Von der friedfertigen Antisemitin zur queer-theoretischen Post-Zionistin

Isch resch mich jetz nett uff....

Jahrzehntelang hat die „neue Frauenbewegung“ ein positives Bild von „der Frau“ im NS gezeichnet, was nicht selten zu einer den Holocaust verharmlosenden Argumentation führt(e). Entgegen der Tatsache, dass Frauen als KZ-Aufseherinnen, Fürsorgerinnen oder Denunziantinnen an der antisemitischen Ausgrenzung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden begeistert mitwirkten, werden sie in feministischen Schriften oft auch als auf die Mutterrolle reduzierte „Gebärmaschinen“ dargestellt – ein feministischer Fall von Täter(innen)-Opfer-Umkehr. Handelt es sich um einen spezifisch feministischen Antisemitismus, wenn Matriarchatsforscherinnen dem Judentum und seinem historischen „Ausmordungsprogramm“ die Schuld an der Zerstörung des Matriarchats geben und es als besonders patriarchale Religion imaginieren? Der Bogen reicht bis Judith Butler, die nicht mehr vom „alten Israel“ spricht, sondern alles Schlechte im heutigen, rassistischen, vom Siedlerkolonialismus und Reinheitsvorstellungen geprägten, auf Vertreibung basierenden, illegitimen Staat Israel verortet, der aufgrund anhaltender „Deportationen“ und des „konzentrierenden Kolonialismus“ ebenfalls selbst Schuld an der ihm drohenden Zerstörung sei.
Ljiljana Radonic ist Lehrbeauftragte am Wiener Institut für Politikwissenschaft und forscht über den Zweiten Weltkrieg in post-sozialistischen Gedenkmuseen an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Relevante Publikationen: Die friedfertige Antisemitin? Kritische Theorie über Geschlechterverhältnis und Antisemitismus, Frankfurt/Wien 2004; Sexualität und Mutterschaft. Geschlechterverhältnisse im Nationalsozialismus, in: Jungle World 21/2006; Gebärmaschinen und Mitläuferinnen? – Zum Umgang der „Neuen Frauenbewegung“ mit Nationalsozialismus und Antisemitismus, in: Fleissner, Peter/Wanek, Natascha (Hg.): BruchStücke. Kritische Ansätze zu Politik und Ökonomie, Berlin 2009.“

Die Veranstaltung findet am 13.5. in den Räumen der Humboldt-Universität zu Berlin statt. Der Eintritt ist wie immer frei, wir bitten aber um Spenden zur Deckung unserer Unkosten.
Beginn ist 19:30, um einen Audiomitschnitt und seine zeitnahe Veröffentlichung bemühen wir uns.

Sabotiert Augstein

Wir schließen uns dem Aufruf der Antideutschen Aktion Berlin an, Augsteins Auftritt in Berlin am 16 März zu verhindern. Im Folgenden dokumentieren wir ihren Text.

Am Sonn­tag den 16. März 2014 um 10:30 Uhr
Im Film­thea­ter Union in der Böl­sche­stra­ße 69, Ber­lin

„Jeder in Deutsch­land fühlt sich ver­ant­wort­lich für Schil­ler, für Goe­the und für Beet­ho­ven, aber kei­ner für Himm­ler. Ein Groß­teil der Be­völ­ke­rung denkt wie Mar­tin Wal­ser. Ende. Zeit, Schluß zu ma­chen, nur noch nach vorne schau­en.“ Ignatz Bubis

Nur einer blieb sit­zen, im Ok­to­ber 1998, bei der Ent­ge­gen­nah­me des Frie­dens­prei­ses des deut­schen Buch­han­dels in der Frank­fur­ter Pauls­kir­che, wäh­rend der Schrift­stel­ler Mar­tin Wal­ser gegen „Ausch­witz“ als „Mo­ral­keu­le“ wet­ter­te. Als ver­folg­te Un­schuld fühle er sich, lies Wal­ser die ver­sam­mel­te Pro­mi­nenz wis­sen, weil kein Tag ver­geht, an dem die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen, „un­se­re ge­schicht­li­che Last, die un­ver­gäng­li­che Schan­de, sie uns nicht vor­ge­hal­ten wird“. Er habe das Ge­fühl, daß oft „nicht mehr das Ge­den­ken, das Nicht­ver­ges­sen­dür­fen das Motiv ist, son­dern die In­stru­men­ta­li­sie­rung un­se­rer Schan­de zu ge­gen­wär­ti­gen Zwe­cken.“ Über tau­sen­de Zu­hö­rer ap­plau­dier­ten, ste­hend. Nur einer blieb sit­zen. Ignatz Bubis, der da­ma­li­ge Vor­sit­zen­de des Zen­tral­ra­tes der Juden in Deutsch­land.

Wie in einem fal­schen Film. Bubis warf Wal­ser be­rech­tig­ter Weise „geis­ti­ge Brand­stif­tung“ vor. Doch mit sei­ner Kri­tik stand er al­lein auf wei­ter Flur. Die deut­schen Eli­ten dach­ten wie der al­tern­de Schrift­stel­ler. Deutsch­land kam lang­sam zu sich. Schon im Jahr 1995 ent­deck­te der so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Frei­mut Duve die „Rampe von Sbre­ni­ca“. Deut­sche Po­li­ti­ker hal­lu­zi­nier­ten ein zwei­tes Ausch­witz in Ju­go­sla­wi­en. Der bünd­nis­grü­ne Au­ßen­mi­nis­ter Josch­ka Fi­scher sprach 1999 von einem „neuen Ausch­witz“ im Ko­so­vo. Im Kriegs­fall spricht das kol­lek­ti­ve Un­be­wuß­te der Deut­schen voll­ends Ta­che­les. Wenn die Opfer der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten die sel­ben Ver­bre­chen be­ge­hen wie die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, ver­lie­ren die Taten ihre be­son­de­re Scheuß­lich­keit, wenn man schon den alten Ver­bün­de­te in Pa­läs­ti­na nicht di­rekt mi­li­tä­risch unter die Arme grei­fen kann, so dann we­nigs­tens den ehe­ma­li­gen al­ba­ni­schen Hilfs­trup­pen. Der Clou: Eine einst­mals deut­sche Tat wird uni­ver­sell, Täter und Opfer be­lie­big aus­tausch­bar. Adolf Hit­ler wird letzt­lich in­ter­na­tio­nal.

Einen Monat vor sei­nem Tod im Jahre 1999 äu­ßer­te sich Ignatz Bubis re­si­gniert über seine Amts­zeit als Vor­sit­zen­der des Zen­tral­ra­tes der Juden, bei­na­he ge­bro­chen gab er zu Pro­to­koll: „Ich woll­te diese Aus­gren­ze­rei, hier Deut­sche, dort Juden, weg­ha­ben. Ich habe ge­dacht, viel­leicht schaffst du es, daß die Men­schen an­ders über ein­an­der den­ken, an­ders mit­ein­an­der um­ge­hen. Aber, nein, ich habe fast nichts be­wegt. Die Mehr­heit hat nicht ein­mal ka­piert, worum es mir ging. Wir sind fremd ge­blie­ben.“ Auf dem Weg zur neuen deut­schen Nor­ma­li­tät sind die letz­ten Nörg­ler nur noch un­nö­ti­ger Bal­last.

Im Zwei­fel an­ti­se­mi­tisch

„Jakob Augstein macht Is­ra­el, das meis­tens als Syn­onym für die Juden ge­nom­men wird, zum Sün­den­bock für alles. Er läßt den Ju­den­staat in An­spie­lung auf die Wei­sen von Zion nach der Welt­herr­schaft grei­fen, Blut­ta­ten ver­üben, die Welt in den Ab­grund rei­ßen und wei­te­re reich­lich ku­rio­se Taten voll­brin­gen.“ Rai­ner Tram­pert

Jakob Augsteins pu­bli­zis­ti­sches Stahl­ge­wit­ter ist die Fort­set­zung Mar­tin Walsers lang­jäh­ri­gen Wir­kens mit bei­na­he den­sel­ben Mit­teln. Was für Wal­ser Ausch­witz war, ist für Augstein Is­ra­el. Ein Me­ne­tekel. Ein deut­sches Me­ne­tekel, das man schleu­nigst hin­ter sich las­sen muß. Es gilt den lan­gen Schat­ten des Ho­lo­caust los zu wer­den, der deut­schen Zu­kunft wil­len. Bei Augsteins deutsch-​na­tio­na­lis­ti­schen Fan­ta­si­en dreht es sich „nicht um die Ge­schich­te Deutsch­lands. Son­dern um die Ge­gen­wart der Welt“. Für den nächs­ten An­lauf deut­scher Groß­macht­sam­bi­tio­nen sieht der Her­aus­ge­ber der Wo­chen­zeit­schrift ‚Der Frei­tag‘ den ers­ten Schritt in der voll­stän­di­gen Eman­zi­pa­ti­on von den USA und Is­ra­el. Ein Ku­kucks­kind sucht neue El­tern.

Die spe­zi­el­le Ver­bin­dung Deutsch­lands mit den USA und vor allem Is­ra­el ist das Re­sul­tat des al­li­ier­ten Sie­ges über den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Nichts we­ni­ger als die voll­stän­di­ge An­nul­lie­rung der letz­ten al­li­ier­ten Auf­la­gen und die Re­vi­si­on der deut­schen Is­rael­po­li­tik ist Augsteins Ziel. Des­halb po­le­mi­siert er gegen die deut­sche Waf­fen­hil­fe für Is­ra­el, phan­ta­siert von dem jü­di­schen Welt­frie­dens­sa­bo­teur und be­haup­tet das „die Re­gie­rung Ne­tan­ja­hu die ganze Welt am Gän­gel­band“ führt. Mit An­ti­se­mi­tis­mus habe dies nicht zu tun, dies sei le­gi­ti­me Is­rael­kri­tik, be­zeu­gen seine zahl­rei­chen Un­ter­stüt­zer. Dabei un­ter­stellt Augstein pau­schal, das al­lein Is­ra­el ge­ne­rell „an Frie­den … kein In­ter­es­se“ hat. Wirft ihm vor es „brü­tet“ sich in Gaza „seine ei­ge­nen Geg­ner aus“ und setzt seit Jahr­zehn­ten seine In­ter­es­sen „ohne Rück­sicht auf die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der Mit­tel“ durch, ohne auch nur ein Wort über die stän­di­ge Be­dro­hung des Lan­des zu ver­lie­ren.

Augsteins Dar­stel­lung von Is­ra­el ist von an­ti­se­mi­ti­schen Ste­reo­ty­pen ge­prägt, bei­na­he ma­nisch ver­sucht er Is­ra­el, und den USA, all die Schuld am Elend die­ser Welt zu un­ter­stel­len. Un­ver­blümt nar­ziss­tisch schwingt sich hier der deut­sche An­ge­klag­te, wie­der ein­mal zum Rich­ter über seine An­klä­ger auf. Nicht nur für ihn gilt das Motto: Wir müs­sen uns beim Thema An­ti­se­mi­tis­mus von nie­man­dem be­leh­ren las­sen, er­st­recht nicht vom Si­mon-​Wie­sen­thal-​Zen­trum.

Keine Bühne für An­ti­se­mi­ten!

„Man muß sich von der Vor­stel­lung lösen, daß An­ti­se­mi­tis­mus ein nor­ma­les Vor­ur­teils­sys­tem ist. Der Ju­den­haß ist Teil des kul­tu­rel­len Codes vie­ler Men­schen und ge­hört seit Jahr­hun­der­ten un­ge­bro­chen zum kom­mu­ni­ka­ti­ven Ge­dächt­nis der abend­län­di­schen Ge­sell­schaft. Da­ge­gen hel­fen oft weder Bil­dung noch In­tel­li­genz.“ Mo­ni­ka Schwarz-​Frie­sel

Am Sonn­tag, den 16. März, will Jakob Augstein im Film­thea­ter Union in Ber­lin-​Fried­richs­ha­gen sein neu­es­tes Pro­pa­gan­da­werk mit dem Titel „Sa­bo­ta­ge“ vor­stel­len. Wir sind der Mei­nung, was ein­mal in Han­no­ver ge­klappt hat, kann auch in Ber­lin funk­tio­nie­ren. Des­halb rufen wir alle zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen, an­ti­fa­schis­ti­schen und an­ti­deut­schen Ein­zel­per­so­nen, Grup­pen und In­itia­ti­ven auf, mit allen Mit­teln, auf allen Ebe­nen den Auf­tritt des Top-​Ten-​An­ti­se­mi­ten Jakob Augstein zu ver­hin­dern.

An­ti­deut­sche Ak­ti­on Ber­lin im März 2014

Erdoğans Kulturrevolution – Vortrag und Diskussion mit Murat Yörük

We come in peace.

Die Türkei Atatürks ging einst aus dem untergegangenen Osmanischen Reich hervor und trat gegen die islamische Tradition an, indem sie den Westen zum Vorbild erklärte. Durch Atatürks Kulturrevolution, die eine radikale Säkularisierung zum Ziel hatte, sollte die islamische Alltagsmoral zurückgedrängt und durch staatliche Aufsicht kontrolliert werden. Nach nunmehr 90 Jahren ist immer weniger davon im Alltag zu spüren – die heutige Türkei ist vielmehr auf dem besten Weg in eine totalitäre Herrschaft. Pünktlich zum hundertjährigen Bestehen der Republik hofft darum der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan an seinem persönlichen Ziel, der Gründung einer „zweiten Republik“, angelangt zu sein.

Recep Tayyip Erdoğan und seine AK Parti (AKP) traten 2002 mit dem Versprechen an, eine umfassende Demokratisierung vorzunehmen. Nach 10 Jahren kann resümiert werden, dass im Namen der Demokratisierung, die hier eine Re-Islamisierung der Gesellschaft bedeutet, an die Stelle der alten laizistisch-kemalistischen Elite eine neue, die islamisch-kemalistische getreten ist, die innerhalb der rechtsstaatlichen Rahmenbedingungen zur schleichenden Re-Islamisierung der Gesellschaft beiträgt.

Im Vortrag soll der politische Werdegang Erdoğans, der sich allzu gerne als Triumphator inszeniert, skizziert und anhand ausgewählter Reden dessen politische Rhetorik näher untersucht werden. Dabei werden auch einige Gedanken zur Sozialpsychologie des türkischen Islamismus zur Diskussion gestellt und die Frage geklärt werden, wie es dazu kommen konnte, dass scheinbar nicht wenige Türken eher an islamischer Prosperität interessiert sind als an individueller Freiheit.

Murat Yörük ist Autor, zuletzt veröffentlicht: „Der Apologet des Todes. Beim Wort genommen: Recep Tayyip Erdoğan“, in: Bahamas Nr. 67/2013.

Freitag, 6. Dezember, 19 Uhr
Raum 2002 der HU Berlin

Eine Veranstaltung der Association Antiallemande Berlin.

Der Eintritt ist wie immer frei.

Geh sterben, Deutschland. – Zur Psychopathologie des Überzeugungswählers.

Ach, fickt euch selbst.
Im Grunde könnte man den Wahlzirkus, der auf den Straßen der Republik tobt, getrost ignorieren. Man könnte wählen, wofür man sich entschieden hat, damit kleinere Zeichen in der Verteilung eines immer magereren Kuchens setzen – sich entscheiden zwischen Einbußen in der Pflege, in der Ökologie, eine kleine Duftmarke in die eine oder die andere Richtung setzen. Als kluger Nichtwähler hat man zudem natürlich keinerlei Bedürfnis, Leute von der Wahl abzubringen: schließlich wählt man nicht, weil man sich nicht an einer Farce beteiligen möchte. Da aber die Farce als Farce erkannt ist, macht es freilich auch keinen Unterschied, ob nun Freunde und Bekannte wählen gehen oder nicht. So es ihrem Seelenfrieden dient, braucht ihnen ja niemand das konsequenzlose Vergnügen zu verübeln. Ja, so könnte man es handhaben.

Doch es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.
So wurde man bereits im Vorfeld der Wahl an jeder Straßenecke, in jedem Kiosk und in jedem Internetforum damit belästigt, dass man gefälligst wählen zu gehen habe. Bemerkenswerterweise war sich die parteiübergreifende Kampagne vollkommen bewusst, dass es egal wäre, wen man denn nun wähle, aber zu sanktifizieren habe man die nächsten vier Jahre staatliche Gängelei und Todprügelei an den Grenzen allemal. In jedem Briefkasten lauerte eine Bildzeitung, in der noch die Werbung angepasst war an den staatsbürgerlichen Anspruch, man solle doch nun endlich einmal seine Bürgerpflicht erfüllen und diesen Sonntag gehorsam zur Urne tippeln. Die Kampagne war bitter nötig. Noch 2010 hatte das DFG Projekt Citizens and Representatives in France and Germany“ ermittelt, dass sich grade einmal 19,8 Prozent der Bevölkerung zumindest halbwegs angemessen von ihren Volksvertretern repräsentiert fühlten.

In Anbetracht dieser Tatsache ließe sich eigentlich gut nachvollziehen, dass eine gewisse Müdigkeit eintritt. Just dies allerdings ist für den Aktivbürger unerträglich. Ein bezeichnendes Beispiel aus Hunderten ist dafür der Text Carolin Emckes, der schon am 19. September in der Zeit erschien. In ihm echauffiert sich die Autorin in beeindruckender Verve über den „Bullshit“, den die Nichtwähler glauben würden. Sie wütet über die Asozialität der CDU, über den Verfall des Sozialen und man möchte ihr fast schon beruhigend die Hand auf die Schulter legen, um die arme, demente Frau daran zu erinnern, dass es die SPD war, die Hartz-IV und andere Schweinereien überhaupt erst eingeführt hatte. Noch kurz vor der Wahl witzelte das Satiremagazin „Der Postillon“ über jenen Mann ohne Langzeitgedächtnis, der fest davon überzeugt sei, die SPD kümmere sich um soziale Belange.

Nun mag es freilich sein, dass Frau Emcke sich Illusionen über die Struktur des demokratischen Nationalstaates macht und innerhalb seiner Koordinaten jedes beliebige Ergebnis für möglich hält, sodass sie glaubt, es ginge um mehr als die Wahl zwischen SPD und CDU (die 69% der Bundesbürger ohnehin kaum voneinander unterscheiden können), und etwas gänzlich anderes im Schilde führt. Selbst dann bliebe allerdings ihre Argumentation verfehlt. Für die wesentliche Differenz von Wahl und Nichtwahl argumentiert sie damit, dass es ums Ganze für jene ginge, die nicht die CDU oder die FDP wollen. Allein: Woher möchte Frau Emcke wissen, dass die nichtwählenden Massen sich in jenem Fall, dass man sie zum wählen zwingen würde, sich nicht doch für eine der beiden Parteien entschieden?

An ihrer Argumentation wird kenntlich, was sich wie ein roter Faden durch die Gedanken all jener Wutwahlbürger zieht, die seit Wochen all jene belästigen, die diesen Sonntag einfach im Bett bleiben möchten: die Macht wird verschoben von der Wählerschaft auf die Nichtwählerschaft.Am „Postdemokratischen Zustand der Gesellschaft“ (Emcke), der Unfähigkeit, durch Wahlen etwas Entscheidendes zu verändern, sind nicht etwa die Wähler schuld, nicht die Parteien, schon gar nicht das System als „Gesamtscheiße“ (Marx), sondern diejenigen, die die durchaus sympathische Verweigerungshaltung Bartlebys annehmen: der Ekel am Mitmachen sei Ausdruck des Mitmachens par excellence.

Ungewollt offenbart sich so selbst an den scheinbaren Antipoden der Demokratieverdrossenheit die eigentliche Verkommenheit der Situation. Was den Nichtwählenden unterstellt wird, ist die Macht etwas zu verändern. Diese Projektionsleistung aber beruht auf einem Mangel derjenigen, die sie diagnostizieren. So wie Lacan einst von einem „Subjekt, dem Glauben unterstellt wird“, redete, nehmen die Nichtwähler hier die Rolle eines Subjektes, dem Macht unterstellt wird, ein.

Die nur zu deutlich empfundene Unzulänglichkeit dessen, was Wahlen bewirken, kann sich nicht gegen die Wahlen als solche richten: schließlich sind sie es, die ideologisch die Subjekte als mündige, wirkende Staatsbürger konstituieren. Stattdessen wird das Unsag- und Undenkbare verdrängt, die Erkenntnis realer Ohnmacht vereitelt, indem man die Macht jenen überträgt, die sie so wenig besitzen wie man selbst.

An den Nichtwählern soll exorziert werden, dass die postnazistische Demokratie noch nicht einmal mehr zur Simulation von Mitsprache taugt.

Doktor Seltsam oder wie Peter Sloterdijk lernte, die Medientheorie zu lieben

Guter Rat, halbwegs billig.

„Und wäre ich auf der ersten Spur geblieben, nie hätte ich einen zwingenden Anlass gesehen, der medidativen Provinz den Rücken zu kehren, in der ich mich aufhielt seit ich in Indien (…) die Luft anderer Planeten geatmet hatte. Ich hätte das Dasein als Hirtenspiel begriffen und mich am Hang des großen Feldbergs eingemietet(…)“

Das unscheinbare Vorwort über seine Vita und seine Werdung zum „öffentlichen Intellektuellen“ offenbart wie keine andere Stelle der Börnepreisrede Sloterdijks, was eigentlich damit gemeint ist, wenn er von seiner „Ethik der Zurückhaltung“ spricht.
Kaum ist das faschistoide Potential, das sich in ihr verbirgt, adäquat zu erfassen, wenn man von der uneingestandenen Frage absieht, die sich hinter dem jovialen Kommentar verbirgt und deren Ziel es ist, zu beantworten „warum wir nicht in der Provinz bleiben“. Dass Sloterdijks Vortrag davon lebt, auf zwei Ebenen zu operieren, ist dabei seiner inneren Logik geschuldet und zumindest, soviel muss man dem Großstadtheidegger anerkennen, einigermaßen folgerichtig: „Ich wusste, dass es auf massenmedialer Ebene nie um Argumente geht, sondern um die Einspritzung mentaler Infektionen, vor allem aber wusste ich, dass es auf Meinungsmärkten keine Missverständnisse gibt(…) Meine Damen und Herren, sie sehen wohl die moralisch-publizistische Konsequenz aus diesen Bemerkungen heraus, Medientheorie ist ein undankbares Handwerk und ein unentbehrliches zugleich:(…) als angewandte Theorie meint sie die Umfunktionierung der Medien bei laufendem Betrieb, um Wachheit zu erzeugen.“

Das Ziel der medientheoretischen Fingerübung Sloterdijks besteht mithin darin, eine mentale Infektion in den öffentlichen Diskurs einzuspritzen, die Wachheit erzeugen möge – es geht um die Teilnahme an der Erzeugung „zeichenbasierter Epidemien“, in der Absicht jene gegen sich selbst zu richten. Das Gerede über Epidemien und Infektionen ist dabei nicht allein dem totalitären Vokabular entlehnt, mit dem große Denker wie Sloterdijk gestern wie heute gegen die zersetzende Wirkung der Massenaufklärung hetzten und hetzen, sondern rekurriert zudem auf die Idee jener Wagnissphäre, die noch Adorno dem Jargon der Eigentlichkeit zuschlug. Mit der gesamten Authentizität seiner Person steht Sloterdijk ein wider die „Dunkelmänner“, was erklärt wieso gerade der zurückgezogen-kontemplative Philosoph es ist, der seine Lektionen im „Auge des Zyklons“ lernt, um sich fortan in jenem undankbaren Feld zu verdingen. Konnte Heidegger noch am Fuße des Feldbergs darüber fantasieren, wie es wäre, sich zum Führer des Führers aufzuschwingen, so blieb seinem Epigonen mangels beratbarer Lichtgestalten wenig mehr übrig, als selbst in die Presche zu springen.
Dennoch sind es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, die Heidegger und Sloterdijk aneinander binden. Es sind die feinen Zwischentöne seiner Preisrede, die sie als Fortsetzung seiner „Regeln für den Menschenpark“ enthüllen, die vor Jahren noch für einen Skandal sorgen konnten – und heute nur mehr vom gebildeten Publikum beklatscht und goutiert werden. Die Verleihung des Börnepreises, so scheint es, ist für ihn der Ruf der Massen nach dem Weisen, der sie verlassen hat. Kaum ist sonst die Überheblichkeit seiner Empfehlungen, die hemmungslose Hybris seiner Monumentalprojekte zu erklären.
Das Erweckungserlebnis des deklassierten Philosophenkönigs war dabei jener „ganz normale Tag“ im September des Jahres 2001, der „bereits seinem Inhalt nach der reine Schrecken war, aber erst(!) durch die Reaktionen auf ihn fatal wurde“. Es erübrigt sich an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass die Petitesse des Todes von 3000 Menschen bereits als fatal angesehen werden könnte, insofern die Stoßrichtung des Sloterdijkschen Vortrags – entgegen anderslautender Vermutungen beispielsweise der Welt – nur scheinbar die des Antiamerikanismus ist. Vielmehr ist ebenjener auch nur eine Ingredienz jener Giftinjektion, mit der der Philosoph der siechenden Menschheit neues, besseres Leben einhauchen möchte.

Seinem eigenen Anspruch nach bedient Sloterdijk eine Klaviatur, in der es nicht etwa um Argumente geht, sondern darum, durch die Komposition von Zeichen eine neue Wachheit hervorzurufen. Gemeint ist dabei allerdings nicht die Wachheit des Individuums, das sich reflektierend und kritisch auf seine Situation beziehen könnte, sondern die Wachheit eines Kollektivs. Wo immer er auf Biologie zu sprechen kommt, sei es in Bezug auf die Schockzustände des elften Septembers, auf die Infektionen der Massenmedien, auf die linkshemisphärischen und rechtshemisphärischen Kräfte, die sich gegenüberstehen, bezieht er sich nie auf tatsächliche, biologische Entitäten, sondern auf Kollektive, die mit den Prädikaten eines individuierten Organismus versehen werden. Die Strategie der Rede stellt dabei in letzter Instanz darauf ab, die Rezipienten seiner Paulskirchenrede zu ebenjenem Kampfkollektiv zu verschweißen, das sich schließlich wider „die da oben“ verbünden solle.

Die rhetorische Brillanz seiner Rede, die nur jenen einleuchten will, die die Vernunft schon gewohnheitsmäßig beim Einstellen des Deutschlandfunks abschalten, resultiert dabei aus der Vereinigung sich widersprechender Prämissen: Peter Sloterdijk ist zugleich der meditierende Inder und der Feldberger Schwabe, der Kämpfer im Auge des Sturms und der Exekutor eines Exerzitiums der Betrachtung, der Verteidiger der Liberalität und der Kollektivist, der Feind der naturwissenschaftlichen Denkart und der Neurologe, der linkshemisphärische Intellektuelle und der Kämpfer im semiotischen Krieg. Kurzum: er bietet eine Identifikationsfigur und gelungene Projektionsfläche für all jene, die bereit sind seine These vom Niedergang des europäischen Projektes zu unterschreiben, um bei der nächsten Gelegenheit zur Vorwärtsverteidigung gegen die Dunkelmänner zu schreiten.

Die Ethik der Zurückhaltung besteht nicht etwa, wie oberflächlich suggeriert wird, in der vollständigen Zurücknahme vom Geschehen – was für einen öffentlichen Intellektuellen ja unmöglich wäre – sondern ist eine Wiederaufnahme der Heideggerschen Idee der Besinnung, die einen Ausgang aus dem Doppelspiel der „jüdisch-christlichen Herrschaft“ bieten solle. Deren Janusköpfigkeit drücke sich darin aus, dass sie zum einen auf der Seite der Diktatur des Proletariats, zum anderen auf der Seite der liberal-demokratischen Kulturbeflissenheit stünde und darin „die schon bestehende Entwurzelung und Unkraft zu wesentlichen Entscheidungen“ verschleiere. Was noch bei Heidegger als falsche Alternative aus Bolschewismus und liberaler Dekadenz erschien, kehrt beim vorgeblich liberalen Sloterdijk wieder als Widerstreit der „pathologischen Agenturschwäche“ Europas mit der „aus dem Gleis gesprungenen Agenturstärke“ der Vereinigten Staaten. Während er bei dieser eine gradezu wahnsinnige Lust zum Zuschlagen, zur Vereinigung hinter den gleichen Fahnen sieht, diagnostiziert er jener, dass sie Europa mit ihrem Unwillen zu starken Institutionen, schlagenden Ideen und gemeinsamer Vereinigung regelrecht gelähmt habe.
Es lohnt sich, bei zurückhaltend-reflektierenden Ethikern wie Sloterdijk auf die subtilen Nuancen zu achten, die sie ihren Urteilen beilegen. So ist es keineswegs die Agenturstärke per se, die ihm zum Problem wird, sondern einzig ihr „aus dem Gleis springen“ – schließlich ist das, was ihm vor Augen steht nicht weniger als das Bekenntnis zu echter Agentur, jenseits des Ökonomismus und Monetarismus. Um dies zu demonstrieren, soll Sloterdijk an dieser Stelle einmal das „Menschenrecht des Originals“ gewährt werden: nicht aus der geringsten Sympathie gegenüber ihm oder seinen Ansprüchen, vielmehr, um zu demonstrieren, dass noch die schlechteste Paraphrase dem Original gegenüber eine Verbesserung darstellen würde:

„In medientheoretischer Perspektive kommt dieser Kontinent [d.i. Europa] mit all seiner amüsanten Diversität, seiner konstitutiven Uneinigkeit, seiner sympathischen Entschlussschwäche, seiner prekären Symbiose zwischen Norden und Süden usw. immer noch viel eher dem Pol einer lose gekoppelten Unterhaltungsgemeinschaft nahe, erkennbar an der herrlichen Beliebigkeit der Themen, am Vorrang der Urlaubsweltansichten und der alles durchdringenden Ernstfallferne. Es ist Lichtjahre entfernt von dem Zustand der zusammengescheuchten und zusammengeballten Kampfgemeinschaft die unter dem Stress eines akuten Sich-angegriffen-fühlens zielbewusst kooperieren könnte, um das eine, das Not tut, zu erreichen.(…) Nun kann man von der europäischen Misere nicht sprechen ohne sofort daran zu denken, dass in unserer Schwesterzivilisation, den USA, die Dinge auf eine noch viel unheimlichere Weise von grund auf schieflaufen, und zwar wie man nach dem Gesagten leicht begreift, aus Gründen die sich zur europäischen Verlegenheit strikt komplementär verhalten.(…) Die USA wurden durch ihre jähe, monothematische Bündelung in den Zustand höchster kampfgemeinschaftlicher Stresssynthese versetzt, da fürs erste aber kein sichtbarer, äußerer Feind zu greifen war, er wurde dann später unter dem Namen Al-Qaida nachgereicht, musste sich die kampfgemeinschaftliche Fusion zu sehr großen Teilen nach innen entladen. Durch die aus der Hilflosigkeit geborene autoaggressive Wendung des Schocks entstand diese neue kriegsideologische Struktur, die inzwischen weite Zonen der Welt unter ein pseudorationales, sekuritäres Kommando gestellt hat.“

Es sind minimale Unterscheidungen und rhetorische Kniffe, die hier den Unterschied ums Ganze ausmachen und darüber entscheiden, ob es sich hier um eine verquere Verteidigung der liberalen Werte oder um eine protofaschistische Hetzrede handelt. Könnte man beim oberflächlichen Hören geneigt sein, die von Sloterdijk postulierte Komplementarität der beiden Strukturen ernstzunehmen, entpuppt sich bei näherem Hinhören der Verweis auf die beiden Seiten einer rundrum misslungenen Medaille als Nebelkerze, die dazu dient, die eigentliche Agenda zu verschleiern, die in der Anklage Europas besteht: erst Besinnung wäre es, die sähe, dass Europa zu jener gehetzten und gebündelten Kampfgemeinschaft werden müsse, die in der Lage wäre, „das zu tun, was Not tut“.

So antizipierbar der Einwand ist, es handle sich bei dem betreffenden Abschnitt nicht um eine positiv besetzte Vision Sloterdijks, sondern um eine Zitation des Paradigmas der Vereinigten Staaten, so sehr muss man ihm attestieren, in just jene Falle getappt zu sein, die der Philosoph sorgsam präpariert hatte: schließlich ist es nicht der Zustand der Kampfgemeinschaft, den er an den USA bemängelt, sondern vielmehr ihr „Autoaggressives Verhalten“, das erst in der verheerenden Kriegsideologie kulminiere.

Das ganze Brimborium um die Komplementaritäten zwischen Europa und den USA möchte in letzter Instanz demonstrieren, dass es darum ginge, eine neue Agenturstärke zu schaffen, die nun nicht länger von der irre-gewordenen Schwesterzivilisation gelenkt werden solle: „alle größeren Schiefgänge“, so glaubt Sloterdijk „haben ihre Gemeinsamkeit in einem abenteuerlichen Mangel an echter Agentur“. Der Fluchtpunkt der Ethik der Zurückhaltung ist der Traum von einer Global Governance, die gelenkt wird von Linkshemisphärikern wie Sloterdijk, statt von den „kranken Hirnen“ seiner Gegner. Die intellektuelle Bescheidenheit, der man in Frankfurt applaudierte, ist nichts weiter als der neueste Aufguss des alten Suds, mit dem die deklassierten Führer der Führer seit je vom Feldberg und anderen Löchern aus um die Gunst derjenigen Massen buhlten, auf die sie als prospektive Hetzmasse spekulierten.

Sloterdijks Anspielung auf das Begreifen des Daseins als Hirtenspiel stammt schließlich nicht von ungefähr: er hatte bereits in seinem seinerzeit skandalösen Aufsatz zu den „Regeln für den Menschenpark“ dieser Figur ein eigenes Kapitel gewidmet. Plato, so bemerkte er damals, habe es verstanden, seine Lehre von der Kunst des Staatsmanns „ganz in Hirten- und Herdenbildern unterzubringen“ und darin das „einzig wahre Bild“ der Sache ausgewählt.
Der platonische Herr beziehe die Raison seines Herrseins nämlich nicht von außerhalb, durch ein irgend demokratisches Votum, sondern allein aus seinem „züchterischen Königswissen, also einem Expertenwissen der seltensten und besonnensten Art.“ Seine Aufgabe, so Sloterdijk weiter, bestehe darin, die beiden „Optima der Menschenartung, die kriegerische Tapferkeit einerseits, die philosophisch-humane Besonnenheit andererseits gleichkräftig in das Gewebe des Gemeinwesens“ einzuschlagen. Schließlich tendierten beide ohne ihren Hüter und Hirten zur Entartung – die erstere zur militaristischen Kriegslust, die letztere zum lauen, staatsfernen Privatismus. Kurzum: ohne den Weisen, der die Extreme vereint, werden die Menschen entweder zu Amerika oder Europa. So grotesk der Vorschlag also wirkte, man müsse gegebenenfalls die Ostgrenzen der USA neufassen, war er doch eine erwartbare Pointe auf einem Weg, den Sloterdijk schon viele Jahre vor der Börnepreisverleihung begann. Dass das Kulturestablishment den megalomanen Herrschaftsfantasien eines offenkundig Irren tobenden Applaus spendete, markiert die Differenz zur seinem damaligen Vortrag der Regeln, die immerhin noch für einen handfesten Skandal sorgen konnte.
Heute ist es dagegen den Lohnschreiberlingen bei Springer und Henryk Broder vorbehalten, zumindest noch zu konstatieren, dass ihn ein Wahnbild der USA vorantriebe. Da man in besagtem Verlagshaus aber stolz darauf ist, Dialektik weder verstehen zu können noch zu wollen, übersieht man geflissentlich die zweite Seite des Problems, das sich hie im Hass auf einen Popanz der USA, dort in der Rancune gegen eine angeblich verweichlicht-linksgrüne Allianz der Europäer ausdrückt. Erst die Kombination beider Ressentiments ist es, die Sloterdijk auf die Bühnen der Deutschen hievt, die heute seiner Sprachgewalt in genau demjenigen Maße applaudieren, in dem sie darauf spekulieren, irgendwann wieder einmal erklären zu müssen, sie seien verführt worden und hätten sich ohnehin alles ganz anders gedacht.



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