Archiv für Mai 2010

Offener Brief an die „Künstler“gruppe Surrend.

Endlösung - Surrend

Wir möchten Sie hiermit herzlich dazu beglückwünschen, endlich ausgesprochen zu haben, was den Deutschen schon lange auf der Seele liegt – schließlich sehen satte 65% der Bevölkerung Israel als die größte Gefahr für den Weltfrieden an.
Im Herzen dieses Molochs fanden Sie es dann ungeheuer subversiv, Plakate aufzuhängen, die Sie mit dem Schriftzug “Endlösung” überschrieben und die Israels Ende schon einmal grafisch antizipierten. Anstatt sich allerdings darüber zu freuen, dass die Plakate durchaus als das aufgenommen wurden als was sie gedacht waren, nämlich als einen antiisraelischen Affront, echauffieren Sie sich nun darüber, dass sie als Antisemit bezeichnet wurden und veröffentlichen sogar ein neues Plakat, das als eine Art Steckbrief gelesen werden kann. Mit Namen Erwähnung finden jene, die sich bei dem Wort Endlösung dann doch noch unangenehm an Vergangenes gemahnt fühlen. Die Verwirrung, die aus diesem Plakat spricht, hoffen wir mit einigen Anmerkungen auflösen zu können.

1)Wer ein Plakat veröffentlicht, auf dem der jüdische Staat von der Karte gestrichen wurde und es mit Endlösung überschreibt, der weiss sehr wohl in wessen geistesgeschichtlicher Tradition er damit steht, auch wenn er sich damit begnügt, die Vernichtung der israelischen Bevölkerung statt der gesamten Judenheit zu fordern. Damit wird der Antisemitismus auf höherer Stufenleiter wieder aufgegriffen und Israel als Jude unter den Staaten identifiziert, dem die gleiche Behandlung widerfahren soll wie den Juden, die unter den Ergebnissen der Wannseekonferenz in den Tod geschickt wurden.
2)Wer glaubt, die Vernichtung des jüdischen Staates entspräche der Kritik am jüdischen Staat, der mag vielleicht auch unter Hitler einen adäquaten – und übrigens höchst erfolgreichen – Kritiker des Weltjudentums sehen. Wir bemerken an dieser Stelle, dass wir höchst erfreut darüber sind, dass diese Form der Religionskritik zur Zeit – ausser in dänischen Künstlerkreisen – einen eher schlechten Leumund hat.
3)Wer glaubt, es sei verboten, in Deutschland Israel zu kritisieren, der hätte vielleicht eine Zeitung aufschlagen können. Der Tagesspiegel liefert beispielsweise: “Israel ist ein paranoides Land” die neue rheinische Zeitung erläutert lang und breit, dass es “für Israel nie genug sei” und mit Abraham Melzers “Semit” liegt sogar ein Fachblatt für Israelhasser bereit – von der jungen Welt nicht einmal zu sprechen. Wir verstehen, dass die pseudorebellische Geste und das zugehörige Selbstverständnis ins Agitationsrepertoire des autoritären Charakters seit jeher gehört und sind daher wenig verblüfft darüber, dass Sie es nicht nur schaffen, in einem Land, das Israel für die größte Gefahr für den Weltfrieden hält, israelfeindliche Plakate mit einer direkten Anspielung auf die Shoah zu veröffentlichen, sondern in der Folge auch noch empört darüber zu sein, dass man ihren kalkulierten Affront als solchen auch noch benennt.
4)Wenn Sie in einer Presseerklärung sich empört darüber geben, dass man Sie als Antisemiten benennt, obwohl sie selber Jude seien, der auch anderes bereits kritisiert habe, machen Sie sich nur umso deutlicher kenntlich als solchen: Ob jemand Antisemit ist oder nicht, das entscheidet sich daran, ob er antisemitische Denkmuster aufweist und antisemitische Forderungen stellt, nicht daran, ob er Jude ist. Tatsächlich ist es vollkommen irrelevant, ob ein Mensch Jude ist oder nicht – seine Handlungen und Taten sind davon unabhängig zu betrachten. Zum Einwand, dass sie bereits anderes angegangen seien – wir können uns übrigens nicht daran erinnern, dass sie jemals die Vernichtung der Iraner gefordert hätten, was allemal ebenso widerwärtig gewesen wäre, und Sie dann eben statt als Antisemiten als dekadenten Menschenfeind ausgewiesen hätte – stellen wir fest, dass auch im dritten Reich durchaus andere Betätigungsfelder vorhanden waren als der Judenhass (man denke einmal an das Porajmos, an die Aktion “Arbeitsscheu Reich” und ähnliche) und es dennoch keinem vernünftigen Menschen einfiele, dem Regime seinen antisemitischen Charakter abzusprechen.
5)Wenn Sie nun auch noch Steckbriefe mit den Namen derjenigen ausgeben, die sich an dieser unglaublich subversiven Aktion stoßen, dann wird Ihnen sicherlich aufgefallen sein, dass sich fast ausschließlich jüdische Namen auf Ihrer Liste befinden. Wir applaudieren Ihnen zu dem mutigen Schritt, die Marginalisierung der jüdischen Deutschen vom Rest der Gesellschaft noch etwas voranzutreiben. Dass darin keine Gefahr und kein antisemitisches Potential liegt, das sah man letzte Woche in Worms.

Im Bekennerschreiben heißt es übrigens, “solange Ihr den Palästinensern keine Ruhe lasst, lassen wir Euch keine Ruhe.” Wir beglückwünschen Sie dazu, ihren bescheidenen Beitrag dazu geleistet zu haben, diese Israelkritik wieder salonfähig zu machen und dabei sogar noch eine Ausstellung im dänischen Museum für Posterkunst herausgeschlagen zu haben. Wir sind uns übrigens noch unschlüssig, ob wir Sie für einen Antisemiten halten sollen – wir weisen nur darauf hin, weshalb Ihre “Argumente” gänzlich untauglich sind, den Antisemitismusvorwurf zu entkräften. Weiterhin halten wir, mit einem Lenin zugeschriebenen Wort am Rande fest, dass Sie sich allemal zum “nützlichen Idioten” der Antisemiten machen, die vom nämlichen Denkverbot in Deutschland auch mit Vorliebe fantasieren, weil Sie es kaum ertragen, dass auch noch andere Positionen als Ihre eine Lobby besitzen. (Diese wird dann als Israellobby bezeichnet, wobei es uns noch nicht untergekommen ist, dass die tausendfach verbreiteten israelkritischen Positionen als Resultat der Antisemitenlobby bezeichnet werden würden.)
Wir wünschen Ihnen ansonsten noch alles Gute für Ihren Aufenthalt in Berlin, dessen autochthone Bevölkerung sie zweifelsohne mit offenen Armen empfangen wird: einen jüdischen Kronzeugen schlugen die deutschen Antisemiten seit 1945 stets ungern aus.

Mit freundlichen Grüßen, Association Anti-Allemande Berlin, 24.05.10.

Foto und weiterlesen: Lizas Welt

Flugblatt zur Dieter-Eich-Gedenkdemonstration.

Humankapital.

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.
-Franz Müntefering

Als Rene R., Matthias K. und ihre beiden Freunde am 20, Mai des Jahres 2000 in die Wohnung von Dieter Eich einbrechen, ist ihr Plan schon gefasst: Sie wollen – wie sie später zu Protokoll geben werden – den “Assi klatschen”. Am nächsten Morgen ist Dieter Eich tot, getötet durch mehrere Messerstiche, um ihn zum Schweigen gegenüber den Organen der Justiz zu bringen.
Die Mörder Dieter Eichs, die samt und sonders dem neo-nationalsozialistischen Milieu zuzurechnen sind, stellten sich mit ihrer Tat in eine nahtlose gedankliche Kontinuität zu ihren geschichtlichen Vorbildern. Im Geiste des Erlasses vom 26. Januar 1938, des Vorabends der Aktion “Arbeitsscheu Reich”, beschlossen sie den gesellschaftlichen Normalvollzug etwas zu beschleunigen und ernst zu machen gegen einen, der „durch gemeinschaftswidriges, wenn auch nicht verbrecherisches Verhalten zeigt, daß er sich nicht in die Gemeinschaft einfügen will“. Dieter Eichs gemeinschaftswidriges Verhalten bestand in seiner bloßen Existenz. Die Tatsache, dass er am gesellschaftlichen Leben noch irgend – und eher schlecht als recht zudem – teilnehmen konnte, ohne dafür zu arbeiten, entfachte in den jugendlichen Rettern des gesunden Volkskörpers bereits einen solchen Neid, dass sie die Gesellschaft kurzerhand auf eigene Faust von der Bürde erlösten, auch für Dieter Eich noch sorgen zu müssen.
Dass sie darin nur mit dem Diktum der deutschen Sozialdemokratie ernst machten und einzig nicht das von Müntefering implizit geforderte Verhungern des überflüssigen Humankapitals abwarteten, konnte man dann später freilich vor einem staatstragenden Gericht nur schwerlich einräumen. Die Anklage lautete daher darauf, dass das Motiv in “dumpfer Gewalt” bestanden habe. Dabei liegt Matthias K. und seinen deutschen Freunden doch nichts ferner als das, insofern das Motiv ihrer Tat ein waschechtes idealistisches war, also das genaue Gegenteil von den niederen Beweggründen, die man einem Mord normalerweise unterstellt.

Hate your Heimat, fuck your Volk.

Jetzt, wo Dieter Eich tot ist, soll er doch noch etwas wert gewesen sein. Die bürgerliche Gesellschaft, die über sich selbst erschrickt in dem Moment, in dem der stumme Zwang der Verhältnisse durch den manifesten völkischen Wahn abgelöst wird, müht sich nach Kräften, seinem Tod noch Sinn einzuhauchen. So menschelt die Berliner Morgenpost am 15.11. des Jahres 2000:

“ Dort wohnte Dieter Eich, den alle in der Gegend wegen seines wilden Haarwuchses «Beethoven» nannten. Die vier drangen in die Wohnung, zwei der Männer schlugen und traten auf den schlafenden Beethoven ein.(…) Beethoven verblutete.

Die Phrase, die suggeriert, da sei nicht einfach irgendein Sozialhilfeempfänger gestorben, sondern Beethoven, die sich scheut beim Namen zu nennen, dass es sich nicht um einen berühmten Komponisten, sondern um Dieter Eich handelte, unterstellt, Dieter Eich habe dennoch einen Nutzen für uns alle gehabt – hier sei ein Wert vernichtet worden, den man nur zu Lebzeiten nicht zu schätzen gewusst habe. Es geht um diesen Nutzen, den Wert für “uns alle”, auch wenn die “North-East Antifascists” im Aufruf zu einer Gedenkdemonstration zu Eich schreiben:

“Wer die Grundlagen für ein Gesellschaftsklima ermöglicht, in dem der Wert eines Menschen nur an seiner Arbeitskraft gemessen wird, der darf sich nicht erstaunt geben, wenn rechte Schläger sich durch eben jene Gesellschaft in der Richtigkeit ihres Handelns bestätigt fühlen.”

Was die Berliner Antifaschisten und Antifaschistinnen nicht verraten ist, woran der Wert eines Menschen denn sonst bemessen werden sollte, wenn nicht daran. In jedem Fall scheint man im Nordosten Berlins im Besitz der sicheren Formel zu sein, fordert man doch:

“Wenn es nach uns geht, sollten denen, die eben jene Ausgrenzung mittragen und sich dann moralisierend präsentieren, wenn mal wieder ein „Assi“ in den Rinnstein geprügelt wurde, ihre erhobenen Zeigefinger gefälligst abfaulen. Sollen sie an jeder Silbe ihrer Verlogenheit ersticken, die sie von sich geben.”

Nicht also entwickelt man eine Kritik an einer Gesellschaft, die den Einzelnen so überflüssig macht, dass er sich ins Kollektiv und damit den nationalen Wahnzustand flüchtet, vielmehr wird unterstellt, die Rechnung von Rene R. und seinen Freunden sei nur falsch gestellt und in Wirklichkeit seien es andere, die endlich krepieren müssten, damit das gemeinschaftliche Himmelreich, in dem jeder jedem etwas wert sei, endlich einmal eintrete. Das Kapital jedenfalls wird von einem gesellschaftlichen Verhältnis verniedlicht zur Anschauungssache.

“Die Formel „Wer nicht arbeitet ist nichts wert“ wird so gut wie ausnahmslos von allen Kräften dieser Gesellschaft geteilt.”

Dass sich das tatsächlich auch genau so verhält und die Frage nach dem Wert des Menschen sich ohnehin immer nur dann stellen kann, wenn man nach seiner Verwertbarkeit für die Zwecke von Staat, Kapital und im schlimmsten Fall Volksgemeinschaft fragt, wird aber nicht auf seine materialistische Pointe gebracht, dass schon die Frage voll und ganz falsch gestellt sei.

Freunde der Asozialität

Wir von der Association Anti-Allemande wissen weder, was Dieter Eich wert war, noch interessiert es uns auch nur im Geringsten. Wir wissen nur, dass es nicht unsere Aufgabe als Opposition sein kann, das gesellschaftliche Umdenken zu fordern und darüber zu fantasieren, dass der Wert etwas anderes sei als das in den Waren verkörperte gesellschaftliche Verhältnis der Warenproduzenten. Unsere Aufgabe wird es sein, die zynische Arbeit einer materialistischen Linken zu verrichten und das auszusprechen, was von Tagesspiegel über Taz bis hin zu den Genossen der NEA nicht einmal gedacht werden darf: dass der Mord an Dieter Eich die böse Wahrheit des gesellschaftlichen Verhältnisses verkörpert und der Humanismus, der sich müht, posthum den Wert des Verstorbenen nachzuweisen sich zwangsläufig daran blamiert, dass diese Gesellschaft tatsächlich auf ihn verzichten konnte und der hässliche Gang der Dinge weiterläuft, als hätte es den schmählichen Mord an einem Mitmenschen einfach nicht gegeben.
Nichts von dem, was wir tun oder sagen, wird Dieter Eich zurückbringen können. Was bleibt ist die parteiliche Positionierung auf Seiten all dessen, was gesellschaftlich so unnütz ist wie die materialistische Kritik. Es geht uns nicht darum, Staat oder Kapital zu verbessern, dialektisch aufzuheben oder gar davon zu überzeugen, dass wir doch alle etwas wert seien – es geht um die plumpe Abschaffung der Genannten, auf dass ein für alle Mal die Frage verunmöglicht werde, was ein Mensch wert sei.
Dass Dieter Eich das nicht mehr erleben wird, gehört zu den Skandalen, die wir nicht bereinigen, sondern nur trauernd zur Kenntnis nehmen können. Was bleibt, ist das Andenken an einen, der so unnütz war, wie der Gedanke an die staaten- und klassenlose Weltgesellschaft den Bürgern scheint.
Wir gönnen uns den Luxus, festzuhalten, dass das für uns kein Grund ist nicht trotz alledem parteiisch für beide einzutreten.

In diesem Sinne:
Ruhe in Frieden, Dieter.

Für das Glück, für den Luxus ,für die staaten- und klassenlose Weltgesellschaft, für den Kommunismus!

Association Anti-Allemande Berlin, 12.05. 10