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Kalkulierte Kränkung – Zur Verleihung des Adornopreises an Judith Butler

Dass die Adorno-Preisverleihung an Judith Butler skandalös sei, wie von einigen Beobachtern behauptet wurde, ist einer ehrbaren Intention geschuldet, aber noch zu kurz gedacht: Zu verstehen wäre sie nur als verspätete Rache an einem, dem nun endlich und ein für allemal die Replik versagt bleibt. Schon die Begründung der Entscheidung legt das nahe:

“Als Vordenkerin eines neuen Verständnisses von Kategorien wie Geschlecht und Subjekt, aber auch der Moral, ist sie immer dem Paradigma der kritischen Autonomie verpflichtet. Spurenelemente von Butlers Theoriegebäude finden sich in den Werken der zeitgenössischen Literatur, dem Film, dem Theater und der Bildenden Kunst.”

Unweigerlich ähneln sich selbst die ernsthaftetesten Ehrungen des Kulturbetriebes der Werbung, das Spurenelement der kritischen Autonomie gerät zum Vitaminpräparat, mit dem die abgehalfterte Branche in Schwung gehalten werden soll. Das neue Verständnis, das nicht einmal mehr der Explikation bedarf, darf darin die Rolle der zu verhökernden Novelty spielen.

Die Verleihung des Adorno-Preises unter Angabe solcher Gründe leistet gleich zweierlei: Einerseits die Historisierung der Person Adorno als Genie der Stadt Frankfurt, andererseits die dezente Anmeldung von Einspruch gegen die Kritische Theorie: in Adornos eigenem Namen wird so der kritische Gehalt von Schriften wie “Kultur und Verwaltung” oder “Neues als Immergleiches” mit seinem Segen wieder einkassiert.

Fernab davon “Neue Verständnisse” von diesem oder jenem zu liefern, war in ihnen noch gegen ebenjene der Einwand nachzulesen: “Auch Lockerungen der Kulturkontrolle dürften ökonomisch zu begreifen sein. Man wirft den mit trostlosen Zuständen am Rande des Hungers unzufrieden und ihre Kritik artikulierenden Intellektuellen Brocken geistiger Freiheit als Ersatz zu; die geringste Lockerung profitiert von der grauen Folie, als verhieße sie Humanität.”

Adorno, den Intellektuellen, hassen die Intellektuellen dafür, dass er ihnen ihre Spielwiese madig macht und ihren neuesten Schrei als Ladenhüter denunziert. Und da er nicht auszutreiben ist, gemeindet man ihn ein. Als Kulturprodukt unter zahllosen, als Preis neben anderen im Regal und gegebenenfalls als Gedenkmünze neben Adenauer ist er weitaus wirksamer erledigt, als wenn man seine Schriften schlicht mit Verbot belegte. Den Nerv solchen Denkens spricht ungewollt Micha Brumlik aus, wenn er sich müht die Preisverleihung an Butler zu rechtfertigen:

“Wie keine anderer hat der Philosoph Theodor W. Adorno im restaurativen Deutschland die Lage des Denkens nach Auschwitz reflektiert, nur wenige taten es ihm gleich, wenn es galt, sich als öffentlicher Intellektueller mit dem Antisemitismus auseinanderzusetzen(…)
Wie keine andere auch hat die Philosophin Judith Butler in der atlantischen Welt die Lage des Denkens im Zeitalter des Neoliberalismus reflektiert; nur wenige tun es ihr gleich, wenn es gilt, sich als öffentliche Intellektuelle mit Sexismus, Homophobie und Rassismus auseinanderzusetzen.”

Die Art der Darstellung gibt zu verstehen, dass hier alles beim Alten bleibt und man es mit dem je spezifischen Inhalt des Denkens doch nicht gar zu eng sehen sollte. Es ist daher auch gar nicht so entscheidend, ob man zur negativen Dialektik greift oder zum Unbehagen der Geschlechter, ob Auschwitz oder Neoliberalismus die Reflexion bestimmen, die nahtlose Ersetzbarkeit einer Ware durch die Nächste wird zum höheren Ruhm, wenn die Ware Adorno heißt.

Nach Adorno, der sich noch in einem Brief an Celan zu Theodor Haeckers Wort „Alles offizielle sei Schmack“ bekannte, einen Preis zu benennen, ist unweigerlich dazu bestimmt, seinem Denken und Handeln zuwider zu sein. Weniger böser Wille als vielmehr unvermeidliches Schicksal des “Klassikers” widerfährt den Suhrkamp-Bänden diejenige Verdinglichung und Fetischisierung, gegen die ihr Inhalt heute noch anrennt.
Ist dies das Problem und Schicksal jeglicher Würdigung als “Kulturgut” und die Kränkung angesichts der Bekanntheit des Haeckerzitates je schon einkalkuliert, gewinnt der Preis durch die Verleihung an Butler jedoch eminent politischen Gehalt.

Butlers Verteidiger Brumlik macht für sie geltend, sie habe, wie Adorno schon vor ihr, Bewegungen inspiriert. Was er dabei verschweigt ist der Bruch, der zwischen Adorno und der Bewegung, die sich als ihm zugehörig empfand bestand und den Adorno in klarsten Worten problematisierte.
Dass heute den Wenigen, die gegen die Preisverleihung an eine Frau, die sich für den Boykott der Israelischen Universitäten und des israelischen Staates schlechthin einsetzt entgegengehalten wird, es handle sich um eine randständige Verwirrung und keineswegs um Antisemitismus, nicht zuletzt, da Butler auch selbst Jüdin sei, hat etwas von tragischer Komik, wenn man es durch die Folie des damaligen Bruches betrachtet.

Damals schrieb Adorno an seinen Freund, Kollegen und Rivalen Marcuse:
“Die Gefahr des Umschlags der Studentenbewegung in Faschismus nehme ich viel schwerer als du. Nachdem man in Frankfurt den israelischen Botschafter niedergebrüllt hat, hilft die Versicherung, das sei nicht aus Antisemitismus geschehn und das Aufgebot irgendeines israelischen APO-Mannes nicht das mindeste. Du müßtest nur einmal in die manisch erstarrten Augen derer sehen, die, womöglich unter Berufung auf uns selbst, ihre Wut gegen uns kehren.”

Dagegen gilt heute Butlers Antisemitismus als Marginalie, ihr Aufruf zum Boykott gegen den Judenstaat als nachsehbares Missgeschick bei Philosophieren, das allemal nicht schlimmerwiege als eine Auffassung zum Jazz, wodurch jeder Einspruch oder Empörung gegen die Entscheidung des Kuratoriums als unnötige Hysterie gekennzeichnet wird. In seinem Heft O notierte Adorno zu diesem Verhalten:

“Heute wird beschimpft, wer daran erinnert. Wenn in einer Landsmannschaft seiner sagt, das Fernsehen sei verjudet, so wird darüber hinweggegangen, wenn der Vorsitzende, wie man so sagt, sich distanziert, ohne daß dem Hintergrund der wahnwitzigen Äußerung nachgegangen wird. Wenn aber jemand von der Gefahr einer Rückkehr des Hitlerschen Geistes redet, die in so etwas sich anzeigt, ist der Teufel los. – Das ist untragbar und dagegen sich zu wehren wäre Sinn einer Woche der Brüderlichkeit. Wem die Wahrheit schadet.”

Konnte Adorno sich zu Lebzeiten noch davor retten, von denjenigen, die ihren Antisemitismus als Israelkritik vortrugen, gänzlich mit Beschlag belegt zu werden, ist die Verleihung des Adorno-Preises an Butler der verspätete Triumph jener Studenbewegung, der der Umschlag in den Faschismus vor allem deshalb nicht glückte, weil er gesellschaftlich in Deutschland gar nicht mehr notwendig war. Dass der Neuauflage des Judenboykottes nun im Namen dessen geehrt wird, der zeitlebens gegen den Antisemitismus anschrieb, ist Grabschändung dort, wo der theoretische Korpus schwerer wiegt als der Leib.

Insofern ist es nur folgerichtig, dass diejenigen Argumentationen, die sich für ein Festhalten an der Preisverleihung aussprachen, in letzter Instanz alle mündeten in eine blasse Entschuldigung verzeihlicher Fehltritte, ganz so, als stünden Butlers Theorie und ihre Praxis vollkommen dissoziiert nebeneinander. Lieber diskreditieren sie diejenige, die sie vorgeblich ehren wollen als töricht und inkohärent, als sich an die mühevolle Arbeit einer kritischen Auseinandersetzung mit ihrer Arbeit zu machen. Das wäre die zu leistende und ausstehende Arbeit: eine umfängliche und fundierte Kritik der Arbeiten Butlers zu erstellen, die den inneren Zusamenhang zwischen ihrem politischen Engagement dar- und bloßstellen. Dies, nicht die Opposition gegen die Preisverleihung, wäre die Aufgabe all jener, die unter ihrem Bekenntnis zur Kritischen Theorie mehr verstehen als Frankfurter Personenkult.

Warum können die Marxisten nicht lesen? – Veranstaltung mit Joachim Bruhn.

Die Marxisten aller Fraktionen haben es sich darauf versteift, „Das Kapital“ von Marx als alternatives Handbuch der Volkswirtschaftslehre lesen zu wollen und sodann zu ihrem höchst eigenem Nutzen zu bewerben. Am allerliebsten diskutieren sie die Frage, die ihnen die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ pünktlich zu Beginn der neuesten Krise vorgelegt hat: „Hat Marx doch recht?“ Wenn sie derart nachgefragt werden, dann läuft nicht nur Sarah Wagenknecht zu großer Form auf, dann sind sie alle in ihrem Element: dem Rechthaben über die gesellschaftliche Organisation des größtmöglichen Unglücks der größtmöglichen Zahl, und d.h.: dem Wahrsagen einer Vergesellschaftung, die doch an sich die Widervernunft schlechthin darstellt.
Seit Karl Kautsky und Elmar Altvater, seit W. I. Lenin und Michael Heinrich (der sogar das Unmögliche wirklich hat werden lassen, indem er eine „Wissenschaft vom Wert“ verfaßte), gefallen sich die Marxisten als gemeinnützige Interessenvertreter, gar: als Avantgarde einer ominösen „Arbeiterklasse“, wofür sie gerne, als kleine Aufwandsentschädigung, einen gewissen politischen, v.a. aber akademischen Mehrwert einstreichen und sich auf Veranstaltungen von „Marx21“ oder Kongressen wie „Rethinking Marx“ spreizen. Sie peublieren die ideologischen Staatsapparate, gerne auch auf Almosen der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Und sie tun dies, indem sie – was von Friedrich Engels vielleicht noch als müdes Witzchen gemeint war, als er den Proletarier_Innen „Das Kapital“ als die „Bibel der Arbeiterklasse“ verkaufen wollte – als erstes den Untertitel des Marxschen Buches totschlagen, der ja, wie unsachlich, die „Kritik der politischen Ökonomie“ ankündigt. So beugen sie sich über „Das Kapital“ wie die Scholastiker über die Bibel, bewerfen sich mit Zitaten und haben überhaupt ihr grausiges Spaßvergnügen daran, die von Marx intendierte sozialrevolutionäre Kritik zur akademischen Theorie und zur Wissenschaft vom Wert zu verharmlosen, d.h., wie Adorno diesen Unfug nannte, zum Truppenübungsplatz „scharfsinniger Rindviecher“, die darum wetteifern, wie „der Wert“ am pfiffigsten aus „der Arbeit“ abgeleitet werden kann.
Daher greift, lange bevor die Interpretationen in aller, wie immer ganz unschuldiger Originalitätssucht sich überbieten, unter den Marxisten der Analphabetismus um sich: kaum einer, der nicht behauptet, Marx beginne seine „Analyse“ mit der „Elementarform“ der Ware. „Überlesen“ wird so, daß der Materialismus das der „Analyse“ Vorausgesetzte, dessen gesellschaftliche Konstitution, kritisiert, und erst dann der totalitären Entfaltung der Widervernunft hinterherdenkt; „überlesen“ wird außerdem, daß Marx „Das Kapital“ keineswegs mit der Ware anfängt, daß der erste Satz des Buches vielmehr lautet: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung’, die einzelne Ware als seine Elementarform.“ Indem Marx mit dem Reichtum beginnt, der als das gerade Gegenteil seiner selbst gesellschaftlich zu „erscheinen“ genötigt ist, wird zugleich gezeigt, daß das Ende und die Aufhebung des Kapitals, d.h. seine Wahrheit, kein Gegenstand von Theorie sein, daß es keine Wahrheit über das Kapital geben kann. Es sei denn, die Marxisten verschreiben sich ihrem liebsten Sport, den Karl Kraus einmal so definierte: „Deutsch fühlen, aber nicht können.“

Vortrag und Diskussion mit Joachim Bruhn
(ça ira Verlag – Freiburg)
Schankwirtschaft Laidak / Boddinstr. 42, Berlin
Mittwoch, 28.3.2012 / 20h

Die schweigende Mehrheit – Zur Kritik der Occupy Bewegung

Auf einer der Webseiten eines deutschen Ablegers der Occupy-Bewegung stieß man eine gewisse Zeit lang auf die Druckvorlage eines kleinen, grünen Flyers. Einige der Demonstranten, die schemenhaft darauf abgebildet sind, halten Plakate mit generischen Symbolen vergangener oder gegenwärtiger Bewegungen in die Luft: Neben dem obligatorischen Logo der 99% sind unter anderem ein Recyclingpiktogramm, ein Fahrrad und einige Friedenszeichen zu erkennen. Ein anonymer Kommentator äußert darunter die Klage, der Flyer sei nicht inklusiv genug und erlaube es, die einzelnen Forderungen zu klar zu differenzieren. Blieb diese Beschwerde auch unerwidert und verschwand nach einiger Zeit gar von der Webseite, so befindet sie sich doch in bemerkenswertem Einklang mit der Beobachtung, die Manfred Dahlmann schon am 10. November in der Jungle World präsentierte: die Occupy-Bewegung bleibt in sämtlichen Äußerungen vage und konstituiert sich gar als eine „Gemeinschaft der Nichtssager“[i].

So richtig diese Diagnose gegenüber Occupy ist, so wenig ernst nimmt Dahlmann sie selbst, wenn er der Bewegung unterschiebt, sie ziele ohne Umschweife darauf ab, die Macht des globalen Finanzkapitals zu brechen. In der Folge arbeitet er sich an einem Popanz ab, der zwar für den überwiegenden Teil des deutschen Ablegers der Bewegung allemal repräsentativ ist[ii], aber der US-amerikanischen Variante schlechterdings nicht gerecht wird. Denn während sich hierzulande primär der „Lunatic fringe“ samt den unbelehrbarsten Bewegungseuphorikern für Aktivismus im Rahmen der Occupy-Proteste erwärmt [iii], ist die transatlantische Mutterbewegung in einem weiteren Sinne pluralistisch. So richtig es ist, dass auch jenseits des großen Teichs die Banken- und Finanzkapitalkritik einen zentralen Teil der Bewegung ausmacht, so falsch ist es, ihn darauf beschränken zu wollen. Nicht zuletzt Doug Henwoods Artikel „On the Federal Reserve“, der unter anderem in der „Occupy! – An OWS inspired Gazette“ erschien, die bundesweit in den Protestcamps verteilt wurde, beschäftigte sich zentral mit antisemitischen Topoi innerhalb der Occupy-Bewegung und versuchte zumindest die gröbsten Auswüchse der Finanzkritik im Zaum zu halten. [iv] Will heißen: So vokal die Finanzkritik innerhalb der Occupy-Szene ist, so bemüht ist ein anderer Teil der Bewegung, jegliche Äußerung zu dementieren, die auch nur im Entferntesten als eine inhaltliche Forderung verstanden werden könnte.

Wichtiger als jede partielle Forderung für die Occupy-Bewegung ist die Bewegung selbst, die vom American Jewish Committee (noch) als ‚hospitable environment for jews‘ beschrieben wird und deren Ausdehnung von Organisationen wie „Young, Jewish and Proud“, hinweg über Unterstützer der republikanischen und demokratischen Partei, vorbei an der Socialist Party USA und Louis Farrakhan (Nation of Islam) bis hin zu David Duke und der American Nazi Party reicht.

Schon vom Zeitpunkt ihrer Gründung an befand sich die Bewegung stets auf einem schmalen Grat, was die Rolle der Juden und des Antisemitismus anbelangte. Nicht allein, weil das Label „Occupy Wall Street“ erstmals in einem Tweet der kanadischen Zeitschrift „Adbusters“ erschien , die schon mehrfach mit antijüdischen Kampagnen [v] von sich reden machte, sondern auch wegen der von Dahlmann durchaus richtig diagnostizierten Nähe zum Antisemitismus eines jeglichen Protestes der
sich die Wallstreet zum primären Agitationspunkt auserwählt, waren von Anfang an auch antisemitische Stimmen eine hörbare Größe innerhalb der Proteste.

Es darf nichtsdestotrotz als eine immer noch vorhandene Stärke der amerikanischen Zivilgesellschaft gewertet werden, dass diese Stimmen selten einmal unkommentiert blieben. Das häufig zitierte Schild „Google: Zionisten kontrollieren Wall Street“ beispielsweise wurde mit einiger Stetigkeit begleitet von anderen Transparenten mit Aufschriften wie „Wer bezahlt den Kerl?
Er spricht weder für mich noch für OWS.“ [vi]

Den Antisemitismusvorwürfen wurde zumeist entgegengehalten, es verhalte sich ganz im Gegenteil so, dass das Judentum eine nicht unwesentliche Rolle für Occupy Wallstreet spiele: dass die Besetzung des Zuccoti Park – der von den Besetzern zumeist als Liberty Park bezeichnet wurde und als Keimzelle der internationalen Proteste gilt – funktionierte, ist nicht zuletzt dem jüdischen Aktivisten Daniel Sieradski zu verdanken, der die Errichtung der Zelte im Park als Teil des jüdischen Laubhüttenfestes „Sukkot“ deklarierte und damit die Protestierenden gegen einen ersten Räumungsversuch immunisierte [vii] . Auch der – größtenteils fruchtlose – Versuch die Forderungen der 99%er auszuwerten weist nur schwerlich antisemitische oder revolutionäre Züge aus: das Gros der Wünsche und Hoffnungen bezieht sich auf unmittelbare Probleme und wird von Kommentatoren als „altehrwürdig und prämodern“ beschrieben.[ viii]

Die zentrale Frage, die für einen theoretischen Begriff der 99%er unabdingbar ist, ist vielmehr die folgende: Ist das Schweigen tatsächlich so allumfassend, wie es dem eigenen Anspruch und Dahlmanns erstem Eindruck nach zu sein hat, was macht dann überhaupt die Zugkraft der Bewegung aus? Was ist das synthetisierende Moment, das die Bewegung am Laufen hält – schließlich fühlt sich nicht einmal das überbleibende letzte Prozent davon ausgenommen. [ix]

The Discursive Production of Emptiness“

Der Aufruhr, der sich schon in seinen Geburtsstunden die Aufstände in der arabischen Welt zum Vorbild wählte, war von Anbeginn dazu verurteilt, in geschäftiger Starre zu verharren. Was dem Fußvolk der Protestierenden dämmert und noch Anlass zur Kritik ist[x] , gereicht den Chefideologen zur höheren Ehre der Sache. Während man auf den niederen Reihen noch zur Vermutung hinreißen lässt, der Mangel an Forderungen entstamme dem Diskussionsbedarf und der kollektiven Verständigung, ist man auf den höheren Rängen schon einen Schritt weiter und hat die Schweigsamkeit zur Pflicht erhoben. In der bereits erwähnten OWS!-Gazette verweist Charles Petersen auf die wohl wesentlichste Chance der Bewegung: „die Aussicht darauf, einen linken Populismus aus der Taufe zu heben.“ Dessen bezeichnendstes Merkmal und größte Stärke bezeichnet er als „die Heterogenität, die schwache kollektive Identität der Occupybewegung, die zunächst so häufig und lautstark beklagt wurde[…]Denn was haben die 99% gemeinsam? Dass wir bislang nichts gemeinsam hatten“.

Der von Petersen ersehnte linke Populismus geht zurück auf eine Idee des argentinischen Philosophen Ernesto Laclau, der in seinem 2005 erschienen Werk „On populist reason“ versucht, den weithin gescholtenen Begriff des Populismus zu rehabilitieren und positiv zu besetzen. Die grundlegende Argumentation Laclaus beruft sich dabei darauf, dass die gemeinhin gegen den Populismus vorgebrachten Vorwürfe seien, er sei zu vage und ungreifbar, sowie letztendlich nichts weiter als viel Lärm um nichts – reine Rhetorik. Laclau entgegnet diesen Vorwürfen, was gemeinhin als Schwäche verstanden würde, konstituiere die wahre Stärke des Populismus: Die Vagheit reflektiere nichts weiter als die Vagheit der Sache selbst – der Sphären des Politischen und Gesellschaftlichen – und der Vorwurf der reinen Rhetorik liefe insofern ins Leere, als der Einsatz der rhetorischen Mittel tatsächlich auch die Botschaft affiziere und eine neue Botschaft bilde, die mit einer anderen Sprache nicht zu erschließen sei. [xi] Ausgehend von der Forderung (‚demand‘) als kleinster Einheit des Sozialen etabliert Laclau eine Unterscheidung zwischen „demokratischen“ (differentiellen) und „populären“ (äquivalenten) Forderungen. Erstere zeichnen sich in Laclaus Konzeption dadurch aus, dass sie sich an einem gewissen Punkt in die institutionell-differentielle Totalität einschreiben, also erfüllt werden und dadurch die gesellschaftliche Ordnung verändern. Letztere, im Gegensatz dazu, bleiben unerfüllt und etablieren gegenüber dieser Ordnung, die ihre gemeinsame Erfüllung verhindert eine gemeinsame Front. Zu diesem Zweck negieren sie jene Teile ihrer Identität, die sie trennen können und schaffen dadurch eine Kette von Äquivalenten. Dies beschreibt Laclau als die „Logik der Äquivalenz“[xii]

Die populistisch-äquivalente Logik entsteht an einem Punkt, an dem die Forderungen einer hinreichend großen Gruppe von Signifikanten nicht integriert werden können oder sollen. Das „Plebs“ – die nicht-repräsentierten – beginnt sich als das „Populus“ zu betrachten. Geschieht dies in einem ausreichenden Ausmaß, disintegriert sich der bestehende Rahmen. Die nicht-repräsentierten und dadurch gegeneinander äquivalenten Signifikanten konstruieren sich eine eigene politische Identität im politischen Kampf. Im Klartext: Während eine kleine Gruppe, die die Entscheidung des Stadtrates angreift, ihren Gegner klar bestimmen kann, wird mit zunehmender Größe der Gruppe und Integration der Forderungen der Gegner verschleiert, wodurch auch die eigenen politischen Rollen verschwimmen. Stand die Gruppe anfangs antagonistisch gegen die Stadtratsentscheidung, ist es denkbar, dass beide sich aufgrund mangelnder Umsetzbarkeit ihrer jeweiligen Forderungen miteinander gegen ein nicht beziffertes Drittes verbünden. [xiii]

Je mehr Signifikanten dabei aufeinander verweisen und dadurch die Extension der populären Forderung vergrößern, desto ärmer wird die Intension: die populäre Bewegung konstituiert sich dadurch als ein der Tendenz nach „leerer Signifikant.“, was nach Laclau der Idealfall eines zu erreichenden Populismus ist. Umgekehrt dissoziiert die Bewegung allerdings, wenn sie nicht einen gemeinsamen Kristallisationspunkt findet. Was sich ursprünglich als Summe einzig in ihrer Unerfülltheit äquivalenter Forderungen zeigte, braucht einen gemeinsamen Nenner, der nicht nur die Forderungen als äquivalente darstellt, sondern ihre Verbindung als solche repräsentiert und mit einem Male nicht mehr die Summe, sondern die Basis der Forderungen verkörpert. Es findet also eine fetischistische Verkehrung im Marxschen Sinne statt, wie Laclau auch freimütig einräumt – der Kulminationspunkt dieses Fetischs ist allerdings nicht länger das Geld oder die Münze, sondern das Volk. [xiv]

Vom Wesen des Politischen

Der leere Signifikant, allerdings, besitzt eine „conditio sine qua non“, ohne die er weder zu erzeugen ist, noch sich am Leben erhalten kann. Je weiter die Extension des „leeren Signifikanten“ sich ausdehnt, umso zentraler wird ihm, der keine einzelne, partikulare Forderung mehr enthält, der globale Feind gegen den er sich konstituiert und den er sich im Akt seiner Volkwerdung selbst konstruiert. Es geht dabei nicht darum, das Element der gemeinsamen Synthese durch eine Analyse oder Kritik zu finden: vielmehr, so Laclau, gleicht der Prozess dem der Traumlogik, in dem sich die unterschiedlichen, disparaten Regungen in einem gemeinsamen Bild kondensieren.[xv]
Von diesem Traumbild ausgehend, das von nun an den Nexus der Überlegungen bildet, entscheiden sich die äquivalenten Signifikanten zu ihrem Handeln, das keiner partikularen Logik mehr folgt, sondern nur noch im Begriff des Volkes adäquat zu erfassen ist. Da dieses sich jedoch einzig und alleine dadurch etabliert hat, dass er durch sein Dasein als „Unrepräsentiertes“ und „Unerfülltes“ sich begann zu empören, benötigt es den totalen Feind und das Antivolk: „die hierfür [das Dasein als Unerfülltes] verantwortlichen können kein legitimer Teil der Gemeinschaft sein; der Graben zwischen ihnen ist unüberbrückbar.“
Die von Laclau avisierte Einheit des Volkes ist dabei total und global, was neben der Totalität und Übermacht des Feindes zugleich seine Verschleiertheit bedingt. Waren die einzelnen Kämpfe in ihrer Partikularität zurückzubinden an das Ensemble divergierender Interessen innerhalb der differentiellen Logik, bedingt die Verstrickung der Interessen durch die Totalität der Gesellschaft in Laclaus Konzeption ein zunehmendes Verschwimmen – die Vagheit des Populismus erweist sich dadurch als Stärke, dass sie nicht gezwungen ist, den Feind unmittelbar zu kennzeichnen, da er ohnehin nicht auszumachen ist.
Hierin, nicht in der Wut aufs Finanzkapital – wiewohl jene notwendige Vorbedingung der Bildung einer Volksähnlichen Bewegung ist – liegt das antisemitische Moment der Occupybewegung. Ohne es je laut auszusprechen, rekonstruiert Laclaus Populismuskonzeption das Bild der Weisen von Zion, die ohne sich je selbst zu zeigen, die Geschicke der Welt als uneinholbares Gegenvolk lenken. Die Sicherheit dieser Konzeption, darin ist ihm allerdings beizupflichten, gleicht tatsächlich einer traumwandlerischen Gewissheit.
Slavoj Zizek erkennt in seinem Aufsatz zu „Class Struggle and Postmodernism“ dieses Problem in seiner Kritik an einem der früheren Aufsätze Laclaus durchaus an. Mehr noch: Er beziffert es wörtlich. „Ideological fantasy is not simply the fantasy of the impossible fullness of society: not only is Society impossible, this impossibility itself is distortedly represented – positivized within an ideological field – that is the role of ideological fantasy (say, of the Jewish plot).“ Anstatt allerdings die antisemitische Implikation als Problem zu beziffern, markiert er vielmehr Laclaus angebliche Zögerlichkeit als die eigentliche Crux. Hatte dieser in Zizeks Verständnis aufgrund der Unerreichbarkeit der Fülle noch graduelle Reformen vorgeschlagen, optiert Zizek dafür, trotz der antisemitischen Implikation auf die Totalität zu zielen. Er bemerkt diesbezüglich durchaus richtig, dass ein Abbruch dieses Zielens, nur weil die Postrevolutionäre Gesellschaft notwendig noch immer Ausschlussmechanismen beinhaltete, ein non sequitur wäre.
[xvi]

Occupy

So uneinig sich Zizek und Laclau auch in ihren theoretischen Prämissen sind, so sehr verschmelzen ihre Positionen letztendlich, wenn es an die Praxis geht. Zizeks Appell an die Demonstranten, man solle sich nicht dadurch vereinnahmen lassen, irgendein Ziel preiszugeben, entspricht der Laclauschen Theorie des Volks als leerem Signifikanten. „Wir dürfen schließlich nicht vergessen, dass jede Diskussion hier und jetzt notwendigerweise eine Diskussion auf des Gegners Platz bleibt[.]“ verkündet er und meint damit nichts anderes als Laclau, wenn er die äquivalente Logik versucht gegen die differentielle auszuspielen. Das Schweigen, das Zizek anspricht, wenn er äussert, alles ausser jenem könne vom politischen Feind vereinnahmt werden, entspringt der Notwendigkeit, eine „Einschreibung in die hegemoniale Ordnung“ zu verhindern. Die Verweise auf Klassenkampf und Produktionsverhältnisse, die Zizek folgen lässt, bleiben dieser Forderung nachgestellt und absolut äußerlich. Sie verblassen gegenüber dem Bedürfnis, endlich eine schlagkräftige Einheit zu schaffen, die den ersehnten Umsturz herbeiführt – ein Bedürfnis, das Zizek bewusst oder unbewusst mit anderen Ideologen der Occupier teilt. Nicht von ungefähr kommentiert Marco Roth in der OWS-inspired Gazette, die Formel „Ich bin 99%“ sei ein Sprechakt „nach dem Vorbild des Bekenntnisses zu Jesus Christus als Herr und Erlöser“. Im Gegensatz zur christlichen Variante allerdings, die den Messias zumindest in Endzeit und Transzendenz hält, ist das Gelöbnis der Occupy-Bewegung eines zum Volk. Man gelobt, in den Worten Roths „‚Nation und Flagge‘ der 99% Bewegung die Treue“ – ganz in Laclaus Sinne ein Bekenntnis zum Nichts, zur Kette der endlosen Äquivalenten, denn was über die Bewegung immerhin gesagt werden kann, ist „dass ihre Ziele bislang unklar sind, auch wenn sie mit jedem neuen Bekenner auf der Seite an Stärke gewinnt.“
Obwohl Zizek, Roth und Laclau versuchen, den Zustand des Nichtssagens zu perpetuiieren, ist ihre Theorie allerdings selbstverständlich ebensowenig wie eine andere in der Lage, aus sich selbst heraus eine soziale Praxis zu werden. Gäbe es nicht etwas in der Konstitution der Bewegung selbst, wie in der Psyche derjenigen die sich ihr zurechnen, das den Parolen entgegenkäme, verschwände auch ihr „Populismus ex nihilo“ ungehört auf dem Müllhaufen der Geschichte.
Der Laclau’sche Anstoß zur Populismuskonzeption ist dabei schon in seinen früheren Arbeiten (mit Chantal Mouffe) vorgezeichnet, in denen noch weniger der Populismus (bzw. „the people“) als Angelpunkt des Politischen erscheint, sondern der erstrebenswerte Ansatz als „radikale Demokratie“ bezeichnet wird. Historisch begründet sich diese Präferenz und ihre theoretische Notwendigkeit daraus, dass Laclau und Mouffe versuchten, die neuen sozialen Bewegungen [die ihr Theoriegebäude insbesondere in den cultural studies finden] auf eine Art und Weise zu verknüpfen, die eine ähnliche „radikale Sprengkraft“ in Bezug auf die Totalität des Gesellschaftlichen aufweist, wie der Marxismus das für sich in Bezug auf die Totalität der kapitalistischen Vergesellschaftung behaupten konnte. Vor einigen Jahren erschien ein Sammelband, der diese Theorie in den deutschen Raum einführen wollte, der einen kritischen Beitrag von Alex Demirovics von der TU Berlin enthielt, der bis heute gültig ist: einer der zentralen Einwände Demirovics ist es, dass es die Laclausche Konzeption schon theoretisch überhaupt nicht gestattet dazwischen zu unterscheiden, welche Äquivalentenketten nun erstrebenswert sind und welche nicht – anders formuliert, sie kann unmöglich die theoretische Differenz begründen oder verfestigen, die zwischen einer Position der Kritik beispielsweise eines „Jewish Plots“ und einer Position, die die kapitalistische Totalität vom Standpunkt einer befreiten Gesellschaft aus denkt besteht.
Dass das Ausbleiben dieser möglichen Differenzierung nicht nur rein theoretisch Folgen haben kann, sondern sie ganz praktisch zeitigt, lässt sich an den zahlreichen Ausbrüchen der Occupier um den Globus illustrieren. In den Naturwissenschaften gibt es einen Ausdruck für Hypothesen, die sich nicht falsifizieren lassen – Bewegungen wie Occupy legen nahe, ihn in die Gesellschaftstheorie zu übertragen: noch nicht einmal falsch.

I) Vgl. http://jungle-
world.com/artikel/2011/45/44303.html

II) Der strukturelle und partiell auch offene Antisemitismus ist hier tatsächlich nicht zu übersehen und bedarf wohl kaum weiterer Erörterungen.
III) Einige der notorischsten Ausfälle finden sich hier:
http://reflexion.blogsport.de/2011/12/13/der-aufritt/
IV) Der Fairness halber sei bemerkt, dass Henwood sich dennoch nicht verkneifen kann, den
‚volatilen Finanzmärkten‘ die ‚unser Wirtschaftsleben zu großen Teilen [bestimmen]“ zu unterstellen,
dass ihre ‚grundlegende Funktion darin besteht, den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand mit
brutalstmöglicher Gier in die oberen Etagen zu schaufeln‘ . Auch damit äußert er sich allerdings nur
in einer Art und Weise, die bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit von anderer Seite wieder
dementiert werden wird.
V) Insbesondere ist hier die Kampagne „Why won‘t they say that they are jewish?“ zu
nennen, in der jüdische Befürworter des Irakkrieges gesondert aufgelistet wurden.
VI) vgl. S.22, Occupy! – Die ersten Wochen in New York, Suhrkamp, Berlin, 2011 – Auch hier ist es allerdings bezeichnend, dass die antisemitische Meinungsäußerung paranoisch ausgedeutet wird als bezahlte Stimmungsmache.
VII) vgl. bspw. http://www.commentarymagazine.com/article/occupy-wall-street-and-the-jews/
VIII) Eine Auswertung der Bilder des Tumblr-Logs findet sich auf http://rortybomb.wordpress.com/2011/10/09/parsing-the-data-and-ideology-of-the-we-are-99-tumblr/ und weist als hauptsächliche Sorgen Arbeit, Gesundheitsvorsorge und Schulden aus.
IX) Der Milliardär Mark Cuban, Eigentümer der Dallas Mavericks beispielsweise plädiert dafür, die
Bewegung auf 99,99% der Bevölkerung auszuweiten.
X) „Im Laufe des Abends wurde weitere, diesmal allerdings vernünftiger vorgetragene Kritik an der Times-Square-Demonstration laut: die Aktion sei desorganisiert und zerrissen gewesen, wir hätten keinen erkennbaren Plan und keine Strategie gehabt, im Grunde hätten wir gar nichts getan.“ vgl.S.27, Occupy! – Die ersten Wochen in New York, Suhrkamp, Berlin, 2011
XI) vgl. dazu bspw. Laclau, on populist Reason S. 67
XII) Wider die „Logik der Differenz“, die demokratischen Prozessen zugrundeliegt und die
Individuen und Forderungen partikular erhält. vgl. hierzu Laclau, ebd., S77f.
XIII) vgl. ebd. S.86
XIV) vgl. Laclau, S. 93
XV) vgl. ebd. S.97
XVI) Tatsächlich ist er mit Laclau in diesem Punkt einig, der ihn in seiner Anti-Kritik abermals an
Radikalität zu übertreffen sucht. vgl. Laclau, S. 232

Dokumentation des Flugblattes zur Iranpräsenz auf der ITB

Vom siebten bis zum elften März 2012 findet in Berlin die Internationale Tourismusbörse statt. Unter den zahlreichen Ausstellern aus aller Herren Länder haben sich auch Vertreter der islamischen Republik Iran in der Messe eingefunden, um Touristen für den Besuch ihres Landes zu gewinnen. Von dieser wunderbaren Idee berauscht haben auch wir uns nicht nehmen lassen, für die touristische Reise in den Iran durch das Verteilen unserer Broschüren zu werben. Diese sind im Folgenden dokumentiert.


Download des Iran-Flugblattes. [weitere Dokumentation folgt.]

Sex ist nur ein Konstrukt. Der Mitschnitt.

Hier nun der Mitschnitt des Vortrags „Sex ist nur ein Konstrukt“ von Martin Dornis (s.u.). Viel Spass!
Link zum Mitschnitt