Archiv für März 2011

Die Verräterinnen der Revolution

Bild der Teheraner Frauenrechtsdemonstration 1979. Quelle: http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/tehranbureau/legacyimg/2009/07/Iranian_Women_Demonstrating_Enforced_Hijab-1.jpg
Sie waren nicht die einzigen, die Schuld tragen: Die arabischen Männer, die die feministische Demonstration des 8. März 2011 in Kairo flankierten, die Frauen bespuckten, schlugen und begrapschten, bildeten einzig und alleine die Speerspitze und militante Fraktion derer, die sich entschlossen hatten, dass die Rolle der Frau explizit nichts in der Agenda der ägyptischen Revolution verloren habe und eine solche Zurschaustellung partikularer Interessen die Einheit der Bewegung gefährde.

In Anbetracht dessen, was sich dann auf dem Tahrir-Platz ereignete, kann letzteres durchaus als eine realistische Analyse der Dynamik der ägyptischen Revolution gelesen werden. In den Sprüchen und Parolen, die der Mob den Feministinnen entgegnete, kam die Programmatik dessen, wofür man demonstriert hatte und zu demonstrieren gedachte, zum Ausdruck. Als Farida, der Redakteurin eines örtlichen Radios, gesagt wurde, dass die größte Nähe, die sie je zur Präsidentschaft erreichen könnte es sei, einen Präsidenten zu gebären, wurde damit eben jener Grundpfeiler der Umsturzbewegung offenbar. Zwar ist nicht unmittelbar ersichtig, für wieviele Ägypter und Ägypterinnen man hier sprach, allerdings weisen einige Indizien darauf hin, dass es sich nicht um eine Minderheitenposition handelt.

So waren es trotz der breiten Mobilisierung nur einige hundert Feministinnen, die sich letztlich auf dem Tahrirplatz versammelten, um den internationalen Frauenkampftag zu begehen. Dies lag allerdings weniger daran, dass sämtliche revolutionäre Energie der letzten Wochen spurlos verschwunden wäre, als vielmehr an einem gezielten Boykott anderer Akteure der ägyptischen Zivilgesellschaft gegen die Frauenrechtlerinnen. Unter der bereits erwähnten Ägide der Angst um die Einheit kündigte man gemeinschaftlich jegliche Solidarität mit den Interessen und Forderungen der Frauen auf, um dann in der Folge die gewaltsame Zerschlagung der Demonstration kollektiv zu beschweigen und zu begaffen. Als Ahmad Awadalla versucht den Frauen zu Hilfe zu eilen, wird er von anderen Männern zur Seite genommen und ihm ins Gewissen geredet:

„Why are you defending women? Are you queer?

Diese Ereignisse deuten darauf hin, dass den Revolutionaeren keinesfalls um eine Befreiung der Individuen vorschwebte, als sie auf die Strasse gingen, um den „Volksverräter“ Mubarak zu stürzen. Die Forderung von Frauen nach Selbstbestimmung und rechtlicher Gleichstellung steht nicht zur Debatte. Dies ist allerdings wenig verwunderlich, da kaum jemand in Ägypten je daran gedacht hat, Frauen hätten überhaupt ein Recht auf ihren eigenen Körper. Genitalverstümmelung ist so weit verbreitet, dass immer noch 95% der ägyptischen Frauen ihr zum Opfer fallen. Laut einer Studie des Egypt Center for Womens Rights denkt kaum eine Ägypterin daran, dass sie ein Recht auf Bewegungsfreiheit und persönliche Sicherheit habe. In einem solchen Klima nimmt es nicht Wunder, das sexuelle Übergriffe auf Frauen in Ägypten mehr noch als hierzulande weiblichen Alltag darstellen.

Die Vorfaelle um den “Million March”, lassen diese Übergriffe als politische Praxis erkennbar werden, die ihren Vollziehern als solche gar nicht erst ins Bewusstsein tritt. Der Status der Frau als Objekt gilt als natürliche Tatsache, deren Missachtung Verfall und Dekadenz entspricht. Die Revolutionäre treten als Kollektiv gegen die Fremdherrschaft auf, in dem jede Forderung nach individueller Freiheit (und auf nichts anderes zielt die feministische Bewegung unter den Bedingungen des Patriarchats) nur störend wirken kann.

Es wurde in den vergangenen Wochen wiederholt – und insbesondere von Seiten der Iransolidarität – darauf hingewiesen, dass nicht zu vergessen sei, dass die Aufstände keineswegs erst in Tunesien begonnen haben, sondern bereits eineinhalb Jahre zuvor im Iran. Obwohl es noch wesentlich zu früh für abschließende Analysen der Situation ist, die sich nach wie vor in einem stetigen Wandel befindet, weist die Art der Empörung auf einen entscheidenden Unterschied der Bewegungen hin, der – zur Gänze entfaltet – in eine Richtung weisen könnte, die die iranische Revolution regelrecht auf den Kopf stellt. War jene noch von Gerhard Scheit als möglicher Aufstand der Privatheit wider die konsequente Unterwanderung des Lebens durch den Willen Allahs und seiner weltlichen Stellvertreter verstanden worden, der gleichwohl permanent in der Gefahr schwebte, sich über die Hintertür des Antisemitismus ins System zu reintegrieren, stellt sich in Anbetracht der männlichen Rancune und des offensichtlichen Desinteresses großer Teile der weiblichen Bevölkerung die Frage, wie weit die seinerzeit als konstitutives Element der Proteste verstandene Privatheit in den aktuellen Protesten je eine Rolle spielte. Weit mehr als nur eine Aussprache wider einen weiblichen Präsidenten war die Position, die Farida entgegengebracht wurde eine Aussage zur Rolle der Frau und des Politischen generell, insofern explizit die Gebärfähigkeit nicht nur als Politikum, sondern gleichzeitig als der politische Akt schlechthin verstanden wird, der Frauen offen steht. Dieser Position nach agiert die Frau gerade nicht als das autonome Individuum, das der liberalistischen Ideologie des Westens zugrundeliegt, sondern vielmehr exklusiv als Reproduzentin der Volksgemeinschaft. Der Skandal besteht nicht darin, dass ein einzelner Mann diese Position äussert: er besteht darin, dass es gerade einmal 400 bis 500 Menschen als nötig empfanden, sich eindeutig und unmissverständlich dafür auszusprechen, dass die Rolle der Frau in ihrer Revolution kein randständiges Thema ist, obwohl noch immer täglich Demonstrationen stattfinden, die bezeugen, dass die Aufbruchsstimmung nicht erloschen ist.

Wer die Ereignisse als einen unbedeutenden Nebenschauplatz verharmlost – und damit die Interpretation all derer aufgreift, die nicht zuletzt einen wesentlichen Beitrag dazu leisteten, dass die Ereignisse sich auf diese Art und Weise zutrugen, verkennt den zentralen Stellenwert, den die Politisierung der Geschlechtlichkeit für die Möglichkeit der Konsolidierung islamistischer Despotien trägt, wie Thomas Maul ausführlich in seinem Buch „Sex, Djihad und Despotie“ darlegte.

„Wie jede Volksgemeinschaft sieht sich die Umma von allem bedroht, was die Überwindung des Ich als Voraussetzung einer Verschmelzung zum prächtigen Wir verweigert. Daß der als universelle Möglichkeit und Idee im Westen entstandene Individualismus mal mit dem Westen, mal mit Homosexuellen, mal mit Juden identifiziert wird, ist eine Frage der jeweiligen Sprachregelung; die Opfer der Repressionen im Namen der Tugend eint durch die neuere islamische Zeit, daß ihnen jeglicher Anspruch auf individuelle (v.a., aber nicht ausschließlich, sexuelle) Selbstbestimmung versagt wird.“ [

Es ist vor diesem Hintergrund also ebenso wenig als Zufall oder als rationale Kritik, sondern vielmehr als politische Programmatik zu werten, dass denjenigen Frauen, die sich für sexuelle Selbstbestimmung einsetzen würden, schon im Vorfeld der Vorwurf angetragen wurde, sie schädigten die Bewegung – das ‚revolutionäre‘, ‚prächtige Wir‘ – , wie es kein Zufall ist, dass Ahmad Awadalla argwöhnisch als „queer“ betrachtet wird und alle gemeinsam als potentielle Agenten des Westens verstanden werden.

Dabei ist es in letzter Instanz unerheblich, ob sich die männlichen Gegendemonstranten explizit zum Koran bekennen, wie Mustafa Tarek, der als seine Motivation gegenüber „Ahram Online“ freimütig angibt, dass es nun einmal nach koranischem Gesetz nicht legitim sei, dass Frauen über Männer herrschen, oder ob die Emotionalität der ägyptischen Frauen als Rationalisierung dafür angegeben wird, dass sie von der Teilhabe an politischer Macht fernzuhalten seien, wie es ein anderer Aktivist namens Mahmoud Ahmad im selben Artikel bevorzugte. Die gemeinsame Basis besteht in der Haltung zur Gemeinschaft und zum Individuum, die jedes ausscheren als (potentiell fremdgesteuerten) Verrat am Volk brandmarkt und die selbst den Frauen des Tahrirplatzes nicht fremd ist, die in den Übergriffen wahlweise die Propaganda des alten Regimes oder gleich bezahlte Schläger am Werk sahen. Einmal mehr wird sich also eine Revolution daran messen lassen müssen, wie sehr sie für die Freiheit der „Discomietzen und Strichjungen des Finanzkapitals“ ( Jürgen Elsässer) eintritt. Die Forderung der Frauen umzusetzen, heißt auch und gerade, sie gegen das – nicht mit dem – „ägyptischen Volk“ zu verteidigen. Ob dies möglich ist wird der Lackmustest dafür sein, ob es im Nachhall des revolutionären Getöses mehr geben wird als einzusammelnde Scherben.

Zwischen Vorurteil und Ressentiment

Der Begriff der „Islamophobie“ feiert einen scheinbar nicht enden wollenden Siegeszug in der Politik und Wissenschaft. Während zu seiner Ursprungszeit noch jedem unbedarften Blick die agitatorische und diffamierende Absicht hinter seinem Gebrauch offenbar wurde, gewann er mit der Zeit durch Akademisierung und politische Übernahme seitens der Linken etwas selbstverständliches und unhinterfragbares. So würde niemand gesunden Verstandes bestreiten, dass es dem Ayatolla Khomeini um eine kategorische Delegitimierung der Kritik am politischen Islam ging, wenn er von Islamophobie sprach. Handelte es sich bei Khomeini noch um einen Politiker, der aus seinem Judenhass kaum ein Geheimniss machte, muss, wenn der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in seiner vor kurzem gehaltenen Düsseldorfer Rede den von Khomeini geprägten Begriff nutzt, eine über die Jahre stattgefundene Verschiebung des Klientels vermerkt werden. Die Implikation bleibt derweil dieselbe – wer „Islamophobie“ sagt, dem geht es nicht blos um einen antimuslimischen Rassismus, sondern er kommt, wie Erdogan, unweigerlich auf den Antisemitismus zu sprechen, dem jene gleichgestellt sei.
So schwingt beim Fallen des Begriffs immer ein antizionistischer Affront mit, der, indem er den Hass auf Juden als bloßes Vorurteil trivialisiert, die Notwendigkeit der Existenz eines jüdischen Staates in Frage stellt. Wird der Antisemitismus als bloses Vorurteil, sozusagen ein widerlegbarer Irrtum erklärt, erscheint der fortwährende Existenzkampf der Juden, die sich in letzter Konsequenz mit staatlich organisierter Waffengewalt zu wehren gelernt haben, in einem trügerischen Licht. Handelt es sich, der Argumentation folgend, bei der Islamophobie um ein dem Antisemitismus ebenbürtiges Phänomen, kann die Kriegsführung des israelischen Staates nicht aus der Notwendigkeit, sich gegen die durch die Judenhasser erzeugte existenzielle Bedrohung wehren zu müssen, erklärt werden.
Auf der akademischen Ebene läßt sich die Entwicklung des Begriffs hierzulande am besten ausgerechnet anhand des „Zentrums für Antisemitismusforschung“ der TU Berlin nachzeichnen. Galt es in den beiden vorhergehenden Jahrzehnten bereits als eine ausgemachte Sache, dass eine Analyse des Antisemitismus zuvorderst einen Gegenstand von Ressentimentforschung darstellt, verschiebt sich das Themenfeld zunehmend in Richtung einer sogenannten “Vorurteilsforschung”, die schlicht empirisch den Inhalt der Vorurteile die bestehen sammelt, und mit anderen Vorurteilen vergleicht, statt einen Begriff des dahinterstehenden Weltbildes zu entwickeln.
Um eben diesen Begriff zu entwickeln, kann nicht zentral sein, immer aufs neue die empirische Erfahrung des millionenfachen Judenmordes den Theoretikern der Islamophobie entgegenzuhalten. Zwar zeigt diese offensichtlich auf, dass die Verfolgung der Juden nicht der Verfolgung von Moslems, ja nichtmal der Verfolgung von Christen in islamischen Ländern gleichkommt. Jedoch muss, um nicht in der Dogmatik eines Bodycounts zu verenden, die grundlegende Verschiedenheit der sich hier artikulierenden Gedenkengebilde begrifflich gefasst werden.
In der vorliegenden Arbeit soll die These entwickelt werden, dass Nietzsches Begriff des Ressentiments, insofern er auf einem Weltbild beruht, das eine gewisse Geschlossenheit in sich besitzt, für die Antisemitismusforschung aktualisiert werden sollte und bis heute, recht verstanden, einige Relevanz besitzt oder besitzen könnte. Nietzsche selbst liefert in der Genealogie der Moral den Wink, dass jene Psychologen, die sich mit dem Phänomen des Ressentiments vertraut machen wollen, ihre Studien sinnigerweise bei
Antisemiten und Anarchisten zu begännen hätten, da bei jenen das Ressentiment am heftigsten wüte. Das allein ist selbstverständlich noch kein Hinweis darauf, ob und inwiefern der philosophische Ressentimentbegriff für eine soziologische Anwendung zu gewinnen ist.
Betrachtet man andererseits die Arbeiten des Frankfurter Instituts für Sozialforschung zum fraglichen Thema – allen voran die „Elemente des Antisemitismus“ und die „Studien zum Autoritären Charakter“, so liegt die Vermutung nahe, dass die Erkenntnise, die Horkheimer und Adorno zum Antisemitismus gewannen, zumindest in Teilen dem Nietzscheianischen Ressentimentbegriff geschuldet sind. Beiden gemein ist – und diese These ist zentral, um zu zeigen inwiefern der Ressentimentbegriff sich maßgeblich vom Vorurteil unterscheidet – dass das Ressentiment nicht etwa ein singuläres (Fehl-)urteil ist, sondern auf einer geschlossenen Weltanschauung beruht, also auf einer ganzen Reihe moralischer und weltanschaulicher Setzungen, die untereinander in Verbindung stehen.
Die Verschränktheit Nietzsches mit der kritischen Theorie der Frankfurter Schule ist ein Tatbestand, auf den bereits seit den Siebzigern wiederholt – vorrangig von Seiten der Nietzscheforschung aus – hingewiesen wurde. Es gehört zu den Verdiensten von Peter Pütz, bereits 1974 Nietzsche im Lichte der kritischen Theorie betrachtet zu haben, wobei er allerdings einzig den Philosophen Nietzsche betrachtet. So notiert er zur Nietzscherezeption der Kritischen Theorie:

„Oft wird er en passant zitiert, als Zeuge oder Kritiker irgendeiner Meinung und Erfahrung. Niemals steht er am Anfang einer Gedankenbewegung, etwa als Garant einer Hypothese oder gar eines Axioms. Nietzsche ist denkbar ungeeignet für Voraussetzungen. Er kommt vielmehr am Endeeines Denkprozesses zur Sprache; das wird durch mehrere Beispiele belegt: Horkheimer/Adornos „Dialektik der Aufklärung“ schließt zwar mit Kapiteln über Kulturindustrie und Antisemitismus im 20. Jahrhundert, doch diese letzten Kapitel wirken wie Nachträge.“¹

Während Pütz zwar klar sieht, wie Nietzsche philosophisch eingeordnet wird, übersieht er, dass durchaus auch ein Einfluss auf der Ebene der Erörterung eines psychologischen Phänomens gegeben sein könnte. Nietzsches Genealogie der Moral stellt ja nicht ausschließlich eine philosophische Konzeption dar, sondern besticht auch durch eine Fülle von Beobachtungen, die in das Feld der Psychologie und Soziologie hineinfallen.
Im Folgenden soll zunächst die enge Verwandtschaft der Ressentimentkonzeption bei Nietzsche zum Antisemitismus im Verständnis der Kritischen Theorie aufgezeigt werden, um anschließend zu erörtern, weshalb Anschauungen dieses Typus nicht als Vorurteile untersucht werden können.

Das Böse als Grundbegriff des Ressentiments

„[Man stelle] sich ‚den Feind‘ vor, wie ihn der Mensch des Ressentiment concipirt – und hier grade ist seine That, seine Schöpfung: er hat ‚den bösen Feind‘ concipirt, ‚den Bösen‘ und zwar als Grundbegriff, von dem aus er sich als Nachbild und Gegenstück nun auch noch einen ‚Guten‘ ausdenkt — sich selbst!…“²

Es scheint durchaus geboten zu sein, als Kernbegriffe der Nietzscheianischen Konzeption der Ressentimentmoral das Gegensatzpaar „Gut“ und „Böse“ zu denken. Der Mensch des Ressentiment, der nicht in der Lage ist, aktiv zu sich selber „Ja“ zu sagen, benötigt zunächst, um noch in irgendeiner Form seine Existenz affirmieren zu können, den „bösen Feind“, von dem er sich abgrenzen kann. Das „Böse“ der Ressentimentmoral, im Unterschied zum „Schlechten“ der Herrenmoral derjenigen, die bei Nietzsche als die “Vornehmen” und “Starken” firmieren, entspringt aus dem Ressentiment selbst, es ist die Voraussetzung des „Guten“ in der Welt des Ressentimentmenschen. Der Begriff des “Guten” ist dem des “Bösen” in der Moral des Ressentimentmenschen also nachgeordnet.
Der Kontrast, den der vornehme Mensch im Unterschied dazu im “Schlechten” erblickt, ist ein blasser, im Vergleich zum kräftigen Schwarz und Weiss des Ressentiments. Er erblickt in der Schlechtigkeit nur wieder seine eigene Vornehmheit, wenn auch nicht in der Stärke, in der er sie bei sich selber findet. Dementsprechend begegnet er der Schlechtigkeit mit einem nachlässigen, fast schon mitleidigen Duktus, so sie ihn nicht gerade herausfordert.
Das Schlechte in Nietzsches Sinne stellt keine moralische, sondern vorrangig eine ästhetische Kategorie dar. Es stellt vielmehr eine Variante des Gemeinen und Alltäglichen im moralisch wertfreien Sinne dar. Zum Feind taugt es schon aufgrund mangelnder Außergewöhnlichkeit kaum bis gar nicht.
Der Ressentimentgeladene hingegen erblickt in seinem Gegenstück „das Böse“ selbst. Es ist seine eigene Erfindung, die er dank seiner Moral in der Welt entdeckt: seine Schöpfung besteht darin, dass er das Böse in die Welt hinausschleudert, um in der Folge als sein Gegenbild erscheinen zu können.

„Dies ’schlecht‘ vornehmen Ursprungs und jenes ‚böse‘ aus dem Braukessel des ungesättigten Hasses — das erste eine Nachschöpfung, ein Nebenher, eine Complementärfarbe, das zweite dagegen das Original, der Anfang, die eigentliche That in der Conception einer Sklaven-Moral – wie verschieden stehen die beiden […] Worte „schlecht“ und „böse“ da!“³

Wenn die Ressentimentmoral also eine Grundkategorie kennt, von der sie sich ableitet, so ist sie mitnichten in ihren Auffassungen über das Gute oder Schlechte zu suchen. Vielmehr ist der Grundbegriff jener Moral – wie, vielleicht, nach Nietzsches Auffassung der Moral schlechthin – das „Böse“, ohne das sie nicht sein kann. All ihr Denken gründet im „Nein“ zu einem „Anders“, zu einem „Nicht-selbst“ – jene Moral, die nach Außen schaut, statt auf sich selbst, ist dem Ressentiment unmittelbar verwachsen. Anders gesagt: Der Ausfall an Reflexion ist dem Ressentiment konstitutiv.

Das Böse des Antisemiten und der Jude als Gegenrasse

Die Einsichten, die Nietzsche ins Ressentiment gewinnt, lassen sich fast nahtlos auf die Konzeptionen der Frankfurter Schule zum Antisemitismus übertragen. Der Antisemit bestimmt den Juden so, wie der Ressentimentmensch das Böse – anders: Das Ressentiment des Antisemiten bestimmt den Juden als das Böse:

„Für die Faschisten sind die Juden nicht eine Minorität, sondern die Gegenrasse, das negative Prinzip als solches; von ihrer Ausrottung soll das Glück der Welt abhängen.[…] Sie werden vom absolut Bösen als das absolut Böse gebrandmarkt.“

Dem Antisemiten gilt der Jude als das Negativprinzip zu sich selbst. In der Projektion seiner verdrängten Aggressionsregungen auf sein zukünftiges Opfer rationalisiert er seine Rancune. Während er damit auf der einen Seite Raum dafür gewinnt, seine Aggressionen sozialverträglich ausleben zu können, gelingt es ihm auf der anderen Seite zugleich, sein “reines Gewissen” zu behalten.

„Regungen die vom Subjekt als dessen eigene nicht durchgelassen werden und ihm doch eigen sind, werden dem Objekt zugeschrieben: dem prospektiven Opfer. […] Stets hat der blind Mordlustige im Opfer den Verfolger gesehen, von dem er verzweifelt sich zur Notwehr treiben ließ, und die mächtigsten Reiche haben den schwächsten Nachbarn als unerträgliche Bedrohung empfunden, ehe sie über ihn herfielen.“

Die Projektion selbst aber ist noch menschlich-rationales Verhalten: . Das Subjekt muss zum Wahrnehmen überhaupt einen „Abgrund“ zwischen Sinnesdatum und Gegenstand überbrücken, um überhaupt wahrnehmen zu können. Insofern dieser Akt stets Inneres beimengt, ist Wahrnehmung je schon projektiv. Zum Moment des Antisemitismus wird sie erst durch den durchs Ressentiment bedingten Ausfall der Reflexion. Dieser ist keine Reaktion auf eine Wahrnehmung, sondern durchs bereits vorhandene Ressentiment bestimmt.

„Das Pathische am Antisemitismus ist nicht das projektive Verhalten als solches, sondern der Ausfall der Reflexion darin. Indem das Subjekt nicht mehr vermag, dem Objekt zurückzugeben, was es von ihm empfangen hat, wird es selbst nicht reicher sondern ärmer. Es verliert die Reflexion nach beiden Richtungen: da es nicht mehr den Gegenstand reflektiert, reflektiert es nicht mehr auf sich und verliert so die Fähigkeit zur Differenz.“

So wie bei Nietzsche also die Ressentimentsmoral sich auf das Außen richtet, um ihre Werte zu setzen, schweift bei Adorno und Horkheimer der Blick des Antisemiten auf das Fremde. Indem er sich nicht mehr in ihm wiedererkennt, verliert er den Bezug zu sich selbst und erkennt dadurch sowohl sein Objekt als auch sich selbst nur noch als entstellte Karikaturen. Zwanghaft projiziert er seine eigenen Unzulänglichkeiten und Makel nach Außen. Die Schwäche, die er an sich selbst entdeckt, soll das Mal der ganzen Welt sein, die er nur durch diese Brille wahrnimmt. Adorno und Horkheimer explizieren:

„[Es] sind die Produkte der falschen Projektion, die stereotypen Schemata des Gedankens und der Realität, solche des Unheils. Dem Ich, das im sinnleeren Abgrund seiner selbst versinkt, werden die Gegenstände zu Allegorien des Verderbens, in denen der Sinn seines eigenen Sturzes beschlossen liegt.“

Die Übersättigung am Menschen

Dem Menschen des Ressentiment (respektive dem Antisemiten) erscheint also nicht nur sein Gegenbild als das absolut Böse, ihm wird die ganze Welt zum geschlossenen Wahnsystem, in dem sich alles nach seinem Geist zu fügen hat. Er beginnt sich nicht nur vor dem „Nicht-selbst“, sondern vor allem, einschließlich sich selbst zu ekeln.

„Der müde pessimistische Blick, das Misstrauen zum Räthsel des Lebens, das eisige Nein des Ekels am Leben – das sind nicht die Abzeichen der bösesten Zeitalter des Menschengeschlechts – sie treten vielmehr erst an das Tageslicht, als die Sumpfpflanzen die sie sind, wenn der Sumpf da ist, zu dem sie gehören, — ich meine die krankhafte Verzärtelung und Vermoralisierung, vermöge deren das Gethier „Mensch“ sich schliesslich aller seiner Instinkte schämen lernt. Auf dem Wege zum „Engel“ (um hier nicht ein härteres Wort zu gebrauchen) hat sich der Mensch jenen verdorbenen Magen und jene belegte Zunge angezüchtet, durch die ihm nicht nur die Freude und Unschuld des Thiers widerlich, sondern das Leben selbst unschmackhaft geworden ist.“

Aus der Moral des Ressentiments entspringt eine generelle Lebensfeindschaft. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass

„das Leben essentiell, nämlich in seinen Grundfunktionen verletzend, vergewaltigend, ausbeutend, vernichtend fungirt und gar nicht gedacht werden kann ohne diesen Charakter.“

Das wiederum ist ein Zustand, an dem sich die Moral des Ressentiments aufs Äußerste stößt. Der „vergewaltigende“ Charakter des Lebens stößt ihr bitter auf – getrieben durch dieses Unbehagen an der Natur trennt der Mensch sich gewaltsam von seiner tierischen Vergangenheit und erteilt seinen alten Instinkten eine Kriegserklärung. Eben diese ist für Nietzsche zudem der Ursprung des schlechten Gewissens, in dem sich der Vernichtungstrieb und Wille zur Macht, also das nach Nietzsche bestehende Prinzip des Dranges nach stetiger Ausdehnung der Einflussmöglichkeiten, nach innen richtet. Das schlechte Gewissen jedoch setzt noch eine gewisse Selbstreflexion voraus, insofern es sich noch auf das Innere bezieht. Selbst da, wo es Züchtigung darstellt, stellt es noch eine Selbstzurichtung zur Schöpfung von Werten dar. Im Ressentiment hingegen herrscht das gute Gewissen: Die Ressentimentmoral und der Ressentimentmensch fallen nicht unmittelbar in eins.
Während der Mensch der Ressentimentmoral immerhin eine gewisse reflexive Distanz zu sich selbst hat und an seinem Leben leidet, woraus er grade die Werte des Unegoistischen entwickelt, fehlt just diese kritische Distanz beim Ressentimentmenschen. Wenn auch die Welt böse ist, so bleibt er dennoch der Gute, dem schlechthin vergewaltigenden Charakter des Lebens zum Trotz. Umso unerbittlicher muss er Jagd auf die machen, an denen er diesen Charakter noch ausmacht.
So wie sich also das schlechte Gewissen der Ressentimentmoral als Krieg gegen die inneren Instinkte äussert, äussert sich das schlechte Gewissen des Ressentimentmenschen als Krieg gegen das Nicht-Selbst.

Zur Verachtung der Natur

Der Antisemit schließlich erkennt sich selbst, sein eigenes mimetisches – an Natur erinnerndes – Verhalten nur noch am anderen.

„Die von Zivilisation Geblendeten erfahren ihre eigenen tabuierten mimetischen Züge erst an manchen Gesten und Verhaltensweisen, die ihnen bei anderen begegnen, und als isolierte Reste, als beschämende Rudimente in der rationalisierten Umwelt auffallen.“¹⁰

Die Abscheu, die er auf den Juden richtet, ist also mittelbar eine Abscheu gegen Natur selbst. Das schlechte Gewissen, das seiner autoaggressiven Tendenzen überdrüssig ward, ohne aber zugleich im vornehmen Sinne tätig werden zu können, begibt sich auf die Jagd nach denjenigen, denen es die verhassten Züge der Leiblichkeit austreiben kann. Was noch am menschlichen Dasein an Natur erinnert, soll vernichtet werden – und kommt im Wunsch der Vernichtung letztlich doch wieder zu ihrem Recht:

„So gilt der Zivilisation Geruch als Schmach, als Zeichen niederer sozialer Schichten, minderer Rassen und unedler Tiere. Dem Zivilisierten ist Hingabe an solche Lust nur gestattet, wenn das Verbot durch Rationalisierung im Dienst wirklich oder scheinbar praktischer Zwecke suspendiert wird. Man darf dem verpönten Trieb frönen, wenn außer Zweifel steht, daß es seiner Ausrottung gilt. Das ist die Erscheinung des Spaßes oder des Ulks. Er ist die elende Parodie der Erfüllung. Als verachtete, sich selbst verachtende, wird die mimetische Funktion hämisch genossen. Wer Gerüche wittert, um sie zu tilgen, „schlechte“ Gerüche, darf das Schnuppern nach Herzenslust nachahmen, das am Geruch seine unrationalisierte Freude hat. Indem der Zivilisierte die versagte Regung durch seine unbedingte Identifikation mit der versagenden Instanz desinfiziert, wird sie durchgelassen. „¹¹

Der Widerwille, selbst Teil zu haben am Schmutz, als der das Leben identifiziert wird, bei gleichzeitigem Fortbestehen des Lebenswillens – der vermittelten Selbstbejahung durch die Verneinung des anderen – wird rationalisiert dadurch, dass in diesem Schmutz nur gewühlt wird, um ihn zu tilgen. Nietzsches These, dass die Werkzeuge der Ressentimentsmoral, die aus dem Raubtier Mensch ein zahmes Haustier heranzüchten sollten, das nun mit seinen “reaktionären Trieben jegliche vornehmen Geschlechter zu Schanden mache, als die eigentlichen Werkzeuge der Cultur schlechthin zu betrachten” seien, kehrt bei Adorno und Horkheimer wieder als das Wort, wonach die Zivilisation derjenige Sieg der Gesellschaft über Natur sei, der alles in Natur verwandle. Wenngleich Nietzsche diesen Umschlag zurück in bloße Natur noch nicht vollständig antizipiert, so ist er dennoch vorgezeichnet in der Einsicht, dass es sich bei den Menschen des Ressentiments und somit den Verteidigern der “Gerechtigkeit” um „Kellerthiere voller Rache und Hass“ handle. Der Triumpf der Gerechtigkeit, den sie dem Walten der Natur entgegenhalten, ist nichts als ihr eigener im Augenblick des Pogroms.

Ursprung des Ressentiments

Das Ressentiment kommt allerdings nicht aus dem luftleeren Raum. Die Charakterstruktur, die es hervorbringt, trägt einige Voraussetzungen. Erst das Gefühl der „Ohnmacht“ gegenüber dem übermächtigen Feind ist es, der das Ressentiment zur Blüte treibt respektive psychologisch überhaupt erst notwendig macht.

„Die priesterlich-vornehme Werthungs-Weise hat – Wir sahen es – andere Voraussetzungen: schlimm genug für sie, wenn es sich um Krieg handelt! Die Priester sind, wie bekannt, die bösesten Feinde – weshalb doch? weil sie die ohnmächtigsten sind. Aus der Ohnmacht wächst bei ihnen der Hass in’s Ungeheure und Unheimliche, in’s Geistigste und Giftigste.“¹²

Die Unfähigkeit, auf dem Gebiet der Kraft sich mit den „Starken“ zu messen, wird bei Nietzsche zur Triebfeder des Ressentiments. Der solcherart gehemmte Wille zur Macht behauptet sich, indem er sich an einer imaginären Rache schadlos hält. Da ihnen die Handlung verstellt bleibt, suchen sie die intellektuellen Schlupfwinkel auf und vollziehen eine Umwertung der Werte. Was ihnen gegenübersteht, weil es ihnen überlegen ist, soll grade deshalb erst unterlegen sein. Nietzsche beschreibt die Moral des Ressentiments – die er historisch bei den Juden verortet – wie folgt:

„Die Elenden sind allein die Guten, die Armen, Entbehrenden, Kranken, Hässlichen sind auch die einzig Frommen, die einzig Gottseligen, für sie allein giebt es Seligkeit, — dagegen ihr, ihr Vornehmen und Gewaltigen, ihr seid in alle Ewigkeit die Bösen, die Grausamen, die Lüsternen, die Unersättlichen, die Gottlosen, ihr werdet auch ewig die Unseligen, Verfluchten und Verdammten sein!“¹³

Aus der Ohnmacht heraus schafft sich so – zunächst „imaginär“ – eine Machtposition. Indem der Gegner moralisch denunziert wird, gelingt es, sich eine Stellung zu schaffen, aus der heraus die eigene Schwäche verleugnet werden kann und schlussendlich sogar als Stärke erscheint. Gegen alles was „herrscht und herrschen will“ entwickelt sich ein Unwille, den Nietzsche mit „Misarchismus“ benennt. Dieser durchdringt die gesamte Ressentimentsmoral und die auf ihr aufbauende Kultur und Zivilisation und schickt sich dadurch an, den Begriff und die Sache „souveräner Aktivität“ – also derjenigen spontanen Aktivität, die das Individuum aus sich selbst heraus, jenseits der Reaktivität handeln lässt – zunächst schlicht zu verteufeln, später aber aktiv anzugreifen.

“Konformistische Revolte”

Zwar findet hier tatsächlich eine leichte Akzentverschiebung des antisemitischen Ressentiments im Gegensatz zum Ressentiment schlechthin statt, die grundsätzliche Form bleibt aber gewahrt.

„Der Antisemitismus als Volksbewegung war stets, was seine Anstifter den Sozialdemokraten vorzuwerfen liebten: Gleichmacherei. Denen, die keine Befehlsgewalt haben, soll es ebenso schlecht gehen wie dem Volk. „¹⁴

Der Hass auf diejenigen, bei denen noch irgendein Privileg ausgemacht wird, erfolgt hier also just aus dem Grund ihrer tatsächlichen Hilflosigkeit und Abgeschnittenheit von den Mitteln der Macht. Die Machtlosigkeit der massenhaft Vereinzelten, den Schwachen der demokratischen Gesellschaft also, sucht sich ihre Bewegungsfähigkeit zurückzuerobern dadurch, dass sie auf die Verfolgung verfallen. Der Wille zur Macht, der weder befähigt ist, sich in Form des schlechten Gewissens nach innen oder in Form des Angriffs auf die Mächtigen nach außen zu richten, erhascht nur noch die Juden. Im Griff nach ihnen erhofft er sich vom Kollektiv – in Nietzsches Sinne eher: Den Mächtigen – unsanktionierte Befriedigung.
Oder,um mit den Elementen des Antisemitismus zu sprechen:

„Die antisemitische Verhaltensweise wird in den Situationen ausgelöst, in denen verblendete, der Subjektivität beraubte Menschen als Subjekte losgelassen werden.[…] Der Antisemitismus ist ein eingeschliffenes Schema, ja ein Ritual der Zivilisation, und die Pogrome sind die wahren Ritualmorde. In ihnen wird die Ohnmacht dessen demonstriert, was ihnen Einhalt gebieten könnte, der Besinnung, des Bedeutens, schließlich der Wahrheit. Im läppischen Zeitvertreib des Totschlags wird das sture Leben bestätigt, in das man sich schickt.“¹⁵

Der Antisemitismus bietet dadurch die Möglichkeit, den aufgestauten Hass, der sich aus der passiven Stellung der Subjekte ergibt, gesammelt zu entladen. Die Unfähigkeit, ihre eigene Situation irgend ändern zu können, entlädt sich im umso giftigeren Hass auf jene, denen man zuschreibt noch handeln zu können. Die Geschäftigkeit, die die Antisemiten für die Verfolgung der Juden aufbringen, ist nichts weiter als das Eingeständnis ihrer wirklichen Machtlosigkeit.

Vorurteil und Ressentiment

Das Ressentiment stellt also kein “Urteil” im eigentlichen Sinne dar. Eher zu beschreiben wäre es als “Mindset”, also als psychologische Disposition, die in der Charakterstruktur verankert ist. Sämtliche Momente dieser Disposition ergänzen sich gegenseitig und bedingen einander.
Die Hilflosigkeit des Subjekts, die scheinbare Ausweglosigkeit seiner Lage, bringt das Subjekt dazu, einen Feind zu erschaffen, an dem es eine imaginäre Rache vollziehen kann. Die Distinktion von diesem Feind erfolgt durch absolute Negation: Er stellt die Gegenfolie zum eigenen Selbst dar. Damit er diese allerdings darstellen kann, muss eine Projektion sämtlicher Teile dieses Selbst, die man nicht zulassen will auf den Feind stattfinden.
Zwar stellt der Antisemitismus eine spezifische Form des Ressentiments dar, weshalb weitere Spezifika von Nöten sind, um ihn vom “Ressentiment an sich” zu unterscheiden, allerdings besitzt er zugleich sämtliche grundlegenden Eigenschaften des Ressentiments.. Es scheint also berechtigt zu sein, davon zu sprechen, dass der Antisemitismus im Mindesten eine Form des Ressentiments darstelle. Dies würde allerdings implizieren, dass die Basis des Antisemitismus eben nicht von Vorurteilen gestellt wird, sondern von der kategorischen Feinderklärung. Wenn der Jude wirklich die Negativfolie darstellt, anhand derer sich das antisemitische Individuum erst selbst erfährt, ist alles was der als Jude identifizierte tut per definition falsch und sämtliche Urteile, die über seine Handlungen getroffen werden, bestenfalls Rationalisierungen der ohnehin vorhandenen Abneigung. Auch wenn Adorno und Horkheimer selbst mit einiger Konsequenz vom “antisemitischen Vorurteil” sprechen, bleibt auch bei ihnen unzweifelhaft, dass es sich dabei nicht um ein durch Empirie revidierbares Urteil handelt, sondern dasselbe ein “Symptom ist, das eine “ökonomische” Funktion in der Psyche des Subjekts erfüllt”. ¹⁶
Geht man damit überein, dass Antisemitismus und Ressentiment eine auffällige Strukturverwandtschaft aufweisen, so wäre es also angebracht, weniger den spezifischen Inhalt der Vorurteile, als vielmehr die Funktion zu untersuchen, die sie im seelischen Haushalt des Individuums erfüllen. Nur dort, wo die Struktur der Vorurteile dazu befähigt ist, eine geschlossene Welterklärung abzuliefern, in der sich das Subjekt zumindest einen Raum “imaginärer Rache” eröffnet und sich daraus (scheinhafte) Lösungen für die Probleme seines Lebens erschließt, könnte vom antisemitischen Ressentiment gesprochen werden. Es versteht sich von selbst, dass nicht sämtliche Vorurteile – nicht einmal sämtliche diskriminierenden Vorurteile – geeignet sind dafür, diese Position einzunehmen. Für eine umfassende Verwendung des Ressentimentbegriffs im Rahmen der Soziologie müsste zwar noch geklärt werden, inwieweit die Nietzscheianische Kategorie des “Willens zur Macht”, die zur Erklärung des Ressentiments bei Nietzsche unabdingbar ist, durch eine psychologische Kategorie ersetzt werden kann, was allerdings kein Problem ist, das sich durch die vielfältigen Vorteile einer Aktualisierung des Ressentimentbegriffes nicht aufwiegen ließe. Eine solche würde es beispielsweise erlauben zu erklären, weshalb sich das antisemitische Vorurteil, ist es erst einmal eingedrungen, stetig verstärkt und auch durch Erfahrung nicht korrigierbar ist.
Im Sinne einer zeitgenössischen Antisemitismusforschung, die ihren Gegenstand ernst nimmt, müsste also das von Nietzsche beschriebene Ressentiment als Grundlage für eine Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus geprüft werden.

¹ Peter Pütz, in: Nietzsche Studien 4, 1974, De Gruyter, Berlin
² Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse/ Zur Genealogie der Moral, DTV, München,
2009, Seite 274
³ Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse/ Zur Genealogie der Moral, DTV, München,
2009, Seite 274
⁴ Adorno/Horkheimer – Dialektik der Aufklärung, Fischer, Frankfurt am Main, 2009, S. 177
⁵ Adorno/Horkheimer – Dialektik der Aufklärung, Fischer, Frankfurt am Main, 2009, S. 196
⁶ Adorno/Horkheimer – Dialektik der Aufklärung, Fischer, Frankfurt am Main, 2009, S. 199
⁷ Adorno/Horkheimer – Dialektik der Aufklärung, Fischer, Frankfurt am Main, 2009, S. 201
⁸ Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse/ Zur Genealogie der Moral, DTV, München,
2009, Seite 302)
⁹ Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse/ Zur Genealogie der Moral, DTV, München,
2009, Seite 312
¹⁰ Adorno/Horkheimer – Dialektik der Aufklärung, Fischer, Frankfurt am Main, 2009, S. 190
¹¹ Adorno/Horkheimer – Dialektik der Aufklärung, Fischer, Frankfurt am Main, 2009, S. 193
¹² Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse/ Zur Genealogie der Moral, DTV, München,
2009, Seite 267
¹³ Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse/ Zur Genealogie der Moral, DTV, München,
2009, Seite 267
¹⁴ Adorno/Horkheimer – Dialektik der Aufklärung, Fischer, Frankfurt am Main, 2009, S. 179
¹⁵ Adorno/Horkheimer – Dialektik der Aufklärung, Fischer, Frankfurt am Main, 2009, S. 180
¹⁶ Theodor W. Adorno – Studien zum autoritären Charakter, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2005, S. 135

Zum Weltfrauentag.

Emmeline Pankhurst.

“Eines Tages … wird das Mädchen da sein und die Frau, deren Name nicht mehr nur einen Gegensatz zum Männlichen bedeuten wird, sondern etwas für sich, etwas, wobei man an keine Ergänzung und Grenze denkt, nur an Leben und Dasein –: der weibliche Mensch. Dieser Fortschritt wird das Liebe-Erleben, das jetzt voller Irrung ist, von Grund auf ändern, zu einer Beziehung umbilden, die von Mensch zu Mensch gemeint ist, nicht mehr von Mann zu Weib. Und diese menschlichere Liebe wird jener ähneln, die wir ringend und mühsam vorbereiten, der Liebe, die darin besteht, daß zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen.”

Rainer Maria Rilke, zitiert nach Christel Dormagen. ()

Es gibt ein altes Wort von Engels, dem zufolge der Grad der Befreiung der Frauen den genauen Index liefere für den Fortschritt einer Gesellschaft – im Maßstab der Weltgesellschaft liegt, mag sich der Weltfrauentag auch zum einhundertsten Male jähren, viel zuvieles im Argen, nicht zuletzt der Zustand der feministischen Bewegung. Wie die Lage der Frauen den Zustand der Gesellschaften widerspiegelt, so lässt sich am Feminismus das Maß an Aufklärungsverrat aufs Mikron ablesen, zu dem die Linke – einst zur Errichtung der staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft angetreten – fähig und willens ist. Die Peitsche, die man laut Nietzsche nicht zu vergessen habe, wenn man zum Weibe geht, hat man nun selber in die Hand genommen, allzufalsch den Satz von Adorno gelesen, dass das Weib schon selbst Effekt der Peitsche sei. „Befreiung der Natur wäre es, ihre Selbstsetzung abzuschaffen“, heißt es in dem kleinen Aphorismus in der Minima Moralia – stattdessen entschloss man sich, mit Butler und Derrida der Natur selbst an den Kragen zu wollen und den „Tod des Subjekts“ freudig zu antizipieren, gar voranzutreiben. Nicht, dass man dem weiblichen Charakter etwas abgewinnen könnte, was es zu erhalten gälte – wie auch dem männlichen sind ihm die Spuren eingeschrieben, mit denen die Einrichtung der Welt noch jedes Subjekt marterte. Nicht aus Sympathie mit denjenigen, die es sich als „Frauen“ und „Männer“ ganz pässlich einrichten und ihr trauriges Los noch affirmieren, ist es darum zu tun, den „Postfeminist_Innen“ in den Arm zu fallen und sie von ihrer „Dekonstruktion“ noch des sexuellen Begehrens abzuhalten – vielmehr aus dem dezidierten Unwillen daran, die Zurichtung noch weiterzutreiben, als sie ohnehin schon gediehen ist und der alten bürgerlichen Tugend zu folgen, den Feind im Inneren suchen zu lassen.

Auch nicht ist es darum zu tun, denjenigen die Freude an der Travestie zu nehmen, die in ihr Lust und Begehren finden – einzig darum jenen, die darin die neueste Form der politischen Praxis zu erkennen meinen, zu zeigen, weshalb genau diese verstellt ist und bleibt. Wenn sich morgen also die Antisexisten vom Dienst aufmachen, die Frauen zu schelten, weil sie ihre politische Praxis als Frauen suchen statt als „dekonstruierte“ Körper, dann ist unsere Solidarität bei jenen, die – selbst wenn sie sonst nichts wissen sollten – noch wissen wie der Effekt der Peitsche schmeckt und ihrer längst müde sind: Mit jenen also, die sich aus höchst persönlichen Gründen und Motiven der Lebenslust und des Genusses dazu entschließen, den Männern gleich welcher Couleur – ob deutsch, islamisch oder anderweitig ekelhaft – zu erklären, dass sie keine Form der Unterdrückung mehr dulden werden und gern bereit sind später einmal und auf Augenhöhe mit ihnen gemeinsam den Kampf fortzusetzen. Uns ist es natürlich nicht bekannt – und wir halten es auch für fragwürdig – ob man nicht längst im Geiste Etienne Balibars die Idee einer Schwesternschaft unter allen Menschen längst auf den Kehrrichthaufen der Geschichte verbannt hat, aber wenn auch nur eine unter jenen ist, die morgen auf den Straßen sein werden, die noch der Auffassung ist, dass es die einzige Aufgabe sein kann und darf, endgültig dafür zu sorgen jeden Zustand abzuschaffen, in dem der Mensch ein geknechtetes, ein verächtliches, ein einsames Wesen ist, besitzt der Weltfrauentag noch eine Restberechtigung – um jenen Zustand vorzubereiten, in dem es einmal möglich sein wird, dass zwei Einsamkeiten einander grüßen und schützen.

„Hannah Arendt und die Räterepublik“ von Jonathan Weckerle

Der Text zum Vortrag steht nun zum Download bereit.