Archiv für September 2009

Notizen zu Adornos Liebesbegriff

sex and the city

Adorno und die Liebe

Im Folgenden sollen zwei sich im ersten Augenblick scheinbar widersprechende Kapitel aus Adornos Minima Morlia wiedergegeben und gegenüber gestellt werden, um im Endeffekt auf Adornos Begriff der Liebe zu kommen. Anschließend werden vor diesem Hintergrund verschiedene Konzepte von Poly- und Monoamorie diskutiert.

Beim ersten Kapitel handelt es sich um „Moral und Zeitordnung“. In diesem behandelt Adorno das Problem der Zeitreihenfolge in Hinsicht auf Liebensbeziehungen. Die scheinbar banalste Ursache erotischer Konflikte ist die Reihenfolge, in der sich Menschen kennen- bzw. lieben lernen. Lernt Person A Person C erst dann kennen, wenn sie schon eine Liebesbeziehung mit Person B am laufen hat, so entwickelt sich womöglich auf Grund der Zeitordnung und nicht, wie oft geglaubt, auf Grund einer „Hierarchie der Gefühle“ die Beziehung zu Person C völlig anders, als sie es sonst getan hätte. Wird über dieses Besetztsein aber einfach hinweggegangen, so wird das gemeinsame Leben mit dem ursprünglichen Partner annulliert und die gemeinsame Erfahrung durchstrichen. Obwohl dieses Problem, wie gleich festzustellen sein wird, ein von bürgerlichen Besitzverhältnissen gekennzeichnetes ist, merkt Adorno an, dass auch in einer emanzipierten Gesellschaft, die keine Warenproduktion kennen würde, das Problem der Zeitordnung bestünde. Schließlich wäre eine Regelung, wer wann wen kennen zu lernen und wie er damit umzugehen hat, ein schwerwiegender Eingriff in die Freiheit des Individuums.
Das tragende Element sieht Adorno hier in dem „ausschließendem Charakter des Ersten“. Die abstrakte Zeitordnung ist schon historisch auf der Eigentumsordnung gegründet. In diesem Fall wird die Zeit als Kriterium für die Angst, etwas in der Zukunft zu verlieren reflektiert, so wird das Seiende immer in Relation zu seinem zukünftigem möglichen Nichtsein betrachtet und eben dadurch erst recht zum Besitz gemacht. Dieses Besitzen wiederum führt zu einer Austauschbarkeit und reinen Funktion des besessenen. „Einmal ganz Besitz geworden, wird der geliebte Mensch gar nicht mehr angesehen“ – jener wird somit zum bloßen austauschbaren Objekt und das sich als „Anklammern an das eine so Seiende“, also das Spezielle und Individuelle an diesem Menschen, in Erscheinung tretende ist in Wirklichkeit nichts anderes als das Gegenteil.
Als wahre Zuneigung dagegen sieht Adorno eine, die „an geliebte Züge sich heftet und nicht ans Idol der Persönlichkeit“. Das Spezifische am Menschen ist als zu liebendes insofern vor Ausschließlichkeit geschützt, als dass es einmalig und unwiederholbar ist und eben darum das andere duldet. Durch eine Form der zwischenmenschlichen Liebe, in der die Parteien einander nicht mehr Besitzen, sondern nur das jeweils Spezielle ansprechen, gäbe es keine Konkurrenz mehr zwischen neuen und alten Beziehungen und somit keine Treulosigkeit mehr.
„Wären Menschen kein Besitz mehr, so könnten sie auch nicht mehr vertauscht werden“ – wären Menschen nicht mehr austauschbar, bräuchten sie Untreue nicht mehr zu fürchten, weil es keine Treulosigkeit mehr gäbe.

Im zweiten hier angeführten Kapitel „Constanze“ kritisiert Adorno das bürgerliche Verlangen nach der Unwillkürlichkeit der Liebe. In der sonst überall nach der Anstrengung des Willens pochenden Gesellschaft wird, so Adorno, gerade die Unwillkürlichkeit der Liebe zum Ideal erhoben. Jedoch ist das reine Gefühl in der ökonomisch determinierten Gesellschaft kaum möglich, stattdessen ist das, was sich als die „Stimme des Herzens“ gibt oftmals nichts als Alibi für die „Herrschaft des Interesses“. Wie die sexuelle Triebneigung, die einen scheinbar spontan mal den einen mal den anderen attraktiv erscheinen lässt, gesellschaftlich und ökonomisch determiniert ist, so macht auch das Bauchgefühl das Subjekt zum „Werkzeug der Gesellschaft“, das die im „Roulette der Interessen je herauskommenden Zahlen“ nur ausführt.
Soll die Liebe in der falschen Gesellschaft jedoch eine bessere repräsentieren, so kann ihr dies angesichts dessen nur im bewussten Widerstand, der den vom Bürger ungewollten Moment der Willkür fordert, gelingen. Diese Form der Liebe muss über das Gefühl hinausgehen, an sich festhalten, sich quasi der Treue verschreiben. Die Liebe, die keine Farce ist, muss laut Adorno also „die Unmittelbarkeit, sich nicht verkrümmen zu lassen vom allgegenwärtigen Druck der Vermittlung, von der Ökonomie […]“ besitzen. Letztendlich die Treue, die als gesellschaftlicher Imperativ „Mittel zur Unfreiheit“ ist, ist als Widerstand gegen eben jene das einzig Mögliche.

Die im ersten Kapitel beschriebene Problemstellung ist auch im zweiten Kapitel tragend. Ein Mensch, der intuitiv, vom Gefühl diktiert sein Liebesleben führt ist zwangsläufig auch einer, der die vermeintlich geliebten Menschen als Objekte behandelt, die, wenn „die Stimme des Herzens“ verklingt, oder etwas Neues befiehlt, eben jene beliebig austauscht. Das, was im ersten Kapitel also als das „Spezielle“ am Menschen beschrieben wird, ist nicht zu verwechseln mit einem scheinbar spontanen Gefühl, das dem Subjekt mal das eine, mal das andere als attraktiv und begehrenswert erscheinen lässt. Vielmehr muss jenes Spezielle als ein Moment der Willkür, der bewussten Entscheidung aufgefasst werden, die ein Mensch trifft, woraufhin er sich darauf einlässt.
Darüber hinaus muss sich die Frage stellen, was Adorno mit seinem Appell zur Treue im zweiten Kapitel meint. Wie er richtig feststellt, ist der gesellschaftliche Imperativ zur Treue ein Mittel zur Unfreiheit – die Inbesitznahme des geliebten Menschen, gestützt durch einen Vertrag, die beide Parteien zur Treue verpflichtet ist eine Version des im ersten Kapitel kritisierten Verhaltens. Von Fixierung auf das Spezielle kann keine Rede sein, wenn der „auf meinen Menschen“ heruntergebrachte Geliebte durch einen Vertrag, also etwa „meine Freundin/mein Freund“ an eben das „Idol der Persönlichkeit“ mit dem Verbot, das Spezielle an auch anderen Menschen zu lieben, gänzlich gebunden wird.
Wogegen sich Adorno mit seinem Begriff von Treue zu stellen scheint ist jene polyamorische Spielart, die durch den spätkapitalistischen Imperativ zur Flexibilität hervorgebracht wird und in der Kulturindustrie als Ideologie in etwa „Sex and the City“, „The L-Word“ oder „Queer as folk“ gestützt wird. Obwohl die Suche nach dem „Traummann/frau“ immer noch das hintergründig höchste Motiv zu sein scheint, wird ein Zustand zelebriert, in dem sich der „flexible Single“ mal mit dem einen, mal mit dem anderen, mal mit allen gleichzeitig begnügt. Die vermeintliche Freiheit, die das Subjekt so als Single zu genießen meint wird somit zum Glück erklärt, das nur noch das Finden des perfekten Partners abzulösen vermag. Genau diesen Zustand des Getrieben-Seins von Gefühlen, die dem Suchenden als natürlich und autonom erscheint kritisiert Adorno als einen höchst affirmativen Moment der Warengesellschaft. Die Treue als Widerstand gegen den gesellschaftlichen Druck, immer wieder zu neuen Ufern aufzubrechen zu müssen meint nicht unbedingt einen monoamorischen Vertrag. Denkbar ist auch das Festhalten an mehreren Menschen, die nicht durch einen Vertrag, sondern einfach eine bewusste Entscheidung nicht durch andere ausgetauscht werden. Andererseits wird klar, dass auch die Polyamorie keine Befreiung von der Besitznahme des geliebten Menschen darstellen muss. Keineswegs ist nämlich die eine Beziehung nicht mehr warenförmig, weil gleichzeitig noch andere Liebesbeziehungen geführt werden. Wie die Protagonisten der aufgeführten Sitcoms zeigen, ist es durchaus möglich, sich nicht nur auf einen Menschen gleichzeitig zu fixieren und die verschiedenen Beziehungen trotzdem zu reinen Funktionen verkommen zu lassen.
Der polyamorische Theoretiker könnte ferner einhaken, die gesellschaftlich zum Ideal erhobene Suche, die aber gerade im ständigen Suchen und nicht finden ihren Kern hat, sei keine wirkliche Polyamorie, da sie nicht gefeit von Verträgen wäre. In der Tat ist das Leben als flexibler Single nicht nur im Fernsehen eins, das voller Zerwürfnisse und Intrigen zu sein scheint. Weil es im Endeffekt doch die Suche nach dem perfekten Partner bleibt, weil die Angst, mit Ende Vierzig „leer ausgegangen“ zu sein doch groß ist, muss ständig darauf geachtet werden, von Geliebten A nicht mit Geliebten B ertappt zu werden. Es handelt sich also nicht um einen Vertragsfreien Raum, sondern vielmehr um einen, der von einem Chaos an Verträgen und Versprechen strukturiert ist. Das Versprechen, das beim eingehen einer Beziehung implizit gemacht wird, es zumindest miteinander zu versuchen und zu prüfen, ob das nicht die „perfekte“ Partnerschaft sein könnte, wird in dem Moment gebrochen, in dem klar wird, dass der Partner nur eins von vielen entbehrlichen Objekten ist. Hier offenbart sich die Weisheit, die Adorno der bürgerlichen Liebesmoral unterstellt: „Gott, es sind alles doch nur Menschen, und welcher es ist, darauf kommt es gar nicht so sehr an.“. Ein Mensch, der als Single sich von dem gesellschaftlichen Imperativ, das perfekte Glück zu finden, getrieben, alles ausprobiert, um am Ende entweder eben „leer“ auszugehen, oder von der Torschlusspanik gepackt einen Geliebten zu finden, dem es auf ewig Treue schwört, um ihn dann zur bloßen Funktion, austauschbaren Objekt des Ehemanns/frau oder Freund/Freundin zu reduzieren, befolgt vielleicht auch ohne es zu wissen eben diese Weisheit.

Bleibt die Frage, ob ein polyamorisches Liebeskonzept, das auf Verträge und Versprechungen jeglicher Art verzichtet ein Gegenmodell zur bürgerliche Poly- und Monoamorie sein kann. Darüber hinaus stellt sich die Frage nicht im Rahmen einer emanzipierten kommunistischen Gesellschaft, die von Treulosigkeit gefeit wäre, sondern im Hier und Jetzt. Insofern fragt sich also, ob die Repräsentation einer besseren Gesellschaft in der falschen und der Widerstand gegen die gesellschaftlichen Imperative durch den Versuch, die Treulosigkeit im falschen Ganzen aufzugeben, gelingen kann.
Generell muss die Frage natürlich verneint werden. Ein im Kapitalismus sozialisierter Mensch ist niemals frei von den ihm aufgetragenen Ideologien. Die Treue, als Produkt der Warenförmigkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen, der Besitznahme eines geliebten Menschen und der Angst vor dem in der Zukunft möglichem Verlust kann nicht einfach per Entschluss, erst recht nicht innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, aufgegeben werden. Genauso ideologisch, wie der Glaube an die Humanität einer bürgerlichen Liebesbeziehung ist der Glaube daran, sie käme aus dem nichts, wäre also einfach von heute auf morgen abschaffbar. Eine materialistische Kritik, wie die von Adorno, reflektiert die Ökonomie und die von ihr strukturierte Gesellschaft als Ursprung und Fundament des menschlichen Miteinanders. Eine Kritik, oder ein Aktivismus, der sich einbildet, jenem Gebilde eines seiner Köpfe abzuschlagen und das Leben dadurch humaner zu gestalten, läuft immer Gefahr, das „Wahre unvermittelt im allgemeinen Unwahren“ aufzurichten und dadurch „jenes in dieses“ zu verkehren.
Besitzverhältnisse sind, so falsch sie auch sein mögen, existent, kaum ein Mensch kann sich guten Gewissens von ihnen freisprechen. Insofern sind auch Treue und Untreue, Verlustängste und Eifersucht notwendig gegeben. Jemand, der dies ignoriert und schablonenhaft ein vermeintliches Gegenkonzept am anderen Menschen anlegt, tut diesem allemal Unrecht, indem er ihn als Menschen ignoriert und zum (Versuchs-) Objekt degradiert.
Der Versuch, durch Polyamorie der Warenförmigkeit der menschlichen Beziehungen zu entkommen muss scheitern, da der Abschwur von der Treulosigkeit in einer durch Besitz fundierten Gesellschaft zum Lippenbekenntnis verkommen muss. Das heißt indes nicht, dass Polyamorie die schlechtere Alternative zur Monoamorie wäre – nur, dass der subversive Charakter jenes „Gegenmodells“ nichts, als die Tendenz zum Affirmativen ist.
Ebenso wenig wie die Aussage, es gäbe kein richtiges Leben im falschen impliziert allerdings auch Adornos Appell zur Treue nicht die Aufforderung, alles mitzumachen. Das Bedürfnis, es sich auch in der kapitalistischen Gesellschaft so human wie möglich einzurichten, nicht als Befriedung mit den Verhältnissen, sondern als das Minimum an Raum, den man braucht, um geistig nicht zu verkommen, erfüllt sich eher im reflektierten Widerstand, wie ihn Adorno im zweiten Kapitel beschreibt, als im resignierten Mitmachen. Die Treue, die hier also gemeint ist, ist nicht die Aufforderung, sich in das Konzept der romantischen Zweierbeziehung zu fügen, nicht mal, die Liebe nur auf einen Menschen zu bündeln. Ein möglichst humaner Umgang mit einer geliebten Person ist mindestens einer, der versucht, auf den Menschen nicht als Objekt, sondern Subjekt einzugehen, mitsamt all seiner gesellschaftlich bedingten Neurosen. Schließlich nicht der gesellschaftlichen Schwerkraft nachzugeben, sondern in Treue zum Geliebten willkürlich und reflektiert zu handeln.

Ob die Polyamorie oder die Monoamorie das bessere Konzept ist, muss hier offen gelassen werden. Treue in diesem Sinne kann und muss auch in der Polyamorie existieren, will sie nicht ein Werkzeug der gesellschaftlichen Imperative werden. Wie besitzergreifend ein Mensch ist, wie sehr er das durch Reflektion reduzieren kann und welche Bedürfnisse für ihn vorrangig sind, ist auch im Kapitalismus je nach Mensch unterschiedlich ausgeprägt. Der Widerstand, der der Warenförmigkeit des menschlichen Miteinander also geliefert werden kann, ist nicht die Aufforderung, viele Menschen gleichzeitig zu lieben, weil das Problem nicht in der Quantität, sondern Qualität der Beziehungen steckt.

Frieden, Freiheit und Bürgerrechte wählen! – Für eine Politik, die dem Volk nützt.

Schon immer wurden Frieden und Freiheit hoch gehandelt.

Es wird zwar noch eine Weile dauern, bis hier wieder eine regelmäßige Aktualisierung einkehrt, allerdings habe ich mich entschlossen, aus gegebenem Anlass zumindest das Manuskript eines Vortrages zu den anstehenden Wahlen zu veröffentlichen.


„Der Mittelmensch, der Bürger, der aus der Not seiner Wesensgleichheit mit all seinen Mitmassenmenschen eine Tugend herleitet, hat gleichwohl das starke, seelische Bedürfnis, sich persönlich zu dokumentieren. Das innerstempfundene Gefühl seiner eigenen Unwesentlichkeit, der letzten Endes auch im Nichtigsten schlummernde Drang nach Unsterblichkeit, der verborgene Trieb, irgendwie doch einen noch so verschwommenen Schatten zu werfen, drängt ihn ans Sonnenlicht. Aus diesem Triebe sind so viele Äußerungen zu verstehen, die dem kleinen Mann Vergnügen machen. Wird irgendwo ein Haus photographiert, gleich stehen eine Reihe guter Leute in Positur vor der Fassade, um mit aufs Bild zu kommen. Sie werden ihr Konterfei nie zu sehen kriegen, der Photograph und der Besitzer des Hauses, die es anschauen werden, werden nie erfahren, wer die Leutchen sind, deren Typen sie vor sich haben, werden sich auch nie Gedanken darüber machen – aber der Bürger fühlt seine Befriedigung, weil seine Physiognomie irgendwo festgehalten ist; seinem Unsterblichkeitsdrange ist wenn auch noch so dürftig – Genüge geschehen. Ein noch beliebteres Mittel, seine Wesenheit in die Ewigkeit hinüberzuretten, ist das Anschreiben des Namens an Stellen, wo recht viele fremde Menschen ihn lesen werden, auf die Ruhebänke in gernbesuchten Parks, vor allem an Pissoirwände. Den Kommis und den Bäckergesellen, den Primaner und den Bücherrevisor überkommt ein Gefühl innerster Beruhigung, wenn er das Häuschen mit dem Bewußtsein verläßt, für seinen Nachruhm etwas getan und – sei es nur durch seinen Namenszug, sei es durch eine schweinische Zeichnung oder einen obszönen Vers – seiner tieferen Wesensart den Sprung in die Ewigkeit erleichtert zu haben. Jedenfalls hat er seiner Existenz einen weiteren Resonanzboden geschaffen, als sie auf korrektere Art gefunden hätte.“

Und so, wie Erich Mühsam es hier dokumentiert, hinterlässt ein jeder seine Duftmarke in der Welt. Alle geeint von dem unwiderstehlichen Drang, die Unwesentlichkeit hinter sich zu lassen und einmal, wenigstens einmal, etwas zu sehen, was man selbst geschaffen hat. So besprüht der Graffitikünstler eine Wand um die andere, so schmiert der Dilletant Gedichte in sein Internetblog, oder – als vielleicht widerwärtigste Art dieses Beträufelns – kritzelt der Bürger sein Häkchen in eines der Kästchen, die ihm alle vier Jahre als unwiderlegbarer Beweis seiner Freiheit unter die Nase gehalten werden.
Dass man die Scharade allerorten durchschaut, ist ein offenes Geheimnis. Einer Infratest-Dimap Umfrage aus dem Jahre 2006 zufolge glauben 72% der Deutschen nicht daran, dass die Politik in der Lage sei Probleme zu lösen. Als Berufsgruppe genießen Politiker das Vertrauen von sage und schreibe 2% der Bevölkerung.

Welche Folgerungen man daraus ziehen kann und vor allem darf, demonstriert einem dann die Bundeszentrale für politische Bildung. In einem kleinen Schrieb, der sich bemüht, diese Frage zu problematisieren, kommt man schließlich zum Schluss:

“Der Bürger sollte keine allzu hohen Ansprüche an die Politik stellen. Er muss sich mit ihren Ambivalenzen einrichten.”

und kramt sogar den Philosophen Richard Rorty hervor, ein Denker, der für seine Liebe zur Ironie bekannt war.
Rorty wird wie folgt zitiert:

„Selbst wenn der typische Charakter der Menschen in liberalen Demokratien tatsächlich fade, berechnend, kleinlich und unheroisch sein sollte, kann die Vorherrschaft solcher Personen dennoch ein angemessener Preis sein für die politische Freiheit.”

Die Geringschätzung für die Politiker vermählt sich hier also mit einer Geringschätzung für die Menschen im Allgemeinen. Wir fassen zusammen und folgen einmal der Bundeszentrale für politische Bildung: Die Menschen sind fade, berechnend und kleinlich – aber immerhin garantiert ihnen das die politische Freiheit, an die sie allemal keine zu hohen Ansprüche stellen sollten.
Stellen wir also einmal realistische Ansprüche an unsere politische Freiheit, nehmen wir ein Thema, das uns alle etwas angeht, ermöglicht es doch schließlich erst, die Politik vernünftig zu nutzen. Die Rede ist von der Bildung.
Wir haben dieses Jahr die Wahl zwischen “Guter Bildung”, “Recht auf gute Bildung”, “Bildung ist ein Bürgerrecht”, “Wachstum durch Bildung” oder “Geld für Bildung.” [In Reihe: CDU, SPD, FDP, Grüne, Linke]
Wer möchte, darf sich aber auch in anderen Themen entscheiden. Hier steht zum Beispiel die Auswahl zwischen “Wirtschaft mit Vernunft”[CDU] und “Wirtschaft mit Maß”[SPD]. Man kann sich aber auch allemal entscheiden zwischen “Arbeit mit fairen Löhnen”, “Arbeit die sich wieder lohnt” und schließlich “Guten Löhnen”.
Bei einem so vielseitigen Angebot fällt es natürlich schwer, sich zu entscheiden. Dankbarerweise haben einige findige Staatsbürgerlein eine Maschine gebaut, die einem die Wahl erleichtert.

Fast 5 Millionen Mal wurde der Wahlomat alleine 2009 bereits genutzt, der einem sagt, von welcher Partei man sich am besten enttäuschen lässt. Im Grunde ist es letztlich auch egal. Die Parteiprogramme haben die wenigsten gelesen und selbst wenn man sich das antut – eine mühselige Tätigkeit, die man am besten Politologen und anderen Langweilern überlässt – wird man doch recht schnell feststellen, dass kaum ein Blatt sich dazwischenklemmen lässt.
Es ist doch zum Haare raufen. Da wollen alle schon das Beste – also fast dasselbe, und die Leute danken es einem nicht einmal. Das Volk würde am liebsten – traut man den Umfragen – ein permanentes Misstrauensvotum gegen die Regierung erlassen, und die wiederum ihre Bevölkerung lieber heute als morgen abwählen, um sie gegen eine zu ersetzen, die nicht so “politikverdrossen” ist und am Wahlsonntag sich pfeifend auf den Weg macht, um freudig ihr demokratisches Mitspracherecht zu nutzen.
Warum sich das so verhält, bleibt nur unter der Bedingung rätselhaft, dass der Staat bereits als die einzig mögliche Organisationsform menschlichen Zusammenlebens gedacht wird. Im marxistischen Jargon würde man von einem Staatsfetisch sprechen, es soll aber versucht werden, sich dieses Jargons soweit wie möglich zu enthalten. Was damit gemeint ist, ist schlichtweg folgendes: Den Bürgern erscheint der Staat als ihnen naturgegeben und in vierjährlichem Turnus legitimiert. Von dieser Struktur aus werden sie regiert, sie ist es, die Macht über sie ausübt. Wie diese Macht ausgeübt wird, sieht jetzt natürlich unterschiedlich aus, man kann sich aber sicher sein, dass jeder die Formen kennt, in denen gegen sie aufgemuckt wird. Der Nachbar, der über seine Steuererklärung jammert, der Sprayer, der die Scheiß Bullen verabscheut oder der Vulgärmarxist, der glaubt, die Entscheidung über Krieg oder Frieden werde allein von der Waffenlobby getroffen.
Die Macht, die dieser Staat ausübt, ist eine Macht, die also den Menschen im wesentlichen unmittelbar als eine feindliche gegenübertritt. In einem sind sich aber alle großen Staatsmänner einig, im alten Lied, in das jeder gute Bürger fleißig einstimmt: “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.” Das Zitat, das ursprünglich von August Bebel stammt, einem der ersten großen Verräter des Proletariats, und das sowohl von Hitler, als auch Stalin und Müntefering dankbar aufgegriffen wurde, beschreibt den zweiten Zwang, der zumeist unausgesprochen bleibt und wenn er einmal Artikulation findet, auch für reichliche Empörung sorgt. Der Skandal, den Münteferings Äusserung damals auslöste, lag auch weniger daran, dass man sich nicht in tiefen Prämissen mit ihm einig war – vielmehr liegt er dort begraben, wo dieses Prinzip nicht ins Bewusstsein steigen darf, da sich mit ihm das Staatsbürgerliche Bewusstsein zumindest zerfasert.
Begreifen wir den Staat einmal nicht als die Totalität der Gesellschaft, sondern ihr nachgeordnet, so finden sich nämlich weitere Zwänge. So wenig der demokratische Nationalstaat nämlich in der Lage ist, jemanden zur Arbeit zu zwingen und ihm unmittelbare Anweisungen zu geben, so sehr ist dies die unangefochtene Macht und Befugnis eines jeglichen Arbeitgebers.
Gehen wir noch einen Schritt weiter und nehmen einige völlig unrealistische Prämissen an. Nehmen wir an, Arbeit macht gar nicht frei, sondern geht uns eigentlich allen – wenn wir ehrlich sind – ziemlich auf die Nerven. Nehmen wir an, wir finden unsere größte Erfüllung gar nicht im Schuften für einen Lohn, der uns eher schlecht als recht versorgt. Nehmen wir weiterhin an, dass die Gesellschaft gar nicht durch den Staat versorgt wird und dass der Mensch nicht von seinem Lohn lebt, sondern von Nahrung und dass er gar nicht auf einem Grundstück lebt, sondern auf der Erde.
Gehen wir von diesen allemal unrealistischen Prämissen aus, landen wir natürlich, wenn wir die Gesellschaft dann betrachten, auch bei vollkommen unangemessen vereinfachenden Resultaten, wie dem, dass sich unsere Gesellschaft abseits ihrer demokratischen Artikulationsform als Volk das seine Regierung selbst wählt noch in einem antagonistischen Verhältnis zeigt… einem Verhältnis, in dem die Vielzahl der Menschen gezwungen ist, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um leben zu können, während es andere Menschen gibt, die diese Arbeitskraft kaufen und mittels der Produktionsmittel – Land, Maschinen und verwandte Dinge also… dafür sorgen, dass die Grundlagen der Gesellschaft bereitstehen – Nahrung, Kleidung, Konsumgüter und all die großartigen Dinge eben, die man sich von Geld kaufen kann. Angenommen jetzt, für eine Sekunde nur, die Leute würden tatsächlich nicht arbeiten, weil es sie so furchtbar glücklich macht, sondern weil sie dazu gezwungen sind, da sie von der Reproduktion dieser Dinge abhängig sind… einige dieser Leute würden allemal auf die Idee kommen, bei zu schlechter Versorgung die gesellschaftliche Reproduktion in die eigenen Hände nehmen zu wollen. Irgendwann in der Vergangenheit gab es das mal, dass Leute massenhaft mit diesen Lügen indoktriniert worden sind und sich dann völlig undemokratisch bessere Lebensbedingungen erzwingen wollten, wobei sie natürlich die Eigentumsrechte durchaus angetastet haben. Teile dieser Bewegung gingen sogar in ihrem ideologischen Wahn so weit, zu behaupten, sie könnten die Maschinen die sie bedienen auch ohne die Weisung ihres Chefs betätigen, sogar ohne einen Lohn vom Besitzer der Fabrik zu bekommen. Diese Menschen fingen also etwas an, dass sie Klassenkampf nannten um das, was sie als gesellschaftlichen Antagonismus identifiziert hatten, aufzulösen. Bisweilen geistert das Wort noch durch studentische Seminare, von der Klassenlosen Gesellschaft, aber ansonsten hat man es recht tüchtig geschafft, das Gespenst des Kommunismus zu exorzieren.
Wir wollen hier aber nicht vom Kommunismus reden, sondern von der Demokratie. Jetzt wird man sich fragen, wieso ich dann überhaupt mit diesen Irren anfange, die tatsächlich ohne Lohn arbeiten wollten. Dazu muss man dann den Staat wieder als Machtinstrument denken. Einer, der das gemacht hat, ist zum Beispiel Eugen Paschukanis. Bei diesem findet sich dann folgende Formulierung:

„[Bürgerliche Staatlichkeit kann ] auf das Prinzip zurückgeführt werden, wonach von zwei Tauschern auf dem Markte keiner das Tauschverhältnis eigenmächtig regeln kann, sondern daß hierfür eine dritte Partei erforderlich ist, die die von den Warenbesitzern als Eigentümer einander gegenseitig zu gewährende Garantie verkörpert und dementsprechend die Regeln des Verkehrs zwischen Warenbesitzern personifiziert.”

Mit anderen Worten, die jeder liberale Staatstheoretiker von Hobbes über Locke bis hin zu Smith gern unterschreiben würde, ist der Staat zunächst einmal dasjenige Instrument, das die Einhaltung der Verträge zwischen Vertragsparteien garantiert. Als bürgerliche Staatlichkeit also ihren Siegeszug antrat, im Rahmen der bürgerlichen Revolutionen, waren das zunächst Revolutionen der Bourgeois, also der besitzenden Bevölkerung, die sich damit ihre Garantien auf ihr Privateigentum und ihre Gewerbefreiheit erkämpften… was die bürgerliche Staatlichkeit ja von den feudalen Machtsystemen unterscheidet. Der Staat ist also – zunächst – nur ein Vermittler zwischen diesen Positionen, die allerdings, wenn sie sich uneingeschränkt artikulieren, zu eben den Zuständen sozialen Unfriedens führen, die beharrlich nach Emanzipation von diesen Zuständen verlangen, die im wesentlichen zunächst diejenigen begünstigten, die frei über Produktionsmittel und ihre Benutzung verfügen konnten. Das alles ist bekanntes Allgemeingut, ich werde es mir hier also sparen, die Lage der Arbeiter im Manchesterkapitalismus zu beschreiben oder die Situation der deutschen Arbeiterschaft 1890 zu umreißen. Das sind ja alles Zustände, die bewältigt sind und heute leben wir ja in der schönsten Demokratie, die für Geld überhaupt zu kaufen ist – auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung, wie das so schön heißt. Resümieren wir die Lehre der faschistischen Periode der kapitalistischen Gesellschaften Europas kurz so, dass man erkannt hat, das die Sicherung der eigenen Existenz als Bürger über Gewaltmittel und Terrorismus nicht lange anhält und gegebenenfalls sogar zum Verlust der gesamten Existenz führt – inklusive des leiblichen Lebens.
Nachdem das Niederschießen also nicht erfolgreich war, übte man sich in Einsicht und fügte den Aufgaben des Staates, wie sie von Paschukanis beschrieben wurden, eine weitere Dimension hinzu, die tatsächlich allerdings schon zuvor eingeführt worden war – das Programm des sozialen Friedens.
Der große Erfolg und die Anziehungskraft dieses Programmes beruhen darauf, dass dadurch, dass Güter und Chancen ausgleichend verteilt werden, sämtliche Gruppen der Gesellschaft umfasst werden und nur diejenigen disziplinierend getroffen werden, die sich gegen die ungleiche Verteilung von Herrschaftspositionen und Privilegienchancen richten – gemeint sind damit Chaoten, Randalierer, Diebe, Streikende, Sozialbetrüger und andere grundsätzlich sympathische Charaktere, die nicht schnell genug schlucken um die ganze Scheiße zu fressen, die ihnen das Alltagsleben vorsetzt. Kurzum, Menschen, die aus diesem oder jenem Grund ausserhalb der Distribution von Waren stehen, durchs soziale Netz rutschen und anfangen den Frieden zu stören. Das Programm dieses sozialen Friedens allerdings greift keinesfalls die Produktionsgewalten und den grundsätzlichen, bereits erwähnten Antagonismus an – vielmehr dient es der Abschaffung des Proletariats, wie das Josef Hermann Dufhues, ein alter CDUler noch programmatisch formulieren konnte.
Man könnte jetzt natürlich behaupten, dass solange dieser gesellschaftliche Antagonismus besteht, sehr wohl ein Proletariat vorhanden sei – tatsächlich geht es natürlich auch nur um die Abschaffung der Proletarietät, wie Rainer Barzel das treffender formulierte… also einer Bewusstseinsformation, die sich an diesem Antagonismus stört und aufreibt.
Mit dieser Abschaffung soll erreicht werden, dass die Eingriffsforderungen in die privatwirtschaftliche Sphäre eingedämmt werden. Statt der Möglichkeit effektiv politischer Mitwirkung an gesellschaftlicher Reproduktion, die sich de facto in der Produktion abspielt, wird also die Möglichkeit des Eingriffs in die Distribution von Gütern gewährt. Das Ganze hat einen besonders interessanten Effekt da, wo es das Bewusstsein der Menschen direkt ergreift – in einer Gesellschaft, die die Güter zumindest zufriedenstellend verteilt, beginnt sich ein Konsumentengefühl zu entwickeln, das sich an eben dieser Distribution orientiert und sich an ihr misst – die Identität wird über die Möglichkeit zur Teilhabe an der Distribution gefunden, wie zahllose Subkulturen beweisen, die sich jeweils hauptsächlich in ihren Konsumgewohnheiten unterscheiden. Es entsteht aus dem Antagonismus schließlich das, was wir “pluralistische” Gesellschaft nennen.
Johannes Agnoli dazu:

“Der Streit, ob wir in einer plural gegliederten oder antagonistisch zerrissenen Gesellschaft leben, geht an seinem Gegenstand vorbei. Wir haben es vielmehr mit einer verdoppelten gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tun, in der beide Aspekte auf verschiedenen Ebenen auftreten. Genau diese, selbst in der marxistischen Kritik am Spätkapitalismus übersehene Verdopplung macht Manipulation im großen Stil aber erst möglich. Die Pluralität der Interessen – eine Wirklichkeit – und der damit zusammenhängede – ebenso wirkliche – Pluralismus auf der Distributionsebene wirkt politisch der Polarität entgegen, die nach wie vor an der Basis der Gesellschaft besteht. Die Verdopplung gilt nicht nur im gesellschaftlichen Zusammenhang und auch nicht nur für die abhängige Klasse. Selbst Herrschaftsgruppen und verbände sind davon betroffen. Ein Unternehmerverband ist heutzutage genötigt, zuweilen auf der einen Seite: auf der Distributionsebene, also gegenüber den Konsumenten gegen andere Unternehmeverbände anzutreten (Kohle gegen Erdöl). Dennoch bildet er auf der Produktionsebene mit anderen Unternehmerverbänden eine gemeinsame Front gegen die organisierte Arbeiterschaft. Der in den Vordergrund gerückte Pluralismus der Distributionssphäre aber macht die Monopolisierung der Herrschaft auf der Produktionsebene und die antagonistischen Spannung der gesellschaftlichen Polarität weitgehend unsichtbar. Nicht nur das Konsumentenverhalten verschafft ihm ein eindeutiges Übergewicht. Auch die staatliche Tätigkeit leistet eine beachtliche Hilfe, da in der parlamentarisch gouvernementalen Pragmatik einer befriedeten Gesellschaft allein die Interessenpluralität öffentlich vermittelt wird, während Polarität und Antagonismus von jeder Form staatlicher Veröffentlichung ferngehalten werden. Der so zwischen Konsumwerbung und Distributionspolitik eingekeilte Einzelne kann die doppelte Wirklichkeit nur noch halb sehen: Die Republik des Marktes und nicht die Despotie der Fabrik, die Vielfalt organisierter Interessenvertretung, nicht die Trennung von Oligarchie und Masse, unzählige Grppen von Einzelnen die ihren Anteil am Genuss erhöhen wollen, nicht den Widerspruch zwischen Kollektivproduzenten und Produktionseigentümern.”

Dieser soziale Frieden und die Desintegration der rivalisierenden Klasseninteressen zur pluralistischen Schichtengesellschaften kann allerdings nur unter der Voraussetzung hergestellt werden, dass die Bevölkerung diese Art der Auseinandersetzung weitgehend akzeptiert – konservative Vorstellungen und Hoffnungen nur dadurch verwirklicht werden, dass auch die feindlichen Interessen sich vertreten fühlen. Dieser Zweck, der im Parlamentarismus zunächst als Einführung des allgemeinen Wahlrechtes eine Entsprechung fand, geht allerdings noch weiter. Damit die Desintegration erfolgreich wird, muss sowohl politische Erziehung als auch öffentlicher Druck geleistet werden – das Terrorregime des Stalinismus auf der einen, die Barbarei des Nationalsozialismus auf der anderen Seite, war das zumindest in Deutschland eine aufs einfachste zu leistende Aufgabe, die noch dadurch erleichtert wurde, dass jegliche Solidarität ohnehin bereits im Faschismus aufgegeben worden war und die Arbeiterorganisationen ohnehin bereits zu einem Artikulationsmechanismus der Volksgemeinschaft wurden.

Das ist allemal eine Erkenntnis, die sich bei Traditionsmarxisten teilweise bis heute nicht durchgesetzt hat, von konservativen Politologen – die gegenüber Ausbeutung und Menschenverachtung schon immer zynischere Kommentare abgeben durften als ihre idealistischen Gegenparts auf der Linken – aber schon längere Zeit vertreten wird… so finden sich in den sechzigern zahlreiche Schriften mit klingenden Titeln wie: “Zur positiven Würdigung des Durchgangs der bürgerlich-pluralen Gesellschaft durch den Faschismus”.

Was diese Desintegration aber allemal auch benötigt, und damit kommen wir endlich zum Punkt, ist das Parteiensystem, in dem sich alle vertreten fühlen – und es findet sich ja alles im Wust – von der anarchistischen APPD über die reaktionäre MLPD und die DKP bis hin zu REP und NPD im Gewaltenspiel wieder… von Linken, Grünen, SPDlern und CDUlern einmal ganz zu schweigen. Die Konfliktsituationen, die sich nicht mehr gewaltsam im Sinne einer Emanzipationsgewalt artikulieren sollen, sind dann auf das parlamentarische Bäumchen-Wechsel-dich verwiesen, in dem ein “friedlicher Ausgleich” gefunden wird. Der latente Antagonismus der Gesellschaft kann sich sowohl an Systeminternen Auseinandersetzungen entzünden, wie auch an einem Kampf gegen das System. Just dieser ist aber den Parteien bereits gesetzlich verwehrt, was den integrativen Charakter deutlich ins Bewusstsein führt und spätestens am Verbot der KPD für die Causa Deutschland zweifelsfrei zu beweisen ist, sich aber auch noch anders zeigen kann. Innerhalb des etablierten Herrschaftssystems geht es nur um Führungskämpfe, die somit einen Herrschaftskonflikt auf einen Führungskonflikt reduzieren und damit staatlich-politisch die Gesellschaft nachempfinden: Die pluralen Interessen die sich gleichartig artikulieren können und dürfen, müssen sich nun nicht mehr antagonistisch als Aufruhr artikulieren, sondern werden vermittelt. Die tendenzielle Auflösung des Antagonismus wird dadurch noch verfestigt, dass sich, begünstigt durch die Möglichkeit Politik als distributives Programm darzustellen – einer Möglichkeit, die übrigens nur in Wohlstandszeiten gegeben ist – das Parteiensystem einem Funktionswandel unterzieht. Dieser Funktionswandel ist nicht direkt beabsichtigt , in einem Sinne, dass er von Parteipolitikern oder ominösen Kräften bewusst vollzogen werden würde. Vielmehr sind die Parteien im Zuge der Abstumpfung des Antagonismus darauf zurückverwiesen, nunmehr nicht mehr bestimmte Positionen im gesellschaftlichen Kampffeld einzunehmen, sondern vielmehr Positionen zu vertreten, die pluralen – jetzt KÄMPFE, denn der Klassenkampf ist ja sistiert – gleichrangig zu vertreten.
So entdecken in einer Krise wie jetzt auf einmal alle ihr Herz für die Autobauer und die Arbeiter bei Opel, versäumen es aber gleichzeitig nicht, auch sämtliche anderen gesellschaftlichen Gruppen gleichzeitig ihrer Loyalität zu versichern… grade in studentischen Kreisen sei da an die Bildungsparolen die ich eben vorlas erinnert. Die Parteien versichern sich also einer abstrakten Allgemeinheit, deren Wünsche sie angeblich wahren wollen – und gerade deshalb auch ganz sicher nicht wahren können, schließlich kann nur soviel verteilt werden, wie eben da ist, das heißt, von denjenigen, die noch im Besitz von Kapital sind, in Form von Steuern abschöpfbar ist – und das ist nicht unbegrenzt viel, schließlich besteht immer die Möglichkeit der Drohung mit Abwanderung oder ähnlichen Mitteln, das Kapital gänzlich dem Zugriff dieses Staates zu entziehen. Sie trennen sich also – auch mit dem interesse die berühmten “Wechselwähler” zu gewinnen – von ihrer eigenen gesellschaftlichen Basis und werden zu staatlichen Vereinigungen… eine Entwicklung, die in Deutschland sogar so weit gediehen ist, dass Parteien als Organe der Verfassung… und also auch des Staates… anerkannt werden, statt eben als das, als was Parteien einmal gedacht waren, nämlich Interessensvertreter bestimmter Gruppen.

Derart von der Basis emanzipiert, verliert sie nicht etwa jede Rolle, die sie in der Gesellschaft spielen könnte, sondern entwickelt eine neue Qualität – sie wird selber zu einer gesellschaftlichen Macht, zu einem weiteren Organ der pluralistischen Gesellschaft, das in der Lage ist, durch Verteilung von Posten, Privilegien und Chancen sich eine Gruppe von Klientelen und Anhängern zu sammeln, die es dann unter seine Patronage stellt. Diese neue Interessenslage bedingt zugleich das Interesse an der Aufrechterhaltung des oben schon beschworenen sozialen Friedens und gilt für Arbeiterparteien wie konservative Gruppierungen natürlich gleichermaßen.
Ausgeschlossen bleiben nur diejenigen, die eine fundamentale Opposition bilden wollen oder bilden müssen, da sie im Programm des sozialen Friedens nicht vorgesehen sind und ihre Lebensweise nicht abgedeckt wird… man denke da beispielsweise an den Lebensstil der ziganen Bevölkerungsteile und diesbezüglich vielleicht auch an das Dilemma, vor dem selbst die radikale Linke stand, als sie auf einmal einen Anteil der an sie distribuierten Güter (namentlich besetzte Häuser) an sie abtreten musste, da die Polizei die unerwünschten Streuner aus den Stadtparks vertrieb… da man aber Krümel auch nur begrenzt teilen kann, war man dazu nur sehr eingeschränkt bereit. Am Ende vom Lied saßen die Sinti und Roma im Abschiebelager Motardstraße, bis sie staatlich so subventioniert wurden, dass sie für eine Weile untertauchen konnten und nun wieder in Parks – diesmal verteilter – zu finden sind.
Während sich die akademischen Linken noch mittels gezielten Einsatzes der Presse und ihres Wissens über politische Organisationsformen samt der zugehörigen Beeinflussung der Parteienlandschaft diese Randgebiete sichern können… man kann sich dazu zum Beispiel den Legalisierungsprozess des Bethaniens oder die Verhandlungen um das als Mediaspree bekannte Gebiet ansehen, wenn man die Funktionsweise eines solchen Eingriffs in das Distributivsystem verstehen will… bleibt für die Gruppen, denen ein solcher Zugriff auf die Presse mangels schulischer Bildung verwehrt bleibt, nur das endgültige soziale Abseits.
Da sie ihre Interessen nicht durch geschickte Vermittlung zu den Interessen aufblasen können, die noch akzeptiert sind, nämlich denjenigen, die angeblich eine Überbrückung der Egoismen darstellen – die Mediaspreekampagne wirbt inzwischen beispielsweise in Form der Megaspree-Parade dafür, dass sie ein Motor für die städtische Entwicklung sei, auch hier gilt also die faschistische Parole, dass Gemeinnutz vor Eigennutz von Einzelkapitalisten geht – sind sie die ersten, die bei einer Verknappung des gesamtgesellschaftlichen Wohlstandes die Zeche zahlen.
Die Parteien derweil verwirklichen ihre Aufgabe dadurch, dass sie das allgemeine Wohl verkörpern. Diese ideologische Stellung lässt sich schon an den Beschreibungen ablesen, die den Parlamentariern zugewiesen werden – egal ob sie, wie im freien Mandat verkörpert vorgeschrieben “das ganze Volk” vertreten oder ob man sie, wie Erhard als “Spezialisten für das Allgemeinwohl” verkauft, in jedem Fall findet sich der Fluchtpunkt dieser Entwicklung im Schlagwort von der “Volkspartei”. In ihr sind die Interessenskonflikte bereits vor der Wahlentscheidung ausgelagert und integriert, sodass sie keine Entladung mehr finden müssen oder auch nur können, der einzige Maßstab ihres Erfolges ist der Umgang mit dem ökonomischen Sachzwang, den ihr das Kapital stellt.
Einmal an diesem Punkt angelangt, hat man Parteien verschiedener Richtungen aber eines immergleichen Typus: Ordnungsparteien, die den sozialen Frieden garantieren und die pluralen Massen integrieren. Sie unterscheiden sich, spinozistisch gesprochen, im Modus, aber nicht in der Substanz der Politik und können das selbst dann nicht mehr, wenn sie es wollten, da jeder Versuch einer Opposition zunächst parteiintern und dann parlamentarisch abgefangen wird. Der Zweck dieses Abfangens ist parteirational notwendig: Den Parteien kommt es auf den Nachweis ihrer Auswechselbarkeit geradezu an, geht es ihnen doch darum, auch die Wählerschichten der Gegner für sich zu gewinnen. Dementsprechend auswechselbar werden sie dann auch in der Sicht des Wählers, der sich überall den gleichen Techniken und Parolen gegenüber sieht.
Es entwickelt sich die plurale Fassung einer Einheitspartei – “plural in der Methode des Herrschens, einheitlich als Träger der staatlichen Herrschaft gegenüber der Bevölkerung” – in einer Formulierung von Agnoli.
Um das genauer zu spezifizieren, das vereinheitlichte politische Programm, abseits von Verfassungsnormen und in der politischen Wirklichkeit, die sich an Sachzwängen und damit letztlich den Interessen der kapitalistischen Gruppen – auch bekannt als Arbeitgeber – orientiert, entspricht der pluralen Version der Einheitspartei des – und man muss da genau sein, denn da gibt es gravierende Unterschiede – italienischen Faschismus. Wenn wir uns an das erklärte Ziel der Überwindung der Proletarietät Barzels und anderer erinnern – schlussendlich aller Volksparteien, als die sich im Zuge der Involution inklusive der pseudomarxistischen Parteien alle aufspielen, entspricht dieses Ziel übrigens exakt und bis in den Wortlaut dem, was Mussolini in seiner Kammerrede vom Juni 1921 verkündete.

Dieses Ziel der antidemokratischen Entwicklung der Demokratie ist allerdings bereits in der Demokratie selbst angelegt, die Involution ihr immanent. Inwiefern bereits die idealistischen Bilder der 1789er Revolutionen dieses Ziel vorzeichnen, wird von den Kritikern der Frankfurter Schule unter anderem in der Dialektik der Aufklärung vorgezeichnet… ungleich deutlicher aber wird es, wenn man die Ursprünge der deutschen Demokratie betrachtet, in der, wie der sozialdemokratische Verfassungsrechtler Peter Merkl anmerkt, es “die Mitglieder des parlamentarischen Rates als ihre Aufgabe ansahen, eine Demokratie ohne Beteiligung der Massen zu entwickeln und aufrechtzuhalten”, was den Ursprung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bildet, die per se nicht abwählbar ist.
Der unbestreitbare Vorteil dieses Programmes, das in Zeiten der Prosperität die Distribution möglichst ausgleicht und damit die Illusion einer gleichberechtigten Teilhabe an sämtlichen politischen Prozessen ermöglicht ist es, dass damit der Staat nicht mehr als Organ der Herrschaft derjenigen Gruppen erscheint, die über die Produktion und Reproduktion der Gesellschaft de facto dadurch entscheiden, dass sie ihre Produktionsprozesse dementsprechend regulieren, sondern als “Volkssache”. Damit werden die Massen, die analytisch nach wie vor dem Antagonismus unterworfen sind und täglich ihre Unterordnung finden, vollständig auf das Bewusstsein des friedliebenden Staatsbürgers zurückgeschraubt. Insofern sein maßgebliches Interesse das an der Distribution der Waren ist, nicht aber das der gesellschaftlichen Macht – also der Regulation der Arbeitszeiten, Arbeitsprozesse und so weiter – wird der Fixpunkt seiner Beobachtungen der gesellschaftlichen Bewegungen auch diejenige Institution, die dafür zuständig ist.
Es wird nach dem “Cui bono” einzelner Gesetze gefragt, sich über Ungerechtigkeiten im Ausgleich geärgert (Die Manager, die so ungerecht viel verdienen kennt ja sicher jeder) und gegen Fehlgriffe oder Korruption der Verwaltung protestiert, gegen die dann sogar gerichtlich vorgegangen werden kann. Die Frage nach der sozialen Funktion des Staates überhaupt stellt sich an diesem Punkt gar nicht mehr,da er komplett aus dem Bewusstsein heraustritt und integriert ist: “Du bist Deutschland” wird tatsächlich geglaubt und entspricht in Form der Möglichkeit parlamentarischer Mitwirkung am immergleichen sogar den Tatsachen.

Franz Schäfer, von der SPD, verkündet so schließlich den Erfolg des alten Programmes:
“Wir haben keinen Klassenstaat mehr!
, was nichts weiter bedeutet, als dass der Klassenkampf de facto beendet ist. Seine zeitliche Beendigung lässt sich für die Causa Deutschland sogar relativ fix machen, wie das der ehemalige HJ-Führer Axmann auch im Stern Anfang der sechziger tut:
“Unter dem Führer wurde der Klassenkampf endgültig überwunden.”

Die dort grandios offen hervortretende potentiell terroristische Gewalt des Staates wird nun als Verlängerung des Friedensprogrammes herausgegeben, sodass die gesamtgesellschaftliche Integration gelingt und die Trennung zwischen Staat und Gesellschaft verschwindet – wo immer der soziale Frieden empfindlich gestört wird, schlägt der Wohlfahrtsstaat in den Notstandsstaat um, der diesen Frieden polizeilich oder gegebenenfalls sogar militärisch umsetzt – begünstigt ebenso durch die staatliche Integration der Artikulationsmittel der Arbeiterschaft, die in korporatistische Strukturen eingebunden sind. Der Streik, der erst zähen Verhandlungen folgt und angekündigt wird, sowie auf bestimmte Dauer begrenzt ist, ermöglicht die vorausschauende Planung von Ausweichmöglichkeiten und sichert so – für den Einzelunternehmer – den Profit, gesamtgesellschaftlich betrachtet die Wettbewerbsfähigkeit des Staates in der internationalen Konkurrenz.

Die ideologische Stellung der pluralen Gesellschaft ihrerseits ist es nun, die die Arbeiterschaft gegeneinander in Anschlag bringt und so einen effektiven Arbeits oder gar Klassenkampf auch ganz ohne staatliche Intervention verunmöglicht… man denke an die Streiks der Bahnarbeiter, gegen die sich dann die Wut der anderen Arbeitnehmer richtete… ohne repräsentativ sein zu wollen, im Rahmen der Vorbereitung dieses Vortrages habe ich mal schnell Google bemüht und fand als ersten Beitrag in einem Diskussionsforum den folgenden, der das ganz gut illustriert:

“Aber an die Auswirkungen, daran wird nicht gedacht. Was wollen sie denn damit erreichen?? Wer wird denn hierbei geschädigt?? Nicht etwa die Bahn, nein die nicht. Es trifft wie immer unschuldige, es trifft Gewerbetreibende. Güterverkehr lahmlegen heisst nichts anderes als Unternehmen kaputt zu machen.”

Danach wird direkt das berühmte, oben schon eingeführte, Volkswohl bemüht:

” Leider ist das ein Problem unseres Anspruchdenkens hier in Deutschland. Jeder will mehr ohne dafür auch eine messbare Leistung zu bringen. Der Beruf des Lokführers ist doch ohnehin ein Auslaufmodell: Auf kurz oder lang werden die heutigen Lokführer durch automatisierte Züge, wie man sie schon in manchen Ubahn-Systemen dieser Erde bestaunen kann, abgelöst.”

Die Identifikation mit dem Staat und seinen Interessen schlägt sich also bis ins Bewusstsein selbst nieder und endet mit der totalen Unfähigkeit politische Prozesse verstehen zu können oder zu wollen, also an Gesellschaftlichkeit in letzter Instanz teilzuhaben. Was davon übrig bleibt ist die schlichte Forderung des nicht-antagonistischen Teils der Gesellschaft “Mehr Leistung” zu bringen, da die zunehmende Unfähigkeit des Staates noch Distributionsaufgaben überhaupt übernehmen zu können verstanden wird als ungenügende Loyalität seiner Zwangsinsassen – also der Staatsbürger und Staatsbürgerinnen, oder, in kapitalistischen Kriterien gesprochen, ungenügender Effektivität, der dann auch so sicher wie das Amen in der Kirche die Rufe nach Rationalisierung folgen.
Eine derart unmündige Gesellschaft braucht zugleich aber auch Institutionen, die über keinerlei Effektive Macht verfügen, aber spezifische Machtfunktionen einnehmen.
Wenn also bisweilen über die Hilflosigkeit der Politik gejammert wird, gegenüber was auch immer… sei es Wirtschaft, Gesellschaft oder Verbänden, so wird mit einiger Beharrlichkeit vergessen zu fragen, ob es vielleicht grade diese Ohnmacht ist, die die eigentliche Funktion der Institution darstellt, ob diese Institution mit anderen Worten nicht vielmehr Bestandteil und Garantie der Sicherung gesellschaftlicher Macht darstellt.
Am wichtigsten ist diesbezüglich natürlich dasjenige Element, das den programmatischen Titel der westlichen Demokratien verkörpert, also das Parlament. Geschichtlich erinnert war es das Parlament, dem seine ursprüngliche Macht daraus erwuchs, dass es nach den Revolutionen in Form souveräner Gewalt Herrschaft über andere in Form legislativer Befugnisse ausübte… das wählende Volk war das Großbürgertum, das seine Interessen zunächst gegen die Reste der Feudalen Strukturen, dann gegen die Kleinbürger und dann gegen das Industrieproletariat ausübte. Es ertrug die Spannungen der Gesellschaft relativ gelassen, insofern die Distributionsinteressen und die Vertretungsinteressen unversehens in eins fielen, war es doch das Interesse des Großbürgertums, seine eigenen Belange möglichst flexibel zu regeln.
Sobald andere Parteien allerdings einzogen, ging die Identität von Herrschaft und Repräsentation in die Brüche… woran man sich inzwischen gewöhnt hat, wurde vor einiger Zeit noch bejammert und als Verfall des Parlamentarismus bezeichnet. Einige Beobachter dieser Entwicklung sagten dann – recht kurzsichtig – voraus, dass das Parlament dadurch seine Funktion verlieren und verschwinden würde. Das ist natürlich nicht korrekt. Stattdessen übernimmt es neue Funktionen. Einen Funktionsverlust würde es nur dann erleiden, wenn man es je als Organ des staatlich organisierten Klassenkampfes um gesellschaftliche Macht betrachtet hätte – so ist es schlicht der Ausdruck einer verschwindenden gesellschaftlichen Dialektik im Großen und Ganzen und ihr Blitzableiter. Die Parlamentarier, die keinen und alle mehr vertreten, spiegeln so nur die faktische Machtlosigkeit der Bevölkerung wieder. Unfähig, die gesellschaftlichen Grundlagen anzutasten, die ihnen stets aufs neue blockiert werden, müssen sie ihre Debatten vollständig umlenken auf die Bedürfnisse der Staatsbürger – also voneinander isolierter und machtloser Einzelner, in den Raum von Sachentscheidungen, die deren Lage betreffen und daher die gesellschaftlichen Machtgruppen der Oligarchien nicht mehr betreffen… namentlich also Fragen wie die, ob die gesetzlichen Krankenkassen besondere Programme zur Befürwortung des Zähneputzens führen sollen oder dürfen, beziehungsweise welche Sätze jetzt gerade für Hartz-IV ler noch zumutbar sind. Es wird so zu einem Konstituionalisierungsorgan, das den Bedürfnissen des sozialen Friedens – und damit den interessengebundenen Entscheidungen sozialer Machtgruppen – demokratische Weihe verleiht. Gleichzeitig kann es in Form der Aufnahme von Petitionen Wünsche der Bevölkerung verarbeiten und umzuformen zu solchen, die noch “sozialverträglich” sind und sich somit die offene Konfrontation mit “asozialen” Partikularinteressen ersparen, die dann, bei ihrer spontanen Artikulation unter großem Hurra der Bevölkerung polizeilich niedergeschlagen werden können. Es handelt sich also nicht um einen Verlust der Repräsentationstätigkeit – das Parlament vertritt nunmehr schlicht die Interessen derjenigen Gruppen, die über öffentliche Gewalt verfügen und über diese wiederum die öffentliche Meinung in die sozial-verträglichen Bahnen lenken… wobei es sich relativ gleich bleibt, ob es sich hier um Konzerne, Parteien oder korporatistische Gewerkschaften handelt, die sämtlich das Volkswohl beabsichtigen, mit anderen Worten die Aufrechterhaltung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.
Der deutsche Jurist Herbert Krüger bezeichnet dann auch ganz folgerichtig in seiner Allgemeinen Staatslehre die Abgeordneten als “Staatsrepräsentanten”.
In diese Staatsrepräsentanz wird im Rahmen der Transformation der Demokratie auch die politische Linke eingebunden. Da nur das organisierte Nein eine Fundamentalopposition wirklich darstellen kann, stellt diese Einbindung eine Notwendigkeit dar, der schon insofern gerne genüge getan wurde, als dass alles andere unvermeidlich in einen offenen Kampf ohne Rückendeckung der Bevölkerung geführt hätte, die – wir beziehen uns wieder explizit auf Deutschland, andere Entwicklungen verlaufen aber analog – noch das Wirtschaftswunder genoss.
Da die Aufklärung ab diesem Punkt prinzipiell auch gegen sich selbst laufen müsste, wird zunächst auf Manipulation zurückgegriffen, die aber gegen sich selbst umschlägt. Ab dem Zeitpunkt der Etablierung im systemischen nämlich ist kein Herauswirken mehr möglich – da bereits die Teilhabe an dem Spiel auf seine Regeln verpflichtet, ist es tendenziell unmöglich, über die eigene Machtlosigkeit auch noch aufzuklären ohne die Stellung zu verlieren, die einem zumindest die Möglichkeit über begrenzte Machtbefugnisse zu gebieten bringt. Die gesellschaftliche Opposition von links, insofern sie sich gewaltsam – das heisst ausserparlamentarisch und ausserhalb der Spielregeln – artikuliert wird somit eingeschläfert. Da kein Fundamentaler Angriff mehr erfolgen kann, muss das Interesse der zunehmend unzufriedenen – dies gilt insbesondere dann, wenn in Krisenzeiten die Distributionsmöglichkeiten sich verringern – abgelenkt werden auf diejenigen Gruppen, die angegriffen werden können, ohne dabei den gesellschaftlichen Status Quo anzutasten. Das heißt für pseudomarxistische und linksreaktionäre Kräfte einen Angriff auf Banken und Finanzkapital, das nicht für den nationalen Arbeitsmarkt entscheidend ist, für rechte Kräfte einen auf die ausländische Arbeiterschaft.
Dies bündelt zugleich die Machtbefugnisse derjenigen Gruppen, die über den nationalen Arbeitsmarkt entscheiden können und durch die Drohung mit Abwanderung oder dem Spiel mit Neueröffnungen von Arbeitsmärkten ab diesem Punkt die Politik verstärkt in die Zange nehmen können. Diese gleicht ihren Machtverlust wiederum aus mit dem Beharren aufs nationale Gefühl, das den gemeinsamen Fixpunkt darstellt.
Gemeinsam wird dann über den ideologischen Apparat die Bedrohung des “Standortes” problematisiert und gesellschaftliche Gruppen die durch soziale Unruhen den Frieden stören unter Zustimmung der Bevölkerung kriminalisiert. Das heißt nicht, dass es eine geistige Knebelung gäbe – in intellektuellen und kulturellen Randbezirken, wie studentischen Intellektuellenghettos, Antifakreisen oder linksgerichteten Strömungen wird vielmehr mittels kleiner Gimmicks wie besetzter Häuser oder anderen Zugeständnissen Sorge getragen, dass sich weiterhin Opposition artikulieren kann und darf, schließlich lebt man ja in einem pluralistischen System. Ich kann mich beispielsweise hierhin stellen und den Hofnarren machen und die Demokratie kritisieren… sobald es an eine Praxis geht, gilt Paretos alter Spruch:
“Lasst die Krähen krächzen, seid aber unerbittlich, die Taten zu unterdrücken. Wer sie begehen will, muss wissen, dass die Macht ihn ohne Erbarmen trifft – und so wird er sie nicht einmal versuchen zu begehren.”
Ist so einmal jede konkrete politische Artikulation versperrt, die über die Rede hinausgeht und sämtliche Parteien kriminalisiert, ist der Wahlakt und die Demokratie endgültig das, was in der faschistischen Periode richtigerweise als “Wachablösung” bezeichnet wurde. Durch die Verdopplung der Gesellschaft in eine pluralistische Konsum- und eine antagonistische Arbeitsgesellschaft rückt der Mangel an politischer Teilhabe noch höchstens in Form von Politikverdrossenheit ins Bewusstsein, da sämtliches politisches Bewusstsein sich erschöpft in Distributionsvorgängen und Sachzwängen.
Der fundamentale Mangel an Opposition, der vor allem links durch eine gesellschaftliche Integration betrieben wird, bewirkt ausserdem durch die Desintegration der Interessen als Nicht-klassenkämpferische die Organisation derselben Interessen als nationale. Die Verinnerlichung der Staatsgewalt ist die Folge, die sich dann periodisch Bahn bricht, wenn der soziale Frieden und die Verteilung ins Wanken geraten – man erinnere sich diesbezüglich an die Pogrome in Rostock, die den Vorlauf zur Abschaffung des Asylrechts bildeten. Die faschistische Einheit von Staat und Gesellschaft wird somit mit friedlichen Mitteln bewerkstelligt, während sich die Kämpfe auf In und Outgroups beschränken, insbesondere auf diejenigen, die auch national eine Gefährdung darstellen und somit die Reproduktionsbedingungen des nationalen Kapitals in Frage stellen… es sei hier verwiesen insbesondere auf die Konkurrenz der internationalen Märkte, insbesondere zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika und den hier grassierenden Antiamerikanismus, sowie die immer lauteren Rufe nach einer Enteignung der Banken.
So verschmilzt die Repressionstätigkeit des Staates mit einer Repressionstätigkeit der Bevölkerung, die keine anderen Wege mehr findet sich zu artikulieren und deren ökonomische Interessen unmittelbar an die staatlichen Interessen geknüpft sind. Weiter schlimm ist das aber alles nicht.
Wir haben schließlich immer noch die Wahl zwischen “Mehr Bildung”, “guter Bildung” , “dem Recht auf Bildung”, “Bildung statt Banken”, Pizzabelag und Programme umschalten. In diesem Sinne: Lang lebe die Demokratie. Viel Spaß damit.

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Cosmoproletarian Solidarity über Deutsche Nationalraison, mit historischen Zitaten zur friedlichen Gemeinschaft.