Kalkulierte Kränkung – Zur Verleihung des Adornopreises an Judith Butler

Dass die Adorno-Preisverleihung an Judith Butler skandalös sei, wie von einigen Beobachtern behauptet wurde, ist einer ehrbaren Intention geschuldet, aber noch zu kurz gedacht: Zu verstehen wäre sie nur als verspätete Rache an einem, dem nun endlich und ein für allemal die Replik versagt bleibt. Schon die Begründung der Entscheidung legt das nahe:

“Als Vordenkerin eines neuen Verständnisses von Kategorien wie Geschlecht und Subjekt, aber auch der Moral, ist sie immer dem Paradigma der kritischen Autonomie verpflichtet. Spurenelemente von Butlers Theoriegebäude finden sich in den Werken der zeitgenössischen Literatur, dem Film, dem Theater und der Bildenden Kunst.”

Unweigerlich ähneln sich selbst die ernsthaftetesten Ehrungen des Kulturbetriebes der Werbung, das Spurenelement der kritischen Autonomie gerät zum Vitaminpräparat, mit dem die abgehalfterte Branche in Schwung gehalten werden soll. Das neue Verständnis, das nicht einmal mehr der Explikation bedarf, darf darin die Rolle der zu verhökernden Novelty spielen.

Die Verleihung des Adorno-Preises unter Angabe solcher Gründe leistet gleich zweierlei: Einerseits die Historisierung der Person Adorno als Genie der Stadt Frankfurt, andererseits die dezente Anmeldung von Einspruch gegen die Kritische Theorie: in Adornos eigenem Namen wird so der kritische Gehalt von Schriften wie “Kultur und Verwaltung” oder “Neues als Immergleiches” mit seinem Segen wieder einkassiert.

Fernab davon “Neue Verständnisse” von diesem oder jenem zu liefern, war in ihnen noch gegen ebenjene der Einwand nachzulesen: “Auch Lockerungen der Kulturkontrolle dürften ökonomisch zu begreifen sein. Man wirft den mit trostlosen Zuständen am Rande des Hungers unzufrieden und ihre Kritik artikulierenden Intellektuellen Brocken geistiger Freiheit als Ersatz zu; die geringste Lockerung profitiert von der grauen Folie, als verhieße sie Humanität.”

Adorno, den Intellektuellen, hassen die Intellektuellen dafür, dass er ihnen ihre Spielwiese madig macht und ihren neuesten Schrei als Ladenhüter denunziert. Und da er nicht auszutreiben ist, gemeindet man ihn ein. Als Kulturprodukt unter zahllosen, als Preis neben anderen im Regal und gegebenenfalls als Gedenkmünze neben Adenauer ist er weitaus wirksamer erledigt, als wenn man seine Schriften schlicht mit Verbot belegte. Den Nerv solchen Denkens spricht ungewollt Micha Brumlik aus, wenn er sich müht die Preisverleihung an Butler zu rechtfertigen:

“Wie keine anderer hat der Philosoph Theodor W. Adorno im restaurativen Deutschland die Lage des Denkens nach Auschwitz reflektiert, nur wenige taten es ihm gleich, wenn es galt, sich als öffentlicher Intellektueller mit dem Antisemitismus auseinanderzusetzen(…)
Wie keine andere auch hat die Philosophin Judith Butler in der atlantischen Welt die Lage des Denkens im Zeitalter des Neoliberalismus reflektiert; nur wenige tun es ihr gleich, wenn es gilt, sich als öffentliche Intellektuelle mit Sexismus, Homophobie und Rassismus auseinanderzusetzen.”

Die Art der Darstellung gibt zu verstehen, dass hier alles beim Alten bleibt und man es mit dem je spezifischen Inhalt des Denkens doch nicht gar zu eng sehen sollte. Es ist daher auch gar nicht so entscheidend, ob man zur negativen Dialektik greift oder zum Unbehagen der Geschlechter, ob Auschwitz oder Neoliberalismus die Reflexion bestimmen, die nahtlose Ersetzbarkeit einer Ware durch die Nächste wird zum höheren Ruhm, wenn die Ware Adorno heißt.

Nach Adorno, der sich noch in einem Brief an Celan zu Theodor Haeckers Wort „Alles offizielle sei Schmack“ bekannte, einen Preis zu benennen, ist unweigerlich dazu bestimmt, seinem Denken und Handeln zuwider zu sein. Weniger böser Wille als vielmehr unvermeidliches Schicksal des “Klassikers” widerfährt den Suhrkamp-Bänden diejenige Verdinglichung und Fetischisierung, gegen die ihr Inhalt heute noch anrennt.
Ist dies das Problem und Schicksal jeglicher Würdigung als “Kulturgut” und die Kränkung angesichts der Bekanntheit des Haeckerzitates je schon einkalkuliert, gewinnt der Preis durch die Verleihung an Butler jedoch eminent politischen Gehalt.

Butlers Verteidiger Brumlik macht für sie geltend, sie habe, wie Adorno schon vor ihr, Bewegungen inspiriert. Was er dabei verschweigt ist der Bruch, der zwischen Adorno und der Bewegung, die sich als ihm zugehörig empfand bestand und den Adorno in klarsten Worten problematisierte.
Dass heute den Wenigen, die gegen die Preisverleihung an eine Frau, die sich für den Boykott der Israelischen Universitäten und des israelischen Staates schlechthin einsetzt entgegengehalten wird, es handle sich um eine randständige Verwirrung und keineswegs um Antisemitismus, nicht zuletzt, da Butler auch selbst Jüdin sei, hat etwas von tragischer Komik, wenn man es durch die Folie des damaligen Bruches betrachtet.

Damals schrieb Adorno an seinen Freund, Kollegen und Rivalen Marcuse:
“Die Gefahr des Umschlags der Studentenbewegung in Faschismus nehme ich viel schwerer als du. Nachdem man in Frankfurt den israelischen Botschafter niedergebrüllt hat, hilft die Versicherung, das sei nicht aus Antisemitismus geschehn und das Aufgebot irgendeines israelischen APO-Mannes nicht das mindeste. Du müßtest nur einmal in die manisch erstarrten Augen derer sehen, die, womöglich unter Berufung auf uns selbst, ihre Wut gegen uns kehren.”

Dagegen gilt heute Butlers Antisemitismus als Marginalie, ihr Aufruf zum Boykott gegen den Judenstaat als nachsehbares Missgeschick bei Philosophieren, das allemal nicht schlimmerwiege als eine Auffassung zum Jazz, wodurch jeder Einspruch oder Empörung gegen die Entscheidung des Kuratoriums als unnötige Hysterie gekennzeichnet wird. In seinem Heft O notierte Adorno zu diesem Verhalten:

“Heute wird beschimpft, wer daran erinnert. Wenn in einer Landsmannschaft seiner sagt, das Fernsehen sei verjudet, so wird darüber hinweggegangen, wenn der Vorsitzende, wie man so sagt, sich distanziert, ohne daß dem Hintergrund der wahnwitzigen Äußerung nachgegangen wird. Wenn aber jemand von der Gefahr einer Rückkehr des Hitlerschen Geistes redet, die in so etwas sich anzeigt, ist der Teufel los. – Das ist untragbar und dagegen sich zu wehren wäre Sinn einer Woche der Brüderlichkeit. Wem die Wahrheit schadet.”

Konnte Adorno sich zu Lebzeiten noch davor retten, von denjenigen, die ihren Antisemitismus als Israelkritik vortrugen, gänzlich mit Beschlag belegt zu werden, ist die Verleihung des Adorno-Preises an Butler der verspätete Triumph jener Studenbewegung, der der Umschlag in den Faschismus vor allem deshalb nicht glückte, weil er gesellschaftlich in Deutschland gar nicht mehr notwendig war. Dass der Neuauflage des Judenboykottes nun im Namen dessen geehrt wird, der zeitlebens gegen den Antisemitismus anschrieb, ist Grabschändung dort, wo der theoretische Korpus schwerer wiegt als der Leib.

Insofern ist es nur folgerichtig, dass diejenigen Argumentationen, die sich für ein Festhalten an der Preisverleihung aussprachen, in letzter Instanz alle mündeten in eine blasse Entschuldigung verzeihlicher Fehltritte, ganz so, als stünden Butlers Theorie und ihre Praxis vollkommen dissoziiert nebeneinander. Lieber diskreditieren sie diejenige, die sie vorgeblich ehren wollen als töricht und inkohärent, als sich an die mühevolle Arbeit einer kritischen Auseinandersetzung mit ihrer Arbeit zu machen. Das wäre die zu leistende und ausstehende Arbeit: eine umfängliche und fundierte Kritik der Arbeiten Butlers zu erstellen, die den inneren Zusamenhang zwischen ihrem politischen Engagement dar- und bloßstellen. Dies, nicht die Opposition gegen die Preisverleihung, wäre die Aufgabe all jener, die unter ihrem Bekenntnis zur Kritischen Theorie mehr verstehen als Frankfurter Personenkult.


17 Antworten auf “Kalkulierte Kränkung – Zur Verleihung des Adornopreises an Judith Butler”


  1. 1 Adornutler 09. August 2012 um 1:18 Uhr

    Wen meinen sie denn mit „Frankfurter Personenkult“? Beim letzten Absatz ist mir nicht so recht klar was da jeweils Subjekt und Objekt sind.

  2. 2 Dr. Uff 09. August 2012 um 9:20 Uhr

    fehlt da nicht ein verb?

    „Die Ehrung des Philosophen dadurch, nach ihm, der sich zu Theodor Haeckers Wort, alles Offizielle sei Schmach, einen Preis zu benennen, ist unweigerlich dazu bestimmt, seinem Denken und Handeln zuwider zu sein. “

    Was hat Adorno „sich zu Theodor Haeckers Wort“?

  3. 3 anti 09. August 2012 um 10:15 Uhr

    Wurde korrigiert. Lasst euch das eine Lehre sein, nicht spät abends noch irgendwelche Dinge auf den Blog zu stellen, ohne die korrigierte Version abzuwarten. Mea culpa. :) Aber danke für den Hinweis.

  4. 4 Udo 09. August 2012 um 12:38 Uhr

    Also diejenigen, „die sich für ein Festhalten an der Preisverleihung aussprachen“ „diskreditieren […] diejenige [Butler], die sie vorgeblich ehren wollen als töricht und inkohärent“. Übersetzt: M. Brumlik spricht sich klar für die Ehrung aus, diskreditiert sie aber als töricht und inkohärent.
    --
    „die Aufgabe all jener, die unter ihrem Bekenntnis zur Kritischen Theorie mehr verstehen als Frankfurter Personenkult.“ – Die sind wohl nur ein Singular und nennen sich Osten-Sacken, oder irre ich mich?

    Gruß
    Udo

  5. 5 anti 09. August 2012 um 14:46 Uhr

    Da irrst du dich tatsächlich. Ich weiß auch nicht ob Thomas Osten-Sackens Plädoyer (auf das freilich implizit insbesondere am Anfang Bezug genommen war) wirklich damit gemeint ist, präsenter waren bei der Abfassung der betreffenden Zeile diverse Debatten im Freundes und „Genossen“kreis – nicht zuletzt auch unsere eigene Gruppeninterne Debatte spielte dabei eine Rolle.

  6. 6 Antifa Stinkt 10. August 2012 um 8:38 Uhr

    Habt ihr eigentlich nix besseres zu tun als 10 Seiten Text über tote Menschen zu schreiben die mal einen Satz gesagt haben an dem ihr euch jetzt aufhängt? Ihr tut gerade so als ob Juden heutzutage noch die Opfer von irgendwas wären, DAS ist wirklich Antisemitismus, ihr stellt sie so hin als wären sie kleine Babys die IHR beschützen müsst und stuft sie dadurch auf ein niedrigeres Level als ihr selbst.

  7. 7 Ohne Titel 10. August 2012 um 14:15 Uhr

    Wo findet man denn eigentlich Adornos „Schrift“ „Neues als Immergleiches“?

  8. 8 anti 10. August 2012 um 15:07 Uhr

    Zitiert wurde nach den „Frankfurter Adorno Blättern“, ob sie schon in einer Buchausgabe vorliegt ist mir nicht bekannt. „Neues als Immergleiches“ müsste zu finden sein in: Theodor W. Adorno, “Graeculus (II). Notizen zu Philosophie und Gesellschaft 1943–1969”, in: Frankfurter Adorno Blätter, hrsg. v. Rolf Tiedemann, Heft VIII

  9. 9 Bea 16. August 2012 um 10:33 Uhr

    Das wäre die zu leistende und ausstehende Arbeit: eine umfängliche und fundierte Kritik der Arbeiten Butlers zu erstellen, die den inneren Zusamenhang zwischen ihrem politischen Engagement dar- und bloßstellen.

    An so einer Darstellung, die eben versucht Butlers politische Praxis aus ihrer Philosophie zu entwickeln, hat sich nun die Gruppe Morgenthau versucht:

    http://gruppemorgenthau.com/2012/08/08/never-mind-the-adorno-heres-the-judith-butler/

  10. 10 horst egon 18. August 2012 um 0:03 Uhr

    ähnliches geschwurbel wie bei der gruppe morgenthau. ich kann mir schöneres vorstellen als eine fundierte kritik der arbeiten butlers zu erstellen, z.B. auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen. ich bevorzuge den aufruf von stop the bomb, den versteht man auch ohne dreimonatigen austausch im lesekreis.

  11. 11 Anna 22. August 2012 um 18:45 Uhr

    Expertokratie schön und gut. Nur kann das ganze auch einfach ausgedrückt werden. Im Lande werden zunehmen Preise an Antizionisten verteilt, der absolute Höhepunkt ist diese Farce. Also einfach dagegensein um zu verhindern, das sich Antizionismus und Israelhass weiter ausbreiten. Soviel Brimborium machen, dass erstmal keine Antizionisten mehr geehrt werden. Ist doch gar net so schwer verständlich – oder?

  12. 12 xy 24. August 2012 um 19:40 Uhr

    ein „bekenntnis zur kritischen Theorie“ statt „Personenkult“? Was würde Teddy dazu sagen?

  13. 13 xy 24. August 2012 um 19:41 Uhr

    entschuldigung, das „Bekenntnis“ gilt selbstverständlich der „Kritischen Theorie“..mein Fehler!

  14. 14 anti 24. August 2012 um 20:05 Uhr

    Ich sehe nicht ganz das Problem. Seine Anhängerschaft zur Kritischen Theorie zu bekennen muss sich ja nun nicht notwendigerweise in diesem Bekenntnis erschöpfen – tatsächlich läge hierin sogar ein performativer Selbstwiderspruch. Ich weiß also nicht was „Teddy“ dazu sagen würde, interessanter wäre hier die Frage, welches Problem du darin siehst.

  15. 15 may 24. August 2012 um 22:56 Uhr

    hallo, irgendwie berlin verpennt, butler letztes jahr, kritik am csd, preis abgelehnt usw usf? viele haben auch dies als kritik oder bruch mit „ihrer bewegung“, der homosexuellenbewegung, verstanden.
    dazu kommen noch die vielen aufklärungsfreaks, die zwar immer ein bisschen komplexbeladen bis kastriert verärgert die queer theorie angeblögt haben, aber als verräterin des feminismus haben sie butler trotzdem gerne genannt, als diese auch mal fragen des rassismus beackerte.
    dann wären noch die philosemiten und zionsiten, mit denen butler nun bekanntlich auch gebrochen hat, wie ihr wohl mitbekommen habt.
    ganz so ungebrochen bewegungsnah war die gute judith also nie.
    und so riesen israel fan war adorno nun auch nicht, also macht euch mal locker in eurer merkel staatsräsonnahen zionismusfanzineschreibe für germanophile.

  16. 16 anti 25. August 2012 um 10:47 Uhr

    Thema verfehlt, Frau May, setzen, sechs.
    Weder war die Fragestellung unserer Polemik ob Butler bewegungsnah sei, noch ihre Haltung zum CSD, noch Ihre persönlichen Animositäten gegen vermeintliche Kastraten — ersparen Sie uns bitte in Zukunft ihr pubertäres Potenzgeprotze.
    Schlussendlich, mit Staatsraison hat unsere Position nun ganz und gar nichts zu tun, schließlich geht es hier nicht darum, Israel gönnerhaft ein Existenzrecht einzuräumen und schon dreimal nicht darum, dieses Recht auch noch an das Wohl und Wehe des eigenen Staates zu koppeln und damit von der politischen Konjunktur abhängig zu machen.
    Kurzum, an Ihrem delirierenden Gebrabbel ist so recht alles falsch, was man falsch machen kann.

  17. 17 jdm 05. September 2012 um 17:50 Uhr

    das ende des textes will aber nicht sagen, dass ihr NICHT gegen die preisverleihung an butler seid, oder?

    ich finde ihre nachträglichen äußerungen zur hamas und hizbollah-einordnung nachvollziehbar.

    inwiefern ihre unterstützung des boykotts antisemitisch ist, verstehe ich nicht. meine beschäftigung mit dem bds begrenzt sich aber auch aufs überfliegen von wiki. gibt es dazu einen einschlägigen link?

    personenkult hin oder her. butler ist eine anerkannte theoretikerin und diese leute kriegen preise. solange ich nicht sehe, inwiefern die frau eine falsche politik macht, sehe ich auch nicht, wieso sie den preis nicht bekommen sollte.

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