Archiv für Februar 2010

Studenten und andere Idioten.

Nachdem es lange ruhig gewesen ist und sich ausschließlich das Design geändert hat, wollen wir langsam zurück zu einer regelmäßigen Aktualisierung kommen.
Das wird wohl erst im Februar der Fall sein, allerdings dann im wöchentlichen Turnus und als Gruppenveröffentlichungen, statt als publizistischer Soloflug. Bis dahin ein Vortrag, den ich eigentlich beabsichtigte im Rahmen des Bildungsstreiks zu halten, bevor ich diese ganze konformistische Revolte für zu uninteressant befand, um sie überhaupt zu kommentieren. Aus aktuellem Anlass hier nun doch noch nachträglich – wobei die Bildungsstreikenden sich ja nach wie vor als Aktiv betrachten – zumindest das Manuskript des Vortrages.
Wem das zu lang oder irrelevant ist, dem sei als Alternative „Fick die Uni“ von der Antilopengang ans Herz gelegt. Das lässt sich hier anhören.

Opfer.

„Studenten, gestern waren wir mit euch auf der Straße, aber wir sagen es euch gleich vorneweg: Eure Bildungsreformen sind uns scheißegal.

So klar und deutlich die Absage der Lascars du LEP Electronique, die 1986 an die Bewegungsverwalter und Politikmacher der studentischen Bewegung in Frankreich erging. Zu verstehen ist sie als Absage wirklich kritischer Geister an das Spiegelspiel der beiden scheinbaren Antipoden, die sich auch im Bildungsstreik 2009 wieder ihre Scharmützel liefern. Auf der einen Seite erscheinen die Technokraten, hemmungslose Pragmatiker vom Schlage eines Dieter Lenzen, denen es um die wirtschaftliche Bewährung ihrer jeweiligen Institutionen geht, auf der anderen das Bildungsbürgertum, in seiner Erscheiungsform als studentische Pseudobohème, das vor Sorge um den Werteverfall der Gesellschaft sich vor Gram windet. Hinter dem scheinbaren Gegensatz, der sich äussert als Widerspruch zwischen wirtschaftlicher Verwertbarkeit und Kultur, oder aber Demokratisierung der Hochschulen versus Rationalisierung der Entscheidungsstrukturen, verschleiert sich jedoch das stillschweigende Einverständnis der beiden Fronten.
Während die Technokraten nämlich die Überzeugung vertreten, eine funktionale Einrichtung der Gesellschaft erfordere es, ihre Rationalisierungen durchzuführen, erheben ihre Gegenspieler es zur Parole, dass ohne moralische Einrichtung keine Funktionalität möglich sei. In ganz tragischen Fällen – die Forderungen der FU Gruppe gehören dazu – verfällt die Argumentation sogar soweit, dass eine höhere Effektivität bei der Auswahl der Hochschulen gefordert wird. So fordert man die Abschaffung des NCs unter der Prämisse, dass er nicht dazu tauge, die “wirkliche Eignung” eines Bewerbers oder einer Bewerberin festzustellen und stellt sich alternative Auswahlmechanismen vor.
Die Gemeinsamkeit scheint aber nur für diejenigen dort zu enden, die sich immer noch einer der grundlegendsten Einsichten der Kritik politischer Ökonomie verweigern, nämlich derjenigen, dass Staat und Kapital in einer notwendigen Wechselbeziehung sich zueinander verhalten. Während letzteres den ersteren als seinen Rechtsgaranten benötigt, als Richter über die Einhaltung der Verträge und denjenigen, der Vertragsbrüche ahndet, braucht ersterer das Letztere, um seine Infrastruktur am Leben zu erhalten – wozu nicht zuletzt jenes Bildungssystem zählt, dessen Verfall die Studierenden so wortreich beklagen.
Betrachtet man sich nun, wie die unterschiedlichen Artikulationsformen der politischen Interventionen sich faktisch gestalten, wird der Zusammenhang etwas offenkundiger. Das Lamento über die Neoliberalisierung des Studiums, meint nicht mehr und nicht weniger als die Dominanz der staatsunabhängigen Technokratie, die es schafft, die Inhalte auf ihre Bedürfnisse zuzuschneiden, die im wesentlichen die des Arbeitsmarktes sind. Es besteht kein Zweifel daran, dass dieser Zusammenhang von allen begriffen wurde. Kaum ein Schreiben der Bildungsstreikaktivisten und Aktivistinnen, in denen nicht auf sogenannte “gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge” oder ähnliches verwiesen würde, in denen nicht über “Verwertbarkeit des Studiums” gejammert würde oder die mangelnde Finanzierung der Geisteswissenschaften gegenüber den wirtschaftlich produktiveren Studiengänge Thema wäre.
Die andere Seite dieses Zusammenhangs jedoch bleibt verschlüsselt, solange man sich nicht Rechnung darüber ablegt, was Bildung überhaupt bedeutet.

Eine solche Begriffsbestimmung allerdings strauchelt sehr schnell, wenn die Beziehung zwischen Form und Inhalt als vernachlässigbares Element schlicht übergangen wird. Gemeint ist damit nicht nur, dass die Forderung nach Bildung – kritischer sogar womöglich – insofern sie an Institutionen vorgebracht wird, schon am Unwillen derer Scheitern wird, denen kritische Bildung in die eigene Interessenslage gar zu sehr hineinspielt, sondern auch – und vor allem – die Unmöglichkeit von Bildung überhaupt.

Die Schwierigkeit der Position, die die Studierenden und Bildungsstreikenden für sich einnehmen, wird 1959 bereits von Theodor W. Adorno in der Theorie der Halbbildung formuliert: “Der Traum der Bildung, Freiheit vom Diktat der Mittel, der sturen und kargen Nützlichkeit, wird verfälscht zur Apologie der Welt, die nach jenem Diktat eingerichtet ist. Im Bildungsideal, das die Kultur absolut setzt, schlägt die Fragwürdigkeit von Kultur durch.”

Im Wahn befangen, die Bildung selbst sei es, die nur noch zu vermitteln sei – und das gilt ebenso für jene, die sich kommunistisch schimpfen, und darunter verstehen, einen Kapitallektürekurs nach dem anderen anzubieten – wird die Notwendigkeit einer menschlichen Einrichtung der Welt verschlüsselt. Die Struktur der Gesellschaft selbst, deren Primat die Produktivität ist, bedingt bereits die Ausprägung ihrer bildungspolitischen Einrichtungen und Vorhaben. Diejenigen, die sich nun als Verteidiger der Kultur wahrnehmen, die gegen die Gesellschaft zu verteidigen ist – und also mithin Kultur nicht mehr als einen Ausdruck von Gesellschaft verstehen – greifen nicht etwa das Primat der Nützlichkeit vor der Menschlichkeit an, vielmehr versuchen sie mehr oder minder verzweifelt eine veraltete Ware, nämlich die Bildung klassisch-humanistischen Stils im besten Falle, noch an eine Gesellschaft zu verramschen, die sich längst vergegenwärtigt hat, dass dieses Produkt zum Ladenhüter geworden ist. In der Folge entstehen die “kreativen Protestformen”, mit denen sich der Bildungsstreik anreichert… Flashmobs, lustige Theatervorführungen und artverwandte Werbeveranstaltungen, die mangels finanzieller Ausstattung als eher magerer Ersatz für Radio und TV Werbungen und Kreativagenturen stehen.
Die fehlende gesellschaftliche Relevanz von Bildung selbst, verschleiert sich durch die gefühlten medialen Erfolge, die dadurch garantiert werden, dass Studenten, Journalisten und Politiker Fleisch von einem Fleische sind, dass sich gegenseitig seine Unentbehrlichkeit unentwegt bestätigt. Doch selbst diese ist bloßer Schein, wie die Bildungsmaßnahmen – so großzügig sie auch ausfallen mögen – und ihre Erfolge beweisen. Denn, salopp gesagt, ist die viel monierte Krise des Bildungssystems weder neu, noch von einem anderen Standpunkt als einem durch und durch Staatstreuen erwähnenswert. Bereits die Genese des bürgerlichen Bildungsfetisch stand im schroffen Gegensatz zu ihrer materiellen Realität, die die verarmten Massen kaum mit einem humboldtschen Bildungsideal konfrontieren konnte, solange jene kaum genug Zeit zum Schlafen abseits ihrer Werktätigkeit fanden.
Die Ideale der Bürger, die sich nur im Zustand ihrer Muße den Dingen zueignen konnten, die durch ihre Nutzlosigkeit bestachen und sich selbst daran zur geistigen Größe formten, waren auch nur für jene zu bewältigen. Dem Gros der Menschen fehlte es sowohl an Zeit, als auch an Möglichkeit, ein Konzept wie den Humanismus zu durchschauen und sich zuzueignen. Die mangelnde Möglichkeit aber beschränkt sich auch hier nicht – und das ist der vielleicht maßgeblichste Grund für den bezeichnenden Misserfolg sämtlicher pädagogischen Reformen – auf einen reinen Mangel an Bildungsangeboten. Vielmehr sprach schon die Despotie der Fabrik der Demokratie des Marktes so ungeheuren Hohn, dass der schimmernde Tand, den die Bürger als Almosen an sie abfallen ließen und sich in der Folge ihrer großen Menschlichkeit freuten nur allzu klar als solcher erkennen ließ.

Doch die Bürger nahmen ihren Humanismus, zumindest in Teilen, ernst. Unfähig, sich über die Bedingungen ihrer eigenen Existenz aufzuklären – das heißt auch über die Bedingungen ihrer Bildung – verharrten sie in dem Glauben, den rohen, ungehobelten Sitten der Proleten durch eine Bildungsoffensive beizukommen und so die Gesellschaft, deren antagonistische Spaltung sich in den revolutionären Bedürfnissen äußerte, mit sich selbst zu versöhnen.

Selbst da jedoch, wo das Fressen schon längst üppig genug da wäre, um nun auch ein wenig Platz für die Moral zu lassen, bleibt das, was die bildungsbürgerliche Integration bezwecken will auf der Strecke. Was dem Typus des Bildungsbürgers als sein anthropologisches Apriori vorausgeht, also seine menschliche Voraussetzung ist und seine Gestalt historisch erst prägte, nämlich die Autonomie der Lebensgestaltung, bleibt den Massen durch die gesellschaftliche Konstitution verwehrt. Zwar beliefert man sie, nicht zuletzt durch die Inventiven zahlloser besorgter studentischer Initiativen mit immer neuen Mengen an Billignachdrucken der philosophischen Klassiker, zwar müht sich die Politik die kulturellen Programme so erschwinglich wie möglich zu gestalten, jedoch sind alle diese Inhalte, insofern sie auf eine psychologische Form treffen, der die Autonomie des Denkens und Handelns aus eigener Erfahrung unbestimmt bleibt bloße Politur eines nach wie vor unaufgeklärten Bewusstseins.
Das Resultat ist, dass nicht etwa verstanden würde, sondern die Bibel gegen die Zeitung eingetauscht wird, der Pfaffe gegen den Soziologen und der gesalbte Monarch gegen den “vom Volk gewählten Herrscher”. Jene aber, die sich als Lichtbringer des aufklärerischen Feuers gerieren, vermitteln nicht etwa die Grundlagen des Wissens selbst, also die kritische Reflexion der Welt, die sie selbst erst an dieser Welt lernten, sondern nur eine kaum verwertbare Faktenfülle, die schon diejenigen, die sie ausgeben in den meisten Fällen selbst kaum verstehen, geschweige denn zu deuten wissen in Hinblick auf ihre Implikationen für Gesellschaftlichkeit.
Diese Halbbildung, die über alles Bescheid weiss, aber nichts versteht, müht sich in ihrer Selbstüberschätzung stets, die ihr jeweilig liebsten Werte in einer derart schmackhaften Form zu präsentieren, dass sie für eine möglichst große Anzahl Menschen konsumierbar sind. Durch ihre Zurechtstutzung auf das “unmittelbar verständliche”, das heißt ohne weitere eigene Geistesanstrengung seinen Zwecken zuführbare, verliert das solcherart vermittelte aber bereits wesentliche Kerne seines Gehaltes.
Wo nur die Resultate zugänglich werden, der Weg aber unverständlich bleibt, verfestigen sich die Gehalte von Bildung als Selbstzweck und damit Gegenteil jener Bildung, die auf die Formung des Menschen zum selber denkenden Menschen abzielt. Sie gerinnt so zu einem “Soft skill”, dem unterhaltsamen Schwank an Cocktailtischen und allgemeingebildetem Auftrumpfen in Quizshows, während sie keine lebensweltliche Entsprechung mehr findet. Max Frisch bemerkt nicht umsonst, dass einige der brutalsten, widerwärtigsten Nationalsozialisten zugleich durchaus gebildete Menschen waren, Bildung also inhaltlich auch durchaus dort auftreten kann, wo die gesamte Form der Gesellschaft jeglichem Bildungsideal Hohn spricht.
Dort aber, wo die Bildung sich bemüht jenseits der Bescheidwisserei als moralische Handlungsanweisung wirksam zu werden, gerinnt sie zum aggressiven Affront gegen jene, die sich nicht ihrem Primat beugen wollen oder können. Hierunter fällt der studentische Dünkel gegenüber den Massen, die vor ihren Fernsehern noch schlechtere Kulturprodukte konsumieren, als es die Studenten selbst zu tun pflegen und die sie nun aufklären wollen, aber auch die Rancune der Technokraten gegenüber denen, die stets einen Schritt hinter der Zeit am Bildungsideal von gestern festhalten, bis schließlich die Effizienz doch über die Moral siegt.
Beide Arten der Bildung – die rein private wie die öffentlich wirksam werdende – dürfen sich nicht darüber bewusst werden, dass sie selbst befangen bleiben im Diktat des schlechten Daseins. Als bloß positivistische oder bloß normative Zumutung, die den Geist entweder in das Hineinstopfen soll, was ist, ihn also passend zurecht stutzt oder aber ihn solange staucht, bis er einem Wert entspricht, den der Bildungsbürger als “fehlenden Wert” erkannt hat, tun sie beide der Autonomie des Denkens, die überhaupt erst Bildung ermöglicht, äußerste Gewalt an.
Diese Autonomie jedoch zurückzuerlangen, ist keine Frage der Bildung.
Im Gegenteil versperrt grade sie, die sie als reine Sammlung von Bildungsinhalten ohne ihre zugehörige Form des autonomen Subjektes Stückwerk werden muss, den Zugang in eine Einsicht in die Möglichkeit der Freiheit. Ausgetauscht wird sie durch den Glauben, schon irgendwie zu wissen was läuft in der Welt, und das Führungspersonal in Folge dieser Erkenntnis ausstauschen zu können – die Kampagne gegen Lenzen legt von dieser Regression des selbst angeblich kritischen Bewusstseins schmerzlich Zeugnis ab. An diesem Beispiel vielleicht etwas ausufernder erläutert, vermählt sich hier das faktisch durch und durch richtige Wissen, dass es die Kampagnen Lenzens waren, die der Freien Universität einen “exzellenten” Vorreiterstatus in Punkto Effektivität einbrachten, mit der falschen Überzeugung, eine andere Universität sei möglich. Schließlich ist es Aufgabe der Universität selbst, nicht erst ihr ablösbar hinzugefügtes Moment, eine privilegierte Elite heranzuziehen, deren “erleuchteter” Status sie von dem Mob unterscheidet. Die Studenten, die sich selbst in dieser Rolle gefallen, fordern nun freie und kritische Bildung ausgerechnet von jenen Institutionen, die ihrer Struktur nach – der der Zertifikatsausgabe nämlich – gerade dazu gedacht sind, die Bildung zu einem abrufbaren Bestandteil und Garanten gesellschaftlicher Tauglichkeit zu machen.
Die Avantgardeposition, die hier eingenommen wird, äußert sich innerhalb der gegenwärtigen Bewegung in zwei sich ergänzenden Gegenpolen. Während die einen sich weigern gesamtgesellschaftliche Implikationen in ihre Berechnung hineinzunehmen und diese Ignoranz gegenüber der eigenen Ideologischen Bestimmtheit als “unpolitisch” verstehen, gehen die anderen gleich dazu über, das Problem ihrer eigenen existentiellen Bedrohung zu einem allgemeinen zu erheben und absurde Parolen wie “Vom Bildungsstreik zum Generalstreik” auszugeben. Ausgeklammert bleibt hierbei der Standpunkt, dass es sich beim Verfall der Bildung tatsächlich um ein partikulares Problem handelt, das aber nur als Ausdruck einer allgemeinen Entwicklung verstanden werden kann.
Es ist gerade die Vernarrtheit in die eigene Bildung, die diese Erkenntnis so rigide versperrt. Dadurch, dass sich gerade diejenigen, die noch am ehesten zumindest radikale Lippenbekenntnisse zustande bringen, auf den Gesamtzustand kaprizieren, offenbaren sie ihre eigene Vernarrtheit in die Undurchdringlichkeit kapitalistischer Verwertung. Der Gedanke, dass mündige Subjekte – also solche, die über ihr Leben selbst bestimmen – überhaupt nicht möglich sind, ist ihnen versperrt, da sie sich selbst als durchaus mündig fantasieren. Als zukünftige Produzenten der bildungstechnischen Produktion sind sie schließlich schon jetzt darauf versessen, dass ihre Ware sich einmal als wertvoll erweisen wird und sie nicht gezwungen sein werden, auf jenes Wohlwollen anderer zu vertrauen, das in weniger selbstverliebten Kreisen Solidarität heißt.
Sie ergeben sich also in die “fünf studentischen Kompensationen”, wie sie die situationistische Internationale, eine der letzten wirklich kommunistischen Gruppen mit etwas größerer Bedeutung 1966 formulierte und die dazu führen, dass der Bildungsstreik zwar vielleicht tatsächlich seine Ziele erreicht – nämlich Bildungspolitische Ziele, die sogar noch von vielen liberalen Professoren übertrumpft werden – aber mit Sicherheit nur eine gesellschaftliche Station auf dem Weg zum Verschwinden mündiger Menschen überhaupt sein wird. Ich zitiere aus dem Positionspapier der Situationisten, man bedenke, wir schreiben dort noch 1966… es geht also mitnichten um den Bolognaprozess und seine schädlichen Auswirkungen.
“Die berühmte “Universitätskrise”, Teil einer viel allgemeineren und andauernden Krise des späten Kapitalismus, bleibt das Gesprächsthema Nummer 1 tauber Fachidioten. In ihr kommen die Schwierigkeiten einer verspäteten Anpassung dieses besonderen Bereichs der Produktion an die Veränderung des gesamten Produktionsapparates zum Ausdruck. Die Universität konnte sich als autonome Macht verstehen… “ darauf will übrigens die Forderung nach freier Bildung hinaus, das nur am Rande… “ da ihr der Kapitalismus in seiner Phase des Freihandels und des staatlichen Liberalismus eine marginale Freiheit gewährte. Sie hing aber in Wirklichkeit direkt von den Bedürfnissen dieser Gesellschaft ab, nämlich einer privilegierten, studierenden Minderheit eine angemessene Allgemeinbildung zu vermitteln, bevor sie wieder in den Schoß der herrschenden Klasse zurückkehrte, die sie kaum verlassen hatte. Daraus folgt die Lächerlichkeit jener Professoren, die sich mit Bitterkeit an die gute, alte Zeit erinnern, da sie als Hofhunde über ihre künftigen Herren wachten, während sie heute als Schäferhunde die White-Collar-Hemden schubweise in die Büros dirigieren. Sie sin des, die ihre Altertümlichkeit der Technokratisierung der Universität entgegensetzen und unbeirrt fortfahren, mit den übriggebliebenen Brocken ihrer sogenannten Allgemeinbildung künftige Spezialisten zu füttern, die damit nichts anfangen können.” Wer da Schwierigkeiten mit der Übertragung hat, die zeitgenössische Variante dieser Passage findet sich im Lamentieren der Bildungsstreikenden über die Vermarktung von Bildung, wie am krassesten deutlich in der Parole: “Bildung ist keine Ware”. Aber weiter mit den Kompensationen:
“Im ideologischen Bereich kommt der Student in allem zu spät.
Weil für ihn noch einige Krümel vom Prestige der Universitäten abfallen, fühlen sie sich privilegiert damit Studenten zu sein. Zu spät. Sein mechanisierter Unterricht ist ebenso heruntergekommen wie sein eigenes intellektuelles Niveau im Augenblick des Studienantritts… Sie ignorieren, dass die Universität die Ignoranz kultiviert, dass die Hochschule in professorale Serienproduktion absinkt, dass alle diese Fachidioten sich vor jeder Gymnasialklasse blamieren würden. Denn die Studenten hören weiter zu, mit Respekt, bereit, jeglichen kritischen Geist beiseite zu legen, um weiter in der mythischen Illusion aufzugehen Student zu sein.(Erste Kompensation.)
Immer mit sich zufrieden, kultivieren sie hernach noch ihre wirtschaftliche Armut zu einem “originellen Lebensstil” und kultivieren die Armut als Pseudobohème. Die Bereitschaft der Studenten, für jeden Dreck zu kämpfen, zeigt deutlich ihre absolute Ohnmacht, mit der sie die Verachtung noch des dümmsten Spießers verdienen. Von sich aus trennen sie “Arbeit” und “Freizeit” und zeigen eine scheinheilige Verachtung für ihre Kommilitonen, die ihren “Scheinen nachjagen”. Sie erkennen alle Trennungen an, und beklagen sich dann in ihren verscheidenen religiösen, politischen und gewerkschaftlichen Zirken über Mangel an Kontakt. (Zweite Kompensation.)
Aber das wirkliche Elend des studentischen Alltags findet sich im Opium der kulturellen Ware. In der spektakulären Kultur findet der Student wie schlafwandlerisch seinen Platz als gelehriger Schüler. Während die Kunst schon tot ist, bleibt er nahezu alleine den Filmhäusern und Theatern true und stürzt sich gierig auf den Kadaver der Kunst, wo er tiefgekühlt und zellophanumhüllt in Supermärkten an Zahlungskräftige Hausfrauen verschachert wird. (Dritte Kompensation.)
Allein: Die Studenten können nicht mehr lesen. Sie konsumieren nur noch mit den Augen. Ihre bevorzugte Lektüre bleiben Fachzeitschriften. Sie genießen immer noch den Spiegel oder glauben die Zeit sei eine wahrhaft “objective” Zeitung, die das aktuelle spiegelt. Mit ihrer Hilfe glaubt er, an der modernen Welt teilzuhaben und sich mit der Politik vertraut zu machen. Denn er hält es für eine Tugend, politisiert zu werden. Nach Äußerung einiger emanzipierter Ansichten hat er sein unabhängiges Mütchen in einer Parodie von Widerstand gekühlt und kehrt befriedigt und fügsam in eine Ordnung zurück, die er niemals in Frage gestellt hat, weil er immer nur IN IHR, aber nie über sie diskutiert hat. Wenn er glaubt, sich darüber hinwegzusetzen, dann nur um freudig den pontifikalen Leitsatz nachzubeten: “Friede für Vietnam.” (Vierte Kompensation).
Schließlich glauben sie noch, eine geschlossene Weltanschauung entwickeln zu müssen um ihrem Bedarf an a-sexueller und a-sozialer Unruhe einen Sinn zu geben. Man wagt es kaum zu betonen, dass neben alten Landweibern junge Studenten am ehesten zur Mystik neigen. (Fünfte Kompensation.) “

In dieser Hybris, die sich stets ausserhalb des gegebenen setzt, nur um sich dann “ganz besonders hinein” zu fantasieren, bewegen sich sämtliche studentischen Proteste, die Versuche die Menschen kritisch zu bilden und dergleichen samt und sonders. Denn da, wo Bildung reichlich vorhanden ist, und man muss wohl kaum erwähnen, dass die Kant Gesamtausgabe selbst für einen Hartz-IVler leicht erschwinglich ist – und trotzdem nicht genutzt wird, liegt die Frage nicht mehr bei Bildung selbst.
Darauf hebt aber der Protest auch nicht ab. Denn würde er diese Art der Bildung, die sich autonom und jenseits der staatlich akkreditierten Strukturen erhebt, ebenso würdigen wie das, was er von ihr an kritischer Bildung erwartet, käme er nie und nimmer auf die Idee, der Mangel an Bildung läge an einer Unterfinanzierung der Universitäten. Unwillig aber, ihre Rolle als gesellschaftliche Lichtbringer zu verlassen, verharren die Studenten auf einer Position, in der sie Bildung nicht etwa einfordern, weil sie nach ihr verlangen, weil Bildung überhaupt fehlt und diejenige Bildung, die es noch gibt, schale Faktenerhebung ist, sondern weil sie ihre jämmerliche Situation auch noch als eine beneidenswerte und gesellschaftlich privilegierte fantasieren.
Hierin, und damit komme ich schließlich zum Ausgangspunkt zurück, erweisen sie sich als das notwendige Gegenbild der Technokraten. So wie das Kapital den Staat braucht, brauchen die Technokraten die Bildungsbürger, oder das, was als “kritische Studierende” noch von ihnen übrig ist. Sie sind es, die mit zunehmender Mühe den Schein von den Universitäten als Ort gesellschaftlicher Umwälzungen aufrecht halten und dabei nicht einmal ihre eigene Misere verwalten können, von der der restlichen Gesellschaft einmal ganz zu schweigen.
Ein kritisch gebildeter Mensch hätte also zuallererst, bevor er zu irgendeinem anderen Punkt kommt, die unzureichende Rolle der Bildungsinhalte zu kritisieren, insofern sie nur die Inhalte einer Gesellschaft derer sind, die nicht mündig über sich selbst bestimmen. Es gälte, an den Inhalten nachzuweisen, inwieweit sie der Form angepasst wurden und diese Verstümmelungen, die, dem Begriff der Aufklärung nach nichts weiter sind als “selbstverschuldete Unmündigkeit” auf ihre gesellschaftliche Setzung zurückzuführen und diese dementsprechend zu verhindern. Das heisst auch, dass eine Kritik des Bildungssystemes nicht ausreichend ist, sondern die tatsächliche Kritik viel weiter reichen muss. Damit aber ist nicht gemeint, dass nun dieses Bildungssystem die marxsche Lektüre vermitteln sollte, sondern vielmehr, dass sich seine Zwangsinsassen selbst darüber Rechenschaft ablegen, inwieweit sie – so kritisch sie sich auch gerieren – selbst es sind, die sich schon vorauseilend dieser Gesellschaft als Sachwalter und Problemlöser andienen, was die einzige Art und Weise ist, in der ihre Bildung innerhalb kapitalistischer Gesellschaften Anerkennung finden kann. Sie hätten nicht etwa “die neoliberale Umstrukturierung des Bildungsapparates” zu kritisieren und sich damit als Verteidiger des Wohlfahrtsstaates zu profilieren, sondern die Universitäten als Elitenzuchtstationen anzugreifen. Sie hätten nicht darauf zu pochen, dass die Exzellenzinitiative ein Elitendenken hervorbrächte, sondern müssten ankreiden, dass ihre hochgelobten Bildungsabschlüsse sie nicht etwa zu besseren Menschen machten, sondern ebenfalls nur die Karotte sind, die man den Eseln vorhält, damit sie weiter ums Mühlrad traben.
Nun mag man kritisieren, dass dieser Vortrag selbst schwer verständlich gewesen sei. Sogenannte kritische Studenten fragen sich vielleicht, wie man eine derart schwerwiegende Kritik des Bildungsapparates den Massen näherbringt und mögen sich vielleicht schon jetzt Gedanken über die “Vernetzung und Politisierung” in diesem Gebiet machen. Dagegen sei jedoch als erster Rat entgegenzuhalten, dass auch diese Form der Bildung über Bildung nur ein weiteres Angebot ist, dass sie dann “vermitteln” wollen, und an die Bedeutung der dritten Kompensation erinnert. Viel eher wäre es vielleicht angebracht, sich schlicht nicht mehr so zu verhalten, als seien es die drölfte “Diskurstheorie” und die umpfzigste “Kritische intervention”, die den “unerleuchteten Massen” endlich ein revolutionaries Bedürfnis einimpfen würde. Denn auch unter diesen Massen gibt es einige, die zu einer Kritik fähig sind, die jegliche “AG Kritische Debatte” dermaßen pointiert in den Schatten stellt, dass man sich im Grunde schämen muss, noch 20 Jahre danach Vorträge über die Problematik des Bildungsbegriffes halten zu müssen, wenn ein paar Studenten mal wieder meinen gegen “Umstrukturierungen” protestieren zu müssen.
Ich zitierte schon zu Anfang aus dem Flugblatt der Lascars du LEP Electronique und gebe es zum Abschluss noch einmal ungekürzt wieder, da man es mit geringen Änderungen auch heute noch verwenden kann. Zum historischen Kontext ist zu erwähnen, dass die Reform Devaquet, eine sogenannte “neoliberale Reform” des französischen Hochschulwesens, ins Haus stand und sich eine breite Protestbewegung formierte, dagegen anzugehen. Sie wurde übrigens schlussendlich tatsächlich gekippt. Eine gewisse Artverwandtschaft zu den Prozessen jetzt im Rahmen des Bolognaprozesses ist nicht von der Hand zu weisen, insbesondere wenn man sich die ähnlichen Verläufe der zugehörigen Protestbewegungen ansieht… aber das führt nun zu weit.
Der Titel des Flugblattes, den kritische Studierende ein für alle Mal zur Programmatik nehmen sollten ist:
“Wo etwas zu kritisieren ist, da muss kritisiert werden.”

Studenten, gestern waren wir mit euch auf der Straße, wir sagen es euch aber gleich mal vorneweg: Die Reform Devaquet ist uns scheißegal. Uns hat der Auslesemechanismus bereits getroffen, die Uni bleibt uns vrschlossen und unsere Hauptschulabschlüsse führen uns nach einem kleinen Umweg übers Arbeitsamt direkt in die Fabrik. Für uns ist die Kritik eures kleinen Gesetzes nutzlos.
Wir kritisieren:
Die Universität
Die Studenten
Die Schule
Die Arbeit.

Die Schule weist uns die schlechten Plätze zu.
Die universität weist euch die mittelmäßigen Plätze zu.
Lasst uns beides kritisieren!

Und sagt uns bloß nicht: “Straßenkehrer und Arbeiter braucht man immer” und wenn doch: nur zu, diese Plätze überlassen wir euch freiwillig, greift nur zu!
Wir sind nicht dümmer als Ihr, wir werden nicht freiwillig in die Fabrik gehen.
Wenn ihr nur diese Reform kritisiert, das eure miese Situation lediglich noch ein bisschen miser macht, dann, ja, dann habt ihr NICHTS kapiert. Ausserdem ist eure Situation nicht viel besser als unsere. Eine Menge von euch (man sagt 60%) schmeissen ihr Studium vor der Zwischenprüfung, und diese schlechten Studenten haben dann das gleiche Recht auf einen schlecht bezahlten subalternen Job wie wir. Und den “guten Studenten” sagen wir: macht Euch klar, dass auch die mittelmäßigen Stellen, die man für euch bereit hält, viel von ihrem Ansehen verloren haben – denn die “guten Stellen” sind auch den Unistudenten verschlossen. Ein Arzt ist heute kein Monsieur mehr, sondern ein einfacher Angestellter der Krankenversicherung. Und was ist heute schon ein Lehrer oder ein Rechtsanwalt? Die gibts doch wie Sand am Meer…
Studenten, wenn ihr nur das Gesetz Devaquet und nicht die Universität kritisiert, dann müsst ihr alleine kämpfen, und das Gesetz wird gleich ganz oder scheibchenweise durchkommen. Es wird euch das Studentenleben ganz schön versalzen! Und falls es zufällig nicht durchkommen sollte – naja, dann ist eben alles wie vorher und die Hälfte von euch wird sich in den keimfreien Fabriken, die ihr Büros nennt, wiederfinden.
Studenten, Ihr seid dazu verdammt, diese Scheißgesellschaft zu verwalten, und wir, sie zu produzieren.

Wenn ihr euch bewegt und wenn wir uns bewegen, kann sich alles bewegen.
Aber wenn ihr nur den neoliberalen oder sozialstaatlichen Bauernfängern hinterherlauft, wenn ihr nur loyal diese Gesellschaft verwalten und auf einfache Art unsere Erzieher, Sozialarbeiter, Klugscheioßer, Industriesoziologen, Führungskräfte, Soziologen, Journalisten und Personalchefs werden wollt – und all das um uns morgen zu erziehen, sozial zu bearbeiten, unsere letzten paar Reste Freizeit zu verunstalten, uns zu untersuchen, uns zu führen, auszusortieren, zu informieren und uns zur Arbeit anzutreiben…
Dann bleibt uns bloß vom Hals.

Aber, wenn ihr, um einen Anfang zu machen, die Schulen, die uns ausgrenzen und euch erniedrigen kritisieren wollt, wenn ihr mit uns gegen die gesellschaftliche Hierarchie, gegen euer eigenes und auch unser Elend kämpfen wollt, dann:
Brüder, auf zur Tat, wir lieben euch.

Des Lascars du LEP Electronic.