Aphoristisches zu Wahrheit und Zeitordnung

Time.

Für C.

„Auf die Liebe zu Steinmauern und vergitterten Fenstern verfällt jener, der nichts anderes zum Lieben mehr sieht und hat. Beide Male waltet die gleiche Schmach der Anpassung, die, um nur überhaupt im Grauen der Welt aushalten zu können, dem Wunsch Wirklichkeit zuschreibt und dem Widersinn des Zwangs Sinn. (…) Am Ende ist Hoffnung, wie sie der Wirklichkeit sich entringt, indem sie diese negiert, die einzige Gestalt in der Wahrheit erscheint. Ohne Hoffnung wäre die Idee der Wahrheit kaum nur zu denken und es ist die kardinale Unwahrheit, das als schlecht erkannte Dasein für die Wahrheit auszugeben, nur weil es einmal erkannt ward.“(MM, S.110)

Mehr als vielleicht irgendeine Gesellschaftsformation vor ihr hat es die bürgerliche geschafft, ihre Ketten zu lieben. Hielten noch die Feudalen die Masse mit Transzendenz und Paradiesischem bei der Stange, hat die bürgerliche Existenz vollendet, was der Protestantismus schlecht begann, indem er das Kultische geißelte, die Arbeit statt des Klerus ehrte und das Sakrament der Kommunion zum Symbolischen verstümmelte. Trugen schon jene Kulthandlungen stets die Male des schlechten Trostes, spätestens seit objektiv die Möglichkeit Möglichkeit erreicht war, durch den erlangten Stand der Produktivkräfte das Paradies auf Erden einzurichten, das niemand anzupacken wagte, so blieb in ihnen dennoch aufbewahrt, dass ein gänzlich anderes noch denkbar wäre. Zwar – es versagte sich auch den Gläubigen stets der Blick nach Aussen, wohl aber blieb ihnen das Warten darauf. Dieses aber hat sich überholt, wie in der spießbürgerlichen Lebensweisheit, die sich in der Schießbudenphilosophie ebenso findet wie in den Produkten der Kulturindustrie zum Ausdruck kommt. Die schale Formel, man solle den Moment leben, womöglich gar lieben, bringt es zum Ausdruck. Nicht nur, dass sie eine mäßige Tarnung fürs „après moi le déluge“ ist – mehr noch als das zeigt sie, wie tief das Kapital in die Gattung hineingewachsen ist. Seiner immanenten Tendenz nach verräumlicht es die Zeit, sodass „der Pendel der Uhr der genaue Messer für das Verhältnis der Leistungen zweier Arbeiter geworden ist, wie er es für die Schnelligkeit zweier Lokomotiven ist. So muß es nicht mehr heißen, dass eine (Arbeits-)stunde eines Menschen gleichkommt einer Stunde eines anderen Menschen, sondern daß vielmehr ein Mensch während einer Stunde soviel Wert ist wie ein anderer Mensch während einer Stunde. Die Zeit ist alles, der Mensch ist nichts mehr, er ist höchstens noch die Verkörperung der Zeit.“ (Elend der Philosophie 27)

Erst durch diesen Verlust jeglichen qualitativen, flussartigen Charakters von Zeit ist es möglich, sie in die Immanenz des Moments zu bannen. Das Bedürfnis danach ist seinerseits kapitalimmanent. Relativ zu anderen Kapitalien langsamer zirkulierendes Kapital entwertet sich, weshalb die Zirkulation ihren Grenzwert gegen den positiven Limes Null drängt. Um diesen zu erreichen, entschlägt sie die Waren aller Stofflichkeit. Nicht nur ist dies Gegenstand des zweiten und dritten Bandes des Kapitals, wie Jochen Bruhn treffend bemerkt, sondern zugleich Ursache des Versuches, sich aller qualitativen Inhalte der Waren- wie Denkform zu entschlagen. Erst diese Entäußerung ermöglicht es, die Gegenwart als zeitlose Konstante zu hypostasieren, die die Grundform menschlichen Erlebens darstelle. Im Fetisch des Gegenwärtigen affirmiert sich nicht einzig das Bestehende, sondern schlägt, als sei es noch nicht schlimm genug, noch die Vergangenheit und die Zukunft mit seinem Bann. Jene erscheinen als bruchlose Fortsetzung eines immergleichen, das sich vom Moment ausgehend in alle Zeiten hineinprojiziert. Die Zukunft als qualitativ anderes wird dadurch abgeschnitten, wie sich auch die Vergangenheit nur noch darstellt als vergangene Gegenwarten, die zunehmend irrealisiert werden. Gerade ersteres schlägt unmittelbar durch auf den Begriff der Wahrheit. Dass Zukunft nur noch erscheint als kommende Gegenwart ermöglicht erst die Lüge vom Ende der Geschichte, stellt das Momentane auf als Sichtblende gegen das Licht, das vom Standpunkt der Erlösung her auf die Welt fallen könnte, um sie in ihren Brüchen und Verwerfungen darstellen zu können. Dass der Moment zu leben sei, ist zynischer Hohn dort, wo Leben im emphatischen Sinne gar nicht möglich ist. Der Glaube an die Unhintergehbarkeit der Gegenwart stellt einen der zentralen Bestände des ideologischen Repertoires bürgerlicher Gesellschaften dar. Er hat seine Wahrheit höchstens daran, dass die Kontingenz einer jedweden Gegenwart tatsächlich auch – und vielleicht gerade – im Stande der Befreiung erschiene. Wäre aber die abstrakte Zeitordnung selbst genichtet, so erschiene eine jede als so Neu, wie heute nur einigen Kindern die Morgen auf ihren Urlaubsreisen. Nicht sind diese Wiederholung des Vergangenen, sondern stetes Versprechen auf das Unbekannte hin, in dem dennoch das Vergangene bewahrt bleibt.

Die Aufforderung, der Moment sei zu Leben macht zudem erst dort Sinn, wo es sich verunmöglicht hat. Hierzu zählt nicht allein die schon banale Feststellung, dass die objektivierte Arbeitskraft der Individuen ihrer Gesamtpersönlichkeit an großen Teilen des Tages unversöhnlich entgegentritt. Auch der infinitesimale Punkt, zu dem Gegenwart gerann, bedingt ein ständiges Bedürfnis danach, die Hände nach dem auszustrecken, was noch greifbar wäre. „Historisch ist der Zeitbegriff selber auf Grund der Eigentumsordnung gebildet. Aber das Besitzenwollen reflektiert die Zeit als Angst vor dem Verlieren, der Unwiederbringlichkeit.“(MM,S.89) , referiert Adorno in Moral und Zeitordnung den Reflex des Bewusstseins auf die abstrakte Zeitordnung. Nicht nur das Sammeln von Souvenirs, sondern der zwanghafte Rekurs auf alle Arten von Besitzverhältnissen sind das einzige, was dort noch Kontinuität zu stiften vermag, wo der Schnee von gestern und die Wolkenkuckkucksheime von morgen gleichermaßen irrealisiert werden. Kaum auch ist vorstellbar, dass sonst die Vorstellung erträglich wäre, sein Leben zu fristen. Eine Zukunft, die noch denkbar ist, sieht in den meisten Fällen zu düster aus, um seine Existenz darauf hin zu entwerfen – nicht nur wird die Zusammenführung des zerbrochenen Subjektes dadurch vereitelt, dass es sich nicht einmal mehr Illusionen darüber machen kann, es arbeite für den Lebensabend, sondern bannt es zugleich in schlechte Immanenz, in der nichts weiter übrig bleibt als seine Zersplittertheit auch noch zu affirmieren und das Bestehende zu lieben. Wirkliche Gegenwart wäre eine, die sich nicht darum zu kümmern brauchte, dass sie verfließt: nicht ihrer Wiederholbarkeit, sondern ihrer prinzipiellen Unwiederholbarkeit wegen müsste sie sich nicht sorgen, dass eine andere ihre Stelle einnimmt. Sie bliebe bewahrt als Einzigartiges, sei es genutzt oder ungenutzt.


8 Antworten auf “Aphoristisches zu Wahrheit und Zeitordnung”


  1. 1 v 14. November 2010 um 10:26 Uhr

    „der Pendel der Uhr der genaue Messer für das Verhältnis der Leistungen zweier Arbeiter geworden ist, wie er es für die Schnelligkeit zweier Lokomotiven ist. So muß es nicht mehr heißen, dass eine (Arbeits-)stunde eines Menschen gleichkommt einer Stunde eines anderen Menschen, sondern daß vielmehr ein Mensch während einer Stunde soviel Wert ist wie ein anderer Mensch während einer Stunde. Die Zeit ist alles, der Mensch ist nichts mehr, er ist höchstens noch die Verkörperung der Zeit.“ (Elend der Philosophie 27)

    nach exakt einem solchen adornozitat habe ich die letzten tage vergeblich gesucht. super- danke!

  2. 2 bigmouth 14. November 2010 um 10:39 Uhr

    warum ist es 2x-jährigen studenten eigentlich nicht peinlicher, Adorno sprachlich imitieren zu wollen? bitte sein lassen!

  3. 3 anti 14. November 2010 um 13:41 Uhr

    bigmouth: Schlechte Angewohnheit, ist mir klar, allein: Form und Inhalt hängen eben doch nach wie vor zusammen. Die Form des Aphorismus bildet beinahe zwangsläufigerweise Überschneidungen. Insbesondere das spekulative Moment klingt eigentlich fast immer ein Stück weit, als schriebe man es aus der Minima Moralia ab. „wäre eine“ etc.pp. Ließe man nun aus diesem Grund davon ab, beschnitte man allerdings auch den Gedanken, der sich ja gerade daran hochzieht, dass die Beschädigung noch sichtbar _ist_.
    Nun ja. Aber das jemandem zu erklären, der bekennendermaßen selbst aus dem Original nichts ziehen kann, ist vermutlich auch eher müßig.
    v:
    Dir ist klar, dass das Elend der Philosophie von Marx ist, ja? ;)

  4. 4 v 17. November 2010 um 6:31 Uhr

    scheisse! lol

  5. 5 v 17. November 2010 um 20:35 Uhr

    aber trotzdem gutes zitat

  6. 6 Nix verstehung 09. Dezember 2010 um 1:52 Uhr

    „Erst durch diesen Verlust jeglichen qualitativen, flussartigen Charakters von Zeit ist es möglich, sie in die Immanenz des Moments zu bannen. Das Bedürfnis danach ist seinerseits kapitalimmanent. Relativ zu anderen Kapitalien langsamer zirkulierendes Kapital entwertet sich, weshalb die Zirkulation ihren Grenzwert gegen den positiven Limes Null drängt. Um diesen zu erreichen, entschlägt sie die Waren aller Stofflichkeit. Nicht nur ist dies Gegenstand des zweiten und dritten Bandes des Kapitals, wie Jochen Bruhn treffend bemerkt, sondern zugleich Ursache des Versuches, sich aller qualitativen Inhalte der Waren- wie Denkform zu entschlagen. Erst diese Entäußerung ermöglicht es, die Gegenwart als zeitlose Konstante zu hypostasieren, die die Grundform menschlichen Erlebens darstelle“

    Den Teil versteh ich leider überhaupt nicht. Könntest du das nocheinmal anders erklären?
    Ansonsten inhaltlich sehr gut und auch sprachlich ein Genuss!

  7. 7 anti 09. Dezember 2010 um 3:16 Uhr

    Wenn du so gut bist, zu erklären, was genau du nicht verstehst, kann ich es vielleicht besser paraphrasieren. Brauchst du eine kurze Einführung weshalb das Kapital nach der Nullzeit strebt oder fehlt dir die Verknüpfung weshalb dafür eine Entledigung der qualitativen Momente notwendig ist?
    Oder etwas völlig anderes?

  8. 8 Nix verstehung 10. Dezember 2010 um 0:26 Uhr

    Ja, genau diese 2 Punkte wären es.

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