Redebeitrag auf der Kundgebung gegen die Palästinakonferenz in Wuppertal

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“ schrieb Heinrich Heine 1847. Reichlich egal war ihm dabei der sich konstituierende deutsche Staat und die Zukunft der Nation – was ihn um den Schlaf brachte war die Sorge um seine in Deutschland lebende Mutter, die er nicht sehen konnte. Wie seinerzeit Heine, sind auch wir heute herzlich wenig um das Wohlergehen Deutschlands besorgt. Dass Deuschland, ob in seinem staatsoffiziellem Gewand oder in Form seines „zivilgesellschaftlichen“ Auftritts, einem trotzdem den Schlaf versauen kann, wird an Tagen wie heute offenbar.
Wem der namenlose Ekel, den einen angesichts der Normalität hierzulande überfällt noch ein Rätsel sein sollte, der bekommt heute an der Wuppertaler Unihalle ein kostenfreies Lehrstück geboten:
Während sich dort gerade tausende Fatah- und Hamasfreunde aus aller Herren Länder mit einer zeitgemäßen Lösung der Judenfrage beschäftigen, formiert sich nicht etwa breiter linker Protest dagegen. Im Gegenteil sind es gerade Vertreter der „linken“ Parteipolitik, namentlich Inge Höger von der Linken und Arif Ünal von den Grünen, die sogar direkt an der Konferenz teilnehmen. Wer sich also erhofft, innerhalb der politischen Linken einen Funken gesellschaftlicher Restvernunft zu finden, irrt:
Während sich die restliche Politik immerhin um das Ansehen bei westlichen Staaten bemüht, obwohl sie es wie jüngst in Sachen Libyen praktisch doch eher mit Russland und China hält, verbrüdern sich die Linken immer offener mit antisemitischen Banden. Die Frontschweine der Ex-SED erweisen sich als echte Demokraten, wenn sie den deutschen Volkszorn gegen Israel endlich wieder zur Staatsraison erheben wollen. Exemplarisch dafür steht Höger, die nicht nur fest entschlossen zu sein scheint, sich auch bei der nächsten Gaza-Flotte auf dem Frauendeck zu sonnen, sondern in ihrer Freizeit auch gerne einmal laut darüber spekuliert ob der italienische Aktivist Vittorio Arrigoni, der von islamistischen Mordbanden getötet wurde, nicht in Wirklichkeit einer israelischen Verschwörung zum Opfer gefallen sei. Während der Schulterschluss weiter Teile der Linken mit Islamisten insofern nicht überrascht, als dass der gemeinsamer Nenner beider (die Feindschaft zum Staat Israel) lang bekannt ist, mag die Tatsache, dass sich nur eine Handvoll Antifaschisten zum Protest einfand, ernüchternd wirken.
Die meisten gehen nämlich lieber zu dem gleichzeitig stattfindenden Aufmarsch des rechtspopulistischen Bündnis „Pro-Deutschland“ in Köln, dem man wieder die geballte Macht der anständigen Deutschen entgegenschmettern wird. Denn seitdem die Berufsdeutschen von rechts keine Asylantenheime mehr abfackeln, sondern zu mehr als fremdenfeindlichen Spaziergängen nicht mehr in der Lage sind, kann man als Antifaschist endlich in Ruhe und mit Unterstützung der Mehrheitsgesellschaft den Widerstand proben und sich die Israelsolidarität im besten Fall an die Arschtasche pinnen.
Wer sich nun allerdings zu beruhigen versucht, indem er sich einredet, das Fraternisieren linker Kräfte mit islamistischen Antisemiten und die Fixierung auf öffentlichkeitswirksame Sitzblockaden gegen rassistische Rentner sei nur ein Beleg für die alte Gleichung, rinks und lechts seien kaum zu unterscheiden, täuscht sich sträflich über die „Mitte der Gesellschaft“ hinweg. Die Feindschaft gegen Israel bleibt ein gesamtdeutsches Phänomen.
Dass der Bürgermeister von Wuppertal zwar einerseits gewillt ist, Veranstaltungen und Ausstellungen, die Polizeigewalt in Deutschland thematisieren, zu verbieten, aber einer Großveranstaltung der antisemitischen Internationalen selbstverständlich eine Plattform bietet, stellt da nur die Spitze des Eisbergs dar.
So sind Geschäfte deutscher Firmen mit dem iranischen Staat, der nach wie vor trotz Sanktionen fleißig an der Atombombe arbeitet, die durch ihre blosse Existenz die Bevölkerung Israels dezimieren würde, im Normalfall erst dann zu unterbinden, wenn internationaler Druck aufgebaut wird. Zudem befindet sich nach wie vor eine der Hauptfinanzquellen des iranischen Regimes, die europäisch-iranische Handelsbank, recht ungestört von der deutschen Politik in Hamburg.
Selbst der offen vollzogene Flirt mit den Feinden des jüdischen Staates ist in der deutschen Politik ebenso gerne gesehen wie in der deutschen Öffentlichkeit, solange man das PR-Spektakel noch irgendwie als „kritischen Dialog“ verkaufen kann. Dies umfasst nicht nur den Iran, dessen engster Verbündeter im Westen nach wie vor Deutschland ist, sondern zudem natürlich die unlängst wiedergewonnene Schwesterpartei der Hamas, Fatah, mit ihrem Führer Mahmud Abbas sich Angela Merkel erst am Donnerstag in Berlin ablichten ließ. Dass nur absolute Realitätsverweigerer sich von dieser Zweckehe eine Mäßigung der Hamas erhoffen, bemühten sich beide Fraktionen dann auch postwendend zu beweisen. Sowohl die Al-Aqsa Märtyrerbrigaden der Fatah als auch die Hamas drückten ihre Trauer über das Ableben von Osama bin-Laden aus und würdigten ihn posthum für sein Lebenswerk als „heiligen arabischen Gotteskrieger“.
Auch in dieser Hinsicht steht der ideelle Gesamtdeutsche den zeitgemässen Antisemiten näher, als man glauben möchte. Nachdem ein Kommando von Navy-SEALs den grossen alten Mann des Islamfaschismus nach 10 Jahren endlich um die Ecke brachte, reagierten die Deutschen empört bis erschüttert. Die Völkerrechtsfreunde der SZ, FR, taz und Zeit waren sich mit der jungen Welt in der Sache einig: Der wahre Terrorist sind die USA! Trotz aller spontanen Liebe zum Antibush; wenn Barack Obama als amerikanischer Präsident auftritt, der sich im Interesse seiner Nation schon mal über völkerrechtliche Konventionen hinwegsetzt um einen Massenmörder zur Strecke zu bringen, identifiziert sich der Deutsche doch lieber mit dem Mann, der den Krieg gegen den Westen losgetreten hat, zu dem man immer noch nicht recht gehören möchte.
Man könnte an dieser Stelle, nachdem man nun recht deutlich sieht, dass weder von den Linken noch der Mitte irgendeine Sympathie oder gar Solidarität mit dem jüdischen Staat zu erwarten ist, einige Worte zur deutschen Rechten verlieren, deren Positionen zur Judenfrage allerdings auch schon bekannt sind – bis vor wenigen Tagen ließen sie sich unter anderem auf der Homepage des Duisburger Ortsverbandes der Linken en detail nachlesen. Kurzum: Egal welches Spektrum der politischen Landschaft man sich betrachtet, man fühlt sich an einen der Briefe Tucholskys erinnert, der vor fast 100 Jahren einem Freund folgende Zeilen schrieb:
„Du glaubst nicht, wie das Land von außen aussieht: ein Haufen neurasthenischer Irrer, die samt und sonders, jeder für sich, unrecht haben.“ Wer nach dem er diesen Schritt zurück getan hat und das Land von Außen betrachtet hat immernoch der Überzeugung bleibt, der Kampf gegen Antisemitismus sei mit pro-deutschen Parloen vereinbar, täuscht sich entweder selbst, oder missbraucht die Israelsolidarität als Feigenblatt für antimuslimischen Rassismus.
Es stellt sich die Frage: Warum dann überhaupt die Zeit damit verschwenden, hier noch zu reden? Die Antwort ist einfach. Die Relevanz dieses Zusammenkommen erstreckt sich weit über Deutschland hinaus. Dies zeigt sich auch an der Teilnahme eines ägyptischen Präsidentschaftskandidaten und eines tunesischen Geistlichen, die als Repräsentanten der nordafrikanischen Konterrevolution auftreten werden. Da die Befreiung der Menschen in Ägypten, Tunesien, Iran und anderen Ländern Nordafrikas von Diktatur und Bandenherrschaft hin zu einer bürgerlich verfassten Demokratie nur mit der Bekämpfung von irrationalen Welterklärungen, wie die Verschwörungstheoretiker der Hamas oder ihre deutschen Freunde sie verinnerlicht haben, einhergehen kann, ist jedes Schweigen zu den Versuchen, diese Bewegungen für islamistische Zwecke zu vereinnahmen auch eine Entsolidarisierung mit jenen, die in der arabischen Welt endlich für Aufklärung und Emanzipation eintreten und kämpfen. Um ein wie auch immer bescheidenes Zeichen der Solidarität an jene zu senden, die endlich weg wollen von „Kindermörder-Israel“ und „jüdischen Verschwörungen“ um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, darf nicht geschwiegen werden zum Bündnis der Deutschen mit denen, die die aufglimmende Freiheit ersticken wollen, noch bevor sie auch nur halb gewonnen ist. Gegen die antisemitische Hetze trotz schlechtester Bedingungen anzureden, das heißt heute nicht nur, sich mit Israel zu solidarisieren, sondern zudem einen Beitrag dazu zu leisten, dass das Elend der arabischen Welt sich nicht um ein weiteres Jahrhundert verlängert.


3 Antworten auf “Redebeitrag auf der Kundgebung gegen die Palästinakonferenz in Wuppertal”


  1. 1 w00t 14. Juni 2011 um 9:02 Uhr

    Was?? Es formiert sich kein linker Protest gegen soetwas? Nein?! Nicht im Ernst?! Am Ende erzählt mir jetzt noch dass die Linkspartei scheiße ist… ach so, okay.

  2. 2 anti 14. Juni 2011 um 9:09 Uhr

    Du wirst lachen, aber entgegen dem, was du offenkunding annimmst, weiß das tatsächlich noch nicht jeder. :)

  3. 3 fragend 08. Juli 2011 um 17:10 Uhr

    erschrekendes bild zum redebeitrag…, aber gibts dazu auch ne quelle? wann, wo aufgenommen würd mich interessieren.

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