Notizen zu Adornos Liebesbegriff

sex and the city

Adorno und die Liebe

Im Folgenden sollen zwei sich im ersten Augenblick scheinbar widersprechende Kapitel aus Adornos Minima Morlia wiedergegeben und gegenüber gestellt werden, um im Endeffekt auf Adornos Begriff der Liebe zu kommen. Anschließend werden vor diesem Hintergrund verschiedene Konzepte von Poly- und Monoamorie diskutiert.

Beim ersten Kapitel handelt es sich um „Moral und Zeitordnung“. In diesem behandelt Adorno das Problem der Zeitreihenfolge in Hinsicht auf Liebensbeziehungen. Die scheinbar banalste Ursache erotischer Konflikte ist die Reihenfolge, in der sich Menschen kennen- bzw. lieben lernen. Lernt Person A Person C erst dann kennen, wenn sie schon eine Liebesbeziehung mit Person B am laufen hat, so entwickelt sich womöglich auf Grund der Zeitordnung und nicht, wie oft geglaubt, auf Grund einer „Hierarchie der Gefühle“ die Beziehung zu Person C völlig anders, als sie es sonst getan hätte. Wird über dieses Besetztsein aber einfach hinweggegangen, so wird das gemeinsame Leben mit dem ursprünglichen Partner annulliert und die gemeinsame Erfahrung durchstrichen. Obwohl dieses Problem, wie gleich festzustellen sein wird, ein von bürgerlichen Besitzverhältnissen gekennzeichnetes ist, merkt Adorno an, dass auch in einer emanzipierten Gesellschaft, die keine Warenproduktion kennen würde, das Problem der Zeitordnung bestünde. Schließlich wäre eine Regelung, wer wann wen kennen zu lernen und wie er damit umzugehen hat, ein schwerwiegender Eingriff in die Freiheit des Individuums.
Das tragende Element sieht Adorno hier in dem „ausschließendem Charakter des Ersten“. Die abstrakte Zeitordnung ist schon historisch auf der Eigentumsordnung gegründet. In diesem Fall wird die Zeit als Kriterium für die Angst, etwas in der Zukunft zu verlieren reflektiert, so wird das Seiende immer in Relation zu seinem zukünftigem möglichen Nichtsein betrachtet und eben dadurch erst recht zum Besitz gemacht. Dieses Besitzen wiederum führt zu einer Austauschbarkeit und reinen Funktion des besessenen. „Einmal ganz Besitz geworden, wird der geliebte Mensch gar nicht mehr angesehen“ – jener wird somit zum bloßen austauschbaren Objekt und das sich als „Anklammern an das eine so Seiende“, also das Spezielle und Individuelle an diesem Menschen, in Erscheinung tretende ist in Wirklichkeit nichts anderes als das Gegenteil.
Als wahre Zuneigung dagegen sieht Adorno eine, die „an geliebte Züge sich heftet und nicht ans Idol der Persönlichkeit“. Das Spezifische am Menschen ist als zu liebendes insofern vor Ausschließlichkeit geschützt, als dass es einmalig und unwiederholbar ist und eben darum das andere duldet. Durch eine Form der zwischenmenschlichen Liebe, in der die Parteien einander nicht mehr Besitzen, sondern nur das jeweils Spezielle ansprechen, gäbe es keine Konkurrenz mehr zwischen neuen und alten Beziehungen und somit keine Treulosigkeit mehr.
„Wären Menschen kein Besitz mehr, so könnten sie auch nicht mehr vertauscht werden“ – wären Menschen nicht mehr austauschbar, bräuchten sie Untreue nicht mehr zu fürchten, weil es keine Treulosigkeit mehr gäbe.

Im zweiten hier angeführten Kapitel „Constanze“ kritisiert Adorno das bürgerliche Verlangen nach der Unwillkürlichkeit der Liebe. In der sonst überall nach der Anstrengung des Willens pochenden Gesellschaft wird, so Adorno, gerade die Unwillkürlichkeit der Liebe zum Ideal erhoben. Jedoch ist das reine Gefühl in der ökonomisch determinierten Gesellschaft kaum möglich, stattdessen ist das, was sich als die „Stimme des Herzens“ gibt oftmals nichts als Alibi für die „Herrschaft des Interesses“. Wie die sexuelle Triebneigung, die einen scheinbar spontan mal den einen mal den anderen attraktiv erscheinen lässt, gesellschaftlich und ökonomisch determiniert ist, so macht auch das Bauchgefühl das Subjekt zum „Werkzeug der Gesellschaft“, das die im „Roulette der Interessen je herauskommenden Zahlen“ nur ausführt.
Soll die Liebe in der falschen Gesellschaft jedoch eine bessere repräsentieren, so kann ihr dies angesichts dessen nur im bewussten Widerstand, der den vom Bürger ungewollten Moment der Willkür fordert, gelingen. Diese Form der Liebe muss über das Gefühl hinausgehen, an sich festhalten, sich quasi der Treue verschreiben. Die Liebe, die keine Farce ist, muss laut Adorno also „die Unmittelbarkeit, sich nicht verkrümmen zu lassen vom allgegenwärtigen Druck der Vermittlung, von der Ökonomie […]“ besitzen. Letztendlich die Treue, die als gesellschaftlicher Imperativ „Mittel zur Unfreiheit“ ist, ist als Widerstand gegen eben jene das einzig Mögliche.

Die im ersten Kapitel beschriebene Problemstellung ist auch im zweiten Kapitel tragend. Ein Mensch, der intuitiv, vom Gefühl diktiert sein Liebesleben führt ist zwangsläufig auch einer, der die vermeintlich geliebten Menschen als Objekte behandelt, die, wenn „die Stimme des Herzens“ verklingt, oder etwas Neues befiehlt, eben jene beliebig austauscht. Das, was im ersten Kapitel also als das „Spezielle“ am Menschen beschrieben wird, ist nicht zu verwechseln mit einem scheinbar spontanen Gefühl, das dem Subjekt mal das eine, mal das andere als attraktiv und begehrenswert erscheinen lässt. Vielmehr muss jenes Spezielle als ein Moment der Willkür, der bewussten Entscheidung aufgefasst werden, die ein Mensch trifft, woraufhin er sich darauf einlässt.
Darüber hinaus muss sich die Frage stellen, was Adorno mit seinem Appell zur Treue im zweiten Kapitel meint. Wie er richtig feststellt, ist der gesellschaftliche Imperativ zur Treue ein Mittel zur Unfreiheit – die Inbesitznahme des geliebten Menschen, gestützt durch einen Vertrag, die beide Parteien zur Treue verpflichtet ist eine Version des im ersten Kapitel kritisierten Verhaltens. Von Fixierung auf das Spezielle kann keine Rede sein, wenn der „auf meinen Menschen“ heruntergebrachte Geliebte durch einen Vertrag, also etwa „meine Freundin/mein Freund“ an eben das „Idol der Persönlichkeit“ mit dem Verbot, das Spezielle an auch anderen Menschen zu lieben, gänzlich gebunden wird.
Wogegen sich Adorno mit seinem Begriff von Treue zu stellen scheint ist jene polyamorische Spielart, die durch den spätkapitalistischen Imperativ zur Flexibilität hervorgebracht wird und in der Kulturindustrie als Ideologie in etwa „Sex and the City“, „The L-Word“ oder „Queer as folk“ gestützt wird. Obwohl die Suche nach dem „Traummann/frau“ immer noch das hintergründig höchste Motiv zu sein scheint, wird ein Zustand zelebriert, in dem sich der „flexible Single“ mal mit dem einen, mal mit dem anderen, mal mit allen gleichzeitig begnügt. Die vermeintliche Freiheit, die das Subjekt so als Single zu genießen meint wird somit zum Glück erklärt, das nur noch das Finden des perfekten Partners abzulösen vermag. Genau diesen Zustand des Getrieben-Seins von Gefühlen, die dem Suchenden als natürlich und autonom erscheint kritisiert Adorno als einen höchst affirmativen Moment der Warengesellschaft. Die Treue als Widerstand gegen den gesellschaftlichen Druck, immer wieder zu neuen Ufern aufzubrechen zu müssen meint nicht unbedingt einen monoamorischen Vertrag. Denkbar ist auch das Festhalten an mehreren Menschen, die nicht durch einen Vertrag, sondern einfach eine bewusste Entscheidung nicht durch andere ausgetauscht werden. Andererseits wird klar, dass auch die Polyamorie keine Befreiung von der Besitznahme des geliebten Menschen darstellen muss. Keineswegs ist nämlich die eine Beziehung nicht mehr warenförmig, weil gleichzeitig noch andere Liebesbeziehungen geführt werden. Wie die Protagonisten der aufgeführten Sitcoms zeigen, ist es durchaus möglich, sich nicht nur auf einen Menschen gleichzeitig zu fixieren und die verschiedenen Beziehungen trotzdem zu reinen Funktionen verkommen zu lassen.
Der polyamorische Theoretiker könnte ferner einhaken, die gesellschaftlich zum Ideal erhobene Suche, die aber gerade im ständigen Suchen und nicht finden ihren Kern hat, sei keine wirkliche Polyamorie, da sie nicht gefeit von Verträgen wäre. In der Tat ist das Leben als flexibler Single nicht nur im Fernsehen eins, das voller Zerwürfnisse und Intrigen zu sein scheint. Weil es im Endeffekt doch die Suche nach dem perfekten Partner bleibt, weil die Angst, mit Ende Vierzig „leer ausgegangen“ zu sein doch groß ist, muss ständig darauf geachtet werden, von Geliebten A nicht mit Geliebten B ertappt zu werden. Es handelt sich also nicht um einen Vertragsfreien Raum, sondern vielmehr um einen, der von einem Chaos an Verträgen und Versprechen strukturiert ist. Das Versprechen, das beim eingehen einer Beziehung implizit gemacht wird, es zumindest miteinander zu versuchen und zu prüfen, ob das nicht die „perfekte“ Partnerschaft sein könnte, wird in dem Moment gebrochen, in dem klar wird, dass der Partner nur eins von vielen entbehrlichen Objekten ist. Hier offenbart sich die Weisheit, die Adorno der bürgerlichen Liebesmoral unterstellt: „Gott, es sind alles doch nur Menschen, und welcher es ist, darauf kommt es gar nicht so sehr an.“. Ein Mensch, der als Single sich von dem gesellschaftlichen Imperativ, das perfekte Glück zu finden, getrieben, alles ausprobiert, um am Ende entweder eben „leer“ auszugehen, oder von der Torschlusspanik gepackt einen Geliebten zu finden, dem es auf ewig Treue schwört, um ihn dann zur bloßen Funktion, austauschbaren Objekt des Ehemanns/frau oder Freund/Freundin zu reduzieren, befolgt vielleicht auch ohne es zu wissen eben diese Weisheit.

Bleibt die Frage, ob ein polyamorisches Liebeskonzept, das auf Verträge und Versprechungen jeglicher Art verzichtet ein Gegenmodell zur bürgerliche Poly- und Monoamorie sein kann. Darüber hinaus stellt sich die Frage nicht im Rahmen einer emanzipierten kommunistischen Gesellschaft, die von Treulosigkeit gefeit wäre, sondern im Hier und Jetzt. Insofern fragt sich also, ob die Repräsentation einer besseren Gesellschaft in der falschen und der Widerstand gegen die gesellschaftlichen Imperative durch den Versuch, die Treulosigkeit im falschen Ganzen aufzugeben, gelingen kann.
Generell muss die Frage natürlich verneint werden. Ein im Kapitalismus sozialisierter Mensch ist niemals frei von den ihm aufgetragenen Ideologien. Die Treue, als Produkt der Warenförmigkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen, der Besitznahme eines geliebten Menschen und der Angst vor dem in der Zukunft möglichem Verlust kann nicht einfach per Entschluss, erst recht nicht innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, aufgegeben werden. Genauso ideologisch, wie der Glaube an die Humanität einer bürgerlichen Liebesbeziehung ist der Glaube daran, sie käme aus dem nichts, wäre also einfach von heute auf morgen abschaffbar. Eine materialistische Kritik, wie die von Adorno, reflektiert die Ökonomie und die von ihr strukturierte Gesellschaft als Ursprung und Fundament des menschlichen Miteinanders. Eine Kritik, oder ein Aktivismus, der sich einbildet, jenem Gebilde eines seiner Köpfe abzuschlagen und das Leben dadurch humaner zu gestalten, läuft immer Gefahr, das „Wahre unvermittelt im allgemeinen Unwahren“ aufzurichten und dadurch „jenes in dieses“ zu verkehren.
Besitzverhältnisse sind, so falsch sie auch sein mögen, existent, kaum ein Mensch kann sich guten Gewissens von ihnen freisprechen. Insofern sind auch Treue und Untreue, Verlustängste und Eifersucht notwendig gegeben. Jemand, der dies ignoriert und schablonenhaft ein vermeintliches Gegenkonzept am anderen Menschen anlegt, tut diesem allemal Unrecht, indem er ihn als Menschen ignoriert und zum (Versuchs-) Objekt degradiert.
Der Versuch, durch Polyamorie der Warenförmigkeit der menschlichen Beziehungen zu entkommen muss scheitern, da der Abschwur von der Treulosigkeit in einer durch Besitz fundierten Gesellschaft zum Lippenbekenntnis verkommen muss. Das heißt indes nicht, dass Polyamorie die schlechtere Alternative zur Monoamorie wäre – nur, dass der subversive Charakter jenes „Gegenmodells“ nichts, als die Tendenz zum Affirmativen ist.
Ebenso wenig wie die Aussage, es gäbe kein richtiges Leben im falschen impliziert allerdings auch Adornos Appell zur Treue nicht die Aufforderung, alles mitzumachen. Das Bedürfnis, es sich auch in der kapitalistischen Gesellschaft so human wie möglich einzurichten, nicht als Befriedung mit den Verhältnissen, sondern als das Minimum an Raum, den man braucht, um geistig nicht zu verkommen, erfüllt sich eher im reflektierten Widerstand, wie ihn Adorno im zweiten Kapitel beschreibt, als im resignierten Mitmachen. Die Treue, die hier also gemeint ist, ist nicht die Aufforderung, sich in das Konzept der romantischen Zweierbeziehung zu fügen, nicht mal, die Liebe nur auf einen Menschen zu bündeln. Ein möglichst humaner Umgang mit einer geliebten Person ist mindestens einer, der versucht, auf den Menschen nicht als Objekt, sondern Subjekt einzugehen, mitsamt all seiner gesellschaftlich bedingten Neurosen. Schließlich nicht der gesellschaftlichen Schwerkraft nachzugeben, sondern in Treue zum Geliebten willkürlich und reflektiert zu handeln.

Ob die Polyamorie oder die Monoamorie das bessere Konzept ist, muss hier offen gelassen werden. Treue in diesem Sinne kann und muss auch in der Polyamorie existieren, will sie nicht ein Werkzeug der gesellschaftlichen Imperative werden. Wie besitzergreifend ein Mensch ist, wie sehr er das durch Reflektion reduzieren kann und welche Bedürfnisse für ihn vorrangig sind, ist auch im Kapitalismus je nach Mensch unterschiedlich ausgeprägt. Der Widerstand, der der Warenförmigkeit des menschlichen Miteinander also geliefert werden kann, ist nicht die Aufforderung, viele Menschen gleichzeitig zu lieben, weil das Problem nicht in der Quantität, sondern Qualität der Beziehungen steckt.