Wo sind all‘ die Kommunisten hin?

Die Toten mahnen uns.

Mein Flügel ist zum Schwung bereit
ich kehrte gern zurück
denn blieb ich auch lebendige Zeit
ich hätte wenig Glück.

Gerhard Scholem, Gruß vom Angelus.

10.000, 12.000, 15.000, 20.000 – je nach Quelle variieren die Zahlen mit denen die Teilnehmer an der Luxemburg-Liebknecht Demonstration beziffert werden. Was zumindest offensichtlich scheint: Es waren zehnmal mehr als bei der Solidarität-mit-Israelkundgebung am Nachmittag. Auch der Besuch beider wäre problemlos möglich gewesen, die kommunistische Schwindsucht – die noch ärger ist als nur 90%, schließlich ist es nicht so, als hätte sich der Großteil der Teilnehmer auf der israelsolidarischen Veranstaltung auch nur annähernd kommunistisch verstanden – lag also nicht in der terminlichen Überschneidung begründet.
Tatsächlich war es viel eher so, dass die Gedenkdemonstration unwidersprochen einen breiten Palästina-Block hatte. Es war offensichtlich niemandem danach zumute, das zu skandalisieren, was doch offenkundig Skandal ist: Dass neben einem Banner, das die Unaufschiebbarkeit des Kommunismus postuliert, schon das Nächste das Recht auf Selbstunterdrückung in religiösen Zwangssystemen fordert.
Es ist wohl kein Zufall, dass es grade Luxemburg und Liebknecht sind, die Jahr für Jahr tausende zum Stalinistenkarneval anziehen: Gar zu unspektakulär wäre Marx Tod im Bett, sein spärliches und bürgerliches Ende auf dem Highgate Cemetary gegenüber dem revolutionären Blut, das Luxemburg und Liebknecht vergossen. Es ist das Lob des Märtyrers, das hier Palästinenser und Sozialisten eint. Die eigene Resignation, die Ohnmacht gegenüber dem System, verwandelt sich zur Verehrung dessen, was man an sich selbst noch erkennt:
Das Zerbrechen an der Gewalt, das Gebrochen-werden von der Gewalt, das sich im Tod zeigt, wird als Sieg umgedeutet, anstatt darin eben das zu erkennen, worin es eigentlich besteht: Das vollendete Scheitern des Einzelnen gegenüber dem Ganzen – das doppelte Verlieren im Sinne des Verlusts und der Niederlage.
Das Opfer trägt schon seiner Form nach den Zusatz „für“, wie die Unterstellung ihm läge ein tieferer Sinn zugrunde. Das unterscheidet es vom gänzlich sinnlosen Tod, der nichts mehr bedeutet als das Ende des Herzschlags, der Hirnfunktion und so schließlich das Verschwinden eines Menschen aus der Welt.
Darin liegt im besten Falle Tragik, niemals aber ein Sinn: Welcher Gewinn, der nicht in einer vernünftig eingerichteten Gesellschaft auch hätte anders erzielt werden können, läge darin, dass ein Mensch verschwindet – seinen Mitmenschen verloren geht?
Um diesen Gewinn herbeizufantasieren, muss man dem Kommunismus entsagen und sich stattdessen Ideologie und Religion verschreiben. Da muss es auf einmal etwas über dem Menschen geben, das es wert ist dafür zu sterben: Hier der Kommunismus, dort der Islam. Dieser Personenkult an jenen, die ihre „Eigentlichkeit“ dadurch beweisen, dass sie sich dem Sein zum Tode vollkommen ausliefern, macht es auch möglich, sich seine eigene Ohnmacht – die tatsächliche Uneigentlichkeit des Menschen in der Maschinerie – zu verleugnen und der eigenen Existenz somit durch das Opfer anderer Sinn zurückzugeben.
Und so zieht sich der Trauermarsch durch die Stadt – geeinigt in dem Glauben, der richtigen Sache schon alleine deshalb zu dienen, weil man sie mit einem Namen benennen kann. Hier ist Kommunist, wer sich Kommunist nennt, hier ist für den Frieden, wer es sagt, hier ist ein Jeder willkommen, der eine Idee benennen kann, die nur „eigentlich“ genug klingt – die Gemeinplätzchen, die hier gebacken werden, sollen nach dem schmecken, was ja „eigentlich“ das richtige ist – Frieden, Liebe, Kommunismus, Gemeinschaft, solange das Wort groß genug ist, was in die Welt gespien wird, kann ein jeder bereitwillig unterschreiben.

Der Tagesspiegel erfasst in seiner Bemühung, sich bürgerlich mit dem Thema auseinanderzusetzen den Kern der Demonstration, formuliert ihn aber als Kritik, in dem Glauben, das was hier stattfände sei nicht zutiefst systemaffirmativ. So schreibt er am 11.01, zitiert nach der Onlineausgabe:

„Der Mord an Liebknecht und Luxemburg ist eine deutsche Geschichtsstunde. Linke, die daraus lernen wollen, müssen zur Kenntnis nehmen, dass mit dem Abscheu über ihre Mörder die Unschuld nicht zurückkehrt, mit der 1919 über ein ganz anderes System nachgedacht werden konnte. Sozialisten und Kommunisten haben bewiesen, dass die Hölle auf Erden schafft, wer ein irdisches Paradies verspricht. Wer sich auf Luxemburg beruft, muss die Freiheit wollen. Und wer sie kritisiert, muss wissen, dass die demokratische Gesellschaft am Ende wäre, wenn in ihr der Traum von der Gleichheit nicht mehr geträumt würde.“

Dabei verkennt er, dass dieses Bewusstsein längst angekommen ist. Alle hier wünschen sich die Freiheit der gemeinsamen Unterdrückung in der jeweils richtigen Stagnation und sind Reformen, oder gar Revolutionen zutiefst abgeneigt. Ihr revolutionäres Moment gewinnen die Massen hier, egal ob Pelztragende Dame oder Herr mit Dackel und Jogginganzug nur noch daraus, dass sie sich den klingenden Namen geben und sich mit Gedenkmärschen versichern, auch das richtige zu denken: Die demokratisch-kapitalistische Gesellschaft ist eben nicht am Ende, weil alle nur das tun, was von ihnen verlangt wird um ihr Funktionieren zu gewährleisten: Sie träumen den Traum von Gleichheit, als ginge es nicht darum, eben diesen Traum als bloßen Schein zu entlarven und eine Versöhnung in der Differenz zu finden. Das Ungleiche aber, das sich nicht damit begnügt, seinen Traum von Gleichheit zu träumen, sondern sich seiner Differenz sehr wohl bewusst ist und sich nicht schämt sie zur Schau zu stellen, hat hier keinen Platz.

Diesen muss es später am gleichen Tage am anderen Ort, vertreten von anderen Menschen finden, die auch gänzlich andere Ziele haben als den Toten zu gedenken. Ihnen geht es um Solidarität mit den Lebenden – um Solidarität mit Israel und denen, die unter seinem Schutz dem Tod durch Verfolgung, der immer latent vorhandenen Möglichkeit der Katastrophe des Kapitalismus entgehen. Die wenigsten davon würden auf die Frage: „Sind sie Kommunist“ mit einem Ja antworten, und doch handelt ein jeder hier doch weitaus mehr im Interesse der Emanzipation, als das ein Liebknechtscher Nelkenträger vermochte.
In der deutschen Ideologie schon benannten Marx und Engels den Kommunismus als die wirkliche Bewegung, die den bestehenden Zustand aufhebe und wiesen es von sich, dass es sich dabei um eine Utopie handle, die hergestellt werden solle. Und auch wenn es nun nicht nur naiv, sondern geradezu bescheuert wäre zu glauben, es ginge Israel um den Kommunismus, findet doch sehr konkret der Versuch statt, die Menschen aus ihrer ideologischen Verfangenheit in überkommenen Vorformen und Hass auf die Moderne zu befreien. Nicht etwa aus Altruismus heraus, sondern aus dem reinen Wunsch zu überleben. Dass dabei Menschen sterben, ist weder schön, noch zu rechtfertigen. Dennoch handelt es sich bei ihnen nicht um Opfer für die größere Sache – sondern schlicht um Tote, deren Tod zähneknirschend und mit Trauer in Kauf genommen wird, in der Hoffnung, so zumindest das eigene Leben zu schützen.
Eine vernünftige Einrichtung von Gesellschaft würde genau das einfordern: Die Unmöglichkeit des Opfers. Da aber, wo Menschen bereit sind sich selbst zu opfern, bleibt dieser Weg versperrt – dort steht ein partikulares Interesse gegen ein anderes. Welche Interessen das sind, wird auch freimütig bekannt gegeben, wie beispielsweise im Bekennervideo von Madrid.
„Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.“
Der Versuch, jene die das Leben wollen, am Leben zu halten und die Gesellschaft so umzuformen, dass ein Leben in dem ein Mensch postuliert, er liebe den Tod, nicht mehr möglich ist – das wäre die Aufgabe des Kommunismus. Stattdessen aber wird, statt dieses Projekt zu wagen, die Einigkeit im Tode gesucht. Im gemeinsamen massenhaften Gedenken, im Personenkult an die kommunistischen Märtyrer findet die Identifikation mit den Toten statt: Man pilgert massenhaft, statt in stiller Andacht mit lautem Tamtam zum Grabe und empfindet es als revolutionären Akt. Diese Umformung der trauernden Würde in den triumphalen Popanz denkt dabei stets die Frage mit, ob man selbst bereit wäre für die Sache zu sterben. So werden die roten Nelken am Fuße der Gedenkstätte der Sozialisten zum Sinnbild des Blutes, das stets neu vergossen werden muss, um sich der eigenen Richtigkeit gewahr zu werden – die Inschrift wird zum Leitspruch.
„Die Toten mahnen uns“ – und alles was sie hören, ist die Mahnung der Toten. Diese aber haben ihre Münder für immer geschlossen und schweigen. Die Mahnung des ohrenbetäubenden Schweigens, hallt in ihren Ohren wider als all das, was für jene, die diese Ordnung für erhaltenswert halten, nur weil es eben da sei, nur im Tode zu erreichen ist: Reine Ideen, unbefleckt vom materiellen Makel: Liebe, Freiheit, Recht, all die Versprechungen, deren systematisches Brechen das Argument wäre, das man gegen den Kapitalismus in Anschlag bringen müsste.
Gegenüber dieser Mahnung nehmen sie die der Lebenden kaum noch wahr. Weder die Bitte der Juden, man solle ihnen doch beistehen, wenn andere sie ins Meer treiben wollten, noch die der Palästinenser, die sich nach einem freien Leben sehnen. Das einzige was ihnen hörbar ist, bleibt die Stagnation: Die Stille der Toten, der Wunsch nach Sicherheit und im Bestehenden zu verharren, auch wenn dieses Bestehende doch nur noch die Flucht in den Tod lässt, will man sich selbst nicht mit dem Makel der Existenz und der Teilhabe am gesellschaftlichen Wahnsinn schuldig machen.
Statt den Wahnsinn zu verhindern, verhindern sie so lieber seine Änderung, gefangen gänzlich im deutschen Glauben ans Sein zum Tode. Soviel weniger ansprechend ist die Idee, für das Leben auf die Straße zu gehen, als für den Tod. Schließlich würde ersteres erfordern, einen Standpunkt zu beziehen.
Solange nur die Toten mahnen, bleibt der Kommunismus Utopie.
Da er aber dies nicht ist, sondern wirkliche Bewegung, enttarnt sich die Demonstration derer, die gemeinsam mit religiösen Märtyrern zu Grabmalen ziehen, um sich ihrer Identität zu versichern als das, was sie ist: Als Farce nämlich – Stalinistenkarneval.


6 Antworten auf “Wo sind all‘ die Kommunisten hin?”


  1. 1 a/d 13. Januar 2009 um 1:58 Uhr

    anti? wie bei rr? würde mich freuen.

  2. 2 a/d 13. Januar 2009 um 2:04 Uhr

    sehr schöner text übrigens. geradezu poetisch im vergleich mit dem meisten mist, der zu diesem thema geschrieben wurde.

  3. 3 berlinerbutze 14. Januar 2009 um 10:25 Uhr

    „10.000, 12.000, 15.000, 20.000 – je nach Quelle variieren die Zahlen mit denen die Teilnehmer an der Luxemburg-Liebknecht Demonstration beziffert werden.“
    Die Linke liegt mit Ihrer Schätzung bei 80.000 Personen…

  4. 4 berlinerbutze 14. Januar 2009 um 11:25 Uhr

    „sehr schöner text übrigens. geradezu poetisch im vergleich mit dem meisten mist, der zu diesem thema geschrieben wurde.“
    na, ich geb’s ja zu, ich war nicht sonderlich poetisch

  5. 5 Affe 22. Januar 2009 um 12:27 Uhr

    Wow,
    ich bin begeistert von dem Blog.Chapeau!
    Differenzierte Reflexion, selbstkritische und ironische Anmerkungen,
    gute Titel.Weiter so. Gehört ab sofort zu meiner Standardlektüre.

  6. 6 Victor- 27. Januar 2009 um 5:04 Uhr

    In der Tat, der sachliche, stellenweise ironische, Tonfall des Beitrags gefällt, ebenso der löbliche Ansatz, das „Uraltthema“ Liebknecht/Luxemburg – dem Anlass entsprechend – aus aktuellerer Perspektive zu beleuchten.
    Da ist man dann auch bereit, gegenüber inhaltlichen Schwächen nachsichtig zu sein – ob beispielsweise, wie vom Autor insinuiert, ein Gleichheitszeichen, welcher Art auch immer, zwischen dem Sammelsurium nostalgischer LL-Verehrer jedweder politischer Coleur einerseits und palästinensischem Block andererseits zusetzen ist, erscheint zumindest weit hergeholt.

    Interessant dagegen der Ansatz, Parallelen zwischen dem palästinensichen Märtyrerkult, sowie fortdauernden,(DDR-)stalinistischen Gedenkritualen bei einem Teil der Demonstranten aufzuzeigen. Hier sei an Worte Heiner Müllers erinnert: „Der verordnete Antifaschismus war ein Totenkult. Eine ganze Bevölkerung wurde zu Gefangenen der Toten. Durch den nachträglichen Gehorsam der überlebenden Besiegten gegenüber den siegreichen Toten der Gegenpartei verloren die Toten des Antifaschismus ihre Aura. Die Replik auf die Konzentrationslager war „das sozialistische Lager“. Es selektierte auch noch seine Toten.“

    In _diesem_ Sinne ließe sich also durchaus ein Bogen von der „Gedenkstätte der Sozialisten“ in Berlin-Friedrichsfelde zu den aktuellen Geschehnissen in Nahost spannen.

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