Die Verräterinnen der Revolution

Bild der Teheraner Frauenrechtsdemonstration 1979. Quelle: http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/tehranbureau/legacyimg/2009/07/Iranian_Women_Demonstrating_Enforced_Hijab-1.jpg
Sie waren nicht die einzigen, die Schuld tragen: Die arabischen Männer, die die feministische Demonstration des 8. März 2011 in Kairo flankierten, die Frauen bespuckten, schlugen und begrapschten, bildeten einzig und alleine die Speerspitze und militante Fraktion derer, die sich entschlossen hatten, dass die Rolle der Frau explizit nichts in der Agenda der ägyptischen Revolution verloren habe und eine solche Zurschaustellung partikularer Interessen die Einheit der Bewegung gefährde.

In Anbetracht dessen, was sich dann auf dem Tahrir-Platz ereignete, kann letzteres durchaus als eine realistische Analyse der Dynamik der ägyptischen Revolution gelesen werden. In den Sprüchen und Parolen, die der Mob den Feministinnen entgegnete, kam die Programmatik dessen, wofür man demonstriert hatte und zu demonstrieren gedachte, zum Ausdruck. Als Farida, der Redakteurin eines örtlichen Radios, gesagt wurde, dass die größte Nähe, die sie je zur Präsidentschaft erreichen könnte es sei, einen Präsidenten zu gebären, wurde damit eben jener Grundpfeiler der Umsturzbewegung offenbar. Zwar ist nicht unmittelbar ersichtig, für wieviele Ägypter und Ägypterinnen man hier sprach, allerdings weisen einige Indizien darauf hin, dass es sich nicht um eine Minderheitenposition handelt.

So waren es trotz der breiten Mobilisierung nur einige hundert Feministinnen, die sich letztlich auf dem Tahrirplatz versammelten, um den internationalen Frauenkampftag zu begehen. Dies lag allerdings weniger daran, dass sämtliche revolutionäre Energie der letzten Wochen spurlos verschwunden wäre, als vielmehr an einem gezielten Boykott anderer Akteure der ägyptischen Zivilgesellschaft gegen die Frauenrechtlerinnen. Unter der bereits erwähnten Ägide der Angst um die Einheit kündigte man gemeinschaftlich jegliche Solidarität mit den Interessen und Forderungen der Frauen auf, um dann in der Folge die gewaltsame Zerschlagung der Demonstration kollektiv zu beschweigen und zu begaffen. Als Ahmad Awadalla versucht den Frauen zu Hilfe zu eilen, wird er von anderen Männern zur Seite genommen und ihm ins Gewissen geredet:

„Why are you defending women? Are you queer?

Diese Ereignisse deuten darauf hin, dass den Revolutionaeren keinesfalls um eine Befreiung der Individuen vorschwebte, als sie auf die Strasse gingen, um den „Volksverräter“ Mubarak zu stürzen. Die Forderung von Frauen nach Selbstbestimmung und rechtlicher Gleichstellung steht nicht zur Debatte. Dies ist allerdings wenig verwunderlich, da kaum jemand in Ägypten je daran gedacht hat, Frauen hätten überhaupt ein Recht auf ihren eigenen Körper. Genitalverstümmelung ist so weit verbreitet, dass immer noch 95% der ägyptischen Frauen ihr zum Opfer fallen. Laut einer Studie des Egypt Center for Womens Rights denkt kaum eine Ägypterin daran, dass sie ein Recht auf Bewegungsfreiheit und persönliche Sicherheit habe. In einem solchen Klima nimmt es nicht Wunder, das sexuelle Übergriffe auf Frauen in Ägypten mehr noch als hierzulande weiblichen Alltag darstellen.

Die Vorfaelle um den “Million March”, lassen diese Übergriffe als politische Praxis erkennbar werden, die ihren Vollziehern als solche gar nicht erst ins Bewusstsein tritt. Der Status der Frau als Objekt gilt als natürliche Tatsache, deren Missachtung Verfall und Dekadenz entspricht. Die Revolutionäre treten als Kollektiv gegen die Fremdherrschaft auf, in dem jede Forderung nach individueller Freiheit (und auf nichts anderes zielt die feministische Bewegung unter den Bedingungen des Patriarchats) nur störend wirken kann.

Es wurde in den vergangenen Wochen wiederholt – und insbesondere von Seiten der Iransolidarität – darauf hingewiesen, dass nicht zu vergessen sei, dass die Aufstände keineswegs erst in Tunesien begonnen haben, sondern bereits eineinhalb Jahre zuvor im Iran. Obwohl es noch wesentlich zu früh für abschließende Analysen der Situation ist, die sich nach wie vor in einem stetigen Wandel befindet, weist die Art der Empörung auf einen entscheidenden Unterschied der Bewegungen hin, der – zur Gänze entfaltet – in eine Richtung weisen könnte, die die iranische Revolution regelrecht auf den Kopf stellt. War jene noch von Gerhard Scheit als möglicher Aufstand der Privatheit wider die konsequente Unterwanderung des Lebens durch den Willen Allahs und seiner weltlichen Stellvertreter verstanden worden, der gleichwohl permanent in der Gefahr schwebte, sich über die Hintertür des Antisemitismus ins System zu reintegrieren, stellt sich in Anbetracht der männlichen Rancune und des offensichtlichen Desinteresses großer Teile der weiblichen Bevölkerung die Frage, wie weit die seinerzeit als konstitutives Element der Proteste verstandene Privatheit in den aktuellen Protesten je eine Rolle spielte. Weit mehr als nur eine Aussprache wider einen weiblichen Präsidenten war die Position, die Farida entgegengebracht wurde eine Aussage zur Rolle der Frau und des Politischen generell, insofern explizit die Gebärfähigkeit nicht nur als Politikum, sondern gleichzeitig als der politische Akt schlechthin verstanden wird, der Frauen offen steht. Dieser Position nach agiert die Frau gerade nicht als das autonome Individuum, das der liberalistischen Ideologie des Westens zugrundeliegt, sondern vielmehr exklusiv als Reproduzentin der Volksgemeinschaft. Der Skandal besteht nicht darin, dass ein einzelner Mann diese Position äussert: er besteht darin, dass es gerade einmal 400 bis 500 Menschen als nötig empfanden, sich eindeutig und unmissverständlich dafür auszusprechen, dass die Rolle der Frau in ihrer Revolution kein randständiges Thema ist, obwohl noch immer täglich Demonstrationen stattfinden, die bezeugen, dass die Aufbruchsstimmung nicht erloschen ist.

Wer die Ereignisse als einen unbedeutenden Nebenschauplatz verharmlost – und damit die Interpretation all derer aufgreift, die nicht zuletzt einen wesentlichen Beitrag dazu leisteten, dass die Ereignisse sich auf diese Art und Weise zutrugen, verkennt den zentralen Stellenwert, den die Politisierung der Geschlechtlichkeit für die Möglichkeit der Konsolidierung islamistischer Despotien trägt, wie Thomas Maul ausführlich in seinem Buch „Sex, Djihad und Despotie“ darlegte.

„Wie jede Volksgemeinschaft sieht sich die Umma von allem bedroht, was die Überwindung des Ich als Voraussetzung einer Verschmelzung zum prächtigen Wir verweigert. Daß der als universelle Möglichkeit und Idee im Westen entstandene Individualismus mal mit dem Westen, mal mit Homosexuellen, mal mit Juden identifiziert wird, ist eine Frage der jeweiligen Sprachregelung; die Opfer der Repressionen im Namen der Tugend eint durch die neuere islamische Zeit, daß ihnen jeglicher Anspruch auf individuelle (v.a., aber nicht ausschließlich, sexuelle) Selbstbestimmung versagt wird.“ [

Es ist vor diesem Hintergrund also ebenso wenig als Zufall oder als rationale Kritik, sondern vielmehr als politische Programmatik zu werten, dass denjenigen Frauen, die sich für sexuelle Selbstbestimmung einsetzen würden, schon im Vorfeld der Vorwurf angetragen wurde, sie schädigten die Bewegung – das ‚revolutionäre‘, ‚prächtige Wir‘ – , wie es kein Zufall ist, dass Ahmad Awadalla argwöhnisch als „queer“ betrachtet wird und alle gemeinsam als potentielle Agenten des Westens verstanden werden.

Dabei ist es in letzter Instanz unerheblich, ob sich die männlichen Gegendemonstranten explizit zum Koran bekennen, wie Mustafa Tarek, der als seine Motivation gegenüber „Ahram Online“ freimütig angibt, dass es nun einmal nach koranischem Gesetz nicht legitim sei, dass Frauen über Männer herrschen, oder ob die Emotionalität der ägyptischen Frauen als Rationalisierung dafür angegeben wird, dass sie von der Teilhabe an politischer Macht fernzuhalten seien, wie es ein anderer Aktivist namens Mahmoud Ahmad im selben Artikel bevorzugte. Die gemeinsame Basis besteht in der Haltung zur Gemeinschaft und zum Individuum, die jedes ausscheren als (potentiell fremdgesteuerten) Verrat am Volk brandmarkt und die selbst den Frauen des Tahrirplatzes nicht fremd ist, die in den Übergriffen wahlweise die Propaganda des alten Regimes oder gleich bezahlte Schläger am Werk sahen. Einmal mehr wird sich also eine Revolution daran messen lassen müssen, wie sehr sie für die Freiheit der „Discomietzen und Strichjungen des Finanzkapitals“ ( Jürgen Elsässer) eintritt. Die Forderung der Frauen umzusetzen, heißt auch und gerade, sie gegen das – nicht mit dem – „ägyptischen Volk“ zu verteidigen. Ob dies möglich ist wird der Lackmustest dafür sein, ob es im Nachhall des revolutionären Getöses mehr geben wird als einzusammelnde Scherben.