Deutsches, Allzudeutsches.

Wenn Nietzsche das Verständnis der Schuld auf die Schulden[1], mithin also auf eine bestimmte Art der Vergesellschaftung zurückführt, kann er geradezu als Materialist gelesen werden.

In marxistischer Tradition begründet er das ideologische Geflecht als sich entwickelnden Überbau aus der Basis der ökonomischen Verhältnisse[2] und verzichtet darauf, „dem Tier Mensch“ eine allzu idealistische Basis zuzugestehen, auf dem seine Überzeugungen fußten.

Der materialistische Grund, auf dem Nietzsche sich an diesen Stellen bewegt, ist allerdings nur scheinbar abgesichert. Nur allzuschnell versinkt er wieder im tiefsten Morast deutscher Ideologie – und zwar nicht zuletzt da, wo er gegen die Deutschen polemisiert.[3]

So er nämlich den Deutschen zugesteht, sich mittels Foltern und Qualen ein Volk der Dichter und Denker zusammengeprügelt zu haben, verleiht er noch der barbarischsten Orgie nachträglich einen Sinn – womit er gleich im doppelten Sinne ins Deutsche zurückfällt: Zum einen in die hölderlinsche Barbarei, wenn er versucht die noch wenigen Errungenschaften der Zivilisation grade aus den Momenten herauszukehren, in denen die Menschheit sich am Nächsten ihrem Gegenteil zuneigte (und damit die Barbarei zur Grundlage der Zivilisation macht[4]), zum anderen mit Marx in die deutsche Ideologie der nachträglichen Sinngebung. [5]

Dadurch, dass er die Geschichte so zurechtdreht, dass die spätere Geschichte der Zweck der Früheren wird, abstrahiert er von der späteren Geschichte eine Bestimmung, die ihrerseits von den aktiven Einflüssen der früheren Geschichte auf die spätere abstrahiert. Würde Nietzsche sein Programm der materialistischen Analyse konsequent vollziehen, anstatt schlicht bei der etymologischen Verwandtschaft zwischen Schuld und Schulden zu verharren, würde er einräumen müssen, dass Geschichte letztenendes nicht etwa die Heranzüchtung eines Übermenschen sei, sondern jeweils nur besteht in der Exploitation der Materiale, Kapitalien und Produktionskräfte die von der vorhergegangenen Generation hinterlassen wurden. [6]

Diese pragmatische Herangehensweise nimmt der Geschichte ihre vorgebliche Sinnhaftigkeit und stürzt damit auch Nietzsches gesamten Ansatz, die Geschichte als den halbbewussten Weg zum autonomen Individuum zu verstehen. [7]

Vielmehr ist der Weg, den Nietzsche nachzeichnet, auch genau das, was er zu sein scheint – ein endloses Martyrium, das in keiner Weise etwas anderes hervorbringen wird, als „das Austernleben, (…), ihr Machwerk, das sie sich gestoppelt.“[8]

Letztlich stehen also die Marxsche Philosophie der Gesichts-,Sinn und Ziellosen Geschichte und Nietzsches Anschauung des sinnvoll erreichten Menschen trotz stellenweise gleicher Terminologie in einem extremen Gegensatz. Letztere setzt voraus, dass wirklich schon so etwas wie ein sinnvoller Zustand eines „Dichter und Denkervolkes“ geschaffen sei, das durch fortwährende Züchtigung das souveräne Individuum als reinste Frucht am Baum der Sittlichkeit hervorbringt.[9]

Was von der Idee eines derart „sinnvoll erzeugten Volkes“ – und damit der These – zu halten sei, bewies eben dieses Volk der „Dichter und Denker“ selbst hinreichend, als ihm die Aufhebung der Klassen- und Kapitalinteressen in der Volksgemeinschaft[10] gelang: Mit dem Eintritt Deutschlands in den Nationalsozialismus wickelt so letztlich die Wirklichkeit die letzten Versuche positiver Dialektik ab.

Fußnoten, Quellenangaben, Verweise

[1] Zur Genealogie der Moral, Seite 298

[2] Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, Dietz Verlag, Berlin. Band 13, 7. Auflage 1971 – Seite 8/9 [Zur Kritik der politischen Ökonomie]

[3] Zur Genealogie der Moral, Seite 296

[4] Vgl. Friedrich Hölderlin – Hyperion an Bellarmin LIX, , J. G. Cotta’sche Buchhandlung, S. 112

[5] Karl Marx – Friedrich Engels – Werke, Dietz Verlag, Berlin, Band 31969 – S.45 [Die deutsche Ideologie]

[6] Ebenda.

[7] Zur Genealogie der Moral, Seite 293

[8] Vgl. Friedrich Hölderlin – Hyperion an Bellarmin LIX, , J. G. Cotta’sche Buchhandlung, S. 117

[9] Zur Genealogie der Moral, Seite 293