Archiv für Oktober 2009

Wenn die Rettung ausbleibt.

Quelle: asofterworld.com

Für M.

Einleitung

“Erst wenn es [der Frau] eines Tages möglich sein wird, in ihrer Stärke und nicht in ihrer Schwäche zu lieben, nicht um sich zu fliehen, sondern um sich zu finden, nicht um sich aufzugeben, sondern um sich zu behaupten, wird die Liebe für sie wie für den Mann eine Quelle des Lebens und keine tödliche Gefahr mehr sein”.[1]

Je klarer die Anweisung, umso mehr gerinnt sie zur Parole, je deutlicher die Hoffnung, die an sie geknüpft wird, umso höher die Chance ihrer Nichteinlösung. Wenn Simone de Beauvoir am Ende ihres Kapitels über “die Liebende” dazu kommt, ein Bild zu zeichnen davon, wie die Liebe sein könnte, um ihre vernichtende Wirkung einzubüßen, verschwimmt das Bild, das sie zuvor so deutlich herausgearbeitet hatte.
Was greifbar wurde als untragbarer Zustand für die Situation derjenigen, die sich in der Situation der Liebe befindet, transformiert sich unter der Hand in die Erwartung einer Quelle des Lebens, die noch unerreichbar in den Händen der Männer liegt – in Gebieten also, die erst “eines Tages” erreicht werden können und deren Urbarmachung somit auf den St. Nimmerleinstag gelegt wird.
Die These, die zu erarbeiten sein wird, läuft darauf hinaus, dass die Suche, selbst wenn jener Tag hereinbrechen sollte, fruchtlos geblieben sein wird. Wie Jungbrunnen und El Dorado findet sich an jenen Orten nur das gleiche, schäbige Dickicht von dem man aufgebrochen war und was als Liebe sich versprach, stürzt in dieselben Höllen, in die schon die abgöttisch Geliebten verstoßen werden mussten.

Begriff und Sache.

“Das Wort Liebe hat für beide Geschlechter keineswegs den gleichen Sinn. Darin liegt eine Quelle der schweren Missverständnisse, die zwischen ihnen herrschen.” [2]

So klar die Differenz vor Augen steht, die Beauvoir in der Folge mit Beispielen unterlegt, so unklar bleibt ihre Entstehung. Ist es wahr, dass man nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht wird, dann trägt das Wort zunächst in männlichen wie in weiblichen Ohren den gleichen Klang. Sie lesen die gleichen Geschichten, werden mit den gleichen Liedern vertraut gemacht und hören die gleichen Vorurteile über die “Liebe”. Das reine Wort trägt nur den Klang. Differenz kann erst am Begriff kenntlich werden.
Stimmt es nun, dass das Wort einen unterschiedlichen Sinn für die Geschlechter trägt, so liegt es nahe zu behaupten, beide besäßen einen unterschiedlichen Begriff der Liebe.

“Byron sagte mit Recht, die Liebe sei im Leben eines Mannes nur eine Beschäftigung, für die Frau dagegen sei sie das Leben selbst. […]Für die Frau ist die Liebe (…) totale Selbstaufgabe zugunsten eines Herrn.”[3]

Für die Frau bedeutete demnach die Liebe die Sehnsucht nach dem Sklaventum, sich einem Herrscher vollkommen zu ergeben. Wäre das aber tatsächlich der Fall, so wäre die Erfüllung dieses Wunsches schon geschehen in dem Moment, in dem der von ihr erwählte Herr sie zu seinem Objekt macht. Was auch immer sein Wunsch für den zukünftigen Verlauf ihres Lebens ist – und sei es die Loslösung von ihm – müsste ihr Befehl sein, die Erfüllung desselben bereits tiefste Genugtuung. Von einem solchen Herren ginge nicht tödliche Gefahr aus, sondern nolens volens das Paradies und Erfüllung jeglicher Sehnsucht.
Selbst der Wunsch des Herren, sie möge sich erstechen, um ihm nicht länger zur Last zu fallen, wäre in einem Zustand, in dem die Liebe nichts weiter ist als die totale Selbstaufgabe noch eine Einladung zu himmlischem Frieden.
Gleichwohl: Von einem Begriff der Liebe – einem Begreifen gar dessen, was sie der Frau bedeutet – ist eine solche Definition weit entfernt. Die Behauptung, eine totale Selbstaufgabe zu betreiben, verschleiert schließlich nur einen tieferen Wunsch.

“Ein unwesentliches Wesen aber kann im Herzen seiner Subjektivität das Absolute nicht entdecken. (…) Eingeschlossen in die Sphäre des Relativen, seit ihrer Kindheit dem Mann bestimmt, daran gewöhnt, in ihm einen Herrscher zu sehen, mit dem sie sich nicht messen darf, hat die Frau – wenn sie ihren Anspruch, Mensch zu sein, nicht gänzlich erstickt hat – nur einen Traum: ihr Sein auf eine jener höheren Wesenheiten hin zu überschreiten, mit dem souveränen Subjekt zu verschmelzen.”[4]

Es ist jene Gier nach Wesentlichkeit, danach, zu Souveränität zu gelangen, die erst die totale Selbstaufgabe hervorruft. Dass diese Selbstaufgabe nicht die Souveränität erbringt, die Rettung ins Wesenhafte ausbleibt ist es, die erst die Diskrepanz zwischen Begriff und Sache ausmacht.
Die Liebe erschöpft sich nicht darin, was sie ist – sie muss sich zugleich stetig daran messen, was sie vorgibt zu sein, welche Hoffnung an sie gebunden ist.
Selbstaufgabe allein genügt also nicht, um einen Begriff der Liebe zu fassen. Es ist eine Selbstaufgabe, um zur Selbstbestimmung zu gelangen. Der Gott, der im Mann erscheint, ist wirklich Abgott – in ihm kehrt die prometheische Erwartung zurück, das Feuer gebracht zu bekommen, das erst das Sein zu einem menschlichen macht. Diese Erkenntnis blitzt auch bei Beauvoir auf:

“Statt sie zu ermuntern, für sich zu kämpfen, hat man ihr gesagt, sie solle sich nur gleiten lassen und sie würde die schönsten Paradiese erreichen.”[5]

Das Feuer aber bringt der Liebhaber nie. Stets nur für kurze Momente gelingt es, sie aus der Unwesentlichkeit zu befreien und der Frau das Gefühl zu geben “notwendig zu sein.”[6]
Die Verschmelzung mit dem souveränen Subjekt ist es erst, die die Illusion erzeugt zur Handlung ermächtigt zu sein. Bei dieser Handlung dreht es sich nicht um eine beliebige Tätigkeit, es soll vielmehr ein Zugriff auf die Welt erzeugt werden. Erst die Welt, die sich durch die Taten des so handelnden Individuums verändert ist eine, in der das handelnde Subjekt nicht mehr nur Staffage ist, sondern vielmehr Protagonist im Leben eines anderen.
Die eigene Austauschbarkeit hebt sich darin auf, sich im Geliebten zu verlieren. In diesem Verlust kehrt die Sicherheit zurück, die die Kindheit bot. So ist es zwar “beängstigend, sich auf das Unternehmen des eigenen Lebens einzulassen” [7], jedoch stellt diese Angst nicht etwa eine weibliche Verfehlung dar.
Weit entfernt von irrationaler Panik, schwelt in der Verängstigung schon die Einsicht in etwas anderes.

Die Liebe stellt für die Frau also ein Mittel zum Zweck dar. In dem Gefühl, dass ihr die Identifikation mit dem Geliebten verspricht erhofft sie, durch Teilhabe am männlichen Leben wesentlich zu werden. Die tödliche Gefahr beginnt allerdings nicht erst da, wo die Identifikation oberflächlich bleibt und der Frau stets nur den zweiten Platz zuweist.
Sie wird die männliche Souveränität nicht nur deshalb nicht erlangen, weil sie eine Frau ist. Die Bemühungen werden fruchtlos bleiben, weil die Männer diese Souveränität nicht besitzen.

Liebe – Sinn und Bedeutung.

“Gesetzt aber, dass es auch Männer geben sollte, denen ihrerseits das Verlangen nach vollkommener Hingabe nicht fremd ist, nun, so sind das eben – keine Männer.”
[F. Nietzsche – Die Fröhliche Wissenschaft, in: op.cit. Bd II, S. 299f]
“Männer mögen in bestimmten Zeiten ihrer Existenz leidenschaftliche Liebhaber gewesen sein, doch es gibt keinen einzigen, den man als “großen Liebenden” definieren könnte. Auch in den heftigsten Aufwallungen danken sie nie vollständig ab. Und selbst wenn sie vor der Geliebten auf die Knie fallen, wünschen sie doch immer noch sie zu annektieren. Sie bleiben als souveräne Subjekte im Zentrum ihres Lebens.”
[8]

Der “große Liebende” bleibt Illusion – das Diktum, dass “[d]as höchste Ziel der menschlichen wie der mystischen Liebe[…] in der Identifikation mit dem Geliebten [besteht]” [9] ist nicht einmal im Ansatz erfüllt. Demjenigen, der die Annektierung erstrebt, liegt nichts ferner als sich mit dem Annektierten zu identifizieren. Was offen bleibt jedoch ist, wieso die Liebe, so sie denn nicht mehr darstellt als dieses, für die Männer “Quell des Lebens” sein sollte.
Rätselhaft bleibt die Frage jedoch nur, solange die Lüge über die Liebe schwerer wiegen soll als die Liebe an sich. Simone de Beauvoir selbst ist es ja, die den Wunsch der Identifikation enttarnt als einen viel tieferen Wunsch danach, der Unwesentlichkeit zu entspringen und selbst über sein Leben gebieten zu können. Das höchste Ziel der Liebe stellt es also mitnichten dar, sich mit dem Geliebten zu identifizieren. Vielmehr ist diese Identifikation ihrerseits nicht Ziel, sondern abermals Mittel, während das höchste Ziel der Liebe der Gewinn einer eigenen, nicht auswechselbaren Existenz ist.

Für den Mann würde sich diese Frage nur dann nicht stellen, wenn er tatsächlich im Besitz der behaupteten Souveränität wäre. Tatsächlich verhält es sich aber so, dass auch er nicht im Zentrum seines Lebens steht. Ebensowenig wie die Frau ist er in der Lage, sich aus sich selbst heraus zu schaffen, sondern bleibt auf seine ökonomischen Grundlagen verwiesen.
Das Zentrum seines Lebens stellt nicht etwa er dar, sondern vielmehr das, worauf ihn die Gesellschaft verweist. Beide – Mann wie Frau – sind eingebunden in die Maschinerie kapitalistischer Reproduktion, die sich für sie nur insofern interessiert, als dass sie Rechtssubjekte sind. Als solche ist es ihre Aufgabe Ẃert zu schaffen und Wert darzustellen. Ihre physische Reproduktion findet nur solange statt, wie sie in der Lage sind, sich als wertvoll zu erweisen.
Auch der Mann schafft es allerdings nicht aus sich selbst heraus, diesen Wert darzustellen. Vielmehr sind es erst Besitztümer, die ihm seine “Würde”, die nicht mehr meint als die Würde des Warenbesitzers, verschaffen.
Diese Erkenntnis bleibt auch bei Beauvoir nicht aus. Entlarvend rutscht ihre Sprache in die Kategorien der politischen Ökonomie ab, wenn sie die männliche Situation beschreibt.

“Die geliebte Frau ist nur ein Wert(!) unter anderen.(…) Ein Individuum, das Subjekt, das es selbst ist, bemüht sich, sofern es großzügig der Transzendenz zuneigt, seinen Zugriff auf die Welt zu erweitern: es ist ehrgeizig, es handelt.”[10]

Doch die stetige Akkumulation von Wert und Wertrepräsentanz ist mitnichten ein Ausdruck einer Zuneigung zur Transzendenz. Vielmehr drückt sich in ihr nichts anderes als der stumme Zwang der gesellschaftlichen Verhältnisse. Es ist der Zwang zum Handel und zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft (d.h. Nolens volens der eigenen Existenz), der erst diese Zuneigung zur “Transzendenz” (eigentlich: Erweiterung der Eingriffssphäre) – die nicht mehr oder weniger Immanenz ist als die Immanenz der Frau – hervorbringt.

Beauvoir verfehlt das Ziel, wenn sie annimmt:

“In der Auffassung, die Männer und Frauen von Liebe haben, spiegelt sich vielmehr der Unterschied ihrer Situation.”[11]

Tatsächlich ist es der Unterschied der Situation, der bei einer gleichen Auffassung von Liebe unterschiedliche Handlungen bedingt. Die “Wesentlichkeit”, die Beauvoir bei den Männern vermutet, ist nicht wirklich Souveränität, schon gar keine Unbedingte. Sie ist letztlich nur das Komplement zur Aufopferung der Frau.
Indem sie ihre eigene Position aufgibt, löst sie sich aus dem Nimbus der Vergesellschaftung. Sie kehrt aus den apersonalen Verhältnissen in personale Abhängigkeit zurück. Sie erlangt messbare Bedeutung, wenn auch nur für eine Person.
Erst aber dadurch, dass diese Person selbst ein ökonomisches Grundgerüst für diese Abhängigkeit schafft, gelingt es ihr, die Liebe zum “Leben selbst” zu erklären. Durch das Offenhalten des Horizontes der Versorgung wird die Liebe tatsächlich zur wesentlichsten Grundlage des Lebens.
Sie verspricht nicht nur die schnöde Versorgung mit Gebrauchsgütern, sondern den zusätzlichen Luxus der Anerkennung und der “Notwendigkeit”.

Wenn die Annahme stimmt, dass es tatsächlich diese Versprechung ist, die in der Liebe treibend wirkt, so hieße das aber, dass auch der Mann seine Unabdingbarkeit nicht etwa apriori hat, sondern sie sich erst durch die Liebe erhofft. Eine Beweisführung in diese Richtung erforderte es allerdings, ein analoges Verhalten auf der männlichen Seite aufzufinden.

“Am überraschendstten wirkt auf den Beobachter die bei den Liebenden […] sich äußernde Tendenz, die Geliebte zu “retten”. Der Mann ist überzeugt, dass die Geliebte seiner bedarf (!), dass sie ohne ihn den sittlichen Halt verlieren und rasch auf ein bedauernswertes Niveau herabsinken würde. Er rettet sie also, indem er nicht von ihr lässt. Die Rettungsabsicht kann sich in einzelnen Fällen durch die Berufung auf sexuelle Unverlässlichkeit und die sozial gefährdete Position der Geliebten rechtfertigen, sie tritt aber nicht minder deutlich hervor, wo solche Anlehnungen an die Wirklichkeit fehlen.”
[12]

Es ist also auf beiden Seiten der Fall, dass eine Fantasie von Notwendigkeit sich Bahn bricht. Die Unfähigkeit, die Kontingenz des anderen – also seine “ursprüngliche Grundlosigkeit” – zu akzeptieren liegt nicht etwa in einer falschen Erwartungshaltung an die Liebe, sondern darin, dass es gerade die Beseitigung der Grundlosigkeit ist, die sich jeder vom Partner erhofft. [13]
Beide Seiten instrumentalisieren den Partner, um ihrer eigenen Grundlosigkeit zu entrinnen. Dass es bei Beauvoir und Freud die Männer sind, die die Frau als “einen Wert unter anderen” einordnen müssen, um dies zu tun, während die Frauen das nicht minder unangenehme Schicksal haben, eine ständig neue Identifikation zu suchen, liegt schlicht am ökonomischen Primat des Mannes in patriarchal organisierten Gesellschaften. Eine schlichte Umkehrung der ökonomischen Bevorzugung würde genügen, um die Frauen in einen aussichtslosen Rettungskampf zu schicken und die Männer der Hölle der Identifikation zu überlassen.

Die beiden Positionen produzieren und reproduzieren einander. Dies allerdings nicht etwa aus einer ökonomischen, sondern aus einer psychologischen Notwendigkeit heraus. In dem Moment erst, in dem sich eine Partei als zu rettender Mensch zu erkennen gibt – und damit die Situation als “unwesentliches Objekt überwindet, indem sie sich radikal zu ihr bekennt”[14] – entsteht die Möglichkeit für eine zweite Partei, ihre Situation als unwesentliches Objekt zu überwinden, indem sie sich radikal zur ersten Partei bekennt. [vgl. Freud – Er rettet sie also, indem er nicht von ihr lässt.]
Dabei ist es im Grunde unerheblich, welche Position nun von welchem Geschlecht eingenommen wird.[15.]
Ausschlaggebend ist vielmehr, dass die entsprechenden Positionen überhaupt eingenommen werden um im daraus resultierenden Spannungsfeld das Gefühl “Liebe” etablieren zu können.
Dadurch, dass für den jeweils isoliert auftretenden Einzelnen der Sinn der Liebe (also eines je individuell auftretenden Gefühls) darin besteht, dem anderen einen Wert zuzuweisen, verschleiert sich die Bedeutung der Liebe als gesellschaftliche Institution, die darin besteht dem Liebenden die Möglichkeit zu geben, seine “Notwendigkeit” zu beweisen.

Die “selbstlose Liebe”, ob sie sich als Rettung zeigt oder als Opferhaltung, ist somit auch selbstsüchtig – egoistischer Akt zur Bewahrung und Schaffung des “Selbst”.

Lüge und Wahrheit.

“Mit der Brüderlichkeit nämlich verhält es sich so, dass sie der Liebe gleicht und doch nicht gleicht. Sie gleicht der Liebe, da sie wie diese zur Auslöschung des Menschen hinstrebt. Während aber die Liebe sich in der Auslöschung, zu der sie hinstrebt, selber auslöscht, also ihre Nicht-Existenz erweist und beweist, beginnt die Existenz der Brüderlichkeit eigentlich erst in der Auslöschung. Denn in der Liebe wird mit der Auslöschung und mit dem Tod, in dem die Auslöschung gipfeln soll, bloß gespielt und es kann bloß gespielt werden, weil der schöne Doppelselbstmord, von dem die Liebe träumt, unweigerlich ein Mord an dem soeben gezeugten und empfangenen Kinde wäre. In Wahrheit fürchten die Liebenden den Tod und ihre Lust ist der Nicht-Tod, ist die Überwindung des Todes, ist die Überwindung des Todesekels. (…)
Das ist die Nicht-Existenz der Liebe, ist deren spielerischer Zweisamkeitstraum vom Liebestraum und vom Selbstmordwunder, ist ihr Spiel von der falschen Ausgelöschtheit!” [16]

Was Broch in seinem Roman “Die Schuldlosen” den Zyniker Zacharias über die Liebe sagen lässt, scheint den Sachverhalt zu bestätigen. Noch dadurch aber, dass er ihn aufs Klarste erkennt und benennt verkennt er ihn zugleich.
So wie Beauvoir es verfehlt, sich einen kritischen Begriff der Liebe zu bilden, indem sie die Versprechungen der Liebe für bare Münze nimmt, verfehlt Zacharias den Begriff, indem er ihn behandelt als wären die Versprechungen nie gemacht worden. Während die erstere das Kostüm für den Kostümierten hält, brüstet sich letzterer damit zu wissen, dass der Kostümierte eigentlich nackt sei.
Beide verschmähen dadurch aber den Respekt vor der Kunstfertigkeit, mit der das Kostüm angefertigt und vor dem Geschmack mit dem es ausgewählt wurde.
Was Zacharias für eine Schwäche hält und dementsprechend verhöhnt, entpuppt sich nämlich bei näherer Betrachtung als ihre größte Stärke. Es ist gerade die unübertroffene Verlogenheit und Künstlichkeit der Liebe, die ihr einzig einen Wert verleihen kann, der etwas anderes meint als “tödliche Gefahr”.
Jene geht nicht erst von der Liebe aus, sondern liegt bereits im entleerten Kern des Subjekts selbst. Das Nichts, das es bei der Kontemplation vorfindet – das Bewusstsein der eigenen Nutzlosigkeit in der verwalteten Welt – scheint nur erst dort auf, wo es kurzfristig überwunden wird. Dadurch, dass die Liebe eine Zweckgerichtetheit des eigenen Daseins fingiert, entkommt das Subjekt seiner “ursprünglichen Grundlosigkeit”. [17]
Wie wohlmeinend die Einschätzung Beauvoirs auch immer ist, dass eine authentische Liebe diese ursprüngliche Grundlosigkeit anerkennen müsste, stellt sie somit doch letztendlich nichts weiter dar als eine Aufgabe des Liebesbegriffes. Des schönen Scheins beraubt, setzte diese Form der Liebe zwar die Liebenden nicht mehr in die aussichtslose Situation gegeneinander Ansprüche zu erheben, die unmöglich zu erfüllen sind, brächte sie aber in die trostlosere Situation, sich mit der jeweils eigenen Grundlosigkeit abzufinden. Schon der Versuch gliche insofern der Unternehmung, einen schmerzenden Arm zu amputieren, statt die Wunde zu verarzten.
Selbst die Tatsache, dass der Trost nur Trug und temporär ist, muss ihren Stärken statt ihren Schwächen zugeschlagen werden. Die Unmöglichkeit des vollständigen Aufgehens im Anderen ist nicht etwa Feigheit der Liebenden anzukreiden oder als Inkonsequenz zu monieren.
Das Gegenteil ist der Fall. Es ist die innere Konsequenz der Liebe, dass sie sich selbst ihr höchstes Ziel versagt. Würde die Verschmelzung vollkommen und die vollendete Harmonie, mit der sie träumerisch kokketiert erreicht, bliebe nichts von beiden übrig. Das vollendete Glück kann rein begrifflich schon nicht mehr vermehrt werden – das Nirvana bedeutet nichts anderes als die Einsicht in die Sinnlosigkeit des Lebens und damit den Tod.
Gerade dieser Ausweg ist es aber, der hier versperrt bleiben muss. Die Liebenden sind dazu verdammt füreinander am Leben zu bleiben. Die Liebe gerät damit zu einer stets neuen Spekulation auf die Zukunft, auf die Aussicht, dass die eigene Existenz weiter bereichert werden könnte und sei es nur durch die rein quantitative Fortsetzung des Glücks.
Diese aber ist nicht möglich ohne einen Rekurs aufs Leben ausserhalb der Liebe. So groß der Wunsch auch sein mag, genügen die Liebenden dennoch nicht sich selbst. Der Volksmund hat diesbezüglich recht, wenn er anmerkt, dass der Mensch nicht allein von Luft und Liebe leben könne.
Auch die Vollendung in der Zweisamkeit bleibt folglich verwehrt – stets geraten die ökonomischen Zwänge zu einer neuen Zumutung für die Liebenden, die spätestens die Illusion zerreißt, man lebe nur füreinander. Die Rückkehr in die Gesellschaft wird zur Rückkehr in die Austauschbarkeit.

An diesem Punkt tritt die unterschiedliche Situation der Liebenden wieder deutlich hervor. Solange die ökonomische Einheit der bürgerlichen Familie in patriarchaler Form besteht, bleibt dieser Zwang einseitig. Paradoxerweise ist es gerade die Einseitigkeit dieses Zwanges, die den Eindruck erzeugt, derjenige, der ihm unterliegt gestalte sich selbst und sei befreit. De facto aber gestaltet sich auch der solcherart privilegierte Part nicht selbst, sondern auf die Gesellschaft hin. Der Wunsch, seine Rolle einzunehmen bleibt nur solange virulent, wie er unerfüllt bleibt.
Ist der Status der “Befreiung” jedoch einmal erreicht, so verliert sich nicht etwa das Gefühl der Verbannung in die Immanenz, wie Beauvoir es annimmt, es wandelt sich schlicht zu seinem “männlichen” Gegenpart, der sich auf das Unternehmen der Rettung kapriziert – eine Unternehmung, die umso lächerlicher und verächtlicher wird, je weniger es gibt, das da noch gerettet werden wollte oder könnte.
[18]

Mit der ökonomischen Emanzipation, der Eröffnung der Möglichkeit also, wirklich Nägel mit Köpfen zu machen und “in Stärke, nicht in Schwäche” zu lieben, nicht um “sich zu fliehen, sondern um sich zu finden”, nicht “um sich aufzugeben, sondern um sich zu behaupten” eröffnet sich so also zwar die Möglichkeit der Gefahr der Hingabe an einen Einzelnen zu entkommen, tendenziell müsste damit allerdings – ausgehend von der Annahme, dass die vorherigen Schlüsse wahr sind, das Spannungsfeld verschwinden, in dem Liebe überhaupt notwendig ist.

Als vollständig autonome Subjekte, jeder einzelne losgelöst von allen anderen “souverän” agierend, dürfte es letztlich keinen Grund mehr geben, überhaupt noch zu lieben. Behielte Beauvoir recht und es ginge einzig um die Teilhabe am Subjektstatus, so dürfte dort, wo alle ihn erreicht haben weder die Notwendigkeit nach Rettung zu suchen, noch die aussichtslose Suche nach Wesentlichkeit ein Thema werden.

Liebe als Ganzes, als gegenstandslose Spekulation auf eine stets nur fiktive Zukunft wäre folglich, als überkommene Idee und Vorform, die anachronistisch für alle Beteiligten nur immer neue Höllen unerreichbarer Ansprüche produziert zu verwerfen und zu ersetzen durch ein realistischeres Konzept, das den anderen schlicht als Beliebigen akzeptiert und ihn oder sie je nach Brauchbarkeit für die eigenen Bedürfnisse einsetzt – es wäre ernstzumachen mit der Annahme, dass “die geliebte Frau nur ein Wert unter anderen ist.”

Das Ganze ist das Unwahre

Vielleicht allerdings verfehlt die Beauvoirsche Kritik der weiblichen Liebe gänzlich ihren Gegenstand und zu kritisieren – und folglich abzuschaffen – wäre nicht etwa die Schwäche, Verwundbarkeit und Flucht, sondern vielmehr das angestrebte Ideal.
Denn selbst unter der Voraussetzung, dass das existentialistische Credo mehr ist als nur die bürgerliche Hybris, aus einem Jenseits der Verhältnisse heraus zu agieren, so wäre dennoch zu hinterfragen, welche “Essenz” dem souveränen Subjekt zugrundeliegt, das sich großzügig der Transzendenz zuneigend müht, seine Einflusssphäre zu erweitern, das Subjektideal also auf seine gesellschaftlichen Ursprünge abzuklopfen, wie es Theodor W. Adorno in seinem Fragment “Sur l‘eau” versucht.

“In das Wunschbild des ungehemmten, kraftstrotzenden, schöpferischen Menschen ist eben der Fetischismus der Ware eingesickert, der in der bürgerlichen Gesellschaft Hemmung, Ohnmacht, die Sterilität des Immergleichen mit sich führt. (…)Die Vorstellung vom fessellosen Tun, dem ununterbrochenen Zeugen, der pausbäckigen Unersättlichkeit, der Freiheit als Hochbetrieb zehrt von jenem bürgerlichen Naturbegriff, der von je einzig dazu getaugt hat, die gesellschaftliche Gewalt als unabänderliche, als ein Stück gesunder Ewigkeit zu proklamieren. “

Der erwünschte Zustand selbst taugt nicht viel. Zeugnis davon legt auch die Verzweiflung ab, mit der am Begriff der Liebe festgehalten wird. Je gegenstandsloser er wird, umso inflationärer seine Verwendung und desto bornierter das Pochen darauf. Als “ILD”-Kurznachricht schon fertig eingespeichert und als Lebkuchenherz abgepackt wird das Bekenntnis zur madigen Schnulze. Aber gerade dort, wo die Lüge sich vollends als solche entblößt, besitzt sie das Potential, über sich hinauszuschießen.
Dadurch, dass sie weder die Gleichgültigkeit gegenüber sich selbst, noch gegenüber dem anderen duldet, dadurch, dass sie sich stetig dagegen wehrt, die Notwendigkeit des Todes anzuerkennen und vielmehr der Ratio entgegengesetzt auf die Notwendigkeit des Lebens pocht, bildet sie das Urbild von Solidarität und Gesellschaftlichkeit. Dort, wo sich die Lüge von der trauten Zweisamkeit als solche rückhaltlos dadurch entblößt hat, dass beide ihr auf Augenhöhe begegnen, gewinnt sie sprengenden Charakter, der über die bloße Liebe zu einem Menschen hinausgeht.

Wo beide an der gleichen Hölle teilhaben und beiden das Bewusstsein ihrer Überflüssigkeit klar vor Augen steht, wird diese Überflüssigkeit zwar mitnichten bewältigt, aber immerhin als Tatsache wahrnehmbar. Dennoch dürfte sich “Liebe” mitnichten darum mühen, authentisch und diesem Zustand angemessen zu sein. Täte sie es, verlöre sie das Bewusstsein um jenen Geist, der ihr erst ihren Wert verlieh – um das verzweifelte Bedürfnis nämlich, sich entgegen aller Evidenz dennoch als “notwendiges” statt nur als “kontingentes” Wesen zu zeigen.
Und doch ist noch die Romantisierung, der Begriff der Liebe, der sich keine Sache sucht, ebenso wertlos wie die Sache, die nicht mehr dem Begriff der Liebe entspricht. Die Romantiker und Träumer, die anachronistischen Poeten und Huldiger der Größe der weiblichen Liebe übersehen mit Methode diejenige Gefahr, der erst durch den Feminismus und seine Kämpfe entronnen werden konnte. Indem sie vom Standpunkt des Souveräns aus die Souveränität schmähen, verdammen sie diejenigen, die sie noch nicht erlangen konnten erst recht in die Immanenz und werden vom Retter zum Kerkermeister.
Feminismus und bedingungslose Gleichstellung beider auf einer Ebene sind daher conditio sine qua non der Liebe, nicht allerdings die Einlösung des Versprechens, das sie einst noch gab.

Was sie versprach aber kann sie nicht aus sich selbst heraus halten. Wo beide sich rücksichtslos Zeugnis ablegen über ihre eigene faktische Überflüssigkeit, ändert sich auch der Modus der Aufgabe. So wie es in den patriarchalen Verhältnissen Beauvoirs und Freuds Unterschiede der Situation waren, die unterschiedliche Handlungen bedingten, ist es in emanzipierten Verhältnissen die Ebenmäßigkeit der Situation, die die Uniformität der Handlung bedingt.

Wenn Liebe jemals mehr war als nur eine euphemistische Bezeichnung für ein Konsumptionsverhältnis von Menschen durch, wenn ihr höchstes Ziel wirklich in der Einigkeit und Identifikation der Liebenden lag, wenn sie die Rettung die sie versprach je einlösen wollte, bleibt nur eine einzige Option als letzter Fluchtweg nach vorne.
Ist kein Zustand, in den ein Einzelner sich versetzen kann ausreichend um den Geliebten oder die Geliebte in eine Situation zu versetzen, in der er oder sie nicht stets aufs Neue sich der Kontingenz konfrontieren muss, genügt keine Gabe um dem Bewusstsein der Wertlosigkeit zu entgehen, so kann die Handlungsoption sich einzig gegen die Gesellschaft richten, die diese Bewusstseinsformation produziert und reproduziert.
Gegen die Faktizität der Überflüssigkeit wäre die Gewissheit zu setzen, die Liebenden notwendigerweise zueigen ist, die Lüge der Scheinselbstmordes, der die eigene Überflüssigkeit nur akzeptiert um sich umso gieriger seiner eigenen Existenz zu versichern, der das eigene Glück von dem des Gegenübers abhängig macht, ohne dabei allerdings darauf zu verzichten.
Ist es das Ziel der Liebe, dem anderen das Bewusstsein seiner Notwendigkeit zurückzugeben, seiner Unersetzbarkeit, so bedeutet das – gewollt oder nicht – nicht weniger als einen revolutionären Akt, in der Absicht eine Gesellschaft zu erzeugen, in der gemeinsames Glück denkbar ist.

Sollen also patriarchale Verhältnisse überwunden werden, ohne dem Begriff die Schärfe zu nehmen, so treibt er zwingend über sich hinaus und hinein in jenen kategorischen Imperativ, der zwar die Liebe ermöglichen will, aber nicht mehr durch sie, sondern durch die Vernunft hindurch funktioniert, endet “also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen sei.”
[19]

Quellen und Fußnoten

[1]-Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Rowohlt Taschenbuch Verlag,S. 830
[2]-Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Rowohlt Taschenbuch Verlag,2000: S. 799
[3]- Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000: S. 799
[4]- Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000 S. 800
[5]- Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000, S. 802
[6] – Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000 S.809, vgl. Auch 805
[7] – Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000, S.807
[8] – Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000, S.800
[9]- Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000, S. 812
[10] Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000, S. 800
[11] Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000, S. 800
[12] Sigmund Freud, Sexualleben, Fischer Taschenbuch Verlag, 2000, S. 190
[13] Um herauszufinden dass das Motiv der Rettung ein beidseitiges ist, respektive beide mit dedizierten Hoffnungen an die Liebe gehen, bedarf es letztlich keiner hochtrabenden philosophischen Arbeiten, es genügt sich fast schon beliebig auswählbare kulturindustrielle Produktion zu dem Thema anzusehen. Charakteristisch beispielsweise der Dialog aus dem 2004 Oscar prämierten Eternal Sunshine of the Spotless mind:
Sie: “Too many guys think I‘m a concept, or I complete them, or I‘m gonna make them alive(!!). But I‘m just a fucked-up girl who’s lookin‘ for my own peace of mind; don‘t assign me yours.
Er: I remember that speech very well.
Sie: I had you pegged, didn‘t I?
Er: You had the whole human race pegged. I still thought you were gonna save my life. Even after that.
[14] Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000, S. 801
[15] Wobei die gesellschaftliche Rollenverteilung und die daran gekoppelten ökonomischen Grundlagen durchaus tendenziell eine Richtung angeben.
[16] Hermann Broch, Die Schuldlosen, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 1950: 157f.
[17] Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000, S. 813
[18] Nicht umsonst büßen Ideale von Männlichkeit, wie sie noch die frühen patriarchalen Verhältnisse in Form von Ritterlichkeit, “soldatischer Tugend”, Führungs- oder Entscheidungsstärke und Galanterie umschwirrten nicht nur an Aktualität ein, sondern erscheinen da wo sie überhaupt noch auftreten nur als ihr Substrat, also auf ihren hässlichen Kern reduziert – Übermut, blinden Gehorsam, Despotie und aufdringliche Anbiederei.
[19]Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, Dietz Verlag, Berlin. Band 1, 1976 – S. 385