Notizen zu Gehlens Anthropologiebegriff

Arnold Gehlen - Bild des Menschen, nicht mehr.
Für seine Analyse im Essay „ein Bild vom Menschen“ schreibt Gehlen müsse „man in den Mittelpunkt aller weiteren Probleme und Fragen die Handlung stellen und den Menschen als ein handelndes Wesen definieren“.
Zwar fügt er hinzu „oder als ein voraussehendes und kulturschaffendes“, was alles dasselbe meine, aber auch dieser Gewaltakt drei verschiedene Begriffe in einen einen einzigen zu pressen, täuscht nicht darüber hinweg, dass dieser übergeordnete Begriff der der Handlung ist.

Die Frage stellt sich nun, wie genau der Begriff der Handlung zu verstehen ist .- unterscheidet er sich doch offensichtlich für Gehlen von „den Bauten der Bibern, der Vogelnester,usw.“ . Diese, so führt er aus, seien im Gegensatz zur „Kulturschaffung“ rein instinktive Handlungen.
Folglich, wie er auch selbst an anderer Stelle anführt, ist sein Begriff der Handlung einer der bewussten Dienlich-Machung der Natur. Bei Gehlen dienen die Dinge, die die Menschen gefertigt haben, auch den Menschen – und das schlicht mit der Begründung, dass sie sie gefertigt haben.
Dass diese Dinge nun aber ihrerseits nur Produkt einer vorhergehenden Dienlichmachung waren, übergeht er dabei: Für ihn wird eine Löffelmaschine nicht hergestellt, um Löffel herzustellen, sondern um eine Löffelmaschine herzustellen.
Aus der Tatsache, dass es Menschen geschafft haben aus der reinen Naturbestimmtheit herauszutreten in eine Bestimmtheit durch die zweite Natur (wie Gehlen die „Kultursphäre“ nennt) schließt er bereits, dass dieser Kultursphäre eine bewusste Einrichtung zugrunde liegen müsse, die im Interesse aller sei. Da er gezwungen ist, eine Vernunft – sogar eine Wissenschaft – in das hineinzupressen, was letztlich nichts ist als unvernünftige Maschinerie, muss er einen zeitlosen Begriff des Menschen schaffen, der einen stetigen Fortschritt beschreibt.

Dieser Fortschritt aber ist nichts als die Zunahme der Produktivkräfte, die nun auf immer neue und immer effizientere Weisen ausgebeutet werden können – nicht aber eine Zunahme an Vernunft in der Welt.
Sein Begriff des Menschen ist der zeitlose Begriff des Menschen seiner Zeit.
Darüber, dass er die Werdung des Zustandes hintanstellt und den Zustand als einen Vernünftigen hypostasiert, macht Gehlen den Menschen des Jetzt – der als Tauschender im wahrsten Sinne des Wortes,
(und da liegt Gehlens Wahrheit) ein Handelnder ist – zum Menschen, der beliebig in jedwede Zeit hineingesetzt werden kann und stets nichts anderes tut als zu handeln: Nämlich unter den Prämissen der Wertschöpfung vernünftig seine Zeit, seine Arbeit oder seine Waren gegen andere Vorteile – bei Gehlen eine Dienlichmachung des Naturraumes – einzutauschen.
Das Tauschverhältnis, das sich tief eingegraben hat in das Bild vom Menschen – also der Schein, in dem uns der Mensch in dieser Gesellschaft begegnet – ist nicht hinauszulösen aus Gehlens Anthropologie.
Sie ist ein Bild vom Menschen nur insofern, als dass sie zeigt, wie er sein könnte, wenn er nicht so wäre, wie er wäre. Damit dieses Bild vom Menschen aber zu einem wirklichen würde, wäre es notwendig, die Gesellschaft zu ändern, die diesen Menschen erst schafft. Das aber würde eine andere Anthropologie erfordern: Gehlens ist aber die seiner Gesellschaft angemessene und nur das. Eine Anthropologie der vernünftig handelnden Wesen.