Archiv für Juni 2013

Doktor Seltsam oder wie Peter Sloterdijk lernte, die Medientheorie zu lieben

Guter Rat, halbwegs billig.

„Und wäre ich auf der ersten Spur geblieben, nie hätte ich einen zwingenden Anlass gesehen, der medidativen Provinz den Rücken zu kehren, in der ich mich aufhielt seit ich in Indien (…) die Luft anderer Planeten geatmet hatte. Ich hätte das Dasein als Hirtenspiel begriffen und mich am Hang des großen Feldbergs eingemietet(…)“

Das unscheinbare Vorwort über seine Vita und seine Werdung zum „öffentlichen Intellektuellen“ offenbart wie keine andere Stelle der Börnepreisrede Sloterdijks, was eigentlich damit gemeint ist, wenn er von seiner „Ethik der Zurückhaltung“ spricht.
Kaum ist das faschistoide Potential, das sich in ihr verbirgt, adäquat zu erfassen, wenn man von der uneingestandenen Frage absieht, die sich hinter dem jovialen Kommentar verbirgt und deren Ziel es ist, zu beantworten „warum wir nicht in der Provinz bleiben“. Dass Sloterdijks Vortrag davon lebt, auf zwei Ebenen zu operieren, ist dabei seiner inneren Logik geschuldet und zumindest, soviel muss man dem Großstadtheidegger anerkennen, einigermaßen folgerichtig: „Ich wusste, dass es auf massenmedialer Ebene nie um Argumente geht, sondern um die Einspritzung mentaler Infektionen, vor allem aber wusste ich, dass es auf Meinungsmärkten keine Missverständnisse gibt(…) Meine Damen und Herren, sie sehen wohl die moralisch-publizistische Konsequenz aus diesen Bemerkungen heraus, Medientheorie ist ein undankbares Handwerk und ein unentbehrliches zugleich:(…) als angewandte Theorie meint sie die Umfunktionierung der Medien bei laufendem Betrieb, um Wachheit zu erzeugen.“

Das Ziel der medientheoretischen Fingerübung Sloterdijks besteht mithin darin, eine mentale Infektion in den öffentlichen Diskurs einzuspritzen, die Wachheit erzeugen möge – es geht um die Teilnahme an der Erzeugung „zeichenbasierter Epidemien“, in der Absicht jene gegen sich selbst zu richten. Das Gerede über Epidemien und Infektionen ist dabei nicht allein dem totalitären Vokabular entlehnt, mit dem große Denker wie Sloterdijk gestern wie heute gegen die zersetzende Wirkung der Massenaufklärung hetzten und hetzen, sondern rekurriert zudem auf die Idee jener Wagnissphäre, die noch Adorno dem Jargon der Eigentlichkeit zuschlug. Mit der gesamten Authentizität seiner Person steht Sloterdijk ein wider die „Dunkelmänner“, was erklärt wieso gerade der zurückgezogen-kontemplative Philosoph es ist, der seine Lektionen im „Auge des Zyklons“ lernt, um sich fortan in jenem undankbaren Feld zu verdingen. Konnte Heidegger noch am Fuße des Feldbergs darüber fantasieren, wie es wäre, sich zum Führer des Führers aufzuschwingen, so blieb seinem Epigonen mangels beratbarer Lichtgestalten wenig mehr übrig, als selbst in die Presche zu springen.
Dennoch sind es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, die Heidegger und Sloterdijk aneinander binden. Es sind die feinen Zwischentöne seiner Preisrede, die sie als Fortsetzung seiner „Regeln für den Menschenpark“ enthüllen, die vor Jahren noch für einen Skandal sorgen konnten – und heute nur mehr vom gebildeten Publikum beklatscht und goutiert werden. Die Verleihung des Börnepreises, so scheint es, ist für ihn der Ruf der Massen nach dem Weisen, der sie verlassen hat. Kaum ist sonst die Überheblichkeit seiner Empfehlungen, die hemmungslose Hybris seiner Monumentalprojekte zu erklären.
Das Erweckungserlebnis des deklassierten Philosophenkönigs war dabei jener „ganz normale Tag“ im September des Jahres 2001, der „bereits seinem Inhalt nach der reine Schrecken war, aber erst(!) durch die Reaktionen auf ihn fatal wurde“. Es erübrigt sich an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass die Petitesse des Todes von 3000 Menschen bereits als fatal angesehen werden könnte, insofern die Stoßrichtung des Sloterdijkschen Vortrags – entgegen anderslautender Vermutungen beispielsweise der Welt – nur scheinbar die des Antiamerikanismus ist. Vielmehr ist ebenjener auch nur eine Ingredienz jener Giftinjektion, mit der der Philosoph der siechenden Menschheit neues, besseres Leben einhauchen möchte.

Seinem eigenen Anspruch nach bedient Sloterdijk eine Klaviatur, in der es nicht etwa um Argumente geht, sondern darum, durch die Komposition von Zeichen eine neue Wachheit hervorzurufen. Gemeint ist dabei allerdings nicht die Wachheit des Individuums, das sich reflektierend und kritisch auf seine Situation beziehen könnte, sondern die Wachheit eines Kollektivs. Wo immer er auf Biologie zu sprechen kommt, sei es in Bezug auf die Schockzustände des elften Septembers, auf die Infektionen der Massenmedien, auf die linkshemisphärischen und rechtshemisphärischen Kräfte, die sich gegenüberstehen, bezieht er sich nie auf tatsächliche, biologische Entitäten, sondern auf Kollektive, die mit den Prädikaten eines individuierten Organismus versehen werden. Die Strategie der Rede stellt dabei in letzter Instanz darauf ab, die Rezipienten seiner Paulskirchenrede zu ebenjenem Kampfkollektiv zu verschweißen, das sich schließlich wider „die da oben“ verbünden solle.

Die rhetorische Brillanz seiner Rede, die nur jenen einleuchten will, die die Vernunft schon gewohnheitsmäßig beim Einstellen des Deutschlandfunks abschalten, resultiert dabei aus der Vereinigung sich widersprechender Prämissen: Peter Sloterdijk ist zugleich der meditierende Inder und der Feldberger Schwabe, der Kämpfer im Auge des Sturms und der Exekutor eines Exerzitiums der Betrachtung, der Verteidiger der Liberalität und der Kollektivist, der Feind der naturwissenschaftlichen Denkart und der Neurologe, der linkshemisphärische Intellektuelle und der Kämpfer im semiotischen Krieg. Kurzum: er bietet eine Identifikationsfigur und gelungene Projektionsfläche für all jene, die bereit sind seine These vom Niedergang des europäischen Projektes zu unterschreiben, um bei der nächsten Gelegenheit zur Vorwärtsverteidigung gegen die Dunkelmänner zu schreiten.

Die Ethik der Zurückhaltung besteht nicht etwa, wie oberflächlich suggeriert wird, in der vollständigen Zurücknahme vom Geschehen – was für einen öffentlichen Intellektuellen ja unmöglich wäre – sondern ist eine Wiederaufnahme der Heideggerschen Idee der Besinnung, die einen Ausgang aus dem Doppelspiel der „jüdisch-christlichen Herrschaft“ bieten solle. Deren Janusköpfigkeit drücke sich darin aus, dass sie zum einen auf der Seite der Diktatur des Proletariats, zum anderen auf der Seite der liberal-demokratischen Kulturbeflissenheit stünde und darin „die schon bestehende Entwurzelung und Unkraft zu wesentlichen Entscheidungen“ verschleiere. Was noch bei Heidegger als falsche Alternative aus Bolschewismus und liberaler Dekadenz erschien, kehrt beim vorgeblich liberalen Sloterdijk wieder als Widerstreit der „pathologischen Agenturschwäche“ Europas mit der „aus dem Gleis gesprungenen Agenturstärke“ der Vereinigten Staaten. Während er bei dieser eine gradezu wahnsinnige Lust zum Zuschlagen, zur Vereinigung hinter den gleichen Fahnen sieht, diagnostiziert er jener, dass sie Europa mit ihrem Unwillen zu starken Institutionen, schlagenden Ideen und gemeinsamer Vereinigung regelrecht gelähmt habe.
Es lohnt sich, bei zurückhaltend-reflektierenden Ethikern wie Sloterdijk auf die subtilen Nuancen zu achten, die sie ihren Urteilen beilegen. So ist es keineswegs die Agenturstärke per se, die ihm zum Problem wird, sondern einzig ihr „aus dem Gleis springen“ – schließlich ist das, was ihm vor Augen steht nicht weniger als das Bekenntnis zu echter Agentur, jenseits des Ökonomismus und Monetarismus. Um dies zu demonstrieren, soll Sloterdijk an dieser Stelle einmal das „Menschenrecht des Originals“ gewährt werden: nicht aus der geringsten Sympathie gegenüber ihm oder seinen Ansprüchen, vielmehr, um zu demonstrieren, dass noch die schlechteste Paraphrase dem Original gegenüber eine Verbesserung darstellen würde:

„In medientheoretischer Perspektive kommt dieser Kontinent [d.i. Europa] mit all seiner amüsanten Diversität, seiner konstitutiven Uneinigkeit, seiner sympathischen Entschlussschwäche, seiner prekären Symbiose zwischen Norden und Süden usw. immer noch viel eher dem Pol einer lose gekoppelten Unterhaltungsgemeinschaft nahe, erkennbar an der herrlichen Beliebigkeit der Themen, am Vorrang der Urlaubsweltansichten und der alles durchdringenden Ernstfallferne. Es ist Lichtjahre entfernt von dem Zustand der zusammengescheuchten und zusammengeballten Kampfgemeinschaft die unter dem Stress eines akuten Sich-angegriffen-fühlens zielbewusst kooperieren könnte, um das eine, das Not tut, zu erreichen.(…) Nun kann man von der europäischen Misere nicht sprechen ohne sofort daran zu denken, dass in unserer Schwesterzivilisation, den USA, die Dinge auf eine noch viel unheimlichere Weise von grund auf schieflaufen, und zwar wie man nach dem Gesagten leicht begreift, aus Gründen die sich zur europäischen Verlegenheit strikt komplementär verhalten.(…) Die USA wurden durch ihre jähe, monothematische Bündelung in den Zustand höchster kampfgemeinschaftlicher Stresssynthese versetzt, da fürs erste aber kein sichtbarer, äußerer Feind zu greifen war, er wurde dann später unter dem Namen Al-Qaida nachgereicht, musste sich die kampfgemeinschaftliche Fusion zu sehr großen Teilen nach innen entladen. Durch die aus der Hilflosigkeit geborene autoaggressive Wendung des Schocks entstand diese neue kriegsideologische Struktur, die inzwischen weite Zonen der Welt unter ein pseudorationales, sekuritäres Kommando gestellt hat.“

Es sind minimale Unterscheidungen und rhetorische Kniffe, die hier den Unterschied ums Ganze ausmachen und darüber entscheiden, ob es sich hier um eine verquere Verteidigung der liberalen Werte oder um eine protofaschistische Hetzrede handelt. Könnte man beim oberflächlichen Hören geneigt sein, die von Sloterdijk postulierte Komplementarität der beiden Strukturen ernstzunehmen, entpuppt sich bei näherem Hinhören der Verweis auf die beiden Seiten einer rundrum misslungenen Medaille als Nebelkerze, die dazu dient, die eigentliche Agenda zu verschleiern, die in der Anklage Europas besteht: erst Besinnung wäre es, die sähe, dass Europa zu jener gehetzten und gebündelten Kampfgemeinschaft werden müsse, die in der Lage wäre, „das zu tun, was Not tut“.

So antizipierbar der Einwand ist, es handle sich bei dem betreffenden Abschnitt nicht um eine positiv besetzte Vision Sloterdijks, sondern um eine Zitation des Paradigmas der Vereinigten Staaten, so sehr muss man ihm attestieren, in just jene Falle getappt zu sein, die der Philosoph sorgsam präpariert hatte: schließlich ist es nicht der Zustand der Kampfgemeinschaft, den er an den USA bemängelt, sondern vielmehr ihr „Autoaggressives Verhalten“, das erst in der verheerenden Kriegsideologie kulminiere.

Das ganze Brimborium um die Komplementaritäten zwischen Europa und den USA möchte in letzter Instanz demonstrieren, dass es darum ginge, eine neue Agenturstärke zu schaffen, die nun nicht länger von der irre-gewordenen Schwesterzivilisation gelenkt werden solle: „alle größeren Schiefgänge“, so glaubt Sloterdijk „haben ihre Gemeinsamkeit in einem abenteuerlichen Mangel an echter Agentur“. Der Fluchtpunkt der Ethik der Zurückhaltung ist der Traum von einer Global Governance, die gelenkt wird von Linkshemisphärikern wie Sloterdijk, statt von den „kranken Hirnen“ seiner Gegner. Die intellektuelle Bescheidenheit, der man in Frankfurt applaudierte, ist nichts weiter als der neueste Aufguss des alten Suds, mit dem die deklassierten Führer der Führer seit je vom Feldberg und anderen Löchern aus um die Gunst derjenigen Massen buhlten, auf die sie als prospektive Hetzmasse spekulierten.

Sloterdijks Anspielung auf das Begreifen des Daseins als Hirtenspiel stammt schließlich nicht von ungefähr: er hatte bereits in seinem seinerzeit skandalösen Aufsatz zu den „Regeln für den Menschenpark“ dieser Figur ein eigenes Kapitel gewidmet. Plato, so bemerkte er damals, habe es verstanden, seine Lehre von der Kunst des Staatsmanns „ganz in Hirten- und Herdenbildern unterzubringen“ und darin das „einzig wahre Bild“ der Sache ausgewählt.
Der platonische Herr beziehe die Raison seines Herrseins nämlich nicht von außerhalb, durch ein irgend demokratisches Votum, sondern allein aus seinem „züchterischen Königswissen, also einem Expertenwissen der seltensten und besonnensten Art.“ Seine Aufgabe, so Sloterdijk weiter, bestehe darin, die beiden „Optima der Menschenartung, die kriegerische Tapferkeit einerseits, die philosophisch-humane Besonnenheit andererseits gleichkräftig in das Gewebe des Gemeinwesens“ einzuschlagen. Schließlich tendierten beide ohne ihren Hüter und Hirten zur Entartung – die erstere zur militaristischen Kriegslust, die letztere zum lauen, staatsfernen Privatismus. Kurzum: ohne den Weisen, der die Extreme vereint, werden die Menschen entweder zu Amerika oder Europa. So grotesk der Vorschlag also wirkte, man müsse gegebenenfalls die Ostgrenzen der USA neufassen, war er doch eine erwartbare Pointe auf einem Weg, den Sloterdijk schon viele Jahre vor der Börnepreisverleihung begann. Dass das Kulturestablishment den megalomanen Herrschaftsfantasien eines offenkundig Irren tobenden Applaus spendete, markiert die Differenz zur seinem damaligen Vortrag der Regeln, die immerhin noch für einen handfesten Skandal sorgen konnte.
Heute ist es dagegen den Lohnschreiberlingen bei Springer und Henryk Broder vorbehalten, zumindest noch zu konstatieren, dass ihn ein Wahnbild der USA vorantriebe. Da man in besagtem Verlagshaus aber stolz darauf ist, Dialektik weder verstehen zu können noch zu wollen, übersieht man geflissentlich die zweite Seite des Problems, das sich hie im Hass auf einen Popanz der USA, dort in der Rancune gegen eine angeblich verweichlicht-linksgrüne Allianz der Europäer ausdrückt. Erst die Kombination beider Ressentiments ist es, die Sloterdijk auf die Bühnen der Deutschen hievt, die heute seiner Sprachgewalt in genau demjenigen Maße applaudieren, in dem sie darauf spekulieren, irgendwann wieder einmal erklären zu müssen, sie seien verführt worden und hätten sich ohnehin alles ganz anders gedacht.

Kritik der Arbeit – Vortrag und Diskussion mit Stephan Grigat

Raffendes Kapital bei der Arbeit.

Fast die gesamte Gesellschaft klammert sich an die Sklavenparole „Die Arbeit hoch!“ Statt Reichtum für alle will man die gerechte Verteilung des Elends. Ob linke Globalisierungsgegner, christliche Sozialethiker oder faschistische Produktivitätsfanatiker: Helfershelfer bei der Rettung der Arbeit soll der Staat sein, der den zügellosen, nicht dingfest zu machenden Marktkräften den Betrug an der „ehrlichen Arbeit“ verunmöglichen soll. Statt Gesellschaftskritik zu üben werden Ressentiments geschürt. In dem Vortrag soll verdeutlicht werden, was solch ein Bewusstsein mit dem Antisemitismus zu tun hat und wie es sich im Alltagsverstand und der Populärkultur – etwa in Filmen wie „Animal Farm“ oder „Pretty Woman“ – niederschlägt.

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien, Herausgeber von „Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert“, Mitherausgeber von „Der Iran. Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer“ und Autor von „Fetisch & Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus“.

Ort: HU Berlin (Unter den Linden 6), Hörsaal 3038
Zeit: Di, 2.7.2013, 20h