Archiv der Kategorie 'Ankündigungen und Kommentare'

Veranstaltung: Die schöne Seele des Poststrukturalismus – Die un_kritische Theorie Judith Butlers

Am 7.10.2012 um 19 Uhr lädt die Association Antiallemande:Berlin in die Schankwirtschaft Laidak (Boddinplatz, Neukölln), wo Lars Quadfasel zum Thema „Die schöne Seele des Poststrukturalismus – Die un_kritische Theorie Judith Butlers“ vortragen wird. Der Eintritt ist frei.

Die schöne Seele des Poststrukturalismus – Die un_kritische Theorie Judith Butlers

Die Verleihung des diesjährigen Adorno-Preises der Stadt Frankfurt an die Ikone der ›Queer‹-Bewegung, Judith Butler, hat zu einigen Protesten Anlass gegeben. Butlers Unterstützung für antiisraelische Boykottkampagnen und ihre Nobilitierung von Hamas und Hisbollah als »Teil der globalen Linken« widersprechen allzu deutlich all dem, wofür der Namensgeber des Preises zeit seines Lebens einstand. Butlers Fürsprecher verlegten sich daher gerne auf die Formel, man dürfe über ihre politischen Dummheiten doch nicht ihre brillante Philosophie übersehen. Es wird daher auf der Veranstaltung darum gehen, den grundlegend affirmativen Zug der als so radikal gefeierten Gender-Theorie und Moralphilosophie Butlers darzulegen – zu welcher die antizionistischen Ausfälle eben passen wie die Faust aufs Auge.

Zu zeigen wird im einzelnen sein

dass die so populär gewordene Vorstellung, das menschliche Natursubstrat sei nichts als ›diskursiv konstruiert‹, d.h. rein durch Sprache erschaffen, eine groteske Neuauflage des alten bürgerlichen Idealismus darstellt – eines Idealismus allerdings, dessen (nunmehr als »Gesetz«, »Norm« oder »Diskurs« fungierender) Geist so allmächtig wie geistlos ist;

dass die queere Subversion der Geschlechterdualität exakt der Logik des Kapitals folgt, unter dessen Herrschaft längst auch von Frauen mannhaftes Durchsetzungsvermögen und von Männer ‚weibliche Tugenden‘ (Empathie, Teamfähigkeit, Kommunikationskompetenz) gefordert wird;

dass die »Dekonstruktion« von Körper und Geschlecht daher bloß nachvollzieht, dass den Menschen ihre eigene Leiblichkeit mehr und mehr zum Störfaktor mutiert – und zugleich, in der Verleugnung des menschlichen Natursubstrats, exakt das dem kritischen Blick entzieht, was die Menschen der Herrschaft so gefügig macht: das Ineinander von Gesellschaft und Leib, erster und zweiter Natur, in Gestalt von Entbehrung, Schmerz und Leid;

dass Butlers Strategie, lieber von Performanz und Diskurs zu reden statt von Hunger und Ausbeutung, von Vergewaltigung, Folter und Massenmord, daher nicht nur, zur Freude ihrer akademischen Anhängerschaft, die Spießerweisheit bestätigt, Worte seien mächtiger als Waffen – sondern vielmehr auch systematisch das Grauen verharmlosen und verniedlichen muss, das Menschen tagtäglich angetan wird;

dass in der postmodernen Puppenstubenidylle, als welche die Welt in der Butler’schen Theorie erscheint, nichts vorkommen kann, was nicht durch ein bisschen Treu und Redlichkeit wieder ins Lot zu bringen wäre – nicht Auschwitz also, die vollendete Barbarei, und auch nicht diejenigen Kräfte, die heute das Werk des Vernichtungsantisemitismus fortzuführen und zu vollenden trachten;

dass also, kurz und bündig, Butlers Gedankenwelt weder, wie von ihren linksradikalen Adepten behauptet, revolutionär noch, wie von ihr selbst intendiert, reformistisch ist, sondern schlicht und einfach die zeitgemäße Ideologie des akademischen Kleinbürgertums: die Einladung zum bedingslosen Mitmachen, ohne je selber dafür Verantwortung übernehmen zu müssen.

Lars Quadfasel ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek und der Gruppe Les Madeleines. Er publiziert in verschiedenen Zeitschriften (u.a. konkret, Jungle World, Extrablatt) und Sammelbänden, zuletzt in: Annika Beckmann u.a. (Hg.), Horror als Alltag. Texte zu »Buffy the Vampire Slayer« (Verbrecher Verlag 2010).

Eine Veranstaltung der Association Antiallemande:Berlin.
Eintritt frei.

Hannah Arendt und die Räterepublik – Vortrag und Diskussion

Hannah Arendt

„In den Worten ‚Revolution‘ und ‚Freiheit‘ scheint mir so ziemlich alles
zusammengefasst zu sein, was immer wir von einem ungewissen und
flackernden Hoffnungsschein in den ansonsten eher finsteren und
bedrohlichen Zukunftsaussichten wahrnehmen können.“
(Hannah Arendt)

Nach Hannah Arendt ist in Deutschland unter anderem ein „Institut für
Totalitarismusforschung“ und eine Straße am offiziösen
„Holocaust-Denkmal“ benannt, in der ZEIT wurde sie in die Liste der „50
deutschen Vorbilder“ aufgenommen. Als vorbildliche Gewährsfrau der
herrschenden bundesrepublikanischen Ordnung taugt Arendt allerdings nur,
wenn zentrale Aspekte ihres Werkes ignoriert werden, darunter ihre
Kritik der Parteiendemokratie. Mit dieser habe „sich die uralte
Unterscheidung von Herrschern und Beherrschten, welche durch die
Revolution ja gerade auf immer abgeschafft werden sollte, in neuer Form
wieder durchgesetzt.“
Arendt tritt dagegen ein für „ein System, das sich selbst von den
Graswurzeln aufbaut“ und bezieht sich dabei auf die Räte, welche in
revolutionären Situationen immer wieder spontan gebildet wurden. Die
Räte sind dabei aufs engste mit ihren Hauptwerken „Elemente und
Ursprünge totaler Herrschaft“ und „Vita activa“ verbunden und stellen
deren praktische Konsequenz dar.
Eine kritische Betrachtung ihrer Skizzen eines Rätesystems zeigt jedoch,
wie wenig besonders die der antiken Sklavenhaltergesellschaft der Polis
abgewonnenen Begriffe der Vita activa für die Kritik und Überwindung des
zur zweiten Natur gewordenen Kapitalverhältnisses taugen. In Zeiten, die
selbst von bürgerlichen Politikwissenschaftlern als „postdemokratisch“
bezeichnet werden, und in denen Pamphlete über einen „kommenden
Aufstand“ in der FAZ gefeiert werden, mag eine kritische Betrachtung der
Revolutionärin Arendt mehr als eine akademische Fleißarbeit sein.

Vortrag und Diskussion mit Jonathan Weckerle, der in Berlin als
politischer Aktivist und Autor für u.a. konkret, Jungle World und die
Blätter des iz3w tätig ist.

Donnerstag, 13. Januar 2011, 18:30
Pannierstraße, Ecke Weserstraße
Freies Neukölln
[Facebook]

Eine Veranstaltung der Association Antiallemande Berlin.

Abgesang.

Abdel-Samad

In seinem Buch „Der Untergang der islamischen Welt“ berichtet Hamed Abdel-Samad von einem Artikel im Internetangebot einer saudischen Tageszeitung, in dem es um einen Schweizer Rechtsanwalt geht, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, Tiere vor Gericht zu vertreten. „Die Kernidee der Gerechtigkeit ist es, diejenigen, die sich nicht wehren können, zu verteidigen“ begründet der schrullige Züricher sein Handeln. In den Kommentaren wünscht sich eine Leserin in das Land, welches gerade aufgrund des Minarettverbots nicht nur in islamischen Ländern wegen Nichteinhaltung der Menschenrechte verdammt wird: „Ich wünschte, ich wäre eine Kuh in der Schweiz!“ Das Lachen bleibt einem im Halse stecken.
Bei der Lektüre des gesamten Buches von Abdel-Samad stellt sich immer wieder dieser Effekt ein. Die Zustände in vielen Teilen der islamischen Welt, insbesondere die Lage der Frauen und das Verhältnis zur Sexualität, wirken auf einen westlichen Betrachter derart skurril, dass man sich oft nicht zwischen Lachen und Weinen entscheiden kann. Abdel-Samad hat sich gegen beides und dafür entschieden, im Namen der Aufklärung gegen die unmenschlichen Zustände in den muslimischen Gesellschaften anzuschreiben.
Nach der Prämisse „Die Diktatur beginnt im Kopf“ schreibt er vor allem an einer Psychopathologie des muslimischen Subjekts, und ist sich dabei selbst der erste und wichtigste Betrachtungsgegenstand.

Aufgewachsen ist Abdel-Samad in der tiefsten ägyptischen Provinz als Sohn eines Imams und einer selbstbewussten Frau aus Kairo, die wegen ihrer legeren Kleidung und ihrer Weigerung, den Hijab zu tragen, vom ganzen Dorf angefeindet wurde. Er wurde in früher Kindheit und noch einmal in seiner Jugend brutal vergewaltigt. Es waren wohl auch diese Wunden, die ihn als erwachsenen Mann mit einer Psychose in der Psychatrie landen ließen.
Diese und andere Geschichten erzählt er in seiner Biographie „Mein Abschied vom Himmel“, in welcher er schonungslos auch seine eigene Triebökonomie offen legt, und wie diese von den vielen Tabus seiner Kindheit und Jugend geprägt wurde. So war die einzige sexuelle Erfahrung seiner Jugend, abgesehen von der Vergewaltigung, die von Gleichaltrigen an ihm vollzogen wurde, das Bespannen seiner Nachbarin beim Baden, die ihn beim Onanieren beobachtete und zuzwinkerte. So geht es wohl vielen jungen Männern, die unter der Geschlechterapartheid in islamischen Ländern aufwachsen, was sicherlich ein Grund dafür ist, möglichst schnell das Irdische Dasein gegen das Paradies mit den 72 Jungfrauen einzutauschen.

Zum Verständnis seines Programms der „Häresie als Chance“ ist es aber vielleicht wichtiger zu wissen, dass er selbst im Dorf wegen seiner hellen Augen und seiner Mutter, die sich den Zurichtungen der Dorfgemeinschaft verweigerte, als Kreuzfahrer und Zigeuner geschmäht wurde. Auch die besondere Behandlung in der Schule, die er wegen seiner Intelligenz und seinem Vater, dem vielleicht wichtigstem Mann im Dorf, erfuhr, brachte ihm den Hass seiner Klassenkameraden ein, bis der „Heimatlose“ schließlich die Identität des Zigeuners für sich als etwas positives annahm.
So konnte er, der von klein auf den Koran auswendig lernte und bis heute dessen kosmologische Seite gegen seine juristisch politische Seite der Sharia in Schutz nimmt, die Beschneidung seiner Schwester und die Schläge, die er und seine Mutter vom Vater erdulden mussten, nicht als gottgewollt und von der Gemeinschaft geheiligt annehmen. Das ist wohl die Konstante in Abdel-Samads Leben, ob als junger Koranschüler und vermeintlicher Kreuzfahrer, später als Marxist oder Islamist und schließlich als „liberaler Muslim“: Sich gegen die Gemeinschaft selbst einen Kopf zu machen und das Unrecht auch da zu benennen, wo es konsensfähig ist.

So spricht er auch in seinem Abgesang auf die islamische Welt direkt aus, was er denkt, und übt sich nicht in der unfruchtbaren Differenzierei, welche im akademischen Betrieb so gefragt ist. Obwohl selbst von Widersprüchen geprägt (so widmet er sein Buch dem tyrannischen Vater), greift er die islamische Ideologie und die „archaischen Denkstrukturen Arabiens“ (S. 123), die bis heute in ihr fortwirken, an, ohne dem etwas Eigentliches und Positives entgegen setzen zu müssen. Dass man dafür in der westlichen Intellegenzia und in der arabischen Staatspresse leicht als Rassist oder Kreuzfahrer geschmäht wird, kann ihn nicht stören. Daran ist er gewöhnt.
Trotz aller Differenzen, etwa zwischen Sunniten und Schiiten, den Wahhabiten und Salafisten und den vielen anderen Strömungen des Islams, bleibt der Koran und seine von nahezu allen Muslimen, insbesondere den Herrschenden und Revolutionären behauptete Unantastbarkeit die Begründungsfolie für das systematische Unrecht, dass von Angehörigen aller dieser Gruppen verübt wird. „Die oft gepriesene Vielfalt des Islam ist oft auch Teil es Problems und nicht Teil der Lösung“ (S. 129) stellt er angesichts der vielen Verweise von Islamapologeten auf die friedlichen und guten Seiten des Korans fest. Dass der Koran und die Hadithen vielseitig sind, haben zuerst die Machthaber in der islamischen Welt erkannt, die alle ihre unterschiedlichen Politiken mit diesen Schriften begründen. Gerade deswegen müssen sie ihre Unveränderlichkeit behaupten und Apostaten mit dem Tod bedrohen.

Aus dieser Einsicht folgt dann auch sein Gegenvorschlag zur „Islamdebatte“, in welcher sowohl die frommen Muslime und Gotteskrieger als auch die westlichen Kulturkämpfer und Kritiker sich immer wieder zwanghaft auf die „Heiligen Schriften“ beziehen: Ein postkoranischer Diskurs.
Dem Koran muss seine Macht genommen werden, und dass ist, wie die europäische Erfahrung mit der Aufklärung zeigt, nicht durch Reform zu erreichen. „Bei diesen Reformern fehlt die letzte Konsequenz und der Mut, dafür zu plädieren, den Koran endgültig zu entmachten und aus dem politischen Diskurs zu verbannen. Die katholische Kirche hat sich nicht selbst von innen reformiert, sondern wurde außen gedrängt, sich zu verändern. Erst als sie die Macht verlor verhandelte sie ihre Rolle in der Gesellschaft aus einer Position der Schwäche heraus.“ (S. 210).
Diese Forderung ist das Herzstück seines Programmes der Aufklärung. Es ist schlicht unredlich, sich bei der Diskussion um Fragen von Politik und Gesellschaft auf Gottes Wort zu berufen. Man kann mit jemandem, der eine 1500 Jahre alte Schrift für alles heranziehen und verantwortlich machen will, nicht vernünftig reden. Das aufklärerische Motto „Sapere aude“, wage, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, mit welchem Abdel-Samad sein Kapitel zu „ Häresie als Chance oder: Der postkoranische Diskurs“ abschließt, ist in der islamischen Welt leider immer noch so revolutionär wie im mittelalterlichen Europa.

Zur selben Zeit kann man eine starke Verwestlichung der Lebenswelt feststellen. Die meisten Bewohner der islamischen Welt haben Zugang zu Cola, Fernsehen, Facebook und Youporn. Da die materiellen Verbesserungen durch Technologie, die man vom Westen übernimmt, aber nicht von einer aufgeklärten Bildung begleitet werden, sondern in ägyptischen Schulbüchern immer noch Märchen von der kulturellen Überlegenheit des Islam und der alleinigen Schuld des Abendlandes an seiner momentanen Schwäche verbreitet werden, ist Abdel-Samad sich sicher: An dieser Schizophrenie, welche die Gleichzeitigkeit von mittelalterlicher Geisteshaltung und den Möglichkeiten der modernen Technik zeitigt, wird die islamische Welt, die seit hunderten von Jahren in Orthodoxie verharrt und nichts Nennenswertes zur Zivilisation mehr beizutragen weiß, zugrunde gehen.
Dieser Prozess vollzieht sich allerdings um den Preis einer totalen Islamisierung. Samad stellt fest, dass erfolgte Modernisierungen zurückgenommen werden, so dass in Teheran, Kabul oder gar Kairo, heute kaum eine Frau ohne Schleier aus dem Haus geht, was vor 40 Jahren noch Gang und Gäbe war. Auch seine Mutter hat am Ende aufgegeben und sich dem Dorf und ihrem frommen Mann unterworfen. Der Untergang der islamischen Welt, so fürchtet er, wird von Kriegen und Unruhen begleitet werden.
Umso wichtiger ist seine Forderung nach Häresie in der islamischen Welt, nach einer Stimme für die Vernunft in diesen Ländern, denn fast niemand im Maghreb, in Ägypten oder den Golfstaaten hat je von den Ayyan Hirsi Alis und Necla Keleks dieser Welt gehört.

Abdel-Samad fordert als bürgerlicher Aufklärer die Einsetzung zivilisatorischer Mindeststandards in der islamischen Welt. Er hofft, dass sich die Gemeinschaft der Muslime transformieren ließe in eine Gesellschaft von zumindest formal freien und gleichen Bürgern, welche erstmals selbst ihr Leben auch nach ihren eigenen Bedürfnissen bestimmen könnten, ohne ständige Abhängigkeit von Staat und Moschee. Dies muss man allerdings als Basisprogramm für eine Befreiung der Menschen in der (noch) islamischen Welt verstehen, durch welche diese erstmals befähigt wären, eine freie Assoziation der Individuen zu wünschen und sich ohne Angst vor dem Tod dafür einzusetzen. Konkret spricht Samad von einer säkularen, modernen Staatsform. Angesichts der katastrophalen Zustände gerade in den arabischen Ländern und im Iran sollten auch Kritiker, welche hoffen, dass in Sachen Abschaffung des Staates und freier Assoziation noch nicht das letzte Wort gesprochen ist, die Bemühungen um einen New Middle East unterstützen, in dem staatliche Gewaltmonopole erstmals durch Garantie des rule of law vom Loyalitätszwang zu Staat und Sippe befreien. Dann, so ist zu hoffen, werden die Individuen auch den „Islam light“, also „Islam ohne Scharia, ohne Dschihad, ohne Missionierung, ohne Geschlechterapartheid und ohne Anspruchsmentalität“ nicht mehr brauchen, sondern könnten sich endlich selbst zum Maß aller Dinge machen.

Einer der Lieblingsorte Hamed Abdel-Samads, der heute in München residiert, ist der Olympiaberg. Dieser wurde aus den Trümmern des zerbombten Münchens aufgeschüttet, und ist heute ein grüner Hügel und Teil eines beschaulichen Parks. Von oben kann man ganz München überblicken. Das letzte Wort soll der Autor von „Mein Abschied vom Himmel“ und „Der Untergang der islamischen Welt“ selber haben:
„[Die islamische Welt] muss sich von von vielen Bildern verabschieden: Gottesbilder, Frauenbilder, Weltbilder, Feindbilder und Vorbilder. Die Geschlechterapartheid hemmt die Kreativität und schaltet die schöpferische Kraft der halben Gesellschaft aus und muss deswegen beendet werden. Feindbilder haben die Opferrolle bei Muslimen zementiert und sie immer daran gehindert, die eigenen Versäumnisse zu erkennen und nach Lösungen dafür zu suchen. Die Entwaffnung der eigenen Geschichte und die Einführung eines neuen Geschichtsbewusstseins, basierend auf Verstehen statt Selbstverherrlichung, in das Bildungssystem ist ein Muss. Eine Trennung von Religion, Stammesbewusstsein und politischer Macht muss erfolgen, um eine moderne Staatsform zu erreichen. Man mag fragen, was von der islamischen Kultur danach noch übrig bleibt außer Trümmern. Das ist wohl richtig, aber auch Trümmer können eine positive Funktion haben, wie der Olympiaberg von München zeigt.“

Literatur:
Hamed Abdel-Samad: Der Untergang der islamischen Welt; Droemer Verlag 2010
Ders.: Mein Abschied vom Himmel; Knaur Taschenbuch 2010

Eine Ehrenrettung des Pazifismus

Maikel Nabil.(Maikel Nabil auf der Website der War Resisters International. )

Es kann zwar nicht Aufgabe einer ideologiekritischen Assoziation sein, konstruktive Debatten zu führen, bereichernde Geschichten zur Entlastung zu liefern oder gar Hoffnung zu wecken, die doch stets notwendig in den bestehenden Verhältnissen ein ganz und gar Ephemeres bleibt: nichtsdestotrotz können wir festhalten, dass es selbst in Zeiten des grassierenden Wahns hier und da ein Refugium der Vernunft gibt. Nicht etwa, weil wir das für ausreichend oder gar unbegrenzt ausbaufähig hielten, sondern weil es diese – stets Einzelnen – sind, die die Grundlage für Kritik bilden. Ohne freiheitsfähige und nach Freiheit strebende Subjekte verkommt nämlich jegliche Rede davon zur Phrase. Und dass es solche entgegen aller völkischen Ideologie und zum Trotz aller Verteidiger autochthoner Kulturräume sehr wohl gibt, beweist unter anderem Maikel Nabil Samad. Über Ynetnews erfuhren wir vor einigen Wochen von seinem Schicksal und beschlossen ein Interview mit ihm zu führen, stellt er doch eine bemerkenswerte Ausnahme in der internationalen Friedensbewegung dar und weckt Hoffnung, dass der Begriff des Pazifismus nichts ist, was vollständig den Geiern zum Fraß vorgeworfen werden muss. Im Unterschied zu deutschen Friedensfreunden, die bekanntermaßen keinerlei moralische oder politische Bedenken haben, den islamischen Selbstmordterror als einen Akt legitimer Selbstverteidigung zu verharmlosen, erkennt er die Minimalbedingung eines Pazifismus, der unter Frieden nicht Grabesruhe versteht, umstandslos an: Dass der Schutzraum der jüdischen Menschen sich, solange es antisemitische Aggression gibt, ein Recht auf militärische Selbstverteidigung vorbehält. Diese Einsicht stammt nicht etwa aus einem jahrelangen Studium der Schriften Adornos oder aus blindem Solidaritätszwang, sondern stellt für ihn nach eigenem Bekunden schlicht ein Gebot der Menschlichkeit dar. Er, der sich als liberal, säkular und kapitalistisch versteht, spricht damit aus, was Kommunisten und Friedensbewegte aller Couleur und rund um den Globus bis heute nicht verinnerlicht, geschweige denn verstanden haben. Dass es sich beim Staat Israel um eine prekäre Notwehrmaßnahme derjenigen handelt, die der Vernichtung noch einmal von der Schippe gesprungen sind und sich deshalb noch lange nicht in Sicherheit befinden.

Auch in einer mehrheitlich von antisemitischen Ressentiments geprägten Gesellschaft wie der ägyptischen gelingt es offenkundig, sich davon freizuhalten. Er liefert damit in persona den Beweis für das Mantra, das ideologiekritische Intervention seit Jahr und Tag herunterbricht: dass dem Wahn, der über die Massen hereinbricht auch stets ein Moment der bewussten Entscheidung innewohnt, die widerrufen werden kann. Zu einfach machen es sich diejenigen, die den Feinden Israels unentwegt attestieren, sie hätten keine Wahl – das Gegenteil ist der Fall. Solidarität mit Israel bedeutet nicht etwa antiarabischen Rassismus, wie das Teile der Journaille immer wieder kolportieren, sondern ist vielmehr zwingende Konsequenz aus dem Wissen um die Möglichkeit einer „deutschen Krisenlösung“ und der Reflexion auf die Möglichkeit der „Volksgemeinschaft“ als Folge der ausgebliebenen Revolution.

Die Situation ist alles andere als ausweglos: Maikel Nabil Samad steht dafür als ein Exempel. Während des Zeitraumes, in dem das über Mailverkehr geführte Interview stattfinden sollte, änderte sich die Sachlage frappierend. Am Abend des vergangenen Freitags drangen Teile des ägyptischen Militärs gewaltsam in Herrn Samads Wohnung ein und entführten ihn in ein Gebäude des ägyptischen Geheimdienstes, in dem er eine Nacht lang festgehalten wurde. Am darauffolgenden Tag wurde er einer Reihe medizinischer Untersuchungen unterzogen, bevor er aus dem Militärdienst entlassen wurde. Seine politischen Freiheiten, sowie sein Recht auf freie Ausreise wurden rekonstituiert und die Gefängnisandrohung aufgehoben. Maikel Nabil Samad ist damit nicht nur der erste gewissensmäßige Wehrdienstverweigerer Ägyptens, sondern zudem straffrei ausgegangen. Dies ermöglichte nicht zuletzt der politische Druck, der durch die israelischen Medien und die internationale Öffentlichkeit aufgebaut werden konnte und der die ägyptische Regierung wohl schlussendlich dazu bewegte, einzulenken. Wie auch in den Palästinensergebieten zeigt sich hier abermals, dass nicht etwa die selbstmörderische Aufopferung im Jihad oder der Intifada, sondern vielmehr die friedliche Kooperation mit dem jüdischen Staat die einzige und beste Möglichkeit darstellt, individuelle Freiheiten endlich auch in der arabischen Welt durchzusetzen.

Selbstverständlich sehen die arabischen Friedensbewegungen nicht viel rosiger aus als die europäischen, was die Anerkennung des Rechtes auf Selbstverteidigung anbelangt – Erfolgsgeschichten wie diese halten allerdings die Möglichkeit offen, dass sich das einmal ändert. Es stünde zu hoffen, dass das Beispiel von Maikel Nabil Samad zahlreiche Nachahmer findet. Der Vollständigkeit halber sei hier jener Teil des Interviews, der bereits geführt wurde, unredigiert wiedergegeben:

1) Could you describe your biography a little bit? You describe yourself as liberal, secular and pacifist, how did you develop these views?

- I describe myself on my Facebook Page as: Liberal, Secular, Capitalist, Feminist, Pro-Western, Pro-Israel, Atheist, Materialist, Realist, Pro-Globalist, Intactivist, Anti-militarist, and Pacifist

- I‘m a veterinarian, 25 years old, I‘m a political activist since 2005, blogger since 2006, The founder and president of „No for compulsory Military Service“ Movement since April 2009

- I chose to believe in such ideas as a result of my massive readings to several writers from all over the world, especially the age of enlightenment in Europe… Also seeing what militarists, communists, fundamentalists and nationalists did to my country, and how Egypt became a poor dictatorial country because of them … This made me choose to be anti-militarist, Capitalist, Globalist

2) It’s uncommon for pacifists to solidarize themselves with Israel, you already pointed this out in your mail. Have you ever been organised in any pacifist leagues and if so, have you experienced resistance towards your stance concerning that topic?

I haven‘t been organized before in any pacifist organization, as there are no such organizations in Egypt. But I realized that lots of pacifists around the world don‘t like what I say supporting Israel … As I‘m living between Arabs. I know how Arabs treat Non-Muslims; I know how they hate Jews, Christians and Atheists; how they wish to expel all the Israelis out of their land … So, I can‘t ask Israelis not to defend themselves, and to be killed or expelled by Arabs, as what happened to Jews in Arab countries in the 50s.

My country Egypt, fought Israel in 48 aiming to prevent the existence of Israel, prevented Israeli ships from sailing in International waters, prevented passing even food and water to Israelis through its land or water, declared wars on Israel several times, expelled 60 thousand Egyptian Jews in 1956 after stealing all their money … If I didn‘t support the right of Israel to live in peace, I wouldn‘t be able to consider myself a human.

3) How do you experience your own position in Egypt’s society in general? Do you feel that your view can be voiced or do you rather have the impression that there is not much of an interest of the general public in your case, even though you are – as you claim – the first conscientious objector in Egypt?

- When I talk about ending of the obligatory military service, majority of youth supports me, older people disagree with me, the elite honors me but afraid to say that

- When I talk about peace with Israel, most of people reply violently. But I think we are just in the beginning and we need some time to make a stream of Egyptians who wants to co-exist with Israel

- When I talk about Pacifism, the majority of people couldn‘t imagine Egypt without an army in an area containing Iran, Israel, Syria, Ethiopia, Turkey and Others … I think abolishing of the Egyptian army wouldn‘t be possible without abolishing big armies in the area

4) What penalties do you think you are going to face, considering your actions, are you any worried?

According to the law, I could be arrested and led to a military trial which could imprison me for long years. Also, I‘ll be banned from travelling abroad till I reach 30 years. I‘m already banned from travelling abroad for 3 years now (since October 2007), which means 8 years without ability to travel out of Egypt. In addition to all that, I‘ll lose my political rights for the rest of my life, I won‘t be able to run for any political position

- But clearly, Egypt isn‘t a legal state, they can execute me if they wanted, and they could ignore me completely if they wanted… they are ignoring me till now

5) Do you have any connections to organizations both in Egypt and abroad that may help you with upcoming lawsuits?

Till now, I don‘t have any organization supporting me in front of the Egyptian courts. I have lots of Friends in international organizations supporting me (As in War resisters‘ International & The European Bureau for Conscientious Objection). Egyptian organizations is still afraid to support me, and that will be a big problem if i faced a trial in Egypt as I‘ll be alone

6) Could you give us a small insight about how we have to imagine the general social climate in Egypt? What do you think are the pressing problems, politically, socially and in terms of religion?

Egypt passes through lots of changes theses years; including the political system, the public opinion, religious views and lots of other things… There is a big wave of religious fundamentalism, but there is a big wave of Atheism facing it … The country is converting from a military state into a police state, which makes it easy to stand against the army … sure, I can‘t answer that question in a few words.

7) More specifically, how do you think your compatriots judge the so-called middle-east conflict?

Before answering that question we need to know some important information. Egypt isn‘t a free country, no one could establish a political party or a newspaper or a media channel without permission from the governor party… Parties and media permissions are taken from „Shurra Council“ whish headed by a former army officer. The army still controlling the media, and no one could say anything about the army or Israel except the army views…. In the same time, the government and the army want the Egyptians to hate Israel, so the government will appear as an angel in front of Israel and the entire modern world

All of this makes the public know only bad things about Israel; they are affected by the non-neutral media which hide on them any good information about Israel … So, the result of all that, that the majority here see Israelis as a gang of criminals, who hates Moslems and Christians, and make war crimes every day because they are bloody and Nazi, etc… I think we have to let them know the facts about Israel, and I think this will make lots of changes in the Egyptian mentality, and the opinions of Egyptians toward Israel

But there is also an enlightened minority, which sees the reality of Israel as a modern liberal secular state, which respects human rights and International laws, I‘m working with those to try to achieve peace in the area.

Aus fremden Federn.

Mina Ahadi.

Folgend eine Presseerklärung des Zentralrats der Ex-Muslime, die wir insofern für weiterverbreitungswert halten, als dass sie in bemerkenswerter Klarheit gegen die Vereinnahmung des „akademischen Diskurses“ durch Postmoderne und andere Kulturrelativisten einsteht und als zitierfähiges Material für all jene gelten kann, die dem Abdanken der Aufklärung im universitären Milieu nicht ganz tatenlos zusehen möchten.

Der Zentralrat der Ex-Muslime, der Osnabrücker Hintergrund-Verlag, das Internationale Komitee gegen Steinigung und Todesstrafe und der gemeinnützige Verein für Sprach- und Lernförderung I.so.L.De protestieren gegen den Aufbau von theologisch orientierten „Islamischen Studien“ an deutschen Hochschulen. Bekenntnisorientierte, auf der Scharia basierende Ausbildungszentren an zwei oder drei staatlichen Hochschulstandorten zu etablieren, halten die Unterzeichner für verfassungswidrig. Jeder Schulunterricht hat in der Tradition der Aufklärung zu erfolgen und wissenschaftlichen Standards zu genügen. Ein Islam, der nicht schulreif ist, schadet der Integration und gefährdet die freiheitliche Demokratie.
Ein glaubwürdiges Bekenntnis zur FdGO, besonders unter Berücksichtigung der Gleichberechtigung der Geschlechter, der negativen Religionsfreiheit, der Meinungsfreiheit auch in religiösen Angelegenheiten und der sexuellen Selbstbestimmung wären Grundvoraussetzungen, auf denen auch ein freiwilliger Islamischer Religionsunterricht (IRU) fußen müsste. Wie wenig die islamische Theologie bereit ist Wissenschaftsvorbehalt, historisch kritische Methode und Außenansicht zu respektieren und zuzulassen, zeigt der Umgang mit dem religionswissenschaftlichen Ansatz von Sven Kalisch. Der Münsteraner Jurist und Privatdozent war Inhaber des ersten Lehrstuhls für die Ausbildung islamischer Religionslehrer.
Das „religionsbezogene“ (Wissenschaftsrat) islamische Recht, das Körperstrafen wie Handabhacken, Fußabhacken und Peitschenhiebe für gottgewollte und gerechte Strafen hält und im Namen Allahs Todesstrafen verhängt und ausführt, sogar steinigt, ist, wie der Großmufti von Bosnien Herzegowina selbst zugibt, integraler Bestandteil der ewigen, unveränderlichen Scharia. Die vier oben genannten Organisationen protestieren gegen offizielle Gespräche mit hochrangigen Vertretern von menschenverachtenden theokratischen Diktaturen wie dem Iran.
Parteigänger der Scharia wie Bosniens Großmufti Mustafa Ceric, Irans Ex-Präsident Mohammad Chatami oder Ägyptens Religionsmrinister und Präsident des Obersten Islamischen Rates, Mahmoud Zakzouk, als Diskussionspartner bei Tagungen willkommen zu heißen, um mit ihnen über die vom Wissenschaftsrat (WR) empfohlenen Leitlinien zur Weiterentwicklung von Theologien und eligionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen zu diskutieren, ist nicht hinzunehmen.

Mina Ahadi, Zentralrat der Ex-Muslime, Internationales Komitee gegen Steinigung und Todesstrafe
Hartmut Krauss, Sozialwissenschaftler, Hintergrund Verlag
Gabi Schmidt, Sozialpädagogin, und Edward von Roy, Diplom-Sozialpädagoge, I.so.L.De Verein für Sprach- und Lernförderung