Archiv für Januar 2009

Kurz notiert.

Da ich momentan durch einen immens großen Workload nicht soviel schreiben kann, wie ich eigentlich möchte, ist es zur Zeit etwas rar mit Updates.
Dennoch, eins sollte dann doch nicht unerwähnt bleiben. Die Liebe in Deutschland.
Franz-Josef Wagner, Bild-Kolumnist und Proto-Michel notiert dazu folgendes und bringt die Mentalität auf den Punkt:
„Vögeln wie die Ratten ist für mich nicht Liebe. Liebe ist für mich eine Rindsroulade.“
Na dann.

Nonie Darwish: Schluss mit dem Flüchtlingsstatus des palästinensischen Volkes.

Nonie Darwish über Frauenrechte
„The Israel Project“ veröffentlichten in ihrem Newsletter die Stellungnahme ihres Mitglieds Nonie Darwish.
Darwish wurde in Ägypten geboren und verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Gaza, wo ihr Vater als leitender ägyptischer Geheimdienstoffizier tätig war und später von der israelischen Armee getötet wurde.
Die Journalistin wanderte um ihren Ehemann, einen koptischen Christen, heiraten zu können 1978 in die USA aus, wo sie noch heute lebt. Sie betreibt das Internetportal „Arabs for Israel“ und hat im Januar 2009 ihr neues Buch „Cruel and Usual Punishment: The Terrifying Global Implications of Islamic Law“ veröffentlicht.

In ihrem aktuellen Kommentar, den sie zur freien Verwendung verfügbar macht, fordert sie ein Ende der arabischen Flüchtlingspolitik gegenüber den Palästinensern.

Nonie Darwish: Schluss mit dem Flüchtlingsstatus der Palästinenser.
Es ist für mich sehr schmerzhaft, die schwere humanitäre Lage im Gazastreifen mitansehen zu müssen, denn in den 1950er Jahren habe ich dort gelebt. Es gibt Nachrichtenberichte, die diese Situation allein den militärischen und wirtschaftlichen Sanktionen der Israelis gegen die Hamas zuschreiben. Sie erläutern jedoch nicht die Grundursachen: 60 Jahre einer arabischen Politik, deren Ziel darin besteht, den Status des palästinensischen Volkes als staatenlose Flüchtlinge aufrechtzuerhalten, um Israel zu schaden.

Als Kind im Gazastreifen in den 1950er Jahren erlebte ich die ersten Resultate dieser Politik. Ägypten, das damals den Gazastreifen kontrollierte, führte von diesem Gebiet aus Operationen im Guerlilla-Stil gegen Israel durch. Mein Vater war Kommandant dieser Operationen, welche von „Feddayeen“ („die sich selbst Opfernden“) ausgeführt wurden. Sie gehörten zur vordersten Front des arabischen Jihad gegen Israel. 1956 kam mein Vater im Verlauf eines von Israel geplanten Attentats ums Leben.

In diesen Jahren begann die arabische Welt mit ihrer palästinensischen Flüchtlingspolitik. Gleichzeitig verabschiedete die arabische Liga Sondergesetze bezüglich der Palästinenser, an die sich alle arabischen Staaten zu halten hatten. Danach sollten arabische Länder keine Palästinenser aufnehmen. Selbst wenn Palästinenser Bürger arabischer Staaten heirateten, konnten sie die Staatsangehörigkeit ihres Ehepartners nicht annehmen. Ein Palästinenser kann in einem arabischen Land geboren werden, aufwachsen und sterben, jedoch niemals dessen Staatsangehörigkeit erlangen. Noch heute erklären mir Palästinenser, dass sie von diesem oder jenem arabischen Staat keinen Reisepass erhalten können. Sie müssen Palästinenser bleiben, selbst wenn sie die West Bank oder den Gazastreifen nie betreten haben. Diese Politik der zwangsweisen Zuordnung einer palästinensischen Identität ist geschaffen worden, um die palästinensische Flüchtlingskrise aufrechtzuerhalten und zu verschärfen. Dasselbe gilt für die arabische Politik der Übervölkerung des Gazastreifens. Seit 60 Jahren werden die Palästinenser von den arabischen Nationen ebenso wie von palästinensischen Terroristen ausgenutzt, um das Ziel der Vernichtung Israels voranzutreiben.

Heute ist es die Hamas, welche ihre palästinensischen Brüder, Schwestern und Kinder für diesen Zweck missbraucht. Während sich die Führer der Hamas in wohl ausgerüsteten Bunkern und Tunneln verstecken, die sie vorbereitet haben, bevor sie Israel zum Angriff provozierten, sind die Palästinenser dem tödlichen Kreuzfeuer zwischen der Hamas und den israelischen Soldaten schutzlos ausgesetzt. Der Gazastreifen, in der Gewalt der Hamas, einer vom Iran unterstützten islamistischen Terrorgruppe, liegt in Trümmern.

Es ist das Ergebnis dieser 60jährigen arabischen Politik, dass der Gazastreifen zum Gefängnis für 1,5 Millionen Palästinenser wurde. Sie leiden, während – und weil – das Gebiet als Abschussrampe für Raketenangriffe auf die Zivilbevölkerung in Israel dient. Ihr Ziel sind – ohne Unterschied – israelische Schulen, Wohnhäuser und Geschäfte.

Mehr als zwei Jahre nach dem vollständigen Rückzug Israels aus dem Gazastreifen hat die Hamas diese Angriffe intensiviert. Mit dem Rückzug hatte sich unsere Hoffnung verbunden, dass dieser Schritt den Aufbau eines palästinensischen Staates in Gang setzen und zu einer friedlichen Zweistaatenlösung des israelisch-palästinensischen Konflikts führen würde. Damals wurde der „Kreislauf der Gewalt“ unterbrochen. Mit seiner zentralen Lage und den schönen Mittelmeerstränden hätte der Gazastreifen friedlich gedeihen können. Stattdessen entschied sich die Hamas für den islamischen Jihad. Die Hoffnung der Bevölkerung des Gazastreifens und der Israelis wurde mit Raketen auf Israel und Elend für die Palästinenser vergolten.

Die Hamas, eine Verbündete des Iran, ist nicht nur zur Gefahr für Israel geworden, sondern auch für die Palästinenser, für die benachbarten arabischen Staaten und für den Weltfrieden. Die Welt muss verstehen lernen, dass dieses gefährliche Chaos entstand, als sich 22 arabische Staaten darauf geeinigt hatten, den Gazastreifen in ein Gefangenenlager zu verwandeln. Die Medien auf der Welt müssen darüber berichten.

Diese arabischen Staaten behaupten, das Volk der Palästinenser zu lieben. Mir scheint sie vielmehr daran interessiert zu sein, es zu opfern. Wenn sie ihre palästinensischen Brüder lieben, müssen sie die Hamas unter Druck setzen, den Beschuss Israels mit Raketen einzustellen. Diese Angriffe erreichen nichts als Tod und Elend auf beiden Seiten.

Über kurz oder lang muss die arabische Welt den Status der Palästinenser als Flüchtlinge aufheben und damit auch ihren Wunsch aufgeben, Israel Schaden zuzufügen. Die 22 arabischen Länder müssen ihre Grenzen öffnen und die Palästinenser aus dem Gazastreifen absorbieren, die aufgenommen werden wollen. Für die arabische Welt ist es an der Zeit, den Palästinensern wirklich zu helfen, und sie nicht zu missbrauchen.

And in other news…

 Wo er recht hat...

Klarmann „berichtet“ auf Blogsport darüber, dass Gymnasiasten ein Schild gegen Rechtsextremismus auf ihrem Schulweg aufgestellt haben. Die Zeitung, die er dazu als Quelle angibt, zitiert weiterhin den Schulleiter:
„Das zeigt wirklich, dass bei uns an der Schule kein Platz für Rassismus ist.“

And in other news:
In China ist ein Sack Reis gegen den Faschismus umgefallen.

Übrigens:
Mehr als 99% der Schüler der Fürstenberg Realschule würden dem Projekt „Schule ohne Rassismus“ zustimmen. Ein Ergebnis, von dem selbst Honecker nur träumen konnte.

Es geht also doch voran in Deutschland.
Abschiebungen werden in Zukunft von engagierten Antirassist_innen durchgeführt, die in ihrer Freizeit auch mal ein Schild gegen Nazis aufstellen.
Sowas muss ja auch mal lobend erwähnt werden.

Was vom Feminismus übrig blieb

The brand new feminist burka has arrived.

Für Sonntag haben Gruppen, die sich selbst als feministisch verstehen, zu einer „Frauendemo gegen den Krieg in Gaza“ aufgerufen.
Das liest sich dann allen Ernstes wie folgt.

„Angesichts des Krieges in Gaza, ausgelöst durch die israelische
Militäroffensive der letzten Wochen[!!!] und der[sic!] jahrelangen Besatzung und
Blockade, sehen wir uns veranlasst uns mit den leidenden Menschen
dieses Krieges zu solidarisieren.
Wir tun dies als Frauen, weil wir unsere besondere Solidarität mit den
Frauen in Gaza ausdrücken wollen. Wir sind der Überzeugung, dass
Frauen immer eine doppelte Last tragen, und damit einen doppelten
Kampf führen müssen. Auf der einen Seite kämpfen sie wie alle anderen [!!!]
auch gegen den Krieg und gegen die Besatzung als strukturelle Gewalt.
Es ist die Besatzung, die es ihnen unmöglich macht Menschenrechte wie
eine Nahrungsmittel-, Gesundheits-, Strom-,Wasserversorgung in
Anspruch zu nehmen, geschweige denn eine schulische und akademische
Ausbildung zu genießen.[!]
Auf der anderen Seite sehen sie sich, wie weltweit andere Frauen auch,
mit einer männlich dominierten Gesellschaft konfrontiert, in der ihre
Rechte und Bedürfnisse als unabhängige Frauen oft in den Hintergrund
geraten. In Kriegs-, Krisen-, aber auch in Friedenszeiten werden
Frauenrechte oft vernachlässigt und geraten in Vergessenheit. Sie
werden zum Luxus – das darf nicht sein! Dabei steht die Beendigung des
Krieges und der Besatzung an erster Stelle, denn sie schaffen
Bedingungen, in denen Frauen noch stärker diskriminiert werden, als
sie es ohnehin schon sind. Sie schaffen ein Klima der Gewalt, und
somit beispielsweise häusliche Gewalt.
Ihre Häuser, der Lebensmittelpunkt, werden zerstört, und mit ihnen
wird der Wunsch nach Sicherheit[!!!] kaputt gemacht.
Es geht hier nicht um Almosen, oder etwa unangemessene Ansprüche, die
wir für und mit den Palästinenserinnen einfordern. Nein, es geht um
Recht[sic!], wie sie jede andere auch in Anspruch nehmen können sollte.
Daher rufen wir alle Frauen mit einem internationalistischen,
antimilitaristischen, libertären[!!] und emanzipatorischen[!!!] Ansatz auf,
sich mit den Frauen in Gaza zu solidarisieren. Im gemeinsamen Kampf
gegen den Krieg und gegen patriarchale Verhältnisse[!!!!] rufen wir euch
auf, euch unseren Forderungen anzuschließen:

Schluss mit jeglichen militärischen Angriffen
Ende der Besatzung
Aufhebung der Blockade und Öffnung aller Grenzen
Internationale Solidarität mit allen Betroffenen von Krieg und Unterdrückung

Als Zeichen der Solidarität werden wir die Kufiya tragen [!!]- als Zeichen
der Trauer und Wut erscheinen wir in schwarzer Kleidung.
Wir bitten euch zu respektieren, dass es sich um eine Frauendemo handelt!“

[Hervorhebungen von mir. – anti]

Man lasse sich das einmal auf der Zunge zergehen. Da entschließen sich Frauen, den Kampf gegen patriarchale Verhältnisse zu führen – indem sie die Kufiya tragen und für das libertäre, emanzipatorische Staatenmodell der Hamas demonstrieren.
Dass die deutsche Linke schon immer etwas geneigt war ihre Positionen und Wertvorstellungen zu beugen, wenn auf der anderen Seite ein Jude stand ist ja nun beileibe nichts neues oder auch nur noch erwähnenswertes.
Der wirklich interessante Punkt am Aufruf ist es jedoch, dass die Autorin tatsächlich eine feministische Perspektive aus ihrem Antisemitismus schöpft. Der Feminismus ist hier nicht nur aufgesetztes Versatzstück, um einer antiemanzipatorischen Haltung linke Weihen zu verleihen – nein. Dem Juden wird hier tatsächlich die Schuld an der patriarchalen Gesellschaft des Islam – oder zumindest des Gazastreifens – gegeben.
Was ihr als erstes Interesse der Frauen scheint, ist nicht etwa der Kampf um Gleichberechtigung und Akzeptanz.
Es ist der „Kampf den alle anderen auch führen“ – der Kampf gegen den Krieg und die Besatzung. Dieser Kampf hat bekanntermaßen einen Namen. Er ist nichts anderes als die Intifada, deren Ziel die Errichtung eines Staates ist, in dem jegliche feministische Bewegung im Keim erstickt wird.
Daraus jedoch nun zu folgern, er sei kein originär feministischer Ansatz, ist falsch und verkennt die dahinterstehende Ideologie des Erlösungs- und Vernichtungsantisemitismus.
In der Opposition zur Gegenrasse nämlich, sprich zum Gegenvolk der Juden, ist es möglich das patriarchale Machtgefälle verschwimmen zu lassen und Männer wie Frauen gegen den gemeinsamen Feind in Anschlag zu bringen. Er liefert Männern wie Frauen die Möglichkeit, in den identitätsstiftenden Hafen der Volksgemeinschaft einzulaufen, wo die Differenz zur Einheit wird.
Das Interesse „aller“ ( Der Kampf also, den „auch alle anderen“ – das heißt die islamischen Männer) führen, fällt mit einem Male mit dem Interesse der Frauen zusammen – der Kampf gegen das Patriarchat wird zum Kampf gegen das Weltjudentum.
Die Frau wird somit in ihrer Rolle affirmiert, ohne sich zugleich mit den Folgen dieser Affirmation auseinandersetzen zu müssen.
Einmal narzisstisch aufgewertet als zeitgenössisches Pendant zum „Übermenschen“ wird ihr Dasein unterm Kufiya, als willige Erzeugerin von Shahids zum widerständigen Akt, dient er doch letztlich nur der Abschaffung des patriarchalen Zwanges – der „an erster Stelle“ von den Juden geschaffen wird.
Dass es nicht um die Abschaffung des Krieges geht wiederum, offenbart sich erneut daran, dass der Krieg per definitionem erst in dem Moment beginnt, in dem Israel interveniert. Für das Leid israelischer Frauen – die ja gleichermaßen unter der patriarchalen Gewalt des Krieges leiden müssten – wird keine Spur des Mitgefühls aufgebracht. Tatsächlich sogar erscheint die Israelische Intervention als eine ausschließlich von Männern forcierte und durchgeführte Operation: Weder die Tatsache, dass die israelische Armee einer allgemeinen Wehrpflicht unterliegt, noch die Existenz Tzipi Livnis finden dort Beachtung.
Damit wird das Prinzip der friedfertigen Frau – also Palästinas – gegen das des wütenden Aggressors, also Israel ausgespielt und somit auch die Gefühle der deutschen Feministin vollends beruhigt.

Hinreichend wäre das für eine Erklärung, wenn es hier tatsächlich wieder einmal nur um deutsche Befindlichkeiten handelte. Aber auch palästinensische Feministinnen – Frauen also, die tatsächlich unter den Zumutungen des Islam zu leiden haben – kooperieren durchaus mit der Hamas – und vor allem dem nationalen Befreiungskampf.

Daraus resultieren konkrete Vorteile für diejenigen, die bereit sind sich den Konventionen zu beugen, die die völkische Gemeinschaft abstecken. Die neuen Spielräume, die der Vernichtungsantisemitismus für Frauen bietet, werden schon in der ähnlich männlich-chauvinistischen Gesellschaft des NS offenbar.
So hält Birgit Rommelspacher fest:
„Der Gewinn für die Frauen im Nationalsozialismus lag darin, daß er ihnen eine gewisse Chance gab, sich aus persönlichen Abhängigkeiten zu befreien, wenn auch um den Preis neuer Unterordnung. Für sie konnte nun der Führer zur eigentlichen Autorität werden, die sich sehr wohl gegen den eigenen Mann ausspielen ließ. Auch konnten Frauen nun teilhaben an den „großen Aufgaben für Volk und Vaterland“, also unabhängig vom Mann ihren Wert beziehen und in den kollektiven Narzißmus und deutschen Größenwahn eintauchen.“[1]
Claudia Koonz beschreibt ihrerseits das Erlebnis des „religiösen Kreuzzuges“ der „als Ausnahmezustand erlebt [wurde], der es ihnen erlaubte sich anders zu verhalten als bisher.“[2]

Diese Angaben passen sich relativ genau an das an, was die palästinensische Feministin Chreishe über die Hamas zu Protokoll gibt:
Zwar bleibt im Inneren der Volksgemeinschaft die Rolle der Frau im Wesentlichen unangetastet, im Kampf gegen das Gegenvolk jedoch sind alle gleich.
So schreibt Chreishe:“An sich anerkennt und respektiert die Gesellschaft unsere Beteiligung am Widerstand. Frauen nehmen an Demonstrationen teil [und] wenden die gleichen Kampfmittel an “.
Sie seien, sagt sie „auf der Strasse als Kämpferin erwünscht“.
Demgegenüber steht die Zurückgeworfenheit auf die weibliche Identität daheim, wo sie nach wie vor „Sklavinnen“[3] sind.
Dennoch: Solange die jeweilige Intifada am Laufen ist, sind sie Kämpfer und Kämpferinnen. Auf einer Augenhöhe, bis zum Tod.

Wo ein Feminismus hofiert wird, der nur da funktioniert, wo Männer und Frauen am gemeinsamen Strang der Ausrottung der Juden ziehen können, ist die Hoffnung auf die Emanzipation – die der Frauen, wie die aller anderen – schon längst aufgegeben.

Es steht abzuwarten, wieviele Feministinnen sich am Sonntag tatsächlich zusammenfinden.

Quellen:
[1] Rommelspacher, Birgit – Schuldlos, Schuldig? (S.110)
[2] Koonz, claudia (S.101)
[3] http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Palaestina/hamas5.html
[1,2 zit. nach Radonic, Ljiljana – Die friedfertige Antisemitin]

Notizen zu Gehlens Anthropologiebegriff

Arnold Gehlen - Bild des Menschen, nicht mehr.
Für seine Analyse im Essay „ein Bild vom Menschen“ schreibt Gehlen müsse „man in den Mittelpunkt aller weiteren Probleme und Fragen die Handlung stellen und den Menschen als ein handelndes Wesen definieren“.
Zwar fügt er hinzu „oder als ein voraussehendes und kulturschaffendes“, was alles dasselbe meine, aber auch dieser Gewaltakt drei verschiedene Begriffe in einen einen einzigen zu pressen, täuscht nicht darüber hinweg, dass dieser übergeordnete Begriff der der Handlung ist.

Die Frage stellt sich nun, wie genau der Begriff der Handlung zu verstehen ist .- unterscheidet er sich doch offensichtlich für Gehlen von „den Bauten der Bibern, der Vogelnester,usw.“ . Diese, so führt er aus, seien im Gegensatz zur „Kulturschaffung“ rein instinktive Handlungen.
Folglich, wie er auch selbst an anderer Stelle anführt, ist sein Begriff der Handlung einer der bewussten Dienlich-Machung der Natur. Bei Gehlen dienen die Dinge, die die Menschen gefertigt haben, auch den Menschen – und das schlicht mit der Begründung, dass sie sie gefertigt haben.
Dass diese Dinge nun aber ihrerseits nur Produkt einer vorhergehenden Dienlichmachung waren, übergeht er dabei: Für ihn wird eine Löffelmaschine nicht hergestellt, um Löffel herzustellen, sondern um eine Löffelmaschine herzustellen.
Aus der Tatsache, dass es Menschen geschafft haben aus der reinen Naturbestimmtheit herauszutreten in eine Bestimmtheit durch die zweite Natur (wie Gehlen die „Kultursphäre“ nennt) schließt er bereits, dass dieser Kultursphäre eine bewusste Einrichtung zugrunde liegen müsse, die im Interesse aller sei. Da er gezwungen ist, eine Vernunft – sogar eine Wissenschaft – in das hineinzupressen, was letztlich nichts ist als unvernünftige Maschinerie, muss er einen zeitlosen Begriff des Menschen schaffen, der einen stetigen Fortschritt beschreibt.

Dieser Fortschritt aber ist nichts als die Zunahme der Produktivkräfte, die nun auf immer neue und immer effizientere Weisen ausgebeutet werden können – nicht aber eine Zunahme an Vernunft in der Welt.
Sein Begriff des Menschen ist der zeitlose Begriff des Menschen seiner Zeit.
Darüber, dass er die Werdung des Zustandes hintanstellt und den Zustand als einen Vernünftigen hypostasiert, macht Gehlen den Menschen des Jetzt – der als Tauschender im wahrsten Sinne des Wortes,
(und da liegt Gehlens Wahrheit) ein Handelnder ist – zum Menschen, der beliebig in jedwede Zeit hineingesetzt werden kann und stets nichts anderes tut als zu handeln: Nämlich unter den Prämissen der Wertschöpfung vernünftig seine Zeit, seine Arbeit oder seine Waren gegen andere Vorteile – bei Gehlen eine Dienlichmachung des Naturraumes – einzutauschen.
Das Tauschverhältnis, das sich tief eingegraben hat in das Bild vom Menschen – also der Schein, in dem uns der Mensch in dieser Gesellschaft begegnet – ist nicht hinauszulösen aus Gehlens Anthropologie.
Sie ist ein Bild vom Menschen nur insofern, als dass sie zeigt, wie er sein könnte, wenn er nicht so wäre, wie er wäre. Damit dieses Bild vom Menschen aber zu einem wirklichen würde, wäre es notwendig, die Gesellschaft zu ändern, die diesen Menschen erst schafft. Das aber würde eine andere Anthropologie erfordern: Gehlens ist aber die seiner Gesellschaft angemessene und nur das. Eine Anthropologie der vernünftig handelnden Wesen.