Zum Weltfrauentag.

Emmeline Pankhurst.

“Eines Tages … wird das Mädchen da sein und die Frau, deren Name nicht mehr nur einen Gegensatz zum Männlichen bedeuten wird, sondern etwas für sich, etwas, wobei man an keine Ergänzung und Grenze denkt, nur an Leben und Dasein –: der weibliche Mensch. Dieser Fortschritt wird das Liebe-Erleben, das jetzt voller Irrung ist, von Grund auf ändern, zu einer Beziehung umbilden, die von Mensch zu Mensch gemeint ist, nicht mehr von Mann zu Weib. Und diese menschlichere Liebe wird jener ähneln, die wir ringend und mühsam vorbereiten, der Liebe, die darin besteht, daß zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen.”

Rainer Maria Rilke, zitiert nach Christel Dormagen. ()

Es gibt ein altes Wort von Engels, dem zufolge der Grad der Befreiung der Frauen den genauen Index liefere für den Fortschritt einer Gesellschaft – im Maßstab der Weltgesellschaft liegt, mag sich der Weltfrauentag auch zum einhundertsten Male jähren, viel zuvieles im Argen, nicht zuletzt der Zustand der feministischen Bewegung. Wie die Lage der Frauen den Zustand der Gesellschaften widerspiegelt, so lässt sich am Feminismus das Maß an Aufklärungsverrat aufs Mikron ablesen, zu dem die Linke – einst zur Errichtung der staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft angetreten – fähig und willens ist. Die Peitsche, die man laut Nietzsche nicht zu vergessen habe, wenn man zum Weibe geht, hat man nun selber in die Hand genommen, allzufalsch den Satz von Adorno gelesen, dass das Weib schon selbst Effekt der Peitsche sei. „Befreiung der Natur wäre es, ihre Selbstsetzung abzuschaffen“, heißt es in dem kleinen Aphorismus in der Minima Moralia – stattdessen entschloss man sich, mit Butler und Derrida der Natur selbst an den Kragen zu wollen und den „Tod des Subjekts“ freudig zu antizipieren, gar voranzutreiben. Nicht, dass man dem weiblichen Charakter etwas abgewinnen könnte, was es zu erhalten gälte – wie auch dem männlichen sind ihm die Spuren eingeschrieben, mit denen die Einrichtung der Welt noch jedes Subjekt marterte. Nicht aus Sympathie mit denjenigen, die es sich als „Frauen“ und „Männer“ ganz pässlich einrichten und ihr trauriges Los noch affirmieren, ist es darum zu tun, den „Postfeminist_Innen“ in den Arm zu fallen und sie von ihrer „Dekonstruktion“ noch des sexuellen Begehrens abzuhalten – vielmehr aus dem dezidierten Unwillen daran, die Zurichtung noch weiterzutreiben, als sie ohnehin schon gediehen ist und der alten bürgerlichen Tugend zu folgen, den Feind im Inneren suchen zu lassen.

Auch nicht ist es darum zu tun, denjenigen die Freude an der Travestie zu nehmen, die in ihr Lust und Begehren finden – einzig darum jenen, die darin die neueste Form der politischen Praxis zu erkennen meinen, zu zeigen, weshalb genau diese verstellt ist und bleibt. Wenn sich morgen also die Antisexisten vom Dienst aufmachen, die Frauen zu schelten, weil sie ihre politische Praxis als Frauen suchen statt als „dekonstruierte“ Körper, dann ist unsere Solidarität bei jenen, die – selbst wenn sie sonst nichts wissen sollten – noch wissen wie der Effekt der Peitsche schmeckt und ihrer längst müde sind: Mit jenen also, die sich aus höchst persönlichen Gründen und Motiven der Lebenslust und des Genusses dazu entschließen, den Männern gleich welcher Couleur – ob deutsch, islamisch oder anderweitig ekelhaft – zu erklären, dass sie keine Form der Unterdrückung mehr dulden werden und gern bereit sind später einmal und auf Augenhöhe mit ihnen gemeinsam den Kampf fortzusetzen. Uns ist es natürlich nicht bekannt – und wir halten es auch für fragwürdig – ob man nicht längst im Geiste Etienne Balibars die Idee einer Schwesternschaft unter allen Menschen längst auf den Kehrrichthaufen der Geschichte verbannt hat, aber wenn auch nur eine unter jenen ist, die morgen auf den Straßen sein werden, die noch der Auffassung ist, dass es die einzige Aufgabe sein kann und darf, endgültig dafür zu sorgen jeden Zustand abzuschaffen, in dem der Mensch ein geknechtetes, ein verächtliches, ein einsames Wesen ist, besitzt der Weltfrauentag noch eine Restberechtigung – um jenen Zustand vorzubereiten, in dem es einmal möglich sein wird, dass zwei Einsamkeiten einander grüßen und schützen.