Legitime Israelkritik weltweit auf dem Vormarsch.

Das Problem heißt Antisemitismus.

Da schafft es ein Indymedia Artikel in die Mittelspalte der Startseite, der sich selbst als Satire betitelt und als Aufhänger folgende Schlagzeile wählt: „[Gaza] Hoffnung auf Frieden wegen Indymedia“. Der Tenor, der ihm folgt ist einhelliger Applaus dafür, dass endlich das Dilemma der deutschen Linken thematisiert würde.
Da erkennen einige Bauernschlau, dass weder die antiimperialistischen Palästinafreunde noch die zionistischen Antideutschen Frieden im Nahen Osten bringen werden und freuen sich dann über ihre eigene Erkenntnisleistung, die ihnen ein unvoreingenommenes, objektives Verhältnis zum Konflikt in Nahost einbringt.
Ein Poster, der sich „unmögliche Traumfigur“ nennt garniert das Ganze dann mit einem Spritzer bornierter Pennälerironie, wenn er in einer Anlehnung an Escher ein „Eskalation“ betiteltes Bild postet, in dem die bürgerliche Binsenweisheit propagiert wird, dass ja jeder irgendwie Schuld habe. In diesem sicheren Wissen über die eigene Erleuchtung kann man sich dann auch vornehm jeglicher Parteinahme im Konflikt entziehen, sodass man unbefleckt von jedwedem moralischen Makel sich bequem in den Wahn des falschen Ganzen einfügen kann.
Die affirmative Logik, die dem Ganzen zugrunde liegt ist zugleich die Absage an jegliche Form der radikalen Kritik. Ihre Essenz lässt sich fassen im Satz, dass wenn jeder in seiner Spur läuft, schon alle irgendwie gut fahren werden.
Während also die einen für Palästina auf die Straße gehen, die anderen gegen Antisemitismus und für eine Solidarität mit Israel – was auch das Mindestmaß an Empathie verlangen würde, dass es bräuchte um sich in diesen Konflikt wirklich einmal von beiden Seiten hineinzufühlen – haben die Weisen von Kreuzberg-Neukölln schon längst ihre Gesinnungsjustiz zu einem rationalen Ende gebracht und entschieden, dass es daheim immer noch am Schönsten ist, um sich dann im Autonomen Zentrum ihrer Wahl einen Joint anzustecken und die Eiferer zu belächeln, die tatsächlich glauben wahlweise Israel oder Palästina eine Stütze zu sein.
Dabei wird beiden Seiten abgesprochen, tatsächlich Teil eines politischen Prozesses zu sein. Es ginge, so die einhellige Meinung, um eine Selbstinszenierung als „linke Szene“, die sich wahlweise in blau-weißem oder grünem Politkitsch gefällt, während man selbst schon längst erkannt hat, dass die einzig wahre Selbstdarstellung in schwarzen Kapuzenpullovern bestehen muss, schließlich wird die Revolution nur dann möglich, wenn alle eifrig aus Mülltonnen essen (linkssprech: dumpstern aka. Containern) und sich zu Solipreisen in Hausprojekten betrinken, um die jeweils letzte medientaugliche Inszenierung zu refinanzieren.
Dabei wird insbesondere die Bedeutung des Einforderns der Solidarität mit Israel massiv verkannt. Sie besteht nicht in der Aufforderung, sich eine Waffe zu greifen und bei der IDF tätig zu werden. Vielmehr ist in ihr schon die Erkenntnis enthalten, dass die eigene Position in diesem Konflikt eine zunächst beobachtende ist, in der nicht viel mehr möglich ist, als von seinen Zeitgenossen eine Einsicht für die Situation der vom Antisemitismus betroffenen zu fordern.
Dass nämlich nun die Frage, mit welchen Mitteln und wo Israel vorgeht eine sei, die nur verrückte Antisemiten und bellizistische Kommunisten etwas angeht, ist ein Fehlschluss, dem nur erliegen kann, wer bewusst die Augen verschließt vor den antisemitischen Auswüchsen der Gesellschaft, die der Konflikt bereits jetzt ans Tageslicht bringt.

Die Netzeitung lässt sich beispielsweise tatsächlich dazu herab zu schreiben:
„Der durch die israelische Offensive im Gazastreifen geschürte Hass droht sich in zunehmender antisemitischer Gewalt in Europa zu entladen.“
Für sie ist, mit anderen Worten, Israel schuld am Antisemitismus. Das verhält sich analog dazu zu behaupten, dass die türkische Politik zu rassistischen Übergriffen führt. Wenn hier Hatz auf jüdische Menschen gemacht wird, hält die Netzeitung das folglich, überspitzt ausgedrückt für eine Art der Israelkritik.
Der Focus hingegen kommentiert einen Anschlag auf eine Synagoge in Toulouse mit den Zeilen:
„Aufgrund eines Brandanschlags auf eine Synagoge in Frankreich wächst die Angst vor einem Übergreifen des Konflikts zwischen Israel und der Hamas auf Europa.“

Damit bewegt er sich eng an der Denke jener Intelligenzverweigerer, die sich in satirischen Tönen über die Aktivitäten der scheinbar homogen dogmatischen „deutschen Linken“ echauffieren. Was jedoch weder bei dieser Redaktion, noch beim Moderatorenkollektiv von Indymedia angekommen zu sein scheint:
Wenn ein Auto versucht, die Tür einer Synagoge niederzufahren und ein weiteres Auto voller Sprengsätze in der Nähe geparkt ist, dann handelt es sich nicht um einen Konflikt zwischen Israel und der Hamas.
Es handelt sich um einen Konflikt zwischen Antisemiten und Juden.
Der Anschlag in Toulouse ist nicht das einzige Ereignis dieser Art. Langsam sollte auch begriffsstutzigen Menschen und notorischen Vertretern der These, dass Israel nur ein Vorposten des US-Imperialismus ist klar werden, dass antisemitische Gewalt sich ’45 durchaus nicht in Luft aufgelöst hat.
In Brüssel versuchen einige Männer eine Synagoge anzuzünden, während sie auf niederländischen Demonstrationen den „Jood an het gas“, also die Juden ins Gas wünschen. Zur gleichen Zeit wird bereits in die Lebenswelt der Juden in Dänemark eingegriffen, wo jüdische Kinder inzwischen davor gewarnt werden bestimmte Schulen zu besuchen.
Während an der FU also zum Judenboykott aufgerufen wird, nun auch SMS Ketten zum Boykott von Aldi und Lidl veranstaltet werden, die angeblich ebenfalls die israelische Kriegspolitik unterstützen sollen und die Zahl antisemitischer Straftaten europaweit explodiert, schreibt die linke Intelligentia humorige, überparteiliche Analysen für Indymedia, das seinerseits fröhlich Antisemitismus ohne irgendwelche Einwände reproduziert, die über die „Keine inhaltliche Ergänzung“ Spalten hinauskämen.
Was es nun für einen diskursiven Zusammenhang gibt zwischen der Anschlussfähigkeit antisemitischer Thesen und dem Antizionismus ließe sich nicht zuletzt nachlesen in dieser Studie des Duisburger Instituts für Sprach und Sozialforschung. Dazu müsste man es aber zunächst einmal lesen oder zumindest wissen wollen.
Daran besteht für diejenigen, die antisemitische Position als belustigende Szenenarretei verharmlosen kein Bedarf, schließlich handelt es sich hierbei für sie um Szeneplänkeleien, über die eine postmodernistische linke Avantgarde selbstverständlich erhaben ist: Stets bereit den latenten Antisemitismus ihrer aktivistischen Hilfsideologen mitzutragen, die auch bisweilen gerne mal Mahnwachen gegen Antisemitismus angreifen, reflektieren sie unabhängig und überparteilich bei einer Flasche Sternburg und der jeweils neusten Jungle World über die Lächerlichkeit des Konfliktes der „Linken“, die sich doch nun mal bitte einig werden sollte, statt sich an Problemen aufzureiben, die die heile Szenewelt nichts angehen – wie eben dem Schicksal der Juden.
Wenn da nicht gerade der vertraute Kreuzberger Vegan-Dönermann von Vertreibung durch imperialistische Cocktailbars bedroht wird oder aber ein Hausprojekt verteidigt werden soll, wird in Autonomien gar nicht erst aufgestanden. Schließlich ist es ja am wichtigsten, den eigenen Betrieb am Laufen zu halten.
Ob die steten Lippenbekenntnisse gegen den Antisemitismus, die in jedem linken Projekt geleistet werden auch eine tatsächliche Bedeutung haben, wird sich in den nächsten Tagen an der Art zeigen, wie diese antisemitischen Ausbrüche kommentiert und dokumentiert werden.
Vermutlich wird sich aber weiterhin wenig hören lassen über die überall zunehmende Gewalt gegen jüdische Menschen und Antisemitismus generell , ausser dem stets aufs neue heruntergeleierten Sermon, dass das die Szene kaputtmachen würde.
Wobei sich dann allerdings endlich einmal zu fragen wäre, wieso denn bitte schön eine Szene, die daran kaputt geht Antisemitismus zu thematisieren, nicht kaputt gemacht werden sollte.