Schlimmer als Hitler und Ahmadinedjad zusammen.

Wenn er wenigstens kein Jude wäre.
„[Bürgerliche Staatlichkeit kann ] auf das Prinzip zurückgeführt werden, wonach von zwei Tauschern auf dem Markte keiner das Tauschverhältnis eigenmächtig regeln kann, sondern daß hierfür eine dritte Partei erforderlich ist, die die von den Warenbesitzern als Eigentümer einander gegenseitig zu gewährende Garantie verkörpert und dementsprechend die Regeln des Verkehrs zwischen Warenbesitzern personifiziert.” [1]
Eugen Paschukanis, zitiert nach Gruber/Offenbauer, Streifzüge 2/2001.

Diese dritte Partei – der Staat – ist dasjenige Element, das den Menschen gegenübertritt und als dass es sich ihnen in seiner fetischisierten Form präsentiert. Die Individuen, die einen Wiedereintritt in die selbstverschuldete Unmündigkeit vollziehen (Bruhn), erfahren den Staat zuvorderst als den Garanten des Warentausches, der sie in die Position der Ohnmacht versetzt und zum Diener der Dinge degradiert.
Diesen ohnmächtigen Subjekten tritt er dann als Schutzherr und Folterknecht zugleich entgegen: Aus einem Mittel zur Organisation des Tausches wird ein Zweck, beziehungsweise eine Naturkonstante, der zu dienen sei. Diese Dienerschaft wird dann durch den Dienst an der Nation befriedigt.
Unzählig die Hinweise der kritischen Theorie auf die psychologischen Entlastungsfunktionen von Rassismus und Antisemitismus , unzählig auch die Verweise darauf, dass sie notwendiges Resultat aus der Fetischisierung des Staates seien – die dort stattfindet, wo der Staat nicht mehr Mittel zur vernünftigen Einrichtung von Gesellschaft ist, sondern erstarrte Vernunft überkommener Zeiten und nun im Dienst der Ideologie.
Die massenweise ihrer selbst nicht mehr mächtigen Subjekte verarbeiten ihre narzisstische Kränkung dadurch, dass sie sich in regressive Kollektive flüchten und ihre verdrängten Regungen wider ihre reale Ohnmacht gegen eine Fremdgruppe richten.
Der Staat aber erscheint allen Bürgern kapitalistischer Staaten – zumindest jenen des Zentrums – als eine unverrückbare, nicht wirklich sinnvolle, sondern gegen sie gerichtete „Naturgewalt“. Mit einer Ausnahme.
Ein Staat ist nicht gegründet worden, um den freien Warenaustausch zu gewährleisten, sondern um der eigenen Vernichtung zu entgehen: Der Staat Israel. Und hier müssen wir die Brücke zur Tagespolitik schlagen. Die Bevölkerung des Staates Israel hat die Fetischisierung ihrer Nation, ihrer Staatlichkeit, nicht benötigt, da es stets klar zu erkennen war, dass er nicht ein Selbstzweck, sondern ein Mittel der Lebenssicherung war.
Seit der Staatsgründung unter Beschuss, war für die Israelis ihre bewaffnete Nationalstaatlichkeit stets auch Garant ihres eigenen Lebens. Die Irrationalität kapitalistischer Nationalstaatlichkeit fand so einen rationalen Kern in der Beschützerfunktion des Staates vor antisemitischen Übergriffen: Eine Konstruktion von Fremdgruppen war somit nicht notwendig, da sie in Gestalt der Antisemiten tatsächlich in realiter vor den Toren standen und stehen.
Nun, wo der Staat unter ständiger Gängelung durch die fünfte Kolonne der Hamas und des Irans – die vereinigten Friedensbewegungen der Völker nämlich – nicht mehr als Schutzherr auftritt, sondern nur die „normalen“ staatlichen Funktionen (sprich: Die Gewährleistung des Kapitalflusses) wahrnimmt, bricht sofort die Normalität – also die Unvernunft des falschen Ganzen – herein. Ihr Name ist Awigdor Liberman, von dem Grenzgänge verschämt mutmaßt, man könne seine Positionen als „rassistische“ bezeichnen. Dies schreckt zurück vor einer simplen Tatsache: Lieberman IST Rassist.
Es ist keine Frage von Auslegung, ob ein Mensch Rassist sei oder nicht, sondern eine der Faktenlage. Ebensowenig wie es eine Auslegungsfrage ist, ob nun diese oder jene Kritik an Israel antisemitisch sei.

Entbindet also eine Wahl Liebermans am morgigen Tage antideutsche Kommunisten von der Solidarität mit Israel?
Ist nun – endlich – nach Jahren der Gängelung die Zeit der Versöhnung mit den Antiimperialisten angebrochen, in einer gemeinsamen Kritik Israels als Rassistenstaat?
Rauft sich die deutsche Volksgemeinschaft doch noch einmal zusammen?

Die Antwort auf alle diese Fragen ist ebenso einfach für einen Antideutschen wie blasphemisch für einen Bewegungslinken: Nein.

Wieso aber sich mit einem Staat solidarisieren, in dem rassistische Politiker zu Macht gelangen können? Schlichtweg: Weil das keine Besonderheit Israels ist, sondern wie oben nachgewiesen, ein Problem ausnahmslos aller Nationalstaaten – unter denen Israel auch unter der Führung eines Rassisten noch immer die Besonderheit hätte, Schutzraum der Verfolgten des Antisemitismus zu sein.
Die Fetischisierung des Staates aber, damit die Schaffung einer nationalen Identität, geschieht unter Verhältnissen, wo das Mittel zum Zweck gerinnt – in Israels Falle dort, wo der Staat eben nicht mehr den Schutz seiner Bürger garantiert, sondern nur noch garantieren soll, dass der Tausch innerhalb seiner Grenzen reibungslos abläuft. Auch das plötzliche Auftauchen Liebermans nach dem Abbruch der Operation Cast Lead legt diesen Schluss nahe:
Die allgegenwärtige Verzweiflung ( vgl. hier oder hier ) die sich aus dem stets wiederholten Zurückzucken der israelischen Regierungen gegenüber den Antisemiten aller Länder ergibt, lässt den Wunsch nach einem „starken Mann“ aufkeimen, der das „israelische Volk“ – also die Ableitung aus dem fetischisierten Staat – zur Größe zurückbringt.
Mit anderen Worten: Sollte Lieberman gewählt werden, ist das ein Resultat des Antisemitismus – nicht aber seine Ursache.

Das aber wird die deutsche und internationale Linke wenig interessieren.
Genausowenig wie es sie interessierte bei der Blockade Gazas, beim Schutzzaun oder auch nur einem einzigen der Kriege Israels – angefangen beim Unabhängigkeitskrieg.
Zumindest aber wird der morgige Tag dem einen oder anderen Bewegungsantideutschen, dem das Dasein als Vaterlandsverräter im beliebtesten Land der Welt dann doch etwas unbequem wird, die Gelegenheit geben unter den Prämissen des Antirassismus in den Schoß der deutschen Linken zurückzukehren.
Denn der ist fruchtbar noch.

Alle anderen dürfen sich jetzt schon auf die Schlagzeilen und Karikaturen der nächsten Tage freuen. Einige Israelkritiker werden sich jetzt jedenfalls ärgern, dass sämtliche Hitler und Holocaustvergleiche schon vorher verheizt wurden – die Steigerung wird nun schwierig.


7 Antworten auf “Schlimmer als Hitler und Ahmadinedjad zusammen.”


  1. 1 redwatch 09. Februar 2009 um 22:16 Uhr

    Bomber Domme?

  2. 2 anti 09. Februar 2009 um 23:56 Uhr

    Nope.

  3. 3 w 10. Februar 2009 um 0:28 Uhr

    ich worde größtenteils, aber hier ….

    „Ein Staat ist nicht gegründet worden, um den freien Warenaustausch zu gewährleisten, sondern um der eigenen Vernichtung zu entgehen: Der Staat Israel. Und hier müssen wir die Brücke zur Tagespolitik schlagen. Die Bevölkerung des Staates Israel hat die Fetischisierung ihrer Nation, ihrer Staatlichkeit, nicht benötigt, da es stets klar zu erkennen war, dass er nicht ein Selbstzweck, sondern ein Mittel der Lebenssicherung war.“

    … wird es doch schwierig: der fetisch ist doch auch in den köpfe der israelis fest verankert, siehe die ganzen zionistischen mythen von exodus, heimkehr/rückkehr und der zerstörung des tempels. unterschied ist eben zu anderen staaten, dass im falle israels fetisch und lebensrettende maßnahme amalgieren.

  4. 4 anti 10. Februar 2009 um 1:13 Uhr

    Dass die Israelis ganz ohne leben, habe ich ja auch nicht behauptet.
    Ich habe nur gesagt, dass sie ihn nicht BENÖTIGEN, da auch ohne noch durchaus eine Rechtfertigung bestünde. Deutschland und ähnliche benötigen ihn allerdings sehr wohl, da sie sonst jegliche Legitimität – die sie ja grade aus ihrer völkischen Selbstbestimmung ziehen – verlören.
    Ist das annehmbar für dich?
    (on an unrelated sidenote: Wie erträgst du eigentlich diese GSPler?)

  5. 5 w 10. Februar 2009 um 21:32 Uhr

    „Ich habe nur gesagt, dass sie ihn nicht BENÖTIGEN, da auch ohne noch durchaus eine Rechtfertigung bestünde.“

    andererseits benötigen sie ihn vielleicht auch umso stärker, je mehr sie angegriffen werden – nach einem anlauf zur vernichtung des ganzen ‚volkes‘ und unter berücksichtigung der tatsache, dass 80% der welt in israel den ‚weltbrandstifter‘ sehen, liegen fluchttendenzen in den wahn von religion und/oder nation ja sehr nahe. und vielleicht beziehen ja viele israelis auch gerade aus dem mythischen glauben an ihre stärke, überlegenheit, auserwähltheit whatever die nötige energie, um die ganze scheiße überhaupt durchzustehen.

    „Wie erträgst du eigentlich diese GSPler?“

    deren kommentare zu löschen ist sehr spaßig ;)

  6. 6 anti 11. Februar 2009 um 10:20 Uhr

    Naja, nein. Diese Fluchttendenzen siehst du glaube ich an der falschen Stelle verortet.
    Die pathische Projektion muss nämlich genau da stattfinden, wo man nicht Herr über sein eigenes Leben ist, aber die Verhältnisse die eigentlichen Probleme verdecken. Die Juden haben das nicht nötig, da die Welt – wie schon erwähnt – in realiter gegen sie steht. Da braucht also kein künstliches-wahnhaftes Zusammengehörigkeitsgefühl geschweißt zu werden, weil man eh schon zusammensteht – nämlich in der Ecke, und wenn es nach dem Rest der Welt ginge auch an der Wand.

  7. 7 Genussdenker 14. Februar 2009 um 14:37 Uhr

    Irgendwie verstehe das mit diesem für Israel besonderen „Fetischismus“ nicht.

    Sämtliche heutige Staaten bauen auf solchen Staats-Mythen auf. Ja, man kann sogar sagen, es handle sich um eine typisches Phänomen der neuzeitlichen Nationalstaatlichleit.
    Solche Mythen beinhalten sowohl negative wie auch positive Aspekte. In erster Linie dienen sie der „geistigen Legitimation eines Staates“. Im historischen Hinblick ist interessant, dass dieses Phänomen in der Zeit zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und dem 1. Weltkrieg besonders stark ausgeprägt war. Beginn dieser Entwicklung kann man wohl die Proklammierung und Bildung der modernen Nationalstaaten nach der Epoche der franz. Revolution ausmachen.
    Und : nach wie vor haben solche GründungsMythen in den Köpfer vieler Bürger in vielen Nationalstaaten bestand.
    Warum soll also nicht auch der Staat Israel auf einen Gründungsmythos (der historisch ja nicht mal ein 100%er Mythos ist) aufbauen?

    Die ganze Welt weiss um die Gründungslegitimation Israels. Und wer sich noch ein wenig einliest, weiss zusätzlich, dass der Grundungsgrund längst vor den schrecklichen Ereignisen des 2.Weltkriegs gelegt wurde.

    Die Frage bleibt aber nur, wie man mit solchen NationalMythen umgeht. In welchem Grad man dazu distanziert ist. Das ist schlussendlich die Kernfrage in der Praxis!
    Der Staat Israel ist ein säkularer Staat. Gut 20% der Bevölkerung besteht aus sog. „nicht-nationaler Ethnie“. Eine Zahl, die in unseren Breitengraden wohl selbst linke Politiker zu Überläufern zu Rechtsparteien machen würde . . .

    Ja, ich mag den Israelis ihren Gründungsmythos gönnen. Natürlich sollte man sich auf Realpolitischer Ebene nicht darauf berufen sobald um’s verfassungsrechtliche Belange geht. Aber wie viele Politiker in der Welt tun das schon nicht?

    Die Welt hat ihr Argus-Auge auf Israel gerichtet. Ist ja auch einfach, da Israel der einzige jüdische Staat ist. Da haben es die anderen Staaten etwas gar einfacher.

    Die Verantwortung über Israel haben die stimmberechtigen Bürger dieses Landes. Und dafür wie sie in der Welt zu Unrecht kritisiert werden, gilt ihnen ein Lob. Obama hier Obama da. Doch, so bin ich überzeugt ist wohl kaum ein politischer Job schwieriger als politischer Amtsträger der israelischen Regierung.

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