Wie ein Phönix aus der Asche – Notizen zur Kontinuität deutscher Geschichte (1)

Volksgemeinschaft statt Kommunismus. Die deutsche Lösung.

Die Deutschen haben die Welt nicht zu unterwerfen vermocht – sie durchfaulen sie jetzt.

Paul Celan

Noch nicht einmal 80 Jahre liegt die Shoa zurück, noch leben einige jener, die sich das deutsche Vernichtungswerk mit eigenen Augen ansehen konnten oder mussten. Und dennoch schafft es Deutschland zur beliebtesten Nation der Welt gewählt zu werden – ganz so, als hätte das eine mit dem anderen nichts zu tun und als sei Nazideutschland eine historische Fußnote, die übergangen werden kann, wenn man sich die deutsche Kultur betrachtet.
Einige Notizen zum Wiederaufstieg Deutschlands und zur Vergangenheitsbewältigung – was heisst: Abwicklung der Geschichte.

Als am 7. Mai 1945, gegen 2:39 Ortszeit Generaloberst Jodl die bedingungslose Kapitulation Deutschlands zum ersten Mal unterzeichnete, war ein ganzes Volk gezwungen umzudenken. Der erklärte Erbfeind hatte den Krieg gewonnen und der Traum vom Herrenmenschen, der sich die Welt unterwirft, war ein für alle Mal ausgeträumt. Mehrere Generationen stolzer Deutscher befanden sich mit einem Male in einem besetzten Land, dessen Besatzungstruppen noch nicht vergessen hatten, was ebenjene Landsleute ihren Kameraden auf dem Schlachtfeld und den Juden in den Lagern angetan hatten. Es brachen also schlechte Zeiten an für ein Deutschland, dessen versuchter Endsieg zur absoluten Niederlage wurde.
Statt nun aber der Idee “Deutschland” lebe wohl zu sagen und sie ein für alle Mal zu beerdigen, entschied man sich, dass man getäuscht worden sei und es eigentlich schon immer besser gewusst habe. Dieses Motiv wurde prägend für die gesamte deutsche Nachkriegsgeschichte. Der gedankliche Salto Mortale der dafür vollbracht werden musste, lässt sich am ehesten so beschreiben, dass der deutsche Souverän geteilt wurde, in das antifaschistische Gros, das unter Hitler leiden musste und die faschistischen Kriegstreiber, die das unschuldige Deutschland in den Abgrund jagten.

Im Nürnberger Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands von 1947 liest sich das dann wie folgt:

“Das Dritte Reich hat Europa überfallen und geplündert und schließlich Deutschland in den Abgrund gestoßen.”

Die gedankliche Trennung zwischen dem dritten Reich und Deutschland ist in diesem Satz schon 2 Jahre nach Hitlers Fall zur Gänze vollzogen. In dieser Wahrnehmung von Geschichte verschwand 1933 das deutsche Volk von der Weltbühne, um 1945 aus dem Urlaub zurückzukommen und sich verwundert die Augen zu reiben. Während dieser Zeit herrschten antisemitische, rassistische Barbaren, die mit der Bevölkerung vor oder nach 1945 nichts zu tun hatten.
Die SPD fährt ganz unverblümt fort zu behaupten, das gehinderte deutsche Wesen führe auch dazu, dass die Welt nicht genese:

“Die Verelendung Deutschlands läßt jetzt Europa verarmen und ist ein Hindernis für die wirtschaftliche Gesundung der Welt.”

All das stellt sie in den Kontext der Fügung, dass nun die großkapitalistischen Cliquen zu entmachten seien und der Sozialismus ein neues Deutschland schaffen solle.

Wer darin nun eine Kontinuität sieht, wer wittert, dass hinter einem Sozialismus auf nationaler Basis vielleicht gar nichts so sehr unterschiedliches sich verbirgt als eben ein nationaler Sozialismus, wer ein Stück weit vermutet, die großkapitalistischen Cliquen die Deutschland ins Unglück stürzten seien ein Chiffre für die Juden – der irrt natürlich.

Wer das hingegen doch glaubt, kann sich immerhin mit dem Gedanken trösten, dass der Sozialismus nun einmal eine tückische Angelegenheit sei, grade wenn er auf nationaler Ebene erfolgte und dass daher eine sozialdemokratische Partei vielleicht ein ungünstiges Anschauungsbeispiel in Sachen Ideologiekritik sei.

Allein: Natürlich verhält es sich nicht so, dass der deutsche Antikapitalismus beschränkt wäre auf die Sozialdemokraten. Das am 3. Februar 1947 verabschiedete Programm der CDU nämlich weist nichts anderes auf.

So heißt es darin:
“Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden.”

Schuld am Holocaust, mit anderen Worten, ist nicht das deutsche Volk, sondern das kapitalistische Wirtschaftssystem. Ganz so als hätte sich der Wert ein Gewehr genommen und die Juden in die Kammern gezwungen.
Das Ahlener Programm fährt fort:

“Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr als das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein.”

Das Übel das hier ausgemacht wird ist also nicht etwa der Antisemitismus der Deutschen, nicht einmal die Psychose Hitlers, wie sie dieser Tage öfter herbeibeschworen wird: Es ist das kapitalistische Gewinn und Machtstreben, das ersetzt werden soll durch das “Wohlergehen unseres Volkes”.

Was eben dieses Volk verbrochen hatte – und unter welchem Schlachtruf, nämlich dem nach dem Wohlergehen des Volkes – war schon wieder vergessen.

Was im Westen also sein Unwesen trieb als Volksparteien, probte im Osten als Nachfolgeorganisation aus SPD und KPD den Verrat am Kommunismus, den die Sowjetunion schon einige Jahre zuvor besiegelt hatte,
Wer zu dieser Zeit noch der Partei treu war, hatte sich auch mit der Existenz des Hitler-Stalin-Paktes abgefunden gehabt, die weder zu erklären, noch zu entschuldigen gewesen war. Im wesentlichen waren es diese drei Kräfte, die ab 1949 (als die Bildungshoheit der Bundesländer verabschiedet wurde) für die Erziehung der deutschen Jugend verantwortlich waren – Kräfte also, die bis über den Schluss hinaus nicht eine deutsche Schuld am Holocaust einräumten, sondern lieber über die Großkapitalisten und ein drittes Reich ohne Deutsche schwadronierten.

Von Anfang an stand das neue Deutschland unter den Sternen des Alten. Und das nicht nur in der Parteienlandschaft.


1 Antwort auf “Wie ein Phönix aus der Asche – Notizen zur Kontinuität deutscher Geschichte (1)”


  1. 1 Noergler 25. März 2009 um 14:12 Uhr

    Und dennoch schafft es Deutschland zur beliebtesten Nation der Welt gewählt zu werden – ganz so, als hätte das eine mit dem anderen nichts zu tun und als sei Nazideutschland eine historische Fußnote, die übergangen werden kann, wenn man sich die deutsche Kultur betrachtet.

    Vielleicht nicht deshalb, weil wir heute eine geradezu lächerlich friedfertige Nation sind, es jedem Land recht machen wollen, ein großes Herz für Flüchtlinge entdeckt haben und überall als Moderator auftreten?

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