Kritische Wissenschaften als Kulturindustrie – Zur Ehrenrettung des Konformismus

Marie zugedacht.

Zur Verteidigung des kleinen Glücks wider die große Zumutung.

“Die rebellische Haltung, vor einem Jahrzehnt noch das Privileg von Einzelgängern, ist heute der Ausdruck des Konformismus – man will dazugehören, nicht als Schlappschwanz gelten.” (Horkheimer, 1968)

Das Verschwinden der Philosophie als Spurensuche nach den letzten Dingen, damit auch das Verschwinden der Disziplin der Kritik im akademischen Betrieb, wie es bemängelt wird von studentischen Initiativen aller Provenienz, ist ebensowenig der akademischen Kultur aufzubürden, wie seine Existenz zu verleugnen. Dadurch, dass der Inhalt des akademischen Betriebes moniert wird, wird jegliche Kritik an ihm selbst – sprich: seiner Form – verdeckt und schlussendlich liquidiert.
Das Gerede davon, die falschen Inhalte würden vermittelt, verdeckt in letzter Konsequenz das größere Übel, das sich hinter ihm verbirgt und ihm wie den Kritikerinnen des Inhalts eingeschrieben ist bis ins Mark: Es ist das Mal des Ausverkaufes, die ihm schon in seiner Existenz als Betrieb ein nicht äußerliches, sondern tief verinnerlichtes Merkmal ist. Die Kritik an seinem Inhalt hingegen entspricht bereits dem verhärteten Bewusstsein des bürgerlichen Subjektes, das mit dem Kennerblick einer Stiftung Warentest abwägt, hinter welcher Packung Haferflocken sich nun der größte Mehrwert für es verbirgt.
Insofern bleibt die Kritik ganz und gar äußerlich, als dass sie geflissentlich ihre eigenen Grundlagen ignorieren muss, um fortzubestehen:
Schon der Versuch, eine ernsthafte Kritik zu betreiben an staatlichen oder privaten Universitäten, muss daran scheitern, dass sie sich und ihre Grundlagen nicht ausnehmen dürfte davon. Die Grundlagen des Universitären Betriebes aber sind nun jene der gesamten Warenproduzierenden Gesellschaft, denen sie mit Notwendigkeit genügen muss, insofern sie nicht von der Bewegung des Kapitals hinweggerafft werden will. Wollte sie nun jedoch die offene Revolte wagen und eben ihre eigene Grundlage, das Kapital und den Staat nämlich, mit der gebotenen Härte angreifen, so würde sie schneller von den Wächtern der Tugend und der instrumentellen Vernunft niedergestampft, als sie ihre Ansichten widerrufen könnte.
Stattdessen gerät Kritik nunmehr, erfasst vom Strudel des Wertgesetzes, zu dem, was sie verunmöglicht, nämlich zum ideologischen Schutz gegen jedes ernstgemeinte Aufbegehren.
Im Eifer des Betriebes, in den das bürgerliche Subjekt geworfen wird von der Welt, vergisst es seine eigene Unzulänglichkeit und bläst sich auf zum – im postmodernen Jargon gesprochen – wirkmächtigen Präger von Diskursen.
Solcherart veredelt als akademischer Träger der Revolution, tritt es nunmehr auf den Markt der Weltanschauungen und preist dort seine Ware an, natürlich stets bereit, die Waren der anderen als ebenbürtige zu würdigen, die gegebenenfalls besser – d.i. Wirkmächtiger – rezipiert werden. Die daraufhin folgende Anpassung der jeweils eigenen Weltanschauung, die nicht etwa hätte korrigiert werden müssen, weil sie argumentativ widerlegt worden wäre, sondern weil sie von der Masse im wahrsten Sinne des Wortes nicht abgekauft wurde, ist nichts weiter als das Gefeilsche um den Preis, der dem eigenen Produkt zuteil wird.
Kritik soll der Leserin zum Vergnügen werden, das ihrer Weltanschauung schmeichelt und sie weiterbringt – sie soll nolens volens als Praxis benutzbar sein, vereinnahmbar für die Produktion einer Gesellschaft, die als abgeschlossenes System funktioniert, zumindest aber doch als Vorbereitung für die Laufbahn durch die politischen Klüngel, wie zunächst von den 68ern, danach von der Vetternwirtschaft linker “Zusammenhänge” demonstriert.
Kritik aber bestünde gerade darin, dass sie eben keinen Gedanken daran verschwendet, wem sie nun ins Gehege passt oder nicht, sondern darauf insistiert, dass es keine Frage von Anschauung sei, dass der Zustand in dem sie sich bewegen muss ein untragbarer sei, sondern eine von existentieller Bedeutung, die nur insofern diskutierbar ist, als dass der Kritik immer wieder vorgeworfen werden muss, inwiefern sie nicht radikal genug sei, sondern weiterhin den Verhältnissen verhaftet bliebe.
Das aber bleibt sie nun am ehesten, wo sie ganz vergisst, woher sie kommt. Der Versuch, die Kritik als Vehikel für die Verbesserung des Betriebsklimas zu benutzen, ist der kleinliche Wunsch des Ideologen, sich ganz und gar an die Politik verschwenden zu können. Er ist der postmoderne Inhalt der althergebrachten Form des deutschen Bürgertraumes, die sich ersehnt, das Hobby zum Beruf zu machen.
Wo im angelsächsischen und amerikanischen Raum zumindest insofern der Zersplitterung der Welt Rechnung getragen wird, als dass es der American Dream stets war, vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden, dominiert hier der Gedanke Wagners, der davon schwadroniert, deutsch sei es, eine Sache um ihrer selbst Willen zu tun.
Was sich da niederschlug als die Idee des Michels, es sei doch nett wegen seiner Liebe zur Zugreise ein Lokomotivführer zu werden, wird hie zur Subversion im foucaultschen Diskursgebäude, die in der Konsequenz beide danach streben, es sich doch möglichst behaglich in der verwertenden Gesellschaft zu machen.
Das Einkassieren dieser letzten Trennung, zwischen Beruf und Privatem ist es aber gerade, was die ohnehin verhärteten Institutionen vollends versteinert. Wo sie vollzogen wird, findet der endgültige Ausverkauf der Leidenschaft statt.
Es war Marx, der als Erster anmerkte, dass nun aber die Kritik keine Leidenschaft des Kopfes sei, sondern letztlich nichts anderes als der Kopf der Leidenschaft.
So fühlt sich auch für unsern oben erwähnten Michel dann die dreihundertste Zugfahrt seltsam dröge an, insbesondere, wenn er sich dafür dann auch zum dreihundertsten Male zu ungeliebter Zeit aus dem warmen Bett quälen muss, um zum Ort seiner einstigen Passion zu gelangen. Ebenso wird die Kritik, die im akademischen Betrieb stattfindet abgeschmackt und leer, da sie lernen muss, sich an der Tatsache, dass sie sich gerade verkauft noch zu erfreuen – oder aber mit dem Akademiebetrieb unterzugehen, sodass der Kritiker sich noch insofern bequem werden könnte, als dass er sich als das heldenhafte Opfer stilisiert, das am Betrieb zerbricht und so erst recht bei Heideggerschem Sein zum Tode angelangt.
Dass die Kritikerin also ohnehin in ihrer Funktion als bürgerliches Subjekt gezwungen ist, sich feilzubieten, darf sie nicht dazu verführen, auch noch ihr Privatleben zu verramschen, wie man seinen alten Plunder loswird um die Mietschulden zu bezahlen. Dort wo die Kritik zum einzigen Lebensinhalt wird, beraubt sie sich ihrer eigenen Grundlage. Auch wenn nach wie vor festzuhalten ist am Gedanken der gesellschaftlichen Totalität, so ist es doch die Bedingung seiner Erkenntnis, dass man die kleinen Momente persönlichen Glücks – und insofern ist Kritik wirklich nichts anderes als der Kopf der Leidenschaft – gradezu eifersüchtig bewahrt um sie zu verteidigen gegen alle Versuche, sie vereinnahmen zu lassen. Aber auch hier ist es wieder die Aufgabe der Kritik, dagegen aufzubegehren, es sich darin bequem zu machen.
Seinen kritischen Stachel gewinnt das vielbeschworene “Glück im Kleinen” ja nur dadurch, dass es seinem wesentlichen Gehalt nach im gesellschaftlichen Schein befangen bleibt. Es darf um den Preis seiner eigenen Vernichtung – zumindest für einen Moment – nicht wahrhaben, dass es sich mit dem Leid der Welt abfindet.
Es bleibt doch ein Schein, aber ein Schein, der auch zu fassen ist: Grade dann, wenn der gesellschaftliche Schein am hellsten strahlt, wird er als solcher kenntlich. Wie eine Lampe, die ein Stück Papier anstrahlt erst dann wirklich als Lampe zu erkennen ist, wenn sie heiß genug brennt um am Ort der größten Wärme ein Durchsichtsloch zu brennen, ätzt sich die Kritik grade dort ins Bewusstsein hinein,
Die Kritik beharrt insofern gerade nicht darauf, dass die Subjektivität der gesellschaftlich individualisierten Monade das erstrebenswerte sei, wie es beispielsweise die Postmoderne anstrebt. Im Gegenteil besteht sie auf dem Vorrang der Objektivität gegenüber den Subjekten, sie pocht gradezu borniert darauf, dass der Subjektbegriff überhaupt erst durch die Totalität von Gesellschaft hindurch gedacht werden konnte, als die Arbeitsteilung es ermöglichte, Menschen aus ihrem Naturzusammenhang heraus in die Freiheit und Ungewissheit zu entlassen.
Selbstvergessen wird die Kritik da, wo sie aber vergisst, dass sie von eben diesen bürgerlichen Subjekten hervorgebracht wird – wo die bürgerlichen Subjekte sich also ihrer Subjektivität berauben wollen, um alles zur Kritik zu machen. Wo das geschieht, wird sie zum selbstgefälligen Schulterklopfen, das sich als Statthalter der Wahrheit in der falschen Welt wähnt, In dem Moment tut sie so, als wären Kritik und Kritikerin ein und dasselbe – als hätte nicht die Kritikerin ihre gleiche Subjektivität, die dafür sorgt, dass sie nicht versucht sich alles gleich zu machen: Befreiung wäre so auch nicht die Herstellung des Subjektvorranges, sondern die Versöhnung in der Differenz.
Das Nichtidentische nicht nur zu tolerieren, sondern es zu schätzen – die Tauschgesellschaft zu überwinden, indem man sich als Subjekt vermittels seiner Subjektivität – also freiwillig, nicht aus Zwang – an das Objekt verschenkt, ist nur dort möglich, wo einem eben nicht alles als Subjekt gegenübertritt, sondern die Identifikation gerade nicht vollständig stattfindet, sich die einzelnen Subjekte also noch an das andere vergeben können.
So wie nun aber die akademische Kritik, die versucht sich nutzbar zu machen für den Diskurs ihr Vorbild hat an der Warengesellschaft, ganz wie ein Baumarkt, wo man sich nur die richtigen Werkzeuge zusammenklauben muss um sich zu bewähren, findet auch die gewöhnliche Kritik ihr Vorbild an der Gesellschaft – an der Kultur nämlich, die überhaupt erst kritisiert wird.
Das Unbehagen in der Kultur, wie Freud es nannte, entsteht ja überhaupt erst dadurch, dass sie erkannt wird als unvollständig, als Verlängerung der Natur. Es ist die kurz aufscheinende Schönheit des Moments, die auch erst da wahrgenommen werden kann, wo man nicht völlig in ihr aufgeht, sondern sie abermals als einem übermächtig erkennt – als Vorrang des Nichtidentischen.
Da wo sich nun aber das Subjekt an den Moment verliert, muss es ihn zur Gänze wahrnehmen: Am Klang muss es hören, wie er verklingt, am verliebten Blick seine Flüchtigkeit gewahren und mit dem liebgewonnenen Duft zugleich schon den Luftzug spüren, der ihn verweht. Leugnet es diese Bestände weg, so lässt es den Respekt für den Moment – die Leidenschaft, die Kritik ausmacht – gänzlich vermissen, sondern strebt nur danach, sich ihn nutzbar zu machen zum Lustgewinn. Was durch die “ungegängelte Erfahrung” (Adorno) des Glücks erst geschaffen wird, ist die Fähigkeit weiterhin Kritik zu leisten, weil ersichtlich wird, dass die Verzweiflung der Welt durchaus auch wider alle Vernunft durchbrochen werden kann. Diese Möglichkeit der Kritik zu erhalten, heißt auch sich ein Stück weit einzupassen in die Erfordernisse des Alltags, um so eben im nur beschränkten Aufgeben der Kritik sie nicht ganz aufgeben zu müssen.
Nicht zu verstehen wäre das als Kapitulation, sondern vielmehr als jene – wieder kritische – Selbstreflexion, die sich auch ganz praktisch darüber klar wird, dass es erst jene Glücksmomente waren (die gleichwohl von einer Gesellschaft erschaffen wurden, die für sich genommen eine einzige Zumutung ist), die einen zur Kritik befähigten und neu befähigen müssen – Momente des Konformismus und somit des zeitweiligen Waffenstillstandes. Nicht aber bedeutet der Waffenstillstand, dass die Waffen ruhen und der Frieden gemacht würde. Vielmehr ist der – durch Ignoranz, Geld und die Dekadenz der Kunst- und Menschenliebe – erkaufte Ruhemoment in der Geschäftigkeit industrieller Produktion dasjenige Moment, in denen man das Schwert der Kritik erst schärft, auf dass es durch diese Erfahrung stark genug werden würde, den Panzer der Gesellschaft ein für alle Mal zu durchstoßen.
Nicht zu kritisieren ist also, dass der akademische Betrieb sich geflissentlich bemüht, konsumierbare Philosophie und konsumierbare Essays zu liefern – zu kritisieren ist, dass man dazu gezwungen ist, sie diesem Betrieb heranzuschaffen. Das aber lässt sich nicht dadurch ändern, dass man ihm andere – anders konsumierbare – herbeischaufelt, sondern nur dadurch, dass die Gesellschaft geändert wird.
Konformismus und Rebellion (im Unterschied zur Revolte) stehen in dialektischer Beziehung und laufen Hand in Hand. Dort wo die Rebellion das vergisst, wird sie zum Selbstzweck und somit zur Einrichtung in den Verhältnissen – selbst die Rebellion wird zum Beruf und somit verkauft an die Gesellschaft, die sie eigentlich abschaffen will.