Offener Brief an die „Künstler“gruppe Surrend.

Endlösung - Surrend

Wir möchten Sie hiermit herzlich dazu beglückwünschen, endlich ausgesprochen zu haben, was den Deutschen schon lange auf der Seele liegt – schließlich sehen satte 65% der Bevölkerung Israel als die größte Gefahr für den Weltfrieden an.
Im Herzen dieses Molochs fanden Sie es dann ungeheuer subversiv, Plakate aufzuhängen, die Sie mit dem Schriftzug “Endlösung” überschrieben und die Israels Ende schon einmal grafisch antizipierten. Anstatt sich allerdings darüber zu freuen, dass die Plakate durchaus als das aufgenommen wurden als was sie gedacht waren, nämlich als einen antiisraelischen Affront, echauffieren Sie sich nun darüber, dass sie als Antisemit bezeichnet wurden und veröffentlichen sogar ein neues Plakat, das als eine Art Steckbrief gelesen werden kann. Mit Namen Erwähnung finden jene, die sich bei dem Wort Endlösung dann doch noch unangenehm an Vergangenes gemahnt fühlen. Die Verwirrung, die aus diesem Plakat spricht, hoffen wir mit einigen Anmerkungen auflösen zu können.

1)Wer ein Plakat veröffentlicht, auf dem der jüdische Staat von der Karte gestrichen wurde und es mit Endlösung überschreibt, der weiss sehr wohl in wessen geistesgeschichtlicher Tradition er damit steht, auch wenn er sich damit begnügt, die Vernichtung der israelischen Bevölkerung statt der gesamten Judenheit zu fordern. Damit wird der Antisemitismus auf höherer Stufenleiter wieder aufgegriffen und Israel als Jude unter den Staaten identifiziert, dem die gleiche Behandlung widerfahren soll wie den Juden, die unter den Ergebnissen der Wannseekonferenz in den Tod geschickt wurden.
2)Wer glaubt, die Vernichtung des jüdischen Staates entspräche der Kritik am jüdischen Staat, der mag vielleicht auch unter Hitler einen adäquaten – und übrigens höchst erfolgreichen – Kritiker des Weltjudentums sehen. Wir bemerken an dieser Stelle, dass wir höchst erfreut darüber sind, dass diese Form der Religionskritik zur Zeit – ausser in dänischen Künstlerkreisen – einen eher schlechten Leumund hat.
3)Wer glaubt, es sei verboten, in Deutschland Israel zu kritisieren, der hätte vielleicht eine Zeitung aufschlagen können. Der Tagesspiegel liefert beispielsweise: “Israel ist ein paranoides Land” die neue rheinische Zeitung erläutert lang und breit, dass es “für Israel nie genug sei” und mit Abraham Melzers “Semit” liegt sogar ein Fachblatt für Israelhasser bereit – von der jungen Welt nicht einmal zu sprechen. Wir verstehen, dass die pseudorebellische Geste und das zugehörige Selbstverständnis ins Agitationsrepertoire des autoritären Charakters seit jeher gehört und sind daher wenig verblüfft darüber, dass Sie es nicht nur schaffen, in einem Land, das Israel für die größte Gefahr für den Weltfrieden hält, israelfeindliche Plakate mit einer direkten Anspielung auf die Shoah zu veröffentlichen, sondern in der Folge auch noch empört darüber zu sein, dass man ihren kalkulierten Affront als solchen auch noch benennt.
4)Wenn Sie in einer Presseerklärung sich empört darüber geben, dass man Sie als Antisemiten benennt, obwohl sie selber Jude seien, der auch anderes bereits kritisiert habe, machen Sie sich nur umso deutlicher kenntlich als solchen: Ob jemand Antisemit ist oder nicht, das entscheidet sich daran, ob er antisemitische Denkmuster aufweist und antisemitische Forderungen stellt, nicht daran, ob er Jude ist. Tatsächlich ist es vollkommen irrelevant, ob ein Mensch Jude ist oder nicht – seine Handlungen und Taten sind davon unabhängig zu betrachten. Zum Einwand, dass sie bereits anderes angegangen seien – wir können uns übrigens nicht daran erinnern, dass sie jemals die Vernichtung der Iraner gefordert hätten, was allemal ebenso widerwärtig gewesen wäre, und Sie dann eben statt als Antisemiten als dekadenten Menschenfeind ausgewiesen hätte – stellen wir fest, dass auch im dritten Reich durchaus andere Betätigungsfelder vorhanden waren als der Judenhass (man denke einmal an das Porajmos, an die Aktion “Arbeitsscheu Reich” und ähnliche) und es dennoch keinem vernünftigen Menschen einfiele, dem Regime seinen antisemitischen Charakter abzusprechen.
5)Wenn Sie nun auch noch Steckbriefe mit den Namen derjenigen ausgeben, die sich an dieser unglaublich subversiven Aktion stoßen, dann wird Ihnen sicherlich aufgefallen sein, dass sich fast ausschließlich jüdische Namen auf Ihrer Liste befinden. Wir applaudieren Ihnen zu dem mutigen Schritt, die Marginalisierung der jüdischen Deutschen vom Rest der Gesellschaft noch etwas voranzutreiben. Dass darin keine Gefahr und kein antisemitisches Potential liegt, das sah man letzte Woche in Worms.

Im Bekennerschreiben heißt es übrigens, “solange Ihr den Palästinensern keine Ruhe lasst, lassen wir Euch keine Ruhe.” Wir beglückwünschen Sie dazu, ihren bescheidenen Beitrag dazu geleistet zu haben, diese Israelkritik wieder salonfähig zu machen und dabei sogar noch eine Ausstellung im dänischen Museum für Posterkunst herausgeschlagen zu haben. Wir sind uns übrigens noch unschlüssig, ob wir Sie für einen Antisemiten halten sollen – wir weisen nur darauf hin, weshalb Ihre “Argumente” gänzlich untauglich sind, den Antisemitismusvorwurf zu entkräften. Weiterhin halten wir, mit einem Lenin zugeschriebenen Wort am Rande fest, dass Sie sich allemal zum “nützlichen Idioten” der Antisemiten machen, die vom nämlichen Denkverbot in Deutschland auch mit Vorliebe fantasieren, weil Sie es kaum ertragen, dass auch noch andere Positionen als Ihre eine Lobby besitzen. (Diese wird dann als Israellobby bezeichnet, wobei es uns noch nicht untergekommen ist, dass die tausendfach verbreiteten israelkritischen Positionen als Resultat der Antisemitenlobby bezeichnet werden würden.)
Wir wünschen Ihnen ansonsten noch alles Gute für Ihren Aufenthalt in Berlin, dessen autochthone Bevölkerung sie zweifelsohne mit offenen Armen empfangen wird: einen jüdischen Kronzeugen schlugen die deutschen Antisemiten seit 1945 stets ungern aus.

Mit freundlichen Grüßen, Association Anti-Allemande Berlin, 24.05.10.

Foto und weiterlesen: Lizas Welt


9 Antworten auf “Offener Brief an die „Künstler“gruppe Surrend.”


  1. 1 ekla.ignor 25. Mai 2010 um 13:51 Uhr

    Ich frage mich immer wieder, warum nie darauf hingewiesen wird, dass Herr Jan Egesborg bereits im Vorfeld dieser widerlichen Plakatkampagne darauf hingewiesen hat, dass er Israel tatsächlich abschaffen möchte. Er sagt zwar a) „Wir haben nie das Existenzrecht Israels geleugnet“, aber es „war ein historischer Fehler, Israel zu gründen.“, aber eben auch b) „Es gibt keine andere Antwort, als dass die Juden aus Israel eine neue Heimat finden, etwa in den USA, Deutschland oder Dänemark.“

  2. 2 anti 25. Mai 2010 um 17:35 Uhr

    Ganz einfach: War uns zu dem Zeitpunkt nicht bekannt. Gibts da ne Quelle zu?

  3. 3 reflexion 25. Mai 2010 um 19:48 Uhr

    Die Quelle wäre dann wohl der „Tagesspiegel“. Uerlinkt unter anderem bei „Reflexion“ (und ich meine auch bei „Lizas Welt“:

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/israel-kuenstlerisch-von-der-landkarte-getilgt/1813570.html

    http://reflexion.blogsport.de/2010/05/08/vernichtungsphantasien-ii/

  4. 4 juicet 26. Mai 2010 um 17:42 Uhr

    fame.

  5. 5 DickerHans 27. Mai 2010 um 19:06 Uhr

    auch wenn’s nicht zum thema passt: was genau ist die asssociation antiallemande eigentlich? und warum französisch? ich hab’s ja gegooglet, aber die infos, die man findet sind wirklich nicht sehr hilfreich… :/

  6. 6 Nitza MEDINA 02. Juni 2010 um 9:16 Uhr

    ich bin der Meinung, dass diese Gruppe sollte wegen Verhetzung zum Völkermord oder ähnliches angezeigt werden. Da es auch zu Demokratie grenzen gibt.
    Warum tut das eigetlich keine?

  7. 7 blub 02. Juni 2010 um 19:47 Uhr

    Anzeigen bringts nich auf die fresse ist viel besser….

  8. 8 DickerHans 07. Juni 2010 um 1:49 Uhr

    falls das so gewirkt haben sollte als ob das irgendwie getrolle wär (weil keine antwort kommt)…meine frage zur aa:b war ernst gemeint..

  9. 9 anti 07. Juni 2010 um 5:59 Uhr

    Wir wollten das einfach lieber mit einem ausformulierten Selbstverständnis beantworten, da das eh noch so eine Sache ist die seit längerem auf der To Do Liste steht.

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