Nosce te ipsum – Über die Rolle der Anthropologie für die Hobbesche Staatskonzeption

Leviathan

Dass bei Hobbes Staatskonzeption und Anthropologie in engem Zusammenhang stehen, offenbart sich bereits beim Titelbild seines bekanntesten Werkes, des Leviathan. Es stellt den Oberkörper eines Mannes dar, des von Menschen geschaffenen künstlichen Gottes – des Souveräns, der sich aus einer Vielzahl einzelner Leiber zusammensetzt.
Um das Wesen dieses Souveräns zu verstehen, der sich so eng am Menschen orientiert, ist es zunächst notwendig die Hobbessche Idee des Menschen zu begreifen.
Seine Anthropologie begründet er, wie er schon in der Einleitung verrät, aus dem Gedanken des “Nosce te ipsum”, mithin also daraus, sich selbst zu lesen und aus dieser “Lektüre” Schlüsse auf das Wesen des Menschen zu nehmen. Dadurch, dass er sich selbst liest, liest er folglich auch eine Dokumentation und seiner Lebensumstände. Der Hobbessche Mensch ist unmittelbar total vergesellschaftet und trägt von daher, auch wenn oder gerade weil der Gedanke sich solipsistisch geriert, bereits die Menschheit in sich.
Die Unterschiede der Menschen ergeben sich bei ihm, passend zur mechanistischen Weltanschauung die er vertritt, aus den unterschiedlich ausgeprägten Gemütsbeweungen der Menschen, die sich direkt oder indirekt auf das Verlangen nach Macht beziehen.

“Die Gemütsbewegungen, die in erster Linie die Unterschiede des Verstandes verursachen, sind hauptsächlich das mehr oder weniger große Verlangen nach Macht, nach Reichtum, nach Wissen und nach Ehre. Sie alle lassen sich auf das erste, nämlich das Verlangen nach Macht reduzieren.”[1]

Dieses Verlangen nach Macht ist das treibende Element im Denken des Menschen nach Thomas Hobbes. Tatsächlich konstituiert es sogar den Verstand. Dieser ist, im Gegensatz zu rationalistischen Philosophien, nicht apriori existent, sondern ergibt sich durch das zielgerichtete Wirken auf einen Zustand hin. Diese Zustände wiederum sind mit Affekten besetzt, insofern als dass sie Ziel eines Triebes sind. Noch in seiner Erörterung über die Gemütsbewegungen des Menschen schreibt er dazu, als “gut” bezeichne man das, was Gegenstand von jemandes Trieb oder Verlangen sei.
Dieses Verlangen aber ist, wie bereits erörtert, maßgeblich bestimmt von den Erwägungen der Zweckrationalität, folglich innerhalb des Nimbus dessen, was Horkheimer als “instrumentelle Vernunft” bestimmte. [2]

Diese instrumentelle Vernunft und ihr Gebrauch bilden dann Geist und Handlungen des Menschen, der diese Waffen gegen die Gesellschaft in Anschlag bringt. Sie sind schon daher gradezu wörtlich als Waffen zu betrachten, als dass sie ohne Reflexion aufs Gegenüber die Besitznahme ihrer Triebziele einfordern. Da aber bereits der Schwächste im ungebändigten Naturzustand die Fähigkeiten aufbringt, den Stärksten zu ermorden,[3] befinden sich alle im permanenten Kriegszustand, dem sie nur durch die Erringung größerer Macht entgehen können.

Dieses Verlangen nach der Macht kennt keine Grenze, da die Macht als Mittel der Erreichung von Triebzielen der Erreichung von Glück dient. Dieses Glück aber ist seinerseits wieder nicht bestimmt, besteht nicht in “der Ruhe eines zufriedenen Gemütes” [4]oder dem Erreichen eines “letzten Zieles”, sondern vielmehr in dem ständigen Erfüllen immer neuer Wünsche.
Da diese Wünsche nicht näher bestimmt sind, sind die Zwecke nach denen verlangt wird abstrakt und nicht näher bestimmbar, es sei denn durch den Faktor ihrer Umsetzbarkeit, die durch Macht gewährleistet wird.
Die entsprechende Macht kann sich aber nur im Vergleich gegen einen Dritten behaupten und überhaupt erst darstellen: Macht besteht erst da, wo über ein Objekt verfügt werden kann, indem es einem Dritten entzogen wird. Sie muss daher immer bereit sein einem Machtvergleich standzuhalten gegen einen Gegner, dessen Stärke (oder besser: Macht) sie zunächst nicht antizipieren kann.
Das Verlangen nach Macht ist daher unendlich.

Nicht zufällig ähnelt diese Beschreibung der Macht einer späteren Beschreibung aus ganz anderem Milieu. Einige hundert Jahre darauf vermerkt nämlich Karl Marx zur Natur des Schatzbildnertriebes:

“Der Trieb der Schatzbildung ist von Natur maßlos. Qualitativ oder seiner Form nach ist das Geld schrankenlos, d.h. allgemeiner Repräsentant des stofflichen Reichtums, weil in jede Ware unmittelbar umsetzbar. Aber zugleich ist jede wirkliche Geldsumme quantitativ beschränkt, daher auch nur Kaufmittel von beschränkter Wirkung. Dieser Widerspruch zwischen der quantitativen Schranke und der qualitativen Schrankenlosigkeit des Geldes treibt den Schatzbildner stets zurück zur Sisyphusarbeit der Akkumulation. Es geht ihm wie dem Welteroberer, der mit jedem neuen Land nur eine neue Grenze erobert. “[5]

Mit anderen Worten ist Macht im wesentlichen das “Zahlungsmittel” in der politischen Ökonomie des Thomas Hobbes. Durch ihre Fähigkeit, sich in jede Ware, also jegliches Triebziel, umzusetzen wird sie zum allgemeinen Äquivalent, das seinen eigenen Wert durch das gesellschaftliche Tauschverhältnis erhält.
Als Tauschmittel ist sie aber im wesentlichen schon selbst gesellschaftliches Verhältnis, nicht etwa aus sich selbst heraus existent und somit auch unmöglich in einem wie auch immer gearteten menschlichen “Wesen” als Konstante festgelegt.

Der Grund dafür, dass Hobbes den Wunsch zur Machtakkumulation unmittelbar in der menschlichen Natur verankert, liegt bereits in der Methodik seiner anthropologischen Konzeption begründet.
Wenn er ins Wesen des Menschen durch die Methode des “Nosce te ipsum” bereits die Menschheit einschreibt, lässt er jeder Erfüllung eines Triebzieles bereits einen Doppelcharakter angedeihen.
Die Ermächtigung eines Objektes wird dadurch automatisch zur Entmächtigung aller anderen. Durch ihre eigene natürliche Souveränität setzen alle alles als ihr Privateigentum, was ihnen beliebt.
Wird die Subjekt-Objekt-Relation dergestalt analysiert, folglich die privatistische Aneignung von Mitteln zur Interessensverfolgung gegen andere vorausgesetzt, so folgt daraus zwingend gleichzeitig eine Analyse von Subjekt-Subjekt Beziehungen. Diese aber treten durch das alles dominierende Machtverlangen nur noch vermittelt auf: Entweder sie dienen dem Erhalt oder der Mehrung von Macht, oder aber sie sind selbst Triebziel das durch die Anwendung von Macht erreicht wurde.
Die Möglichkeit der freien Assoziation, also der intersubjektiven Verständigung ist methodisch ausgeschlossen dadurch, dass sich die privaten Interessen gegenüberstehen, die nur durch Furcht vor dem jeweils anderen im Zaum gehalten werden, nie aber durch Einsicht in die Notwendigkeit der Gesellschaft vollzogen werden.
Diese Furcht vor dem jeweils anderen wird dann bei Hobbes zum “Naturgesetz”.
Seine Gültigkeit ist begründet durch die vernünftige Einsicht der Einzelnen in die Notwendigkeit eines geregelten Zusammenlebens. Der Naturzustand ist also, die Möglichkeit dieser Verständigung eingeräumt, ein potentieller Friedenszustand.

Die Entstehung des Souveräns

Der aber wird nicht erreicht, sondern die einzelnen Individuen setzen in einem vorsouveränen Vertrag den Souverän ein, um so die Wirkung des Verstandes abermals durch Furcht einzufordern.
[6]

Dessen eigene Interessen sollen vor dem Wohl der Allgemeinheit verschwimmen und die von ihm vertretene Macht die Einhaltung der Gesetze garantieren. Da bei Hobbes der Einzelne stets unmittelbar als Vertreter des Allgemeinen steht – also in seiner Anthropologie der Mensch stets die Menschheit verkörpert – begreift er auch Vertretungen des Allgemeinen als Einzeln wirksame.
Die allgemeine Vernunft des Naturgesetzes, die sich im Souverän verkörpern soll, muss also für Hobbes vertreten werden durch den einzelnen Menschen, der den Souverän als absolutistischer Herrscher verkörpert und solcherart die Glieder des künstlichen Gottes als Seele in Bewegung setzt.
Da dieser aber eben nicht nur das Allgemeine verkörpert, sondern letztlich ein Vertreter der Menschheit ist, muss die allgemeine Vernunft des Naturgesetzes mit seinen souveränen Ansprüchen zusammenfallen, seine “menschliche” Machtlust also verträglich sein mit der Souveränität.
Hobbes löst diesen Widerspruch auf, indem er darauf hinweist, in der Monarchie sei das private Interesse dem öffentlichen identisch.

“Denn kein König kann reich, ruhmvoll und sicher sein, dessen Untertanen entweder arm oder verächtlich sind oder durch Mangel oder Zwietracht zu schwach um einen Krieg gegen ihre Feinde durchzustehen.”[7]

Das Streben nach Macht des Monarchen bezieht sich also auf eine Vermehrung der Stärke des Königreiches, das die Quelle seiner Macht darstellt.
Die Schaffung dieses friedlichen Zustandes beruht also darauf, dass eine Gewalt eingesetzt wird, die das Naturgesetz durchsetzt, nachdem sich die Menschen bereits eingestanden, dass es wünschenswert sei, wenn das Naturgesetz eingehalten würde. Dieser erste Vertrag wird noch nicht von der Souveränen Gewalt gedeckt, sondern institutionalisiert sie erst, bevor in der Folge alle weiteren Verträge des Souveräns durch das Schwert durchgesetzt werden müssen.
Dadurch, dass der Übergang von Naturrecht zu Naturgesetz nicht etwa durch die “natürliche” Einsicht erfolgt, sondern durch Furcht, wird die instrumentelle Vernunft nicht etwa überwunden, indem sie ein Bewusstsein für die Gesellschaft entwickelt, sondern sie bleibt gesamtgesellschaftlich blind.
Sowohl der Souverän wie auch die Untertanen erfüllen einzig ihre Bedürfnisse nach Machtmehrung, sodass sich weiterhin alles in einem rein mechanistischen Rahmen von Zweckbeziehungen darstellt, die nicht durchbrochen werden können durch einen Akt der Reflexion auf die eigene Stellung in der Gesellschaft. Diese ist nämlich bereits vorgegeben und kann nicht weiter hinterfragt oder überwunden werden, alleine dadurch, dass sich der Staat einmal etabliert hat, woraus er bereits seine Berechtigung zieht.

Souveränität und Ideologie

Die Analyse der Souveränität wird so gleichzeitig zu ihrer Rechtfertigung. Hobbes selbst erkennt dieses Manko auch, traut diese Erkenntnis aber ganz offensichtlich nicht seinen Mitmenschen zu, womit er auch den Pfad des Nosce te ipsum verlässt.

“Denn wenn wir uns vorstellen könnten, daß eine große Menge die Einhaltung der Gerechtigkeit und anderer Naturgesetze ohne eine öffentliche Macht, die sie alle in Schrecken hält übereinstimmt, könnten wir uns ebensogut vorstellen, dass die ganze Menschheit dasselbe tut; und dann gäbe und bräuchte es überhaupt keine staatliche Regierung oder ein Gemeinwesen, weil dann Frieden ohne Unterwerfung herrschen würde.” [8]

Die Vorstellung aber, dass eine große Masse darin übereinstimmt, ohne dass eine öffentliche Macht sie in Schrecken hält, ist bereits vorhanden. Schließlich wird der Vertrag der Schaffung des Souveräns in genau diesem Bewusstsein geschaffen, und das ohne dass bereits eine souveräne Macht bestünde.
Was der Souverän also vermittelt, ist die Verwaltung des Krieges jeder gegen jeden, indem er ihn in einen weitgehenden pazifizierten Kriegszustand des Souveräns gegen die Untertanen verwandelt. Diese Untertanen sind aber zunächst gezwungen, sich gegeneinander und gegenüber dem Souverän in Wert zu setzen, um vor der vorrangigen Tätigkeit des Souveräns, der Setzung von Eigentum (und damit Recht und Unrecht) bestehen zu können.
Der Krieg aller gegen aller, den Hobbes in die Anthropologie verlegt, ist eigentlich bereits Bestandteil seiner politischen Theorie. Der Naturzustand, den er postuliert ist eine Abstraktion aus der gegenwärtigen Gesellschaft, wie auch sein Mensch nicht ohne eben diese Gesellschaft denkbar ist.
Die Aufrechterhaltung des Souveräns wird somit insofern zum Selbstzweck, als dass sowohl die Bedingung seiner Gestaltung, wie auch die seiner Aufrechterhaltung bereits die Überwindung instrumenteller Vernunft fordert, genau diese Überwindung aber mit Verweis auf die Existenz des Souveräns als eine Unmöglichkeit abgetan wird.
Da Hobbes die Vernunft des Menschen als einheitlichen Block begreift, der nach immergleichen Regeln agiert, muss er also die Trennung zwischen privat-instrumenteller Zweckrationalität und gesellschaftlicher Vernunft gestalten als sich ausschließendes Verhältnis zwischen Subjekten, die jeweils einen der unterschiedlichen Aspekte der Vernunft verkörpern.
Hier wird der Souverän zur Statthalter der allgemeinen Vernunft, also der Naturgesetze, während die Untertanen im Zustand der Zweckrationalität verharren, die sie vor dem Souverän zum Gehorsam zwingt.
Durch seine Methode “sich selbst” zu lesen, schreibt Hobbes die Gesellschaft ins Wesen der Menschen ein – bleibt aber grade dadurch gesellschaftlich blind. Menschen erscheinen immer nur als Wesen die unabhängig von der Gesellschaft in der Gesellschaft agieren. Die Gesellschaft als abstraktes kennt er nicht, ihr einziger Bestand ist als Summe der Einzelnen Teile, die dann wieder einsam agieren muss.
So gestaltet sie sich dann nicht als Verhältnis zwischen Subjekten, sondern als einsames Subjekt – verkörpert im Souverän.

Quellen:

[1] Hobbes, Thomas – Leviathan. Meiner Hamburg, 1996 – S.60
[2] vgl. Horkheimer, Max – Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, Fischer Frankfurt, 2007
[3]vgl. Hobbes, Thomas – Leviathan. Meiner Hamburg, 1996 – S.102
[4] Hobbes, Thomas – Leviathan. Meiner Hamburg, 1996 – S.80
[5] Marx, Karl – Das Kapital, Band I, Dietz Berlin, 2007 – S. 144
[6] vgl. Hobbes, Thomas – Leviathan. Meiner Hamburg, 1996 – S.144 f.
[7] Hobbes, Thomas – Leviathan. Meiner Hamburg, 1996 – S.152
[8] Hobbes, Thomas – Leviathan. Meiner Hamburg, 1996 – S.143


2 Antworten auf “Nosce te ipsum – Über die Rolle der Anthropologie für die Hobbesche Staatskonzeption”


  1. 1 pixelutopia 28. Mai 2009 um 11:59 Uhr

    Danke. Zuverlässig zusammengefasst und kritisiert.

  1. 1 ambivalenz Trackback am 03. Mai 2009 um 23:42 Uhr
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