Archiv für September 2013

Geh sterben, Deutschland. – Zur Psychopathologie des Überzeugungswählers.

Ach, fickt euch selbst.
Im Grunde könnte man den Wahlzirkus, der auf den Straßen der Republik tobt, getrost ignorieren. Man könnte wählen, wofür man sich entschieden hat, damit kleinere Zeichen in der Verteilung eines immer magereren Kuchens setzen – sich entscheiden zwischen Einbußen in der Pflege, in der Ökologie, eine kleine Duftmarke in die eine oder die andere Richtung setzen. Als kluger Nichtwähler hat man zudem natürlich keinerlei Bedürfnis, Leute von der Wahl abzubringen: schließlich wählt man nicht, weil man sich nicht an einer Farce beteiligen möchte. Da aber die Farce als Farce erkannt ist, macht es freilich auch keinen Unterschied, ob nun Freunde und Bekannte wählen gehen oder nicht. So es ihrem Seelenfrieden dient, braucht ihnen ja niemand das konsequenzlose Vergnügen zu verübeln. Ja, so könnte man es handhaben.

Doch es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.
So wurde man bereits im Vorfeld der Wahl an jeder Straßenecke, in jedem Kiosk und in jedem Internetforum damit belästigt, dass man gefälligst wählen zu gehen habe. Bemerkenswerterweise war sich die parteiübergreifende Kampagne vollkommen bewusst, dass es egal wäre, wen man denn nun wähle, aber zu sanktifizieren habe man die nächsten vier Jahre staatliche Gängelei und Todprügelei an den Grenzen allemal. In jedem Briefkasten lauerte eine Bildzeitung, in der noch die Werbung angepasst war an den staatsbürgerlichen Anspruch, man solle doch nun endlich einmal seine Bürgerpflicht erfüllen und diesen Sonntag gehorsam zur Urne tippeln. Die Kampagne war bitter nötig. Noch 2010 hatte das DFG Projekt Citizens and Representatives in France and Germany“ ermittelt, dass sich grade einmal 19,8 Prozent der Bevölkerung zumindest halbwegs angemessen von ihren Volksvertretern repräsentiert fühlten.

In Anbetracht dieser Tatsache ließe sich eigentlich gut nachvollziehen, dass eine gewisse Müdigkeit eintritt. Just dies allerdings ist für den Aktivbürger unerträglich. Ein bezeichnendes Beispiel aus Hunderten ist dafür der Text Carolin Emckes, der schon am 19. September in der Zeit erschien. In ihm echauffiert sich die Autorin in beeindruckender Verve über den „Bullshit“, den die Nichtwähler glauben würden. Sie wütet über die Asozialität der CDU, über den Verfall des Sozialen und man möchte ihr fast schon beruhigend die Hand auf die Schulter legen, um die arme, demente Frau daran zu erinnern, dass es die SPD war, die Hartz-IV und andere Schweinereien überhaupt erst eingeführt hatte. Noch kurz vor der Wahl witzelte das Satiremagazin „Der Postillon“ über jenen Mann ohne Langzeitgedächtnis, der fest davon überzeugt sei, die SPD kümmere sich um soziale Belange.

Nun mag es freilich sein, dass Frau Emcke sich Illusionen über die Struktur des demokratischen Nationalstaates macht und innerhalb seiner Koordinaten jedes beliebige Ergebnis für möglich hält, sodass sie glaubt, es ginge um mehr als die Wahl zwischen SPD und CDU (die 69% der Bundesbürger ohnehin kaum voneinander unterscheiden können), und etwas gänzlich anderes im Schilde führt. Selbst dann bliebe allerdings ihre Argumentation verfehlt. Für die wesentliche Differenz von Wahl und Nichtwahl argumentiert sie damit, dass es ums Ganze für jene ginge, die nicht die CDU oder die FDP wollen. Allein: Woher möchte Frau Emcke wissen, dass die nichtwählenden Massen sich in jenem Fall, dass man sie zum wählen zwingen würde, sich nicht doch für eine der beiden Parteien entschieden?

An ihrer Argumentation wird kenntlich, was sich wie ein roter Faden durch die Gedanken all jener Wutwahlbürger zieht, die seit Wochen all jene belästigen, die diesen Sonntag einfach im Bett bleiben möchten: die Macht wird verschoben von der Wählerschaft auf die Nichtwählerschaft.Am „Postdemokratischen Zustand der Gesellschaft“ (Emcke), der Unfähigkeit, durch Wahlen etwas Entscheidendes zu verändern, sind nicht etwa die Wähler schuld, nicht die Parteien, schon gar nicht das System als „Gesamtscheiße“ (Marx), sondern diejenigen, die die durchaus sympathische Verweigerungshaltung Bartlebys annehmen: der Ekel am Mitmachen sei Ausdruck des Mitmachens par excellence.

Ungewollt offenbart sich so selbst an den scheinbaren Antipoden der Demokratieverdrossenheit die eigentliche Verkommenheit der Situation. Was den Nichtwählenden unterstellt wird, ist die Macht etwas zu verändern. Diese Projektionsleistung aber beruht auf einem Mangel derjenigen, die sie diagnostizieren. So wie Lacan einst von einem „Subjekt, dem Glauben unterstellt wird“, redete, nehmen die Nichtwähler hier die Rolle eines Subjektes, dem Macht unterstellt wird, ein.

Die nur zu deutlich empfundene Unzulänglichkeit dessen, was Wahlen bewirken, kann sich nicht gegen die Wahlen als solche richten: schließlich sind sie es, die ideologisch die Subjekte als mündige, wirkende Staatsbürger konstituieren. Stattdessen wird das Unsag- und Undenkbare verdrängt, die Erkenntnis realer Ohnmacht vereitelt, indem man die Macht jenen überträgt, die sie so wenig besitzen wie man selbst.

An den Nichtwählern soll exorziert werden, dass die postnazistische Demokratie noch nicht einmal mehr zur Simulation von Mitsprache taugt.