Abgesang.

Abdel-Samad

In seinem Buch „Der Untergang der islamischen Welt“ berichtet Hamed Abdel-Samad von einem Artikel im Internetangebot einer saudischen Tageszeitung, in dem es um einen Schweizer Rechtsanwalt geht, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, Tiere vor Gericht zu vertreten. „Die Kernidee der Gerechtigkeit ist es, diejenigen, die sich nicht wehren können, zu verteidigen“ begründet der schrullige Züricher sein Handeln. In den Kommentaren wünscht sich eine Leserin in das Land, welches gerade aufgrund des Minarettverbots nicht nur in islamischen Ländern wegen Nichteinhaltung der Menschenrechte verdammt wird: „Ich wünschte, ich wäre eine Kuh in der Schweiz!“ Das Lachen bleibt einem im Halse stecken.
Bei der Lektüre des gesamten Buches von Abdel-Samad stellt sich immer wieder dieser Effekt ein. Die Zustände in vielen Teilen der islamischen Welt, insbesondere die Lage der Frauen und das Verhältnis zur Sexualität, wirken auf einen westlichen Betrachter derart skurril, dass man sich oft nicht zwischen Lachen und Weinen entscheiden kann. Abdel-Samad hat sich gegen beides und dafür entschieden, im Namen der Aufklärung gegen die unmenschlichen Zustände in den muslimischen Gesellschaften anzuschreiben.
Nach der Prämisse „Die Diktatur beginnt im Kopf“ schreibt er vor allem an einer Psychopathologie des muslimischen Subjekts, und ist sich dabei selbst der erste und wichtigste Betrachtungsgegenstand.

Aufgewachsen ist Abdel-Samad in der tiefsten ägyptischen Provinz als Sohn eines Imams und einer selbstbewussten Frau aus Kairo, die wegen ihrer legeren Kleidung und ihrer Weigerung, den Hijab zu tragen, vom ganzen Dorf angefeindet wurde. Er wurde in früher Kindheit und noch einmal in seiner Jugend brutal vergewaltigt. Es waren wohl auch diese Wunden, die ihn als erwachsenen Mann mit einer Psychose in der Psychatrie landen ließen.
Diese und andere Geschichten erzählt er in seiner Biographie „Mein Abschied vom Himmel“, in welcher er schonungslos auch seine eigene Triebökonomie offen legt, und wie diese von den vielen Tabus seiner Kindheit und Jugend geprägt wurde. So war die einzige sexuelle Erfahrung seiner Jugend, abgesehen von der Vergewaltigung, die von Gleichaltrigen an ihm vollzogen wurde, das Bespannen seiner Nachbarin beim Baden, die ihn beim Onanieren beobachtete und zuzwinkerte. So geht es wohl vielen jungen Männern, die unter der Geschlechterapartheid in islamischen Ländern aufwachsen, was sicherlich ein Grund dafür ist, möglichst schnell das Irdische Dasein gegen das Paradies mit den 72 Jungfrauen einzutauschen.

Zum Verständnis seines Programms der „Häresie als Chance“ ist es aber vielleicht wichtiger zu wissen, dass er selbst im Dorf wegen seiner hellen Augen und seiner Mutter, die sich den Zurichtungen der Dorfgemeinschaft verweigerte, als Kreuzfahrer und Zigeuner geschmäht wurde. Auch die besondere Behandlung in der Schule, die er wegen seiner Intelligenz und seinem Vater, dem vielleicht wichtigstem Mann im Dorf, erfuhr, brachte ihm den Hass seiner Klassenkameraden ein, bis der „Heimatlose“ schließlich die Identität des Zigeuners für sich als etwas positives annahm.
So konnte er, der von klein auf den Koran auswendig lernte und bis heute dessen kosmologische Seite gegen seine juristisch politische Seite der Sharia in Schutz nimmt, die Beschneidung seiner Schwester und die Schläge, die er und seine Mutter vom Vater erdulden mussten, nicht als gottgewollt und von der Gemeinschaft geheiligt annehmen. Das ist wohl die Konstante in Abdel-Samads Leben, ob als junger Koranschüler und vermeintlicher Kreuzfahrer, später als Marxist oder Islamist und schließlich als „liberaler Muslim“: Sich gegen die Gemeinschaft selbst einen Kopf zu machen und das Unrecht auch da zu benennen, wo es konsensfähig ist.

So spricht er auch in seinem Abgesang auf die islamische Welt direkt aus, was er denkt, und übt sich nicht in der unfruchtbaren Differenzierei, welche im akademischen Betrieb so gefragt ist. Obwohl selbst von Widersprüchen geprägt (so widmet er sein Buch dem tyrannischen Vater), greift er die islamische Ideologie und die „archaischen Denkstrukturen Arabiens“ (S. 123), die bis heute in ihr fortwirken, an, ohne dem etwas Eigentliches und Positives entgegen setzen zu müssen. Dass man dafür in der westlichen Intellegenzia und in der arabischen Staatspresse leicht als Rassist oder Kreuzfahrer geschmäht wird, kann ihn nicht stören. Daran ist er gewöhnt.
Trotz aller Differenzen, etwa zwischen Sunniten und Schiiten, den Wahhabiten und Salafisten und den vielen anderen Strömungen des Islams, bleibt der Koran und seine von nahezu allen Muslimen, insbesondere den Herrschenden und Revolutionären behauptete Unantastbarkeit die Begründungsfolie für das systematische Unrecht, dass von Angehörigen aller dieser Gruppen verübt wird. „Die oft gepriesene Vielfalt des Islam ist oft auch Teil es Problems und nicht Teil der Lösung“ (S. 129) stellt er angesichts der vielen Verweise von Islamapologeten auf die friedlichen und guten Seiten des Korans fest. Dass der Koran und die Hadithen vielseitig sind, haben zuerst die Machthaber in der islamischen Welt erkannt, die alle ihre unterschiedlichen Politiken mit diesen Schriften begründen. Gerade deswegen müssen sie ihre Unveränderlichkeit behaupten und Apostaten mit dem Tod bedrohen.

Aus dieser Einsicht folgt dann auch sein Gegenvorschlag zur „Islamdebatte“, in welcher sowohl die frommen Muslime und Gotteskrieger als auch die westlichen Kulturkämpfer und Kritiker sich immer wieder zwanghaft auf die „Heiligen Schriften“ beziehen: Ein postkoranischer Diskurs.
Dem Koran muss seine Macht genommen werden, und dass ist, wie die europäische Erfahrung mit der Aufklärung zeigt, nicht durch Reform zu erreichen. „Bei diesen Reformern fehlt die letzte Konsequenz und der Mut, dafür zu plädieren, den Koran endgültig zu entmachten und aus dem politischen Diskurs zu verbannen. Die katholische Kirche hat sich nicht selbst von innen reformiert, sondern wurde außen gedrängt, sich zu verändern. Erst als sie die Macht verlor verhandelte sie ihre Rolle in der Gesellschaft aus einer Position der Schwäche heraus.“ (S. 210).
Diese Forderung ist das Herzstück seines Programmes der Aufklärung. Es ist schlicht unredlich, sich bei der Diskussion um Fragen von Politik und Gesellschaft auf Gottes Wort zu berufen. Man kann mit jemandem, der eine 1500 Jahre alte Schrift für alles heranziehen und verantwortlich machen will, nicht vernünftig reden. Das aufklärerische Motto „Sapere aude“, wage, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, mit welchem Abdel-Samad sein Kapitel zu „ Häresie als Chance oder: Der postkoranische Diskurs“ abschließt, ist in der islamischen Welt leider immer noch so revolutionär wie im mittelalterlichen Europa.

Zur selben Zeit kann man eine starke Verwestlichung der Lebenswelt feststellen. Die meisten Bewohner der islamischen Welt haben Zugang zu Cola, Fernsehen, Facebook und Youporn. Da die materiellen Verbesserungen durch Technologie, die man vom Westen übernimmt, aber nicht von einer aufgeklärten Bildung begleitet werden, sondern in ägyptischen Schulbüchern immer noch Märchen von der kulturellen Überlegenheit des Islam und der alleinigen Schuld des Abendlandes an seiner momentanen Schwäche verbreitet werden, ist Abdel-Samad sich sicher: An dieser Schizophrenie, welche die Gleichzeitigkeit von mittelalterlicher Geisteshaltung und den Möglichkeiten der modernen Technik zeitigt, wird die islamische Welt, die seit hunderten von Jahren in Orthodoxie verharrt und nichts Nennenswertes zur Zivilisation mehr beizutragen weiß, zugrunde gehen.
Dieser Prozess vollzieht sich allerdings um den Preis einer totalen Islamisierung. Samad stellt fest, dass erfolgte Modernisierungen zurückgenommen werden, so dass in Teheran, Kabul oder gar Kairo, heute kaum eine Frau ohne Schleier aus dem Haus geht, was vor 40 Jahren noch Gang und Gäbe war. Auch seine Mutter hat am Ende aufgegeben und sich dem Dorf und ihrem frommen Mann unterworfen. Der Untergang der islamischen Welt, so fürchtet er, wird von Kriegen und Unruhen begleitet werden.
Umso wichtiger ist seine Forderung nach Häresie in der islamischen Welt, nach einer Stimme für die Vernunft in diesen Ländern, denn fast niemand im Maghreb, in Ägypten oder den Golfstaaten hat je von den Ayyan Hirsi Alis und Necla Keleks dieser Welt gehört.

Abdel-Samad fordert als bürgerlicher Aufklärer die Einsetzung zivilisatorischer Mindeststandards in der islamischen Welt. Er hofft, dass sich die Gemeinschaft der Muslime transformieren ließe in eine Gesellschaft von zumindest formal freien und gleichen Bürgern, welche erstmals selbst ihr Leben auch nach ihren eigenen Bedürfnissen bestimmen könnten, ohne ständige Abhängigkeit von Staat und Moschee. Dies muss man allerdings als Basisprogramm für eine Befreiung der Menschen in der (noch) islamischen Welt verstehen, durch welche diese erstmals befähigt wären, eine freie Assoziation der Individuen zu wünschen und sich ohne Angst vor dem Tod dafür einzusetzen. Konkret spricht Samad von einer säkularen, modernen Staatsform. Angesichts der katastrophalen Zustände gerade in den arabischen Ländern und im Iran sollten auch Kritiker, welche hoffen, dass in Sachen Abschaffung des Staates und freier Assoziation noch nicht das letzte Wort gesprochen ist, die Bemühungen um einen New Middle East unterstützen, in dem staatliche Gewaltmonopole erstmals durch Garantie des rule of law vom Loyalitätszwang zu Staat und Sippe befreien. Dann, so ist zu hoffen, werden die Individuen auch den „Islam light“, also „Islam ohne Scharia, ohne Dschihad, ohne Missionierung, ohne Geschlechterapartheid und ohne Anspruchsmentalität“ nicht mehr brauchen, sondern könnten sich endlich selbst zum Maß aller Dinge machen.

Einer der Lieblingsorte Hamed Abdel-Samads, der heute in München residiert, ist der Olympiaberg. Dieser wurde aus den Trümmern des zerbombten Münchens aufgeschüttet, und ist heute ein grüner Hügel und Teil eines beschaulichen Parks. Von oben kann man ganz München überblicken. Das letzte Wort soll der Autor von „Mein Abschied vom Himmel“ und „Der Untergang der islamischen Welt“ selber haben:
„[Die islamische Welt] muss sich von von vielen Bildern verabschieden: Gottesbilder, Frauenbilder, Weltbilder, Feindbilder und Vorbilder. Die Geschlechterapartheid hemmt die Kreativität und schaltet die schöpferische Kraft der halben Gesellschaft aus und muss deswegen beendet werden. Feindbilder haben die Opferrolle bei Muslimen zementiert und sie immer daran gehindert, die eigenen Versäumnisse zu erkennen und nach Lösungen dafür zu suchen. Die Entwaffnung der eigenen Geschichte und die Einführung eines neuen Geschichtsbewusstseins, basierend auf Verstehen statt Selbstverherrlichung, in das Bildungssystem ist ein Muss. Eine Trennung von Religion, Stammesbewusstsein und politischer Macht muss erfolgen, um eine moderne Staatsform zu erreichen. Man mag fragen, was von der islamischen Kultur danach noch übrig bleibt außer Trümmern. Das ist wohl richtig, aber auch Trümmer können eine positive Funktion haben, wie der Olympiaberg von München zeigt.“

Literatur:
Hamed Abdel-Samad: Der Untergang der islamischen Welt; Droemer Verlag 2010
Ders.: Mein Abschied vom Himmel; Knaur Taschenbuch 2010