Archiv für April 2009

Wenn Deutsche zu sehr lieben…

Madeleines - Gehaltvoll und gut.

Da der vorhergehende Eintrag weitgehend – nicht zuletzt vermutlich aufgrund szenefixierter Befindlichkeiten – missverstanden wurde als ein „Angriff auf Opfer sexualisierter Gewalt“, teilweise gar als „Hohn“ interpretiert wurde, sei noch einmal an dieser Stelle – bis zur Formulierung eines eigenständigen Positionspapieres auf die großartigen Texte der Gruppe „Les Madeleines“ hingewiesen, die auch als eine von wenigen es schafften, eine umfassende, diskussionswürdige Kritik am Papier der Bahamas zu erstellen.

Zunächst jedoch sei verwiesen auf ihr Papier zur „desexualisierten Nacktheit“, die ja so vielfach eingefordert wurde.
Er findet sich hier:
Wenn Deutsche zu sehr lieben Teil 1
Wenn Deutsche zu sehr lieben Teil 2
Wenn Deutsche zu sehr lieben Teil 3.

Die Kritik am Papier der Bahamas, die schon daher lesenswert ist, dass sie sich nicht eben als Angriff auf den Angriff gegen das Strafbedürfnis versteht, findet sich hier: „Gedanken zum Frühlingsanfang“.

Damit sei all jenen, die Polemik gegen den deutschen Konsens mit Kritik an feministischen Positionen (die, so sie noch halbwegs ernstzunehmen sein wollen, schon deshalb ersterem widersprechen, weil sie sich einen Universalismus von Werten gegen das Patriarchat einfordern) verwechseln, zunächst noch etwas Lesestoff zur Weiterbildung an die Hand gegeben, solange das in einem dem Gegenstand genügenden Umfang hier noch nicht geleistet werden kann.

Die größten Spießer im Land.

Zwangsheteronormativierte Schönheiten des Fuck for Forest Projektes.

Erster und einziger Grundsatz der Sexualethik: Der Ankläger hat immer Unrecht.
- Theodor W. Adorno, Minima Moralia.

Wenn die deutsche Linke anfängt, von antisexistischen Freiräumen zu fabulieren, ist zumeist Vorsicht geboten. Was als Schutzraumgedanke sinnvolle Institution war und sich unter anderem in der Einrichtung von Frauenräumen ausdrückte, ist heute primär zum Lippenbekenntnis in Form “antisexistischer” Erklärungen in Gestalt von Anschlägen an Türen linker Projekte zu lesen. Der permanente Hinweis, sexualisierte Grenzüberschreitungen würden nicht geduldet, ist insofern schon von Anbeginn an der Gefahr der Lächerlichkeit ausgesetzt, als dass die sexualisierte Grenzüberschreitung durchaus toleriert wird, insofern sie in Maßen stattfindet: Das ist normal und ein Akt, der in anderen Zusammenhängen und Etablissements öfter einmal mit dem Schlagwort “Flirt” gekennzeichnet wird.
Konstitutives Merkmal dieses “Flirtens” ist die Bezugnahme auf die eigene sexuelle Identität, sowie auf den sexuellen Charakter des jeweiligen Gegenübers, der sich zunächst in seiner Körperlichkeit manifestiert. Problematisch wird es dort, wo aus den Grenzüberschreitungen regelrechte Sprünge werden – wo mithin also ignoriert wird, dass es durchaus Grenzen gibt, die im Zuge dieses Kennenlernaktes jedoch eingerissen werden.
Das unvermittelte Herantreten an eine Frau mit dem Satz “Geile Titten” beispielsweise vermittelt doch recht klar, dass es hier nicht etwa um ein beiderseitiges Abtasten geht und gehen soll, sondern vielmehr der andere – bzw. In diesem Fall DIE andere – als ausschließlich sexuelles Objekt gehandelt wird, dessen Gefügigkeit gegenüber der eigenen Sexualität schon vorausgesetzt wird.
Universelle Regeln dafür aufzustellen, welche Grenze wann überschritten darf und wann nicht, ist allerdings der Natur des Vorgangs nach unmöglich. Der oft getätigte Verweis auf die Nachfrage, ob man denn dürfe ist schon insofern obsolet, als dass auch eben diese Nachfrage durchaus bereits Grenzen überschreitet. Es muss an dieser Stelle nicht erst abgehandelt werden, wie frigid zwischenmenschliche Beziehungen notwendig werden, wenn jede Handlung die sexuell ausgedeutet werden könnte – vom in den Arm nehmen bis hin zum Kuss – wirklich immer erst erfragt werden müsste. Es genügt der Verweis darauf, dass es einem jeden offenkundig sein müsste, dass auch die unvermittelte Frage: “Hast du Lust mit mir zu schlafen” sehr wohl bereits arg in die Intimsphäre des Gegenübers vordringt.
Sich dem zu entziehen wäre nur möglich durch den Ausbau der Floskel ad infinitum: “Darf ich dich fragen, ob du Lust hast mit mir zu schlafen” wird zu “Darf ich fragen, ob ich dich fragen darf, ob du Lust hast mit mir zu schlafen” und so weiter.
Die Problematik der Grenzüberschreitung wird erst da wirklich zum Problem, wo eben sexistische Positionen auf das menschliche Feld sexualisierten Verhaltens treffen. Eine Linke, die sich aber per definition als antisexistisch wähnt, kann diesem Anspruch nur dadurch gerecht werden, dass sie in stetigen Schauprozessen nach Machart des “Haltet den Dieb” sich diese Identität selbst bestätigt.
Das Wesentliche über diesen Vorgang und die vernunftspottende Idee der Definitionsmacht wurde bereits im Bahamas Artikel über die “Infantile Inquisition” berichtet, der im Rahmen des anarchistischen Kongresses nun zu neuer Aktualität gelangt.
Ebenjener nämlich wurde gestern von seinen Organisatoren aufgelöst, da es nicht geleistet werden konnte “antisexistische Schutzräume zu schaffen”. Das heisst nicht etwa, dass der A-Kongress von einer Meute marodierender Vergewaltiger heimgesucht wurde, die hemmungslos über alles herfielen was nicht bei drei auf den Bäumen war. Vielmehr sah man sich mit der Aufgabe überfordert, die eigene kleinbürgerliche Moral zu überwinden, die sich am Anblick nackter “Fuck for Forest” Aktivisten entzündete.
Es sei eingeräumt, dass der Anblick nackter Körper nicht immer und für jedes ästhetische Verständnis angenehm ist – sogar das Zugeständnis sei gemacht, dass es sicherlich auch erotischere Darbietungen gibt als strippende Hippies die sich mit Fingerfarben ein “Thank you from Nature” auf die Brüste schmieren. Allein: Das sind Fragen der Ästhetik, über die nicht zu diskutiert werden bräuchte, gäbe es nicht die schwarzkapuzentragenden Wächter der Moral – hier sind nicht Mönche, sondern selbsternannte Autonome gemeint, was im Resultat das gleiche heißt.
Diese nämlich definierten so fröhlich vor sich dahin, dass es ihnen nicht einmal mehr auffiel, dass sie weit hinter bürgerlich-patriarchale Logik zurückfielen. Spätestens an dem Punkt, als Fuck for Forest vorgewurfen wurde, sie begünstigten Vergewaltigungen durch ihre Nacktheit, hätte noch dem Dümmsten klar werden müssen, dass hier auf dem Niveau eines Anwaltes argumentiert wird, der glaubt Miniröcke hätten seinen Mandanten zur Vergewaltigung regelrecht “provoziert”.
Dass die Debatte ohnehin dem lustfeindlichen Diskurs einer deutschen Linken entsprang, die das Kopftuch für einen Teil sexueller Emanzipation hält, wird spätestens dann offenbar, wenn die Sexualängste fast schon unverblümt eingestanden werden. Was sich auf dem Pranger im Treppenhaus des Bethaniens noch las als der Vorwurf an “Fuck for Forest”, sie propagierten sexuelle Befreiung sei nur durch “Hemmungsloses Herumgevögel zu erreichen”, liest sich bei Indymedia dann von einem “Oldschool Afa” wie folgt:

“Ich spreche hier nicht als „verklemmter“, nicht als „Spießer“ und auch nicht als „beleidigter queerer“; ich spreche hier aus Erfahrungen mit diversen Strömungen der Hippie-Kultur, dem Unverständnis als „heterosexueller“ sich diesen Dingen nicht unterwerfen zu wollen, als „Mann“, welcher sich nicht dauern nackt repräsentieren möchte und der „seinen Körper“ nicht „bedingungslos“ teilen möchte, da der körper der letzte private Raum in dieser durchkapitalisierten Welt ist, welcher aus Liebe geteilt werden kann, aber nicht durch „zwang zum sexuellen rudel-fick “ “

Dass niemand von irgendwem zum “sexuellen rudel-fick”(sic!) gezwungen wurde, ist ebenso gleichgültig wie die Tatsache, dass es alleine die Sache der Menschen von Fuck for Forest ist, wie SIE mit IHRER Sexualität umgehen. Die eigenen tiefsitzenden Ängste und der Neid auf die wahrgenommene sexuelle Übermacht derer, die sich nicht für ihren Körper schämen, äussern sich hier ganz im Stile des latent homosexuellen Homophoben, der wähnt jeder Schwule wolle ihn gleich “sexuell in den Arsch ficken”, um im sinnentleerten Jargon zu bleiben.
Statt aber auf diese Prudesse zu reflektieren, sich zu vergegenwärtigen, dass hier niemand zu irgendetwas gezwungen wurde – auch wenn gleichwohl der Vorwurf gemacht wird, die männlichen Mitglieder der Fuck for Forest Kampagne seien Vergewaltiger – wird zum Prozess geschritten.
Dieser dient einzig und allein dazu, die eigene Unsicherheit zu überspielen. Unser “Oldschool Afa” beispielsweise, sieht sich durch die Existenz nackter Menschen “zwanghaft einem Körpervergleich ausgesetzt”. Dass es dazu aber zunächst jemanden gibt, der den tätigen muss – und diese Person in erster Linie er selbst ist, leuchtet einem in Autonomien nicht ein. Einfacher und bequemer ist da die Projektionsleistung, eben diesen Vergleich den Leuten zu unterstellen, die ihn offenbar gerade nicht in Betracht ziehen oder so sie es tun, ihn zumindest nicht fürchten.
Er findet es vielmehr verwerflich, dass die Personen von Fuck for Forest nicht “hässlich” sind. Aus diesem unverblümten Eingeständnis, dass er den Anblick wohl als doch nicht so unschön empfindet, leitet er ab, dass sie “lookistisch” seien – auch hier ungeachtet der Tatsache, dass die Einteilung in “hübsch” und “hässlich” von ihm vorgenommen wurde.
Kurzum: Sexualneid, Projektive Meisterleistungen und Lustfeindlichkeit führten wieder einmal dazu, dass sich die deutsche Linke als das präsentieren konnte, was sie von jeher ist: Eine aus kommunistischem Interesse tunlichst zu meidende Veranstaltung von Verwaltern eigenen Elends – sei es sexuell, ökonomisch oder literarisch.
Die Ideologie bringt ein junger Identitätsantifa dann beim abschließenden Plenum auf den Punkt: “Wir sind hier ja nicht prüde. Es geht nicht darum, dass sie nackt sind, sondern wie sie nackt sind.”
Wie man jedoch nun aufrecht genug nackt ist, um die braven Deutschen nicht mit dieser unzüchtigen Darstellung zu verärgern, wurde offen gelassen. Vielleicht klärt darüber dann der nächste Reader des Antisexismusbündnisses Berlin auf.

Wer nun noch Lust hat, die Fuck for Forest Aktivisten und Aktivistinnen zumindest für diese unangenehmen Begegnungen mit einer Szene zu entschädigen, die sich anarchistisch schimpft:
Die Möglichkeit zur Spende findet sich auf ihrer Webseite.