Flugblatt zur Dieter-Eich-Gedenkdemonstration.

Humankapital.

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.
-Franz Müntefering

Als Rene R., Matthias K. und ihre beiden Freunde am 20, Mai des Jahres 2000 in die Wohnung von Dieter Eich einbrechen, ist ihr Plan schon gefasst: Sie wollen – wie sie später zu Protokoll geben werden – den “Assi klatschen”. Am nächsten Morgen ist Dieter Eich tot, getötet durch mehrere Messerstiche, um ihn zum Schweigen gegenüber den Organen der Justiz zu bringen.
Die Mörder Dieter Eichs, die samt und sonders dem neo-nationalsozialistischen Milieu zuzurechnen sind, stellten sich mit ihrer Tat in eine nahtlose gedankliche Kontinuität zu ihren geschichtlichen Vorbildern. Im Geiste des Erlasses vom 26. Januar 1938, des Vorabends der Aktion “Arbeitsscheu Reich”, beschlossen sie den gesellschaftlichen Normalvollzug etwas zu beschleunigen und ernst zu machen gegen einen, der „durch gemeinschaftswidriges, wenn auch nicht verbrecherisches Verhalten zeigt, daß er sich nicht in die Gemeinschaft einfügen will“. Dieter Eichs gemeinschaftswidriges Verhalten bestand in seiner bloßen Existenz. Die Tatsache, dass er am gesellschaftlichen Leben noch irgend – und eher schlecht als recht zudem – teilnehmen konnte, ohne dafür zu arbeiten, entfachte in den jugendlichen Rettern des gesunden Volkskörpers bereits einen solchen Neid, dass sie die Gesellschaft kurzerhand auf eigene Faust von der Bürde erlösten, auch für Dieter Eich noch sorgen zu müssen.
Dass sie darin nur mit dem Diktum der deutschen Sozialdemokratie ernst machten und einzig nicht das von Müntefering implizit geforderte Verhungern des überflüssigen Humankapitals abwarteten, konnte man dann später freilich vor einem staatstragenden Gericht nur schwerlich einräumen. Die Anklage lautete daher darauf, dass das Motiv in “dumpfer Gewalt” bestanden habe. Dabei liegt Matthias K. und seinen deutschen Freunden doch nichts ferner als das, insofern das Motiv ihrer Tat ein waschechtes idealistisches war, also das genaue Gegenteil von den niederen Beweggründen, die man einem Mord normalerweise unterstellt.

Hate your Heimat, fuck your Volk.

Jetzt, wo Dieter Eich tot ist, soll er doch noch etwas wert gewesen sein. Die bürgerliche Gesellschaft, die über sich selbst erschrickt in dem Moment, in dem der stumme Zwang der Verhältnisse durch den manifesten völkischen Wahn abgelöst wird, müht sich nach Kräften, seinem Tod noch Sinn einzuhauchen. So menschelt die Berliner Morgenpost am 15.11. des Jahres 2000:

“ Dort wohnte Dieter Eich, den alle in der Gegend wegen seines wilden Haarwuchses «Beethoven» nannten. Die vier drangen in die Wohnung, zwei der Männer schlugen und traten auf den schlafenden Beethoven ein.(…) Beethoven verblutete.

Die Phrase, die suggeriert, da sei nicht einfach irgendein Sozialhilfeempfänger gestorben, sondern Beethoven, die sich scheut beim Namen zu nennen, dass es sich nicht um einen berühmten Komponisten, sondern um Dieter Eich handelte, unterstellt, Dieter Eich habe dennoch einen Nutzen für uns alle gehabt – hier sei ein Wert vernichtet worden, den man nur zu Lebzeiten nicht zu schätzen gewusst habe. Es geht um diesen Nutzen, den Wert für “uns alle”, auch wenn die “North-East Antifascists” im Aufruf zu einer Gedenkdemonstration zu Eich schreiben:

“Wer die Grundlagen für ein Gesellschaftsklima ermöglicht, in dem der Wert eines Menschen nur an seiner Arbeitskraft gemessen wird, der darf sich nicht erstaunt geben, wenn rechte Schläger sich durch eben jene Gesellschaft in der Richtigkeit ihres Handelns bestätigt fühlen.”

Was die Berliner Antifaschisten und Antifaschistinnen nicht verraten ist, woran der Wert eines Menschen denn sonst bemessen werden sollte, wenn nicht daran. In jedem Fall scheint man im Nordosten Berlins im Besitz der sicheren Formel zu sein, fordert man doch:

“Wenn es nach uns geht, sollten denen, die eben jene Ausgrenzung mittragen und sich dann moralisierend präsentieren, wenn mal wieder ein „Assi“ in den Rinnstein geprügelt wurde, ihre erhobenen Zeigefinger gefälligst abfaulen. Sollen sie an jeder Silbe ihrer Verlogenheit ersticken, die sie von sich geben.”

Nicht also entwickelt man eine Kritik an einer Gesellschaft, die den Einzelnen so überflüssig macht, dass er sich ins Kollektiv und damit den nationalen Wahnzustand flüchtet, vielmehr wird unterstellt, die Rechnung von Rene R. und seinen Freunden sei nur falsch gestellt und in Wirklichkeit seien es andere, die endlich krepieren müssten, damit das gemeinschaftliche Himmelreich, in dem jeder jedem etwas wert sei, endlich einmal eintrete. Das Kapital jedenfalls wird von einem gesellschaftlichen Verhältnis verniedlicht zur Anschauungssache.

“Die Formel „Wer nicht arbeitet ist nichts wert“ wird so gut wie ausnahmslos von allen Kräften dieser Gesellschaft geteilt.”

Dass sich das tatsächlich auch genau so verhält und die Frage nach dem Wert des Menschen sich ohnehin immer nur dann stellen kann, wenn man nach seiner Verwertbarkeit für die Zwecke von Staat, Kapital und im schlimmsten Fall Volksgemeinschaft fragt, wird aber nicht auf seine materialistische Pointe gebracht, dass schon die Frage voll und ganz falsch gestellt sei.

Freunde der Asozialität

Wir von der Association Anti-Allemande wissen weder, was Dieter Eich wert war, noch interessiert es uns auch nur im Geringsten. Wir wissen nur, dass es nicht unsere Aufgabe als Opposition sein kann, das gesellschaftliche Umdenken zu fordern und darüber zu fantasieren, dass der Wert etwas anderes sei als das in den Waren verkörperte gesellschaftliche Verhältnis der Warenproduzenten. Unsere Aufgabe wird es sein, die zynische Arbeit einer materialistischen Linken zu verrichten und das auszusprechen, was von Tagesspiegel über Taz bis hin zu den Genossen der NEA nicht einmal gedacht werden darf: dass der Mord an Dieter Eich die böse Wahrheit des gesellschaftlichen Verhältnisses verkörpert und der Humanismus, der sich müht, posthum den Wert des Verstorbenen nachzuweisen sich zwangsläufig daran blamiert, dass diese Gesellschaft tatsächlich auf ihn verzichten konnte und der hässliche Gang der Dinge weiterläuft, als hätte es den schmählichen Mord an einem Mitmenschen einfach nicht gegeben.
Nichts von dem, was wir tun oder sagen, wird Dieter Eich zurückbringen können. Was bleibt ist die parteiliche Positionierung auf Seiten all dessen, was gesellschaftlich so unnütz ist wie die materialistische Kritik. Es geht uns nicht darum, Staat oder Kapital zu verbessern, dialektisch aufzuheben oder gar davon zu überzeugen, dass wir doch alle etwas wert seien – es geht um die plumpe Abschaffung der Genannten, auf dass ein für alle Mal die Frage verunmöglicht werde, was ein Mensch wert sei.
Dass Dieter Eich das nicht mehr erleben wird, gehört zu den Skandalen, die wir nicht bereinigen, sondern nur trauernd zur Kenntnis nehmen können. Was bleibt, ist das Andenken an einen, der so unnütz war, wie der Gedanke an die staaten- und klassenlose Weltgesellschaft den Bürgern scheint.
Wir gönnen uns den Luxus, festzuhalten, dass das für uns kein Grund ist nicht trotz alledem parteiisch für beide einzutreten.

In diesem Sinne:
Ruhe in Frieden, Dieter.

Für das Glück, für den Luxus ,für die staaten- und klassenlose Weltgesellschaft, für den Kommunismus!

Association Anti-Allemande Berlin, 12.05. 10


4 Antworten auf “Flugblatt zur Dieter-Eich-Gedenkdemonstration.”


  1. 1 Tapete 24. Mai 2010 um 13:31 Uhr

    Es tut mir leid, aber dieses Flugblatt – ich hatte es gestern schon in der Hand – ist unter aller Sau.
    Es ist Ankacke um der Ankacke wegen.

    Die Kritik an der NEA, die sich an einzelnen Formulierungen hochzieht reflektiert nicht im Geringsten, dass das gezogene Fazit das selbe ist, wie im NEA-Aufruf.
    Und der Absatz mit dem Beethoven ist einfach nur absurd.

  2. 2 anti 24. Mai 2010 um 13:49 Uhr

    Die NEA hat in ihren Redebeiträgen – insbesondere in dem vor dem Wohnhaus von Dieter Eich – das Thema noch einmal anders reflektiert als in der Ankündigung. Das war übrigens der Grund, weshalb das Flugblatt nicht auf der Abschlusskundgebung verteilt wurde.
    Aber: Wenn du das Flugblatt so liest, dass das Fazit dasselbe sei, dann hast du die wesentliche Differenz nicht verstanden.
    Die Position die unterstellt, es ginge _darum_ dass sich der Wert eines Menschen nur an seiner Verwertbarkeit fürs Kapital festmacht, ist eine wesentlich andere als die, die die Frage als falsch gestellte denunziert. (In einem Beitrag hieß es, der Mensch habe eine Würde und keinen Wert – obwohl ich das auch zumindest problematisch finde, insofern es auf einen kantischen Würdebegriff zurückgreift, der für politische Agitation unnütz ist und sich indirekt in die Linie des Grundgesetzes stellt, ist es dennoch besser als die andere Formulierung)
    Und das mit folgendem Grund:
    Geht man davon aus, dass die Konjunktur der ethischen Ideale und dergleichen vermittelt ist durch die konjunkturelle Entwicklung, dann ergibt sich das Problem, dass diejenigen, die einen _anderen_ Wert des Menschen wollen im Zweifelsfall ebenso auf seine Verwertbarkeit im Sinne irgendwelcher Gemeinschaftsideen abstellen. Die menschenfeindlichen Formulierungen im originalen NEA Flugblatt sprechen da eigentlich auch schon Bände. Will man aber darauf abstellen, dass eine befreite Gesellschaft in der Lage sein müsste, ohne Gemeinschaftsideologien auszukommen, so bleibt nur den Wertbegriff ganz und gar über Bord zu werfen und eine wertkritische Position zu entwickeln. Die würde es dann übrigens auch – konsequent durchdacht – nicht mehr gestatten, Leuten zu wünschen, dass sie verfaulen.

    Merke vor allem: Dass du den Unterschied zwischen zwei unterschiedlichen Schlussfolgerungen nicht siehst, heißt nicht zwingend, dass er nicht da ist. Dass das politisch durchaus in ähnliche Handlungen umschlagen kann, weshalb wir ja gestern auch bei der Demonstration waren – das ist geschenkt. Deshalb müssen wir uns aber noch lange nicht ins Kritikastertum einreihen, das unentwegt Politik machen will, statt revolutionärer Antipolitik.
    (Man hätte übrigens auch noch auf die Heuchelei in dem NEA-Aufruf hinweisen können, in dem es zuerst heißt, es sei egal auf welche Art und Weise gedacht wird, und dann später den Liberalen unterstellt wird, sie meinten es nicht ernst – womit gezeigt wird, dass man auch nicht bereit ist, den Umschlag von Marktwirtschaft in Volksgemeinschaft halbwegs ernst zu nehmen. Dass wir das nicht taten, war vor allem Platzgründen geschuldet.)

    Nachtrag: Wenn du vielleicht auch noch ausführen könntest INWIEFERN die Kritik unbegründet gewesen sei, dann kannst du das gerne tun. Wenn du dich einfach daran störst, dass es eine Kritik IST – also Anmache um der Sache willen, übrigens – dann gibt es ohnehin keine Kommunikationsbasis.

  3. 3 Benni 25. Mai 2010 um 5:45 Uhr

    Lieber aa:b,
    Wer lesen kann ist klar im Vorteil und wer sich mit einer Aktion und Kampagne in seiner Gesamtheit beschägtigt um so mehr.
    Dir kann darum das Feature auf Indymedia zur „Niemand ist vergessen!“-Kamapgne ans Herz gelegt werden: http://linksunten.indymedia.org/de/node/20492
    Dort findest du alle Texte.
    So weit ich das beurteilen kann war dein Text auf den 15.5. datiert, verteilt und veröffentlicht wurde er am 23.5.
    In der Zwischenzeit liefen in Berlin und anderen Städten mehere Veranstaltungen zu dem Thema. Zwei auch in Berlin. Ich war da gewesen. Da ging es auch darum das es scheisse ist, das Tätigkeiten immer einen Kapitalimmannenten Nutzen haben müssen. Das ein Mensch eine Würde hat und keinen Wer finde ich eine sehr gute kurze Beschreibung worum es bei der ganzen Kampagne ging und geht. Was du von Kant sagst, kenn ich leider nicht.
    Für mich kam jedenfalls rüber was gemeint war.

    Außerdem gab es ja noch die Artikelserie. Die hat, finde ich zumindestens, für Einsteiger_innen schon ganz gut rüber gebracht was gemeint ist.
    Z.B. hier: http://de.indymedia.org/2010/05/281966.shtml
    oder hier: http://de.indymedia.org/2010/05/282014.shtml
    die kamen ja auch vor der Demo raus. Da hättest du dich noch mal an den Text ransetzen können. Oder wäre er dann nciht mehr zum veteilen geeignet gewesen?

    „Heuchelei in dem NEA-Aufruf“ / „Umschlag von Marktwirtschaft in Volksgemeinschaft halbwegs ernst zu nehmen“…
    --> Kommt doch schon rüber, das es da ein wechselseitiges Verhältnis gibt.

    „Eine Kontinuität, die sich vom Nationalsozialismus bis in die heutige Zeit zieht, lässt sich nicht verleugnen. Die Formel „Wer nicht arbeitet, ist nichts wert“ wird so gut wie ausnahmslos von allen Kräften dieser Gesellschaft geteilt.“

    Den letzten Satz hast du ja zitiert. Als Aussage ohne den vorrangehenden Satz macht der Sinn (ist halt ne allgemeingültige, traurige Wahrheit). Mit dem Satz davor wird noch deutlicher, das es kontinuitäten gibt. In den Veranstaltungen und den Artikeln wurde auch noch mal verdeutlicht, das die Kontinuität, die ein Umschlagen in von Marktwirtschaft in Volksgemeinschaft vor allem im Arbeitsethos und der ganzen ökonomischen Scheisse besteht.

    Na ja. und das mit dem Bethoven-Zitat aus der Zeitung ista uch Quatsch. Hab das mal nachgeprüft. Der Sinnzusammenhang ist ein anderer und dazu ist es ein üblicher Zeitungsartikel, der über einen Neonazimord berichtet. Was du darüber schreibst, also als Bewertung, ist kompletter Käse.

    Du schreibst in deinem Kommentar, das bei konsequenter Wertkritischer Betarchtung ich Bürgerliche Doppelmoral nicht mehr angreifen darf. Hab ich das Richtig verstanden? Die sagen doch das den Leuten die so scheisse rumlügen und Trauer schieben, obwohl sie den Normalbetrieb mittragen und fördern die Zeigefinger abfaulen sollen und das die an ihren Lügen ersticken sollen.
    Warum nicht? Wenn dir das schon zu viel ist, wie willst du dann den Kommunismus erreichen? Was willst du gegen die „kleinen“ und „großen“ Apologeten der Leistungsgesellschaft machen? Wenn mensch ihnen nicht mal mehr was schlechtes wünschen kann, wie soll dann der Kampf gegen sie ausssehen?

  4. 4 anti 25. Mai 2010 um 7:38 Uhr

    Bleib mal bei „Liebe“, auch wenn ich hier alleine den Blogwart spiele, handelt es sich immer noch um eine Assoziation. ;)
    Zunächstmal sorry, dass dein Kommentar erstmal im Spamfilter gelandet ist, ich habe grade keine Ahnung woran das liegt. Jetzt zum Inhalt der Kritik:
    Die Artikelserie ist uns zunächst bekannt. Es ist relativ schwer, an den beiden Artikeln, die sich nicht explizit an Dieter Eich aufziehen klarzumachen, an welcher Stelle das genau problematisch wird, aber: Der Teufel liegt auch hier im Detail, worum es sich handelt ist die Frage, ob es sich beim Kapital um ein gesellschaftliches Verhältnis oder aber um eine Art aufoktroyierte Doktrin handelt. (Man könnte die wichtige Frage also beschreiben als die Frage „Ideologie vs. Doktrin“, falls der Ideologiebegriff im Gegensatz zu letzterem unklar ist, hat Enderwitz da ein ganz gutes kleines Stück geschrieben, das dir nahegelegt sei). Ich komme da gleich nochmal drauf zurück.

    „„Heuchelei in dem NEA-Aufruf“ / „Umschlag von Marktwirtschaft in Volksgemeinschaft halbwegs ernst zu nehmen“…
    --> Kommt doch schon rüber, das es da ein wechselseitiges Verhältnis gibt.“
    Das Problem ist: Du nimmst selber diesen Umschlag nicht ernst, sonst könntest du kaum ernsthaft behaupten, ausgerechnet in dem Satz, der auf die Kontinuität pocht, sei er auszuweisen. Es geht vielmehr darum, dass diese spezifische Kontinuität zugleich ein _Bruch_ ist. Und zwar namentlich der Bruch dazwischen, den stummen Zwang der Verhältnisse sein hässliches Werk einfach „hinter dem Rücken der Beteiligten“(Marx) vollziehen zu lassen und eine Verwertung im Sinne der Gemeinschaftsstiftung als lebendigen Zwang bewusst zu vollziehen. Das Problem ist, dass genau diese Gemeinschaft das anvisierte Ziel ist, wenn man sich darauf einschießt, dass Dieter Eichs Wert nicht gerecht geschätzt worden sei und er ja eigentlich einen anderen habe, als den den Staat und Kapital ihm zuweisen.
    Das Problem bei dieser Art Fragen ist es, dass es stets eine Instanz geben muss, die wenn die Fragestellung erst einmal aufgemacht ist, die Entscheidung treffen muss. Ich werde gleich auch noch dazu kommen, weshalb das _keine_ bloße theoretische Frage und Wortklauberei ist, sondern weshalb dieser Fehler programmatisch für die ganze ideologische Schussrichtung der NEA gelesen werden kann. [Der übrigens damit nicht abgesprochen werden soll, dass ihre Artikelserie zu Eich noch mit zum Besten gehörte, was in der letzten Zeit auf Indymedia zu lesen war und die damit auch durchaus einige wichtige Punkte getroffen haben – allerdings andere verfehlt, die wir hofften hiermit ansprechen zu können. Würden wir das alles von vorne bis hinten für Schwachfug halten, hätten wir uns nämlich gar nicht die Mühe gemacht, noch eine Kritik zu den Punkten zu schreiben, die wir für falsch halten.]

    Weiter: Dass es sich um einen „üblichen“ Zeitungsartikel handelt, bestreitet wohl nicht – und bestätigt wohl eher noch – dass man es hier aller Wahrscheinlichkeit nach mit ideologischem Gefasel zu tun hat, das im seelischen Haushalt des Bürgers eine spezifische Funktion erfüllt. Dass die Beethovengeschichte so leidenschaftlich betont wird, ist nämlich nicht ganz zufällig. (Wie es übrigens soetwas wie Zufälle in psychologischen Fragen generell nicht gibt.)

    Und jetzt zu einem ganz wesentlichen Punkt:

    “ Du schreibst in deinem Kommentar, das bei konsequenter Wertkritischer Betarchtung ich Bürgerliche Doppelmoral nicht mehr angreifen darf. Hab ich das Richtig verstanden? Die sagen doch das den Leuten die so scheisse rumlügen und Trauer schieben, obwohl sie den Normalbetrieb mittragen und fördern die Zeigefinger abfaulen sollen und das die an ihren Lügen ersticken sollen.“

    Natürlich darf man bürgerliche Doppelmoral angreifen. Wir begrüßen das sogar ausdrücklich und verstehen uns da als jemand der genau das tut, wenn zuerst geschrieben wird: „Wie gedacht wird ist egal“ und wenige Zeilen später den Leuten, die das Gedenken nicht in einen antifaschistischen Kontext stellen, der Tod durch ersticken gewünscht wird. Diese bürgerliche Doppelmoral, die stets probiert, sich in die moralische Schussposition auf Seiten der „Guten“ zu lavieren, um dann gegen das grade jeweils ausgemachte Übel zu schießen, der ist _natürlich_ in den Arm zu fallen.
    Was man tatsächlich nicht darf, ist sich bei konsequenter wertkritischer Betrachtung positiv auf die Frage nach der Wertstellung eines menschlichen Lebens beziehen. Was praktisch-revolutionär durchaus zur Frage stehen kann, in Form der Frage „Schützt man den Genossen oder verteidigt man das Lebensrecht dessen auf der anderen Seite der Barrikade“ bleibt darin immer noch eine praktische Frage, die keine theoretische Legitimation kennt – und als Gewaltfrage eine solche auch gar nicht kennen darf.

    „Was willst du gegen die „kleinen“ und „großen“ Apologeten der Leistungsgesellschaft machen? Wenn mensch ihnen nicht mal mehr was schlechtes wünschen kann, wie soll dann der Kampf gegen sie ausssehen?“

    Und hier kommt dann der wichtigste Punkt, in dem sich auch der ganze Dissens zwischen uns und der ganze Grund des Flugblatts artikuliert: Noch einmal: Dass die Leistungsgesellschaft sich am Leben hält, hat nichts -oder wenig- mit ihren kleinen und großen Apologeten zu tun, sondern liegt schon beschlossen in der Art und Weise in der produziert wird. (Maßgebliches Stichwort hier ist die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit, vgl. hierzu Sohn-Rethel, am besten selbst lesen, in absehbarer Zeit wird hier allerdings auch eine kleine Sohn-Rethel Einführung stehen). Der Kommunismus ist eben NICHT der Kampf „gegen die kleinen und großen Apologeten der Leistungsgesellschaft“, sondern der Kampf UM die befreite Gesellschaft, deren Basis eine andere Produktionsweise sein müssen wird. [Die NEA verweist übrigens sehr richtig darauf, dass es um eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel gehen müssen wird, hat aber m.E. eine falsche Auffassung davon, was das heißt).
    Das Wichtige ist es nicht – oder nicht in erster Linie – etwas gegen die kleinen und großen Apologeten zu unternehmen, sondern die Ideologie der Produktion selbst zu brechen. Das ist aber bereits ein Akt, der für sich genommen revolutionär ist, sobald er größere Ausmaße erreicht… (Falls er überhaupt dazu in der Lage ist, es sieht ja momentan nicht danach aus.)

    Wenn man nämlich den Fehler macht und schon anfängt, die Frage zu stellen, wer hier „ungerecht“ oder „heuchlerisch“ handelt, der wird zwangsläufig dort landen, wo die NEA schon ist – bei der „Fuck Yuppies“ Parade und Demos, wo durchaus auch Leute herumlaufen, die zwar mit Dieter Eich sympathisieren, aber andererseits auch ihre „Die, Yuppiescum“ Shirts spazierentragen und dabei, ausgerechnet die Ausschreitungen in den Banlieus schon für einen potentiell revolutionären Akt zu halten.
    Das ungerechte und heuchlerische Handeln müssten wir uns nämlich alle auf die Fahnen schreiben, insofern wir alle den kapitalistischen Normalvollzug immer noch mittragen. Jedenfalls hatte bis gestern abend keine annähernd revolutionäre Situation begonnen und ich hege das dumpfe Gefühl, dass mich auch die Tatsache, dass ich jetzt gleich das Haus verlassen werde um dazu – wenn auch unwillig – mein Schärflein beizutragen, nicht eines besseren belehren wird.

    Edit: Noch zur Nachlese: Da der Aufsatz glaube ich ziemlich gut dazu geeignet ist, die Differenz dazwischen auszuweisen, was es heisst „Kapitalistische Ideologie zu brechen“ versus gegen „Das Diskursgewürge von Westerwelle und Co“ anzugehen, hier noch der Aufsatz von Enderwitz verlinkt, ich hoffe der klärt eventuell Fragen, die ich jetzt auf der Kürze des Raumes nicht beantworten konnte.
    http://www.glasnost.de/phil/ideo.html

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