspiriert. Was er dabei verschweigt ist der Bruch, der zwischen Adorno und der Bewegung, die sich als ihm zugehörig empfand bestand und den Adorno in klarsten Worten problematisierte.
Dass heute den Wenigen, die gegen die Preisverleihung an eine Frau, die sich für den Boykott der Israelischen Universitäten und des israelischen Staates schlechthin einsetzt entgegengehalten wird, es handle sich um eine randständige Verwirrung und keineswegs um Antisemitismus, nicht zuletzt, da Butler auch selbst Jüdin sei, hat etwas von tragischer Komik, wenn man es durch die Folie des damaligen Bruches betrachtet.

Damals schrieb Adorno an seinen Freund, Kollegen und Rivalen Marcuse:
“Die Gefahr des Umschlags der Studentenbewegung in Faschismus nehme ich viel schwerer als du. Nachdem man in Frankfurt den israelischen Botschafter niedergebrüllt hat, hilft die Versicherung, das sei nicht aus Antisemitismus geschehn und das Aufgebot irgendeines israelischen APO-Mannes nicht das mindeste. Du müßtest nur einmal in die manisch erstarrten Augen derer sehen, die, womöglich unter Berufung auf uns selbst, ihre Wut gegen uns kehren.”

Dagegen gilt heute Butlers Antisemitismus als Marginalie, ihr Aufruf zum Boykott gegen den Judenstaat als nachsehbares Missgeschick bei Philosophieren, das allemal nicht schlimmerwiege als eine Auffassung zum Jazz, wodurch jeder Einspruch oder Empörung gegen die Entscheidung des Kuratoriums als unnötige Hysterie gekennzeichnet wird. In seinem Heft O notierte Adorno zu diesem Verhalten:

“Heute wird beschimpft, wer daran erinnert. Wenn in einer Landsmannschaft seiner sagt, das Fernsehen sei verjudet, so wird darüber hinweggegangen, wenn der Vorsitzende, wie man so sagt, sich distanziert, ohne daß dem Hintergrund der wahnwitzigen Äußerung nachgegangen wird. Wenn aber jemand von der Gefahr einer Rückkehr des Hitlerschen Geistes redet, die in so etwas sich anzeigt, ist der Teufel los. – Das ist untragbar und dagegen sich zu wehren wäre Sinn einer Woche der Brüderlichkeit. Wem die Wahrheit schadet.”

Konnte Adorno sich zu Lebzeiten noch davor retten, von denjenigen, die ihren Antisemitismus als Israelkritik vortrugen, gänzlich mit Beschlag belegt zu werden, ist die Verleihung des Adorno-Preises an Butler der verspätete Triumph jener Studenbewegung, der der Umschlag in den Faschismus vor allem deshalb nicht glückte, weil er gesellschaftlich in Deutschland gar nicht mehr notwendig war. Dass der Neuauflage des Judenboykottes nun im Namen dessen geehrt wird, der zeitlebens gegen den Antisemitismus anschrieb, ist Grabschändung dort, wo der theoretische Korpus schwerer wiegt als der Leib.

Insofern ist es nur folgerichtig, dass diejenigen Argumentationen, die sich für ein Festhalten an der Preisverleihung aussprachen, in letzter Instanz alle mündeten in eine blasse Entschuldigung verzeihlicher Fehltritte, ganz so, als stünden Butlers Theorie und ihre Praxis vollkommen dissoziiert nebeneinander. Lieber diskreditieren sie diejenige, die sie vorgeblich ehren wollen als töricht und inkohärent, als sich an die mühevolle Arbeit einer kritischen Auseinandersetzung mit ihrer Arbeit zu machen. Das wäre die zu leistende und ausstehende Arbeit: eine umfängliche und fundierte Kritik der Arbeiten Butlers zu erstellen, die den inneren Zusamenhang zwischen ihrem politischen Engagement dar- und bloßstellen. Dies, nicht die Opposition gegen die Preisverleihung, wäre die Aufgabe all jener, die unter ihrem Bekenntnis zur Kritischen Theorie mehr verstehen als Frankfurter Personenkult.

Warum können die Marxisten nicht lesen? – Veranstaltung mit Joachim Bruhn.

Die Marxisten aller Fraktionen haben es sich darauf versteift, „Das Kapital“ von Marx als alternatives Handbuch der Volkswirtschaftslehre lesen zu wollen und sodann zu ihrem höchst eigenem Nutzen zu bewerben. Am allerliebsten diskutieren sie die Frage, die ihnen die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ pünktlich zu Beginn der neuesten Krise vorgelegt hat: „Hat Marx doch recht?“ Wenn sie derart nachgefragt werden, dann läuft nicht nur Sarah Wagenknecht zu großer Form auf, dann sind sie alle in ihrem Element: dem Rechthaben über die gesellschaftliche Organisation des größtmöglichen Unglücks der größtmöglichen Zahl, und d.h.: dem Wahrsagen einer Vergesellschaftung, die doch an sich die Widervernunft schlechthin darstellt.
Seit Karl Kautsky und Elmar Altvater, seit W. I. Lenin und Michael Heinrich (der sogar das Unmögliche wirklich hat werden lassen, indem er eine „Wissenschaft vom Wert“ verfaßte), gefallen sich die Marxisten als gemeinnützige Interessenvertreter, gar: als Avantgarde einer ominösen „Arbeiterklasse“, wofür sie gerne, als kleine Aufwandsentschädigung, einen gewissen politischen, v.a. aber akademischen Mehrwert einstreichen und sich auf Veranstaltungen von „Marx21“ oder Kongressen wie „Rethinking Marx“ spreizen. Sie peublieren die ideologischen Staatsapparate, gerne auch auf Almosen der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Und sie tun dies, indem sie – was von Friedrich Engels vielleicht noch als müdes Witzchen gemeint war, als er den Proletarier_Innen „Das Kapital“ als die „Bibel der Arbeiterklasse“ verkaufen wollte – als erstes den Untertitel des Marxschen Buches totschlagen, der ja, wie unsachlich, die „Kritik der politischen Ökonomie“ ankündigt. So beugen sie sich über „Das Kapital“ wie die Scholastiker über die Bibel, bewerfen sich mit Zitaten und haben überhaupt ihr grausiges Spaßvergnügen daran, die von Marx intendierte sozialrevolutionäre Kritik zur akademischen Theorie und zur Wissenschaft vom Wert zu verharmlosen, d.h., wie Adorno diesen Unfug nannte, zum Truppenübungsplatz „scharfsinniger Rindviecher“, die darum wetteifern, wie „der Wert“ am pfiffigsten aus „der Arbeit“ abgeleitet werden kann.
Daher greift, lange bevor die Interpretationen in aller, wie immer ganz unschuldiger Originalitätssucht sich überbieten, unter den Marxisten der Analphabetismus um sich: kaum einer, der nicht behauptet, Marx beginne seine „Analyse“ mit der „Elementarform“ der Ware. „Überlesen“ wird so, daß der Materialismus das der „Analyse“ Vorausgesetzte, dessen gesellschaftliche Konstitution, kritisiert, und erst dann der totalitären Entfaltung der Widervernunft hinterherdenkt; „überlesen“ wird außerdem, daß Marx „Das Kapital“ keineswegs mit der Ware anfängt, daß der erste Satz des Buches vielmehr lautet: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung’, die einzelne Ware als seine Elementarform.“ Indem Marx mit dem Reichtum beginnt, der als das gerade Gegenteil seiner selbst gesellschaftlich zu „erscheinen“ genötigt ist, wird zugleich gezeigt, daß das Ende und die Aufhebung des Kapitals, d.h. seine Wahrheit, kein Gegenstand von Theorie sein, daß es keine Wahrheit über das Kapital geben kann. Es sei denn, die Marxisten verschreiben sich ihrem liebsten Sport, den Karl Kraus einmal so definierte: „Deutsch fühlen, aber nicht können.“

Vortrag und Diskussion mit Joachim Bruhn
(ça ira Verlag – Freiburg)
Schankwirtschaft Laidak / Boddinstr. 42, Berlin
Mittwoch, 28.3.2012 / 20h