Archiv für August 2012

Kalkulierte Kränkung – Zur Verleihung des Adornopreises an Judith Butler

Dass die Adorno-Preisverleihung an Judith Butler skandalös sei, wie von einigen Beobachtern behauptet wurde, ist einer ehrbaren Intention geschuldet, aber noch zu kurz gedacht: Zu verstehen wäre sie nur als verspätete Rache an einem, dem nun endlich und ein für allemal die Replik versagt bleibt. Schon die Begründung der Entscheidung legt das nahe:

“Als Vordenkerin eines neuen Verständnisses von Kategorien wie Geschlecht und Subjekt, aber auch der Moral, ist sie immer dem Paradigma der kritischen Autonomie verpflichtet. Spurenelemente von Butlers Theoriegebäude finden sich in den Werken der zeitgenössischen Literatur, dem Film, dem Theater und der Bildenden Kunst.”

Unweigerlich ähneln sich selbst die ernsthaftetesten Ehrungen des Kulturbetriebes der Werbung, das Spurenelement der kritischen Autonomie gerät zum Vitaminpräparat, mit dem die abgehalfterte Branche in Schwung gehalten werden soll. Das neue Verständnis, das nicht einmal mehr der Explikation bedarf, darf darin die Rolle der zu verhökernden Novelty spielen.

Die Verleihung des Adorno-Preises unter Angabe solcher Gründe leistet gleich zweierlei: Einerseits die Historisierung der Person Adorno als Genie der Stadt Frankfurt, andererseits die dezente Anmeldung von Einspruch gegen die Kritische Theorie: in Adornos eigenem Namen wird so der kritische Gehalt von Schriften wie “Kultur und Verwaltung” oder “Neues als Immergleiches” mit seinem Segen wieder einkassiert.

Fernab davon “Neue Verständnisse” von diesem oder jenem zu liefern, war in ihnen noch gegen ebenjene der Einwand nachzulesen: “Auch Lockerungen der Kulturkontrolle dürften ökonomisch zu begreifen sein. Man wirft den mit trostlosen Zuständen am Rande des Hungers unzufrieden und ihre Kritik artikulierenden Intellektuellen Brocken geistiger Freiheit als Ersatz zu; die geringste Lockerung profitiert von der grauen Folie, als verhieße sie Humanität.”

Adorno, den Intellektuellen, hassen die Intellektuellen dafür, dass er ihnen ihre Spielwiese madig macht und ihren neuesten Schrei als Ladenhüter denunziert. Und da er nicht auszutreiben ist, gemeindet man ihn ein. Als Kulturprodukt unter zahllosen, als Preis neben anderen im Regal und gegebenenfalls als Gedenkmünze neben Adenauer ist er weitaus wirksamer erledigt, als wenn man seine Schriften schlicht mit Verbot belegte. Den Nerv solchen Denkens spricht ungewollt Micha Brumlik aus, wenn er sich müht die Preisverleihung an Butler zu rechtfertigen:

“Wie keine anderer hat der Philosoph Theodor W. Adorno im restaurativen Deutschland die Lage des Denkens nach Auschwitz reflektiert, nur wenige taten es ihm gleich, wenn es galt, sich als öffentlicher Intellektueller mit dem Antisemitismus auseinanderzusetzen(…)
Wie keine andere auch hat die Philosophin Judith Butler in der atlantischen Welt die Lage des Denkens im Zeitalter des Neoliberalismus reflektiert; nur wenige tun es ihr gleich, wenn es gilt, sich als öffentliche Intellektuelle mit Sexismus, Homophobie und Rassismus auseinanderzusetzen.”

Die Art der Darstellung gibt zu verstehen, dass hier alles beim Alten bleibt und man es mit dem je spezifischen Inhalt des Denkens doch nicht gar zu eng sehen sollte. Es ist daher auch gar nicht so entscheidend, ob man zur negativen Dialektik greift oder zum Unbehagen der Geschlechter, ob Auschwitz oder Neoliberalismus die Reflexion bestimmen, die nahtlose Ersetzbarkeit einer Ware durch die Nächste wird zum höheren Ruhm, wenn die Ware Adorno heißt.

Nach Adorno, der sich noch in einem Brief an Celan zu Theodor Haeckers Wort „Alles offizielle sei Schmack“ bekannte, einen Preis zu benennen, ist unweigerlich dazu bestimmt, seinem Denken und Handeln zuwider zu sein. Weniger böser Wille als vielmehr unvermeidliches Schicksal des “Klassikers” widerfährt den Suhrkamp-Bänden diejenige Verdinglichung und Fetischisierung, gegen die ihr Inhalt heute noch anrennt.
Ist dies das Problem und Schicksal jeglicher Würdigung als “Kulturgut” und die Kränkung angesichts der Bekanntheit des Haeckerzitates je schon einkalkuliert, gewinnt der Preis durch die Verleihung an Butler jedoch eminent politischen Gehalt.

Butlers Verteidiger Brumlik macht für sie geltend, sie habe, wie Adorno schon vor ihr, Bewegungen inspiriert. Was er dabei verschweigt ist der Bruch, der zwischen Adorno und der Bewegung, die sich als ihm zugehörig empfand bestand und den Adorno in klarsten Worten problematisierte.
Dass heute den Wenigen, die gegen die Preisverleihung an eine Frau, die sich für den Boykott der Israelischen Universitäten und des israelischen Staates schlechthin einsetzt entgegengehalten wird, es handle sich um eine randständige Verwirrung und keineswegs um Antisemitismus, nicht zuletzt, da Butler auch selbst Jüdin sei, hat etwas von tragischer Komik, wenn man es durch die Folie des damaligen Bruches betrachtet.

Damals schrieb Adorno an seinen Freund, Kollegen und Rivalen Marcuse:
“Die Gefahr des Umschlags der Studentenbewegung in Faschismus nehme ich viel schwerer als du. Nachdem man in Frankfurt den israelischen Botschafter niedergebrüllt hat, hilft die Versicherung, das sei nicht aus Antisemitismus geschehn und das Aufgebot irgendeines israelischen APO-Mannes nicht das mindeste. Du müßtest nur einmal in die manisch erstarrten Augen derer sehen, die, womöglich unter Berufung auf uns selbst, ihre Wut gegen uns kehren.”

Dagegen gilt heute Butlers Antisemitismus als Marginalie, ihr Aufruf zum Boykott gegen den Judenstaat als nachsehbares Missgeschick bei Philosophieren, das allemal nicht schlimmerwiege als eine Auffassung zum Jazz, wodurch jeder Einspruch oder Empörung gegen die Entscheidung des Kuratoriums als unnötige Hysterie gekennzeichnet wird. In seinem Heft O notierte Adorno zu diesem Verhalten:

“Heute wird beschimpft, wer daran erinnert. Wenn in einer Landsmannschaft seiner sagt, das Fernsehen sei verjudet, so wird darüber hinweggegangen, wenn der Vorsitzende, wie man so sagt, sich distanziert, ohne daß dem Hintergrund der wahnwitzigen Äußerung nachgegangen wird. Wenn aber jemand von der Gefahr einer Rückkehr des Hitlerschen Geistes redet, die in so etwas sich anzeigt, ist der Teufel los. – Das ist untragbar und dagegen sich zu wehren wäre Sinn einer Woche der Brüderlichkeit. Wem die Wahrheit schadet.”

Konnte Adorno sich zu Lebzeiten noch davor retten, von denjenigen, die ihren Antisemitismus als Israelkritik vortrugen, gänzlich mit Beschlag belegt zu werden, ist die Verleihung des Adorno-Preises an Butler der verspätete Triumph jener Studenbewegung, der der Umschlag in den Faschismus vor allem deshalb nicht glückte, weil er gesellschaftlich in Deutschland gar nicht mehr notwendig war. Dass der Neuauflage des Judenboykottes nun im Namen dessen geehrt wird, der zeitlebens gegen den Antisemitismus anschrieb, ist Grabschändung dort, wo der theoretische Korpus schwerer wiegt als der Leib.

Insofern ist es nur folgerichtig, dass diejenigen Argumentationen, die sich für ein Festhalten an der Preisverleihung aussprachen, in letzter Instanz alle mündeten in eine blasse Entschuldigung verzeihlicher Fehltritte, ganz so, als stünden Butlers Theorie und ihre Praxis vollkommen dissoziiert nebeneinander. Lieber diskreditieren sie diejenige, die sie vorgeblich ehren wollen als töricht und inkohärent, als sich an die mühevolle Arbeit einer kritischen Auseinandersetzung mit ihrer Arbeit zu machen. Das wäre die zu leistende und ausstehende Arbeit: eine umfängliche und fundierte Kritik der Arbeiten Butlers zu erstellen, die den inneren Zusamenhang zwischen ihrem politischen Engagement dar- und bloßstellen. Dies, nicht die Opposition gegen die Preisverleihung, wäre die Aufgabe all jener, die unter ihrem Bekenntnis zur Kritischen Theorie mehr verstehen als Frankfurter Personenkult.